„Du bist zu viel“ oder: Keine Dramen mehr

By  |  10 Comments

Ein Text von Mimi Erhardt.

Seit einigen Tagen höre ich „Melodrama“, das neue Album von Lorde, rauf und runter. Sorry not sorry. Weil ich für immer Mitglied im Sad Girls Club sein werde. Weil Lordes Stimme so klingt, als würden ein Pfandflaschen sammelnder Rentner, ein gelangweilter Neureicher und ein 14-jähriges Fangirl zusammen vor Lidl abhängen und sich über die bekackte Welt auslassen. Weil Lorde immer wieder über die Themen singt, die mich beschäftigen. In ihrem Song „Liability“ heißt es zum Beispiel:

„Baby really hurt me, crying in the taxi
He don’t wanna know me
Says he made the big mistake of dancing in my storm
Says it was poison“

Und:

„They say, ,You’re a little much for me, you’re a liability
You’re a little much for me’
So they pull back, make other plans
I understand, I’m a liability
Get you wild, make you leave
I’m a little much for e-a-na-na-na, everyone“

„Sie sagen: ,Du bist ein bisschen viel für mich, du bist eine Last.’ Also ziehen sie den Schwanz ein, machen andere Pläne. Ich verstehe das, ich bin ja eine Last. Mache dich erst wild und vertreibe dich dann. Ich bin zu viel für jeden.“

As snug as a bug. Sleep well, kids🌙💤

A post shared by Mimi Erhardt (@mimi_erhardt) on

Ich habe darüber nachgedacht, meinen weiteren Text mit diesem Satz zu beginnen: „Ich werde jetzt nicht in Selbstmitleid ausbrechen, keine Angst.“ Dann dachte ich, dass ja genau das mein Problem ist: Die Angst, andere mit dem, was ich sage und fühle, zu vertreiben. Zu viel zu sein. Weil mir eben das immer wieder vorgeworfen wurde, über viele Jahre. Also versuchte ich, mich zurück zu nehmen, mich zu kontrollieren, keine Ansprüche zu stellen. Während sich andere Mädchen bereits nach dem zweiten Date häuslich in der WG ihres neuen Freundes niederließen, später dann lautstark Heirat und Kinder forderten, versuchte ich, mich möglichst unsichtbar zu machen. Ich war die Kumpelfreundin, die, die sich locker mit Job, Musik, Familie, Freunden und nächtlichen Graffiti-Touren vereinbaren ließ. Die ihr eigenes Ding machte, ein eigenständiges Girl, das niemanden brauchte, keinem auf den Sack ging. Eigentlich bin ich das alles bis heute, und ich mag es.

Warum also zu viel?

Weil ich an manchen Tagen so voll mit Gedanken und Gefühlen bin, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Weil es mir bis heute nicht immer gelingt, das, was in mir abgeht, zu kontrollieren.

Während ich die größte Schauspielerin bin, wenn es darum geht, Traurigkeit und Sorgen vor anderen zu verbergen, hatte ich lange Zeit Probleme, meinen Jähzorn im Zaum zu halten. Anger Issues. Wenn ich wütend bin, kann ich auch heute, mit 38, nicht lächeln, nicht taktieren. Dann kann ich aggressiv sein, schimpfe und heule an schlechten Tagen vor Ärger. Dann werde ich den, der mich wütend macht, vielleicht einen Wichser nennen und ihm sagen, dass er sich verpissen soll. Spätestens zwei Stunden später werde ich genau das bitter bereuen, von hinten angeschlichen kommen und mich entschuldigen, aber nicht alle nehmen meine Entschuldigung an. Verstehe ich.

Vielleicht werde ich wie blöde in die Luft oder auf mein Handy starren und versuchen, mich zusammen zu reißen. Dabei werde ich nicht drollig grinsen, um den Schein zu wahren, weil es mich die größte Mühe und so viel mehr Kraft kostet, als du es dir vorstellen kannst, nicht unter lautem Gehate davon zu stürmen. Aber es gelingt mir immer öfter.

Auch Eifersucht war viele Jahre lang ein großes Problem. Die kam nicht aus dem Nichts, sondern hat ihren Ursprung in meiner Beziehungsgeschichte, in vielen Jahren, die nicht so verliefen, wie sie sollten. Also sagte ich es meinen Boyfriends und Girlfriends, wenn ich eifersüchtig war. Eigentlich gut, offene Kommunikation ist doch vorbildlich. Oder? Aber da ich so bin, wie ich bin, verlor ich mich immer wieder in der Angst, den anderen an seine Ex oder eine neue Flamme zu verlieren. Irgendwas in mir hielt den Menschen, den ich liebte, für meinen Feind, also bekämpfte ich ihn.

We slept in today🐯👨🏻😴❤️Look at dem tiny cat feets😻

A post shared by Mimi Erhardt (@mimi_erhardt) on

Ja. Ich war damals zu viel. Ich war zu viel Angst und Wut, zu viel Feuer, zu viele Kämpfe.

Heute weiß ich das. Ich weiß, dass die Menschen in meinem Leben sich oft ohnmächtig fühlten, nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten. Mit mir und meinen Dämonen, die so viele Dramen anzettelten, mit meinem Zu-viel-Sein.

Die Dämonen werde ich wahrscheinlich nie los, sie sitzen an manchen Tagen noch immer in der Kapuze meines Oversize Hoodies und flüstern mir ins Ohr, dass alle außer uns dumme Pisser sind und wir das unbedingt und jetzt sofort jedem auf die Nase binden müssen. Nein, ich weiß nicht immer, wie ich mit den Dämonen umgehen muss und manchmal höre ich ihnen noch zu. Aber ich weiß, dass ich keine Dramen mehr will. Ich will nicht mehr zu viel, kein Gift mehr sein. Ich will mir selbst nicht mehr zu viel sein. Und andere nicht mehr damit verletzen.

Ein kontrollierter Mensch werde ich nie, ich werde mich immer mal wieder vornüber fallen lassen in diese Pfütze aus Unsicherheit und Zorn und dabei hart auf die Schnauze knallen. Denn das gehört zu mir, zu dem Emo Kid, das ich bin und das im gleichen Maße lieben wie hassen kann, das mutig und ein Süßbert und zur selben Zeit ein ängstlicher Blödi ist. Ich arbeite hart an mir. Weiß inzwischen, dass die Menschen, für die ich mir ein Bein abhacken würde, nicht meine Feinde sind, dass sie nicht Schuld an meinen Unsicherheiten haben oder an dem, was mir in der Vergangenheit passiert ist. Also trage ich die Battles mit meinen Dämonen alleine aus.

Ich bin immer noch viel. Aber nicht mehr zu viel.

zu viel
Wenn du das hier liest und dir all das bekannt erscheint: Viel zu sein ist nichts, für das Menschen wie wir uns schämen müssen. Wir dürfen so sein, wir sind sogar ziemlich gut so. Aber so, wie wir uns Verständnis von anderen erhoffen für unser gelegentliches Zu-krass-Sein, sollten wir auch versuchen, die zu verstehen, die sich davon eingeschüchtert fühlen. Erklär es ihnen, erklär, was in dir vorgeht, warum es dir in manchen Momenten schwer fällt, ruhig zu bleiben. Vielleicht interessiert es die anderen, da sie sich ein Leben lang anhören mussten, nicht genug zu sein. Vielleicht interessiert es sie auch, weil sie dich mögen und wissen wollen, warum du so bist wie du bist. Vielleicht finden sie es einfach nur fair.

Sei viel. Sei wenig. Sei immer respektvoll denen gegenüber, denen du etwas bedeutest. Sei du. Und wem das nicht gefällt, dem kannst du immer noch sagen, dass er sich verpissen soll.

10 Comments

  1. pedro71

    10. Juli 2017 at 22:04

    Moin
    Sehr schön geschrieben! Danke dafür! Fühle mich auch sehr oft so. Möchte nicht das alles aus mir raus schreit. Dann sag ich besser gar nichts. Kämpfe und schreie in meinem Kopf, damit mich andere nicht hören, damit ich nicht störe und ihnen zuviel werde.
    Ist das Richtig? Ist es Richtig so zu sein, damit man keinen Stört? Sollten nicht gerade Freund, Menschen die man liebt, damit umgehen können?
    Ich bin an dem Punkt in meinem Leben angekommen wo ich mir all diese Fragen stelle…………..!?
    Ich weiß es nicht???
    LG

    • Mimi

      Mimi

      11. Juli 2017 at 9:17

      Ich kann dir das nicht beantworten. Bei mir ist es aber so, dass es mir selbst nicht gut tut, mich da so reinfallen zu lassen. Gerade wenn es um Wut und Eifersucht geht, empfinde ich es heute als für mich gesünder, wenn ich mich zusammenreiße und meine Gedanken dann ruhig äußere, sobald ich runtergekommen bin.
      Zu der Frage, ob deine Freunde nicht damit umgehen können sollten: Es kommt auf den Grad der Ausraster an. Natürlich ist es ideal, wenn sie das „aushalten“ können und dann bei dir sind. Aber das können eben nicht alle, weil sie vielleicht nie Berührung mit solchen Situationen hatten und unsicher sind.
      Es geht mir persönlich also nicht darum, etwas in mich reinzufressen, weil meine Freunde kein Verständnis haben. sondern darum, dass ich erkannt habe, dass diese Situationen Gift sind: Für mich und andere. Also lerne ich noch immer, besser damit umzugehen. Und mein Weg ist, mich nicht gehen zu lassen, wenn mich sowas überkommt. Aber da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Wünsche dir alles Gute!

  2. Ulli

    10. Juli 2017 at 20:21

    Hallo kleine
    Ich kann da Björn nur zustimmen du bist mit dem zu viel sein nicht alleine auf dieser Welt… Ich glaube es geht vielen so…
    Ich mag dich sehr wie du bist

  3. Sarah

    10. Juli 2017 at 19:09

    Ich bin bei Dir… Sehr schön geschrieben… spricht mir aus der Seele… Liebes, wir sind nicht Zuviel… wir sind genau richtig wie wir sind .

    Küsse aus der Heimat!

  4. JudgeDark

    10. Juli 2017 at 18:43

    Ich habe überlegt, was man zu dem Text schreiben kann, aber außer „danke“ ist mir nicht viel eingefallen, weil er eben alles sagt, was man dazu sagen muss.

    Also: danke Mimi, dass du diesen Text und damit einen Teil von dir mit uns geteilt hast!

  5. Daniel derSystemfehler

    10. Juli 2017 at 16:23

    Ich erkläre mich nicht mehr emphatielosen Idioten. Wir sind nicht zuviel sondern sie zuwenig. Einfach und abgestumpft zu sein, alles immer enspannt haben zu wollen ist in und zeugt von der zunehmenden schlichtwerdung und verdummung unserer Gesellschaft. Du solltest vielleicht mal über das Wort bipolar nachdenken. So aggressiv war ich nicht immer, bin es noch nicht lange. Jahrzehnte an Selbstzweifeln hat das gekostet. Sie waren es wert. XEPER

    • Mimi

      Mimi

      10. Juli 2017 at 20:52

      Ich verstehe, wo du hin willst, aber ich finde deinen Kommentar respektlos denen gegenüber, von denen ich sprach. Wer sagt, dass sie „empathielose Idioten“ sind, nur weil sie anders fühlen als du oder ich? Genau DAS will ich nicht in meinem Leben: Dieses Schlechtmachen anderer, weil wir nicht nachvollziehen können, wie sie fühlen. Ich habe das größte Verständnis für Leute, die sich ohnmächtig fühlen, weil sie mit meinen Stürmen nicht umgehen können. Und ich versuche, einen Weg zu finden, der niemanden verletzt. Dieses „Ohne Rücksicht auf Verluste“-Gerede ist nicht mein Ding.

      Über Bipolarität müssen wir – wenigstens in meinem Fall – auch nicht sprechen. Ich bin kein Fan davon, allem ein Label zu verpassen. Und bin bis auf gelegentliche „Ausraster“, wenn man es so nennen will, ein emotional sehr gefestigter Mensch, psychisch stabil. Aber ich beobachte mich sehr genau – und andere ebenso. Daher sehe ich auch, wenn ich jemanden mit meinem Verhalten verletze. Sich da hinzustellen und zu sagen: „Alles Wichser, alle stumpf“ finde ich daneben.

      Vielleicht solltest du darüber mal nachdenken.

  6. Em

    10. Juli 2017 at 10:13

    Das ist tatsächlich der erste Eintrag dieses Blogs, den ich lese und ich muss sagen, dass er sehr gelungen ist. Es fällt mir schwer zu sagen, was genau, aber deine Worte berühren da irgendwas in mir drin. Mir kommen die Tränen und irgendwie fühle ich mich verstanden. Ich danke dir! Ganz viel Liebe & ein großes Kompliment an dich; für dein Talent und außerdem dafür, dass du so wunderschön bist.

  7. Björn Nesper

    9. Juli 2017 at 21:37

    Hallo Mimi…sei gegrüßt.
    Deine Worte spiegeln 1 zu 1 mein Leben wieder. Grad jetzt da sich meine Frau von mir getrennt hat,denke ich,vielleicht war es grad das,da ich so bin und es mir genauso geht wie dir, was sie von mir weggetrieben hat. Ich dachte bis ebend dass es nur mir so geht,oder ich so bin. Aber deine Worte zeigen mir,dass ich nicht allein damit bin. Ich bin grad echt am nachdenken über das was du hier geschrieben hast,wie ich bin und ob es alles davon so gekommen ist mit meiner Frau. Ich versuche mich grad zu ändern…aber es geht nicht so leicht,obwohl ich schon merke dass ich zwar der selbe,aber doch ein klein wenig anders geworden bin. Ich hoffe wir schaffen das und finden wieder zu einander.
    Danke Mimi dass ich nicht allein damit bin und du es hier frei schreibst wie wir sind und es uns geht.

    Danke…Björn!

  8. Chaos.Cat

    9. Juli 2017 at 20:55

    Wirklich gut geschrieben und Ich kann mich in vielem wieder erkennen. Danke. Bleib wie du bist, ob zu viel oder zu wenig 😊👍. LG

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *