Do they know it‘s Christmas oder: Scheiß Pärchenwahn

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Ein Text von Penny Calvet.

Heute Morgen habe ich Ariel und Dominique dabei erwischt, wie sie sich verliebte Blicke zuwarfen. Und auch Dylan und Ingo zelebrierten ihre Liebe ganz ungeniert zwischen zerwühlten Laken vor meinen Augen. Nein, ich hatte keine freie Sicht ins Nachbarhaus oder frühmorgendliche Pornogelüste. Die Rede ist von den Pärchen, die auf riesigen Plakaten am Bahnhof Werbung für einen Adventskalender mit Erwachsenenspielzeug machen. Zu Dylan, Ingo, Ariel und Dominique gesellte sich just, ebenfalls in Überlebensgröße, das verliebte Business-Pärchen, das unschlagbar günstig durch Europa jettet, sowie die beiden Kuschelmiezen, die es sich mit ihrem neuen Premium-Netflix-Account auf dem heimischen Sofa eng umschlungen gemütlich machen. Oh, du fröhlicher Pärchenwahn.

Jeden Morgen möchte ich bei diesem Anblick beherzt zupacken und das Glück der happy couples mit einem lauten RATSCH von der Plakatwand reißen. Als wäre nicht schon die mediale Glorifizierung der Paarbindung als absolut erstrebenswertestes Lebensziel genug des Wahnsinns, hat der Pärchenwahn in meinem Alltag Einzug gehalten. Pärchenthemen dominieren meine Lieblingsblogs, meine Freundinnen reden immerzu von ihren Schatzis (wahlweise sind damit auch ihre Hunde oder Kinder gemeint), man wird zu Doppeldates eingeladen, und die Verliebten neben mir in der Bahn hängen so dicht aufeinander, dass es mir ganz unangenehm ist.

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Wo ich auch hinschaue, überall sehe ich verliebte Pärchen. Dabei bin ich ja selbst verliebt, zentnerschwer sogar, aber ich zelebriere meine Liebe nicht so öffentlich und lasse mich nicht von der Weihnachts-Wonderland-Stimmung anstecken, die der Allgemeinheit ins Hirn geschissen zu haben scheint.

Die Vorweihnachtszeit scheint für einige Anlass zu sein, sich intensiv mit Nestbau und der sagenumwobenen Liebe zu beschäftigen. Liebe, so scheint es, muss in der perfekten, kleinen Familie enden, Planänderungen können nicht akzeptiert werden. Kaum wird es kalt, brauchen alle jemanden zum Kuscheln, Beziehungen sind wieder salonfähig, Netflix and chill wird abgetan als ein lächerlicher Sommernachtstraum, und auf gar keinen Fall darf irgendwas alleine ohne den Partner unternommen werden. Im Winter gilt die Devise: Mach’s zu zweit oder bleib direkt zu Hause! Egal ob essen gehen, Schlittschuhlaufen, Wellness oder Kino, alles wird beworben und ausgelegt als die ultimative Paarerfahrung.

Wo sind sie nur hin, die guten, alten Sommertage, in denen man sich mal schnell hinter einem Müllcontainer neben dem Club hat knallen lassen, ehe man seinen verschwitzen Körper wieder zurück zwischen die tanzenden Massen klemmte? Den Typen sah man nie wieder, und es interessierte kein Schwein. Pärchenwahn? Kein Thema. Halten die zarten Frühlingsgefühle Winterschlaf und überlassen dieser aufgeblasenen, inszenierten Liebe ihren Platz?

Ich jedenfalls würde gerne eine Petition starten gegen den Pärchenwahn, gegen Paarfotos in den sozialen Netzwerken, die wahlweise mit den Hashtags #bae oder #babe, #cozy, #love oder #couple in Verbindung mit #winterwonderland oder #christmas versehen werden. Und die bei mir einen Brechreiz auslösen, wie es sonst nur der bloße Geruch von Tequila schafft.

Es gibt von mir und meinem Freund keine klassischen Pärchenbilder, und selbst wenn es welche gäbe, würde ich sie nicht in die Welt hinaus schicken. Weil ich finde, dass Liebe etwas sehr Privates ist. Weil meine Liebe zu dem Mann meiner schlaflosen Nächte nicht daraus besteht, dass wir uns vor aller Welt küssen müssen. Unter dem Mistelzweig. Auf dem Weihnachtsmarkt. Im Beisein eines Fotografen. Manchmal flüstern wir uns nachts kleine Liebesbekundungen ins Ohr, das ein oder andere Mal hat mich eine zuckersüße SMS geweckt, aber wir brüllen unsere Gefühle nicht raus wie unsere Ahnen einst den Urschrei. Wir müssen auch nicht die nächsten drei Schritte der klassischen Paarbeziehung nach ein paar Monaten ausdiskutiert haben (am besten noch vor Weihnachten), sondern lassen es einfach drauf ankommen – scheiß auf große Pläne.

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Ich will ein Individuum sein und ohne meinen Partner gesellschaftlich existieren können. Mein Umfeld und allen voran die Werbung machen mir aber gerade in der Vorweihnachtszeit weis, dass ich nur mit einem Partner glücklich werden kann, mit dem ich möglichst bald eine Familie gründe und in den goldenen Sonnenuntergang schippere. Aber nicht alles wird auf einmal rosarot, nur weil ein bisschen Schnee drauf fällt.

Jeder, der sich an seine winterlichen Singlezeiten zurück erinnert, kann meine Abneigung gegen diesen Pärchenwahn verstehen, der immer dann naht, sobald die ersten Lebkuchen und Schokoweihnachtsmänner in die Supermarktregale gestopft werden. Liebeslieder im Radio nerven, der passende Weihnachtspullover für sie und ihn, zur Schau gestellte Glückseligkeit, kreative Geschenke für den Liebsten – all das bringt mich auf die Palme. Meine allerliebsten Geschenke mache ich mir selbst zu Weihnachten, nicht etwa, weil sie mir kein anderer kaufen könnte, sondern, weil ich mir selbst etwas Gutes tun möchte. Und das, ohne dabei das Gefühl haben zu müssen, der armseligste Mensch auf diesem Planeten zu sein. Auch wenn ich in einer Beziehung bin, will ich mir keine Gedanken um den Klavierunterricht, natürlich bilingual, meiner zukünftigen Kinder machen. Ich möchte meine Beziehung so führen können, wie es mir passt. Der vorweihnachtliche Pärchenwahn aber gibt mir das Gefühl, dass eben diese Wünsche das nicht okay sind.

Ich war gerne eine Zeit lang alleine, um herauszufinden, wer ich eigentlich bin. Ich weiß aber auch, wie weh es tun kann, ein gerade unerreichbares Ideal immer wieder vor Augen geführt zu bekommen. Genau das passiert aber in der Vorweihnachtszeit. Wir bekommen so lange diese schillernden Zukunftsvisionen einer unrealistischen Liebesbeziehung vor Augen geführt, bis wir daran glauben und unsere eigenen vagen Träume und Vorstellungen unter den zerwühlten Bettlaken von Dylan und Ingo vergraben.

Fotos: Nasti van der Weyden <3

5 Comments

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  2. valaki

    9. Dezember 2016 at 7:27

  3. JudgeDark

    7. Dezember 2016 at 20:09

    Ja … so sieht es aus. Bei mir kommt noch zu der nicht gerade positiven Einstellung zu Weihnachten eben genau das dazu! Ich frage mich halt immer, was an dieser Zeit so dran ist, was zu diesem Phänomen führt?!

    Schmusen kann man das ganze Jahr, dafür muss es nicht erst kalt und dunkel draußen werden. Und ich bin eh kein Freund davon ständig nach außen zu zeigen, wie ach verliebt ich aktuell bin. Für Singles ist es zudem wirlich ätzend, gerade wenn so dumme Sprüche kommen wie auch von Vivien geschrieben … sowas braucht keiner.

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  5. Vivien

    5. Dezember 2016 at 22:48

    Der Text trifft es direkt auf den Punkt. Ich kann es auch einfach nicht verstehen warum wir uns das jedes Jahr zu Weihnachten ansehen müssen. Ich selbst bin auch seit Jahren in einer glücklichen Beziehung, hatte aber noch nie das Bedürfnis es jedem mit zu teilen. Und gerade zu Weihnachten finde ich es für Singles wirklich scheisse, das immer wieder um die Ohren gehauen zu bekommen. „Ach, du hast keinen Partner? Tja, dann ist Weihnachten für dich dieses Jahr gelaufen.“ Hä? Was soll der Scheiss?!

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