Whiplr – die voll kinky Dating-App für Semi-SMer

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Eine der wichtigsten Regeln des journalistischen Berufsalltags lautet: „Quatsch nicht lange um den heißen Brei herum, komm zur Sache!“ Mein heutiges Zugeständnis an diese Regel? „Na gut. Es geht im folgenden Text um eine App namens Whiplr.“ Mein persönlicher Mimi-Zusatz des Tages geht so: „Fick dich ins Knie, blöde Journalisten-Regel, heute werfe ich dich über den Haufen und suhle mich im heißen Drum-herum-Brei, wie ich lustig bin.“

Also los.

Im Moment bin ich eine sehr glückliche Mimi. Denn ich habe einen neuen Brieffreund. Eigentlich chatten wir nur, aber ich finde, dass Brieffreund viel fürnehmer und exklusiver klingt und deshalb viel besser zu unserer magischen Verbindung passt. Mein Brieffreund ist Pornoregisseur und lebt in einem Land hinter der großen Pfütze, ein Typ, dessen œuvre ich seit fast fünf Jahren feiere und der auf meiner Anbetungsskala noch vor Rocco Siffredis Penis rangiert. Unsere Brieffreundschaft ist für mich also in etwa so besonders, wie es für Käthe ein Schnaps-Date mit dem Sänger von Stonesour wäre.

Nun lästerten mein geheimer Brieffreund und ich neulich über Sinn und Unsinn einer modernen, arg populären Bumserei-Anbahnungs-Institution. Also Tinder. Brieffreund sagte, dass Menschen, die Tinder nutzten, ihre Spiritualität zerstörten. Ich pflichtete ihm bei und verschwieg, dass ich Tinder mal ganz toll fand. Nicht, weil sich dort so viele passable Herren tummeln. Sondern weil der Tinder Wischinger aka das Nach-links-Wischen, das für „Nee, lass mal“ steht, mir einst viel Vergnügen bereitete. Aber gut, Brieffreund hatte Tinder abgestraft, also entschied ich mich, es auch blöde zu finden (Brieffreund ist mein Idol, ich würde sowas nicht für jeden Hinz und Kunz machen, damit das klar ist). Und jetzt? Nie wieder den Wischinger machen?

Doch dann erfuhr ich vom neuesten Scheiß auf dem Spiritualitäts-Zerstörungs-Markt – einer Dating-App namens Whiplr.

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Whiplr ist die Dating App für Leute, die es sowohl kuschlig-puschlig, als auch kinky-aufgestrapst mögen. Finde ich.

Der Clou – Whiplr ist ein „Messenger with Kinks“, eine Art Zwischending aus Tinder und Whatsapp, allerdings für Perverse. Super, das wird dem Brieffreund gefallen. Besser noch: Ganz besonders für SM-Freunde eigne sich Whiplr, sei man doch hier ganz unter sich, so die Macher, Verklopp-Freunde und devote Boys’n’Girls unite! Na, das klingt doch mal nach was, ganz anders als das übliche Dating-Wischiwaschi über die emotionale Zusammenführung von Menschen mit Niveau, obwohl doch alle wissen, dass es bei Tinder, LOVOO und OkCupid vor allem um die körperliche Zusammenführung ganz ohne Niveau geht. Echt ey.

À propos – wie kommt man auf die Idee, ein Tinder für Fetish People zu entwickeln? „Die Idee stammt aus der Kink-Community selbst“, erzählt mir Daniel Sevitt, Kommunikations-Chef von Whiplr. „Es gab einen klaren Bedarf, sich mit Leuten, die dieselben Leidenschaften teilen, via Mobile auszutauschen. Doch existierte lange Zeit keine Messenger App dafür, die du dir easy im App Store oder bei Google Play runterladen konntest. Bis jetzt.“

Nur einen Peitschenhieb später habe ich Whiplr aufs Telefon geladen und ein Profil angelegt. Dann stürze ich mich ins Whiplr-Getümmel. So viele Typen und Frauen, und alle sehen sie mega gut aus! Woher sind die denn alle? Kreuzberg, Mitte, Schöneweide? Schließlich muss ein Date mindestens theoretisch machbar sein, sonst bringt’s keinen Spaß. Nun, weder noch: Die meisten meiner potentiellen neuen Spielkameraden kommen aus New York, drei sind aus Miami, fünf aus London. Verdammt, ich hatte ja noch gar keinen Filter eingestellt, also zeigt Whiplr mir das komplette Angebot an.

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Der PR-Shot täuscht nicht – Whiplr Members sind in der Tat höchst hübsch anzuschauen. Foto: Whiplr

Das Filtern geht fix, denn mit der Umsonst-Version von Whiplr kann ich gerade mal mein Wunschgeschlecht angeben, ob ich Video-Anrufe mag und aus welcher Stadt die Jungs kommen sollen. Ich wähle „Berlin, Germany“ aus und refreshe meine Suche. 14 Männer bleiben übrig, drei davon, natürlich die hübschesten, sind schwul. Na toll. Außerdem funktioniert die Auswahl bei Whiplr nicht mal per Wischinger.

Ich bin traurig und kurz davor, die App vom Telefon zu schmeißen, als es auch schon losgeht. Ding-ding-ding-ding-ding! Eine Message nach der nächsten trudelt ein, alle wollen mich. „Hey…“, „Hi!“, „Yo.“ Was soll ich darauf antworten, Jungs? Gar nichts, geht eure gelangweilten „Heys“ bei ’ner anderen verballern, ich will sie nicht. Ein anderer kommt direkt zur Sache: „Du Stück! Schick mir ein Bild von deinen Möpsen!“ Huch, ein rougher Ton herrscht hier, ist ja so gar nichts für mich. Auch neu für mich: Die Hartnäckigkeit der Whiplrs. Einer schickt mir fünfmal ein „Hi“, dann ein „???“, bevor er fragt „Warum antwortest du nicht?“ Ich kichere in mich hinein und freue mich auf seine weiteren Mails. Doofie.

Eine weitere Erkenntnis: Rollen werden bei Whiplr sehr ernst genommen. Selbst, wenn man sich nicht als „Sub“ zu erkennen gibt, sondern stattdessen wie ich „Switch“ ankreuzt, also „Is‘ mir wumpe“, scheint das für den ein oder anderen selbst ernannten „Dom“ eine Einladung zu sein, gleich mal die verbale Grätsche zu machen. Ein schrecklicher Ton herrscht hier zum Teil.

Übrigens, die gängige Sprache bei Whiplr ist Englisch, weshalb euch vermutlich auch der süße Latex-Boy aus Eimsbüttel zunächst mit „Hey, you are SOOO hot“ anschreiben wird. Das finde ich aber ganz charming, ist ein guter Eisbrecher, wenn beide feststellen, dass sie gar nicht das Schul-Englisch bemühen müssen, sondern im schönsten Hamburger Schnack miteinander plaudern können.

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Eigentlich geht es doch eh nur ums Profilfoto, oder? Selbst bei einer BDSM-Dating-App. Foto: Whiplr

Findet ein Whiplr einen anderen voll heiß, ist aber zu schüchtern fürs „Hey“, kann er auch „Sparks“, also einen „Funken“ versenden – sein Profilbild mit drauf gebastelter Animation, natürlich im SM-Style. Vom Peitschenhieb über die obligatorische Streichel-Feder, bis zur tropfenden Wachskerze ist alles dabei. Nur, warum verschickt man bei einer BDSM-Dating-App „Sparks“? Gehört so ein „Funken“ nicht ins Glitzer-Fitzel-Einhornland? Wäre es nicht viel kinkier, wenn man bei Whiplr themenbezogene Gesprächs-Eröffner versenden könnte? „Dirty Dom hat dir soeben ein paar aufs Maul gehauen!“ DAS wäre doch mal kinky.

Ich frage mich, welches Klientel Whiplr abseits des Wunschdenkens seiner Programmierer bedient. Wird es tatsächlich vor allem von der Fetisch-Gemeinde genutzt oder von Leuten, die einfach nur vögeln wollen? „Ich glaube, dass Whiplr von allen möglichen Gruppierungen und aus den unterschiedlichsten Gründen genutzt wird“, so Daniel Sevitt. „Uns ist es wichtig, dass Leute sich über Whiplr connecten können, selbst, wenn sie sich nicht im echten Leben begegnen möchten. Viele Fetische oder Phantasien kannst du schon mit unserer Sprachnachrichten- oder Video-Chat-Funktion ausleben.“ Das mag sein – ich habe bislang genau einen Videoanruf erhalten, woraufhin mir vor Schreck das Telefon aufs Laminat fiel. Keine Erfahrungswerte diesbezüglich also. Wie sieht’s da beim Whiplr-Kommunikations-Chef aus? „Der Gentleman spankt und schweigt“, antwortet Daniel Sevitt. Schelm.

Was kann ich euch sonst sagen? Whiplr ist eine Dating-App wie alle anderen auch. Der erste Eindruck aka das Profilbild entscheidet, der Fragebogen nervt, die meisten Kandidaten gehen gar nicht klar, vor allem nicht ihr Verständnis für Ästhetik. Ich meine, wie kann man die Großaufnahme eines verpickelten Herrenkinns zu seinem Profilbild machen?

Mehr Spaß macht das Ganze vermutlich erst, wenn man sich in den kostenplichtigen Bereich vorwagt, bei Whiplr „Dekadom“ genannt. Die Abo-Möglichkeiten reichen von 10 Euro/monatlich für 12 Monate bis hin zu 19 Euro/monatlich für einen Monat. Dafür könnt ihr dann chatten, den Wischinger machen, blockieren und filtern, bis euch duselig wird. Aber no, Sirs. Brauche ich nicht.

Ach, verdammt. Whiplr ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil. Ich empfehle euch sogar dringend einen Versuch, wenn Tinder euch nicht mehr kickt und ihr dringend mal wieder flachgelegt werden wollt. Aber es ist nicht meins. Nicht nur, weil ich die Mails überdurchschnittlich daneben fand. Ich bezweifle auch, dass echte SMer hier auf ihre Kosten kommen. Zu viele Neulinge, zu viele, die einfach was Semi-Wildes im Stil von „Fifty Shades Of Grey“ erleben möchten. Die, die es gewohnt sind, hart zu spielen, werden voraussichtlich auch weiterhin in den Untiefen der „Sklavenzentrale“, der größten deutschsprachigen BDSM-Seite, abhängen und Whiplr nur müde belächeln.

So wie mein Brieffreund mich belächeln würde, wüsste er, dass ich meine Spiritualität dank Whiplr ein Stück weiter geschrottet habe. Und das alles, weil mir der Tinder Wischinger so fehlt. Ich armes, bemitleidenswertes Würstchen. Dafür habe ich doch glatt eins auf die Pfoten verdient. So richtig. You know what I’m sayin‘.

1 Comment

  1. JudgeDark

    29. März 2015 at 17:31

    „Dirty Dom hat dir soeben ein paar aufs Maul gehauen!“ :D:D:D

    Super geschrieben, danke dafür. Einen Versuch dieser App spare ich mir aber, ist nicht so wirklich meine Welt. Da würde ich es wohl eher mit ner Brieffreundin versuchen. ;)

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