There‘s bravery in being soft: Gina by Melanie Ziggel

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Ein Text von Gina.

Es gibt Nächte, da kann ich nicht einschlafen, weil ich mir den Kopf zerbreche. Ich liege im Bett, im Dunkeln, starre an die Decke und frage mich: Wieso sind alle anderen so furchtbar tough, und ich bin so weich, dass mich sofort alles mitten ins Herz trifft? Warum fühlt sich für mich alles so intensiv an, und wieso bin ich nicht cooler und habe ein eisernes Pokerface, das mich souverän durch den merkwürdigen Berlin-Alltag bringt? Nein, mein Herz ist ein offenes Buch, und jeder kann darin lesen, wie es mir geht. Und das macht mich wahnsinnig.

Ich bin sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die sich zumindest hin und wieder mit solchen Fragen selbst um den Schlaf bringt. Jedes Mal, wenn ich einen Text geschrieben habe, in dem ich mich emotional komplett ausziehe und mich Menschen darauf ansprechen. Jedes Mal, wenn ich so berührt bin vom Leben, dass ich weinen muss. Jedes Mal, wenn ich jemanden mag und ich dann völlig übersprudele vor Gefühlen, und die Person damit einfach nichts anfangen kann (Großstadt-Dating ist die Hölle, aber das ist ein anderes Thema). Die Liste ist endlos, und die Momente, in denen ich mir gewünscht habe, einfach cool, irgendwie härter und unnahbar zu sein, sind schon seit Jahren nicht mehr zählbar.

Doch was ist eigentlich falsch daran, weich zu sein? Gefühle zuzulassen, vielleicht auch mal von ihnen weggeschwemmt zu werden? Mein erster Gedanke ist: alles! Wir sind in einem Alter, in dem fast alle so sehr mit sich selbst und ihren eigenen Verletzungen und Erfahrungen beschäftigt sind, dass sie nicht viel damit anfangen können, wenn jemand sich öffnet und seine Gefühle zeigt. Wir sind darauf getrimmt, gut in Job zu sein und eine Karriere anzustreben, und Emotionen sind nicht professionell. Und im Internet gibt und gab es schon immer nur zwei Lager: Team „Alles ist super, schau wie geil mein Leben ist“ und Team „Ich beschwere mich in einer Tour, hier ist ein trauriger Songtext von einer 2000er-Emo-Band“. Aber wer will schon zu den My Chemical Romance hörenden Heulsusen gehören (ich nicht, trotzdem war ich immer Team Crying on the internet)?

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Doch mal ehrlich. Gefühle sind menschlich, weich sein auch. Wir alle weinen, sind verwirrt, strugglen mit uns selbst. Niemand ist 24/7 zufrieden mit sich. Und ich wünsche mir so oft, dass wir aufhören würden, so zu tun, als wäre dem nicht so. Es ist befreiend, wenn man ehrlich mit sich selbst ist, wenn man aufhört, sich selbst anzulügen und vor anderen eine Show abzuziehen, damit sie einen mögen. Ich meine damit nicht, völlig ungefiltert alles rauszuhauen, was einem gerade durch Herz und Kopf geht. Ich meine damit, dass es bescheuert ist und nirgendwo hin führt, wenn man nicht ehrlich zu sich selbst ist, und am Ende auch zu anderen. Du bist verletzt? Sag es, und tu nicht so, als wäre alles okay. Du magst jemanden? Raus damit! Du hattest einen Scheißtag? Rede darüber, statt es in dich rein zu fressen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es viele Menschen gibt, die sich nichts mehr wünschen als jemanden, der mit gutem Beispiel voran geht und sich traut, offen und ehrlich über seine Probleme zu sprechen, vor allem, wenn es um schwierige Themen wie Depressionen oder Essstörungen geht. Oder eben weich sein. Dass sie jemanden brauchen, der den ersten Schritt macht und den Weg ebnet dafür, über solche Themen zu sprechen. Wenn ich das sein kann, weil ich gelernt habe, diese weiche und verletzliche Seite an mir anzunehmen und über die zu reden, okay! Dann mache ich das.

Natürlich kann man so auch ordentlich auf die Fresse fallen, sich blamieren, sich zum Trottel machen vor anderen. Aber wenn das aus dem Grund passiert, dass man einfach man selbst war, kann man daraus Stärke ziehen. Jedes Mal, wenn mir das passiert, lerne ich ein bisschen mehr über mich selbst und die Welt in mir. Darüber, was ich mir wünsche und was ich brauche. In diesem Prozess sind Freundschaften auseinander gegangen. Dates geplatzt. Ich habe auch schon Jobs nicht bekommen. Aber ich sage mir in solchen Situationen: Dann hat es nicht gepasst. Dann ist es besser so. Was habe ich davon, für etwas gemocht zu werden, das ich nicht bin? Wenn ich alles mit mir selbst ausmache und womöglich irgendwann einfach explodiere? Oder mir selbst und anderen was vorlüge? Nichts! Dann lieber nachts wach liegen und mich fragen, warum ich nicht einfach anders sein kann. Denn irgendwann erinnere ich mich daran, dass meine erste große Liebe Kurt Cobain mal gesagt hat: „Wanting to be someone else is a waste of the person you are“ – „Jemand anders sein zu wollen, bedeutet, die Person zu verschwenden, die du  eigentlich bist.“ Und ich meine, wenn Kurt das sagt, dann kann ich jetzt auch vom Gedankenkarusell absteigen und einfach schlafen.

Fotos: Melanie Ziggel // Model (und Autorin dieses Textes): Gina

2 Comments

  1. Mel

    8. Februar 2018 at 19:25

    Du sprichst mir aus der Seele.
    Mach‘ weiter so, halt‘ durch.

  2. JudgeDark

    4. Februar 2018 at 16:12

    Vielen Dank!
    Ganz ehrlich ist es für mich nicht weich wenn man zu seinen Gefühlen und Eindrücken steht. Vielmehr halte ich das für eine große Stärke! Klar muss man nicht jedem immer ständig auf die Nase binden, wie es einem geht. Aber es gibt viele Situationen wo das genau richtig ist und wenn das jemand als weich oder doof empfindet, dann bitte; dann sollte man sich aber nicht selber hinterfragen, sondern vielmehr muss das die Person gegenüber tun. Ich habe auch gemerkt, dass viele Menschen damit nicht umgehen können, wenn man ihnen gegenüber offen und ehrlich ist … und das kann man auch im Job durchaus für sich nutzen!

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