Was vom Herzschmerz bleibt: Ein Lob auf den Tag X

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Ein Text von Penny Calvet.

Wenn eine Beziehung zu einem geliebten Menschen zerbricht, wird es meistens hässlich. Weil verletzte Gefühle dazu führen, dass Menschen unüberlegt Dinge sagen. Eben die Emotionen sprechen lassen, die sich blöderweise manchmal über einen viel zu lange Zeitraum angestaut haben. Trennt man sich „im Guten“, wie es so lapidar heißt, hege ich ja prinzipiell den Verdacht, dass sich die Ex-Partner mit dieser Formulierung nur selbst belügen. Dass sie alle Gefühle in eine leere Kammer sperren, abschließen und den Schlüssel tief in ihrer Gedankenwelt vergraben. Erscheint ja auch erstmal als einfacherer Weg. Dabei müssen Gefühle doch raus! Irgendwann zumindest, davon bin ich felsenfest überzeugt, auch, wenn das ziemlich kräftezehrend sein kann. Denn aufgestaute Gefühle kommen immer genau dann zum Vorschein, wenn man sie am wenigsten braucht. Wie das schleichende, stechende Gefühl, ganz schnell aufs stille Örtchen zu müssen, wenn man im Stau steht. Natürlich gibt es Ausnahmen, in denen sich eine innige Liebesbeziehung langsam zu einer platonischen Super-Freundschaft verwandelt. Aber sind wir mal ehrlich – selbst diese Ex-Liebenden werden irgendwann über ein verdrängtes Häufchen Emotionen stolpern.

Was auf eine Trennung in der Regel folgt, besonders dann, wenn man derjenige ist, der verlassen wurde, ist der furchtbarste alle Endgegner: Herzschmerz. Die Welt geht zusammen mit der gescheiterten Beziehung unter und versinkt in einem Meer aus Trauer. Wut, Enttäuschung und Schmerz wechseln sich ab und bescheren uns schlaflose Nächte.

LulluGun_t

Wer einmal sitzen gelassen wurde, weiß, dass der verlorene Mensch zum Held der kühnsten Träume, zum unerreichbaren Ziel in weiter Ferne glorifiziert wird. Und die Beziehung, hach, was war die doch wunderbar! Vergessen sind die Streitpunkte, die Entfremdung, Demütigungen oder was sonst zum Ende geführt hat. Herzschmerz sei Dank. Und man glaubt, es würde für immer so weitergehen.

Bis dann irgendwann dieser Tag kommt, an dem man morgens aufsteht und es nicht mehr wehtut. An dem man nicht mehr nur aufsteht, um mal aufs Klo zu wanken, die Fernbedienung unter leeren Pizzakartons zu suchen oder Taschentücher-Nachschub zu besorgen. Nein, ich meine aufstehen mit dem Ziel, dem eigenen Dasein wieder eine Chance zu geben.

Das ist vermutlich der erste gute Gedanke, den man seit der Trennung gefasst hat, seit dem dem Tag, an dem man verlassen wurde. Ein Gedanke, der wie ein Grashalm gefährlich im Wind wankt, aber an den man sich klammern sollte, mit aller Kraft. Aufstehen und wieder an sich selbst denken, bedeutet nämlich nichts anderes, als dem Herzschmerz endlich den Kampf ansagen.

LulluGun_t

Wir alle dürfen, ja müssen vielleicht sogar trauern um die verlorene Liebe und die eingestürzten Traumschlösser einer wunderbaren Zukunft, um so das Neue, das Gute wieder schätzen zu lernen. Und es wäre so viel einfacher, wenn wir genau wüssten, wann dieser Tag X kommt, an dem das Schlimmste überwunden ist. So aber bleibt die Liebe bis zum Ende unvorhersehbar. Vielleicht hilft es ja schon zu wissen, dass der Tag kommen wird, ganz bestimmt. Unzählige gebrochene Herzen können das bezeugen.

Wenn ich an eine Sache glaube, dann daran, dass wir uns nicht nur einmal verlieben im Leben, sondern es mehr als eine Chance gibt und dass jeder Herzschmerz uns wieder zu uns selbst führt.

Fotos: Anneliese Moder
Model: Lullu Gun

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