„Wann wirst DU endlich Mama“? #StopAsking!

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#StopAsking – unter diesem Hashtag machen sich derzeit kinderlose Frauen weltweit Luft und sagen damit klar: „Hört auf, uns zu fragen, wann wir endlich Kinder bekommen!“ Gestartet wurde die Aktion von US-Model Tyra Banks, die in der Talkshow „FABLife“ zusammen mit ihrer Freundin und Co-Moderatorin Chrissy Teigen bekannte: „Ja, ich will Kinder! Nein, bis jetzt hat es nicht funktioniert! Und verdammt, hört endlich mit der Fragerei auf, denn es geht euch einen Scheißdreck an, ob und wann ich Mutter werde!“ Für mich als kinderloses Thirty-Something eine großartige und endlich einmal sinnvolle Social-Media-Kampagne. Das erzählte ich auch unserer Autorenfreundin Artie Shaww. „Kenn ich“, seufzte Artie, setzte sich an den Klappcomputer und schrieb den folgenden, wunderbaren Text zum Thema #StopAsking. Chapeau, Frau Shaww <3

Von Artie Shaww

Vor einigen Jahren begannen sich die Leute in meiner unmittelbaren Umgebung zu verheiraten. Mittlerweile kann ich das „Ave Maria“ von Schubert auswendig, könnte aus dem Stegreif Millionen Fürbitten sprechen, und 1. Korinther 13: 1 – 13 kann ich auswendig. Darüber hinaus habe ich wohl rund 1000 Euro allein in Hochzeitsgeschenke investiert, unzählige dämliche Spielchen mitgemacht und mich auf der letzten Hochzeit gepflegt mit Eierlikör ins Aus geschossen. Grund für meine Spontanzuneigung zum Likör waren nicht nur die aufgesetzte Fröhlichkeit der tumben Hochzeitsgesellschaft, sondern auch die entsetzlichen Unterhaltungen meiner Tischnachbarn über die Aufzucht und Pflege der eigenen Brut.

„Bine, sag mal, wie hast du das eigentlich mit Fiete-Paul gemacht? Der hat doch auch so doll gezahnt.“

„Du, da kann ich dir ein ganz tolles Mittel empfehlen. Dentinox© wirkt Wunder. Aber du musst es ganz fest auf die Stelle drücken. Nicht, dass die kleine Motte das einfach ablutscht.“

Äh? Bitte? Andere Seite. Es war ja nicht so, dass wir nur zu dritt am Tisch saßen. Aber auch auf der anderen Seite des Tisches ging es nur um den Nachwuchs:

„Jörn, wo ist das Babyphone? Du hast es doch in die Jackettasche gesteckt. Was, wenn Merle jetzt wach wird?“

„Ach du Schreck, ich glaube, ich hab es in der Garderobe vergessen.“

Ooookay. Ich beugte mich interessiert quer über den Tisch, nur um folgenden Dialog zu hören:

„Schatz, rufst du mal bei uns zu Hause an und fragst nach, ob mit den Kleinen alles okay ist? Ich weiß doch, dass deine Eltern nicht so auf das Trinken achten. Und Matts muss doch genug trinken.“

„Stimmt, Hase, da hast du Recht. Es wäre schlimm, wenn er sich vor Durst in den Schlaf weint.“

Ich fragte mich, wann genau sich diese – ehemals coolen – Menschen in Elternzombies verwandelt und dabei vergessen haben, die Nabelschur zum eigenen Kind zu durchtrennen. Ich fühlte mich einsam, denn es war niemand da, mit dem ich mich unterhalten konnte. Alles drehte sich um Babys, deren wunderbare Erzeugnisse (Scheiße, Pisse, Zähne), die Anschaffungen, die man so braucht (Millionen von Pampers) und wie schön und befriedigend Kinder und Babys doch seien, auch wenn man manchmal nicht schlafen könne.

Ich verlor mich daher in der Betrachtung der malvefarbenen Tischdekoration, als ich merkte, dass die Gespräche verstummt waren und mich neun Augenpaare erwartungsvoll ansahen.

„Hm?“ Verzweifelt versuchte ich mich an das vorangegangene Gespräch zu erinnern. Ging es um Sophie, Kristin oder Walter?

„Miss Shaww“, blökte man mich an, „wann bekommst DU denn nun endlich Kinder?“

Bäääm. Da war sie, die Frage aller unmöglichen Fragen. Gestellt von einer Person, die nur noch ansatzweise mit der Person Ähnlichkeit besitzt, die ich einmal so mochte. Früher trug diese Person Gürtel als Röcke, die Nase hoch in der Luft und Bücher über den Campus, ohne sich darum zu kümmern, dass es sich dabei um nicht-ausleihbare Präsenzexemplare der Unibibliothek handelte. Mit der ich unzählige Gläser Schnaps in dunklen Kaschemmen geleert hatte, um dann besoffen vom Barhocker zu fallen. Der ein Leben in einer Drei-Raum-Wohnung mit zahnendem Kind stets unmöglich erschienen war.

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#StopAsking – denn eines Tages werdet ihr mit der Frage nach den Kinderplänen vielleicht auf eine Frau treffen, die ihr mit eurer Nachhakerei zutiefst verletzt. Spart euch die Neugierde also bitte. Danke. Foto: Luna

Dieser Person schaute ich ins Gesicht, während mich immer noch alle mit dem Flammenschwert ihrer Blicke an den Tisch zu nageln versuchten.

Kinder? Babys? Ein Vergangenheitsflash erfasste mich: Als ich 15 war, wurde meine Mutter schwanger. Auszug aus dem Tagebuch der 15-jährigen Artie: „Übrigens, Tagebuch, meine Mutter bekommt noch’n Kind.“ Als das Kind geboren wurde: „Das Baby sieht komisch aus, und ich weiß nicht, wie ich es halten muss. Ich habe mehr Gefühle für den neuen Typen in meiner Klasse als für mein neues Geschwisterchen. Ich hoffe, das ist normal.“

Früh war mir daher klar, dass ich keine eigenen Kinder bekommen möchte. Ich trennte mich sogar von einem meiner Freunde, weil ich wusste, dass er mich zur Mutter seiner Kinder machen wollte. Erst in letzter Zeit, als den Hochzeitseinladungen die Taufeinladungen folgten und ich auch hier schon recht bald den dreistelligen Eurobereich für Geschenke geknackt hatte, bemerkte ich bei den anwesenden Damen dieser Partys ein aufmerksames Beobachten meiner Körpermitte.

Das letzte „Na, wann ist es denn bei dir soweit?“ habe ich so schrecklich beantwortet, dass die nach meinen Kinderplänen fragende Dame seither jeglichen Kontakt zu mir verweigert. Um genau das zu vermeiden, hätte ich der Fragestellerin, die nun vor mir saß, gerne Folgendes geantwortet:

„Meine Liebe, bei mir wird es nie so weit sein. Es tut mir leid, dass ich keine Kinder habe. Bitte verzeih mir meinen Egoismus und meine bewusste Weigerung, von meinen Fortpflanzungsorganen regen Gebrauch zu machen. Ich weiß, dass ich als Frau versagt habe, weil ich nur für mich sorge und mich nicht um den Erhalt der menschlichen Spezies kümmere.“

Sicherlich wäre auch dies eine passende Erwiderung gewesen:

„Ich werfe mich natürlich sofort auf den Rücken, spreize die Beine und biete der nächstbesten potenten Samenschleuder meine Eier zur freien Verfügung an. Gerne wackel ich dann neun Monate mit geschwollenen Knöcheln umher, nur um festzustellen, dass ich seit des erfolgten Dammschnitts nie wieder Sex möchte, weil meine Schamlippen inzwischen zärtlich meine Knie umspielen. Natürlich stopfe ich sofort meine Nippel einem zahnlosen Wesen in den Mund, das kein Lustgreis, sondern mein eigen Fleisch und Blut ist. Dabei empfinde ich keine Erregung, sondern nur Schmerz und Pein. Verzeih meine Unzulänglichkeit, du mater dolorosa.“

Natürlich sagte ich das nicht.

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Ob eine Frau früh Kinder bekommen möchte oder später oder niemals, ist ganz allein ihre Sache und geht niemanden etwas an. Foto: Luna

Ich dachte weiter über mögliche Antworten nach. Was, wenn ich dies geantwortet hätte?

„Zunächst ist diese Frage impertinent. Ich empfinde es als äußerst ungehörig, einer Frau diese Frage zu stellen, denn hast du, habt ihr eventuell einmal darüber nachgedacht, dass ich unfruchtbar sein und furchtbar unter dieser Situation leiden könnte? Dass ich eventuell schon Fehlgeburten hatte? Dass ich eine herzförmige Gebärmutter habe und schlecht die Frucht halten kann? Könnt ihr euch vielleicht vorstellen, dass mein Partner unfruchtbar ist? Dass wir schon bei sämtlichen Ärzten waren und keiner kann uns helfen? Ich bin als Frau kaputt, behindert, weil mein Körper nicht in der Lage ist, zu empfangen! Ich möchte weinen, weil ich keine Kinder empfangen kann. Ich bin wertlos. Nichts wert!“

In der Realität winkte ich die Bedienung heran, bestellte einen Eierlikör (aha, nicht schwanger!!!), prostete den Mamis und Papis zu, trank das Glas in einem Zug aus, knallte es auf den Tisch und rief laut:

„Das geht euch einen Scheißdreck an!“

Eine Taufeinladung weniger.

Bevor du Vollidiot also demnächst einer Frau diese Frage stellen möchtest, denke nach. Und dann halt die Fresse. Leg dich nicht mit Artie an.

#StopAsking!

Hier ist das Video, das die #StopAsking Aktion überhaupt erst ins Leben rief. Gut gemacht, Tyra Banks und Chrissy Teigen <3

10 Comments

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  4. Zarah

    5. November 2015 at 21:59

    Hahaha grossartig. Danke dafür!

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  6. Ilona B.

    29. September 2015 at 2:24

    Danke! Danke!!! Und tausend mal danke!!!!
    Dieser Blog ist, jenseits dieser ernsten Themen, einfach nur wundervoll. Und dieser Artikel trifft mich an meiner wundbarsten Stelle: meinem „Versagen“ als Frau. Zumindest wird es so von außen meist so interpretiert… Und dabei möchte und will ich nicht jedem unter die Nase reiben, dass ich einfach keine Kinder bekommen kann.
    Dass Ihr unter eurem Motto „Erlebnispornographie“ (das einfach nur fetzt!!! *yay*) auch so etwas ansprecht, rührt mich zu Tränen und bindet euch, unbekannterweise, enger an mein Herz.

    Danke Mimi! Danke Käthe!

    Alles Liebe,
    Ilo <3

    • Kaethe

      29. September 2015 at 21:47

      Liebe Ilo,

      mir ist gerade das Herz aufgegangen, als ich deine lieben Worte gelesen habe. Einen schöneren Lohn kann man für seine Arbeit nicht bekommen, und ich bin nun auch sehr gerührt und weinerlich. ;)
      Deshalb: danke DIR!
      Ich werde deinen Kommentar unverzüglich an Frau Shaww weiterleiten, denn diese Artikel-Lorbeeren gehören ihr allein. ;)

      Hab es noch schön heute Abend, und: tapfer bleiben! <3

      Fühl dich von mir bemuckelt
      Käthe

      (Mimi ist gerade im Urlaub, aber sie wird sich nach ihrer Rückkehr an dieser Stelle bestimmt auch noch zu Wort melden... ;))

    • Mimi

      Mimi

      9. Oktober 2015 at 20:11

      du liebes! ach was, „versagen“ – wir versagen nicht, weil es keine kinder-gebären-pflicht gibt. wenn die eingeführt wird, wandere ich aus :D und alle, die uns mit unangebrachten fragen zum nachwuchs nerven, rauchen wir kinderlosen mädchen ab heute in der pfeife :) ich herze dich, und wie käthe schon sagte: das lob geben wir mit kusshand an die autorin des wundervollen artikels, frau artie shaww, weiter :) <3

  7. JudgeDark

    28. September 2015 at 11:53

    Oh, wie ich dieses Gequatsche kenne, wenn es nur noch um den Nachwuchs geht. Klar, sich mit Freunden mal darüber auszutauschen wie es mit dem Kind läuft ist gut und gehört sicher dazu; aber hey liebe Eltern, das Leben geht weiter, ob mit oder ohne Kind und es gibt eine Vielzahl von Themen, über die man sprechen kann! Es muss nicht immer der Nachwuchs sein … !
    Gut, im Alter kommen dann anstelle der Kinder die ganzen Gebrechen auf die Tagesordnung … auch abartig.

    Die Frage nach dem Nachwuchs mag unter wirklich guten Freunden bei gegebener Situation in Ordnung sein … aber ich finde sie in so einer Situation wie oben beschrieben einfach daneben. Man kommt sich manchmal wirklich vor wie ein Aussätziger, nur weil man noch kein Kind in die Welt gesetzt hat. Und glaubt nicht, dass das bei Männern anders wäre … auch hier gibt es diese Frage (wenn vielleicht auch etwas seltener) und auch hier finde ich sie abartig.

  8. Rheintochter Esme

    27. September 2015 at 16:14

    SO ISSES! Es geht nicht nur keinen was an, sondern ist eine bodenlose Unverschämtheit, seine eigenen Konventionen und Lebensvorstellungen auf Andere zu projizieren. Das gilt eigentlich für alle Lebensbereiche, aber auf jeden Fall für die Familie. MEINE Familie, MEINE Regeln (bzw. Unsere), und die gehen Außenstehende nix, nüscht, nada an!
    Himmel noch eins, als ob ich mich als Frau darüber definieren lassen müßte, ob und wie oft ich Kinder in die Welt setze. Nee, ey, ich hab‘ echt wichtigeres zu tun.
    Toller Text, wunderbare Worte, tausend Dank und liebe Grüße vom Rhein! <3

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