Scheiß auf Super-Likes und Matches – lass‘ verlieben!

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Text von Penny Calvet 

Früher habe ich mich ständig verliebt, mit Anfang zwanzig war die Welt ein rosarotes Wunderland für mich. Und auch, wenn das noch gar nicht so lange her ist, fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Vor ein paar Jahren war Tinder noch eine kühne Idee und Online-Dating was für die Generation Ü35, die den Absprung vom Singlemarkt verpasst hatte. „Damals“, in dieser fernen Zeit, habe ich mich noch zufällig verliebt, ganz ohne Suchkriterien und Matches…

Der nette Kellner in der Bar an der Ecke lachte mich an – ich war verliebt. Ich ging über die Kreuzung, neben mir bremste scharf dieser süße Typ, um mich vorbei gehen zu lassen, und prompt hatte er mich mit seinen guten Manieren um den Finger gewickelt. Ich ging aus, der hübsche Student mit dem zauberhaften Lachen sprach mich an, und ich verfiel ihm zwischen dem wummernden Bass und der Hoffnung, niemals erwachsen werden zu müssen.

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Meistens liefen diese ersten Augenblicke auf spannende Begegnungen hinaus: Der Kellner bat mich, nach seiner Schicht wieder in die Bar zu kommen, und wir spielten Strippoker hinter dem Tresen, während die letzte Spülmaschine blubbernd neben uns ihre Dienste verrichtete. Der Junge auf dem Fahrrad sprach mich an und lud mich zum Essen zu sich nach Hause ein, Dessert in seinem Schlafzimmer inklusive. Geblieben bin ich danach eine ganze Weile. Und mit der flüchtigen Bekanntschaft aus der Disko taumelte ich nach einer durchtanzten Nacht aus dem Club, wir fielen schon auf dem Heimweg übereinander her und verbrachten den Rest des Tages gemeinsam im Bett.

Diese wage Gefühl, mit dem anderen, dem Fremden, könnte mich eine Geschichte verbinden, die über den kurzen Wimpernschlag hinausgeht, in dem der Kellner mich registriert, bevor er wieder routiniert seinem Job nachgeht, in dem die Ampel auf Grün umspringt und der Fahrradjunge wieder in die Pedale tritt, und in dem der Unbekannte kurz neben mir zum Stehen kommt, bevor er von der tanzenden Masse wieder aus meinem Blickfeld geschoben wird, ermutigte mich, Dinge zu wagen. Natürlich gingen nicht alle Geschichten schön aus und nicht aus jeder flüchtigen Begegnung entwickelte sich eine bleibende Erinnerung. Aber ich hatte eine Vorstellung davon, was passieren könnte und war offen den Dingen gegenüber, die sich ergeben mochten.

Heute scheitere ich bereits daran, mir genau diese Dinge vorzustellen, die das Verlieben so spannend machen. Mein Kopf streikt! Ich weiß nicht genau, wann es dazu gekommen ist, wahrscheinlich war es ein schleichender Prozess, der mir die Illusion des Verliebtseins genommen hat. Ich bin abgestumpft, meine Illusionen wurden mir geraubt von der permanenten Verfügbarkeit billiger, williger 08/15-Möglichkeiten. Von allen Seiten prasseln Bilder und Informationen auf mich ein, die mir die Liebe anpreisen.

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Wir verlieben uns heute digital. Datingportale präsentieren mir die perfekten Singlemänner, alle Vorlieben werden fein säuberlich im Profil aufgelistet, damit im besten Fall seine und meine Vorstellungen matchen. Der fremde Körper ist kein Mysterium mehr, das es zu ergründen gilt, sondern wird fachmännisch ausgeleuchtet als Ware ausgestellt. Sich auf Fremde einzulassen, wird so überflüssig und als zeitraubend abgetan. Sex und nackte Menschen bevölkern meine Alltag, und ich will nur noch eins: Endlich wieder auf Entdeckungsreise gehen. Ich will mich verlieben, ohne vorher zu wissen, wie der andere nackt aussieht, ob er auf Analverkehr steht oder mir ein paar Schläge auf meinen Hintern verpassen möchte. Ich will jemanden anlächeln, ohne mich zu fragen, ob ich ihm nicht neulich bei Tinder eine Abfuhr verpasst habe. Vor allem will ich überrascht werden. Diese Vermarktung der Liebe kotzt mich an.

Verlieben wir uns neu. Echt. Das will ich.

Fotos: Sarahlikesprettygirls
Model: Princess Of Pain

4 Comments

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  4. JudgeDark

    24. August 2016 at 19:17

    So sieht es aus … durch Überreizung und Überangebot, so will ich es mal nennen, stumpft man ab. Es ist alles irgendwie klinisch und organisiert geworden, das Abenteuer ist weg, die Neugier auf das eigenständige Herausfinden ist durch kühles informieren ersetzt worden. Dazu wird an jeder Ecke und in jedem Medium insbesondere das Äußere gepriesen, in der Werbung sieht man nur schöne Menschen, oftmals leicht bekleidet und so entwickelt sich ein Wunschbild, dem eben viele nicht gerecht werden können. Und ganz ehrlich, sie müssen es auch nicht, doch dieser Gedanken verschwimmt und verliert sich im medialen Bombardement und der Irreführung des Geistes.

    Hat aber denke ich auch ein Stück was damit zu tun, dass das Alter fortschreitet und man irgendwie anders über die Liebe und ihre Facetten und Ausprägungen denkt, vielleicht auch ohne das selber wirklich zu wollen oder zu merken.

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