Verlustangst und rohe Eier: Woher kommt die Angst vor dem Verlieben?

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Ein Text von Tori Ford.

Du sollst verliebt sein, haben sie gesagt, und du sollst es genießen. Dich fallen und treiben lassen. Leicht sein, sorglos und dich hingeben. Ich glaube, früher ging das, ganz früher, mit 16 oder so. Wenn du dich heutzutage so verliebt fühlst wie mit 16, debil in dein Handy grinst, weil der Liebste dir Kurznachrichten schreibt und ihr sechs Stunden lang durchtelefoniert habt, bin ich das auch: Leicht, sorglos. Für gewöhnlich so gefühlt fünf Minuten.

Solange bis mich meine Dämonen mal wieder besuchen kommen. Sich schwer auf meine Schultern stemmen und mir blöde Fragen stellen. Ob ich wirklich toll und sexy genug für diesen Menschen bin. Oder ob ich mir der Tatsache bewusst bin, dass ich es mit meiner Erwartungshaltung eh wieder versauen werde. So fiese Sachen eben, die einen piesacken und sich mit ihren Widerhaken in deine Hirnwindungen krallen. Denn wenn da wirklich jemand ist, der echt ist, der dich im Kern erschüttert, den du nach 30 Sekunden Getrenntsein vermisst, dann bist du verdammt nochmal so zerbrechlich wie ein rohes Ei.

Zweifelsohne gibt es diese Menschen, die auf einer Welle von Oxytocin und rosa Herzen dahinsegeln, ohne auch nur ein Wölkchen der Verlustangst am Himmel. Das sind die Menschen mit den halbvollen Gläsern, glaube ich. Die ich in solchen Situationen wirklich beneide. Die sich keine Gedanken um ungelegte Eier machen und im Hier und Jetzt den Moment genießen können.

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Immerhin weiß ich nach einigen inhaltlosen Dates, dass ich meine Seele nicht an den Dating-App-Teufel verkauft habe und noch alles fühlen kann. Das stimmt mich kurz glücklich. Ich weiß, dass Sex und Liebe sehr wohl trennbar sind und komme trotzdem zu dem Schluss, dass Liebessex am meisten Spaß macht – Single-Sex aber emotional viel leichter zu händeln ist.

Denn da wäre die Sache mit dem rohen Ei, in das du dich verwandelst, sobald du dich verliebst.

Zunächst ist es so: Du fühlst dich groß und stark und denkst, dieser Mann, der neben dir im Bett liegt, der an dem Penis dranhängt, kann dir emotional nichts anhaben. Du hast dein Herz trainiert und gerüstet, um im Zweifel cool zu sein für den Kernerschütterer. Falls der nochmal kommen sollte.

Pustekuchen. Wenn der kernige Erschütterungsmensch in dein Leben tritt und im Optimalfall genauso für dich fühlt, wie du für ihn, dann bist du auf einmal wieder 16 Jahre alt und stammelst nur noch komisches Zeug vor dich hin.

Natürlich ist das schön, und ich bin auch kein Mensch mit leeren Gläsern, aber ich habe, verdammt nochmal, Angst. Verlustangst. Selbstzweifel. Frage mich, ob es zu schön ist, um wahr zu sein. Bescheuert, sagt ihr? Na klar. Es fühlt sich nicht an, als wäre ich das. Ich, die selbstbewusste, coole, junge Frau, die eigentlich alles im Griff hat. Sondern mein kleines, schwaches Ich, das zu Schulzeiten gemobbt und in der Umkleidekabine vorm Sportunterricht beschimpft und beleidigt wurde.

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Ja, ich schiebe meine Unsicherheit in der Liebe gerade auf meine Kindheit, das fehlende Urvertrauen und auf Arschlochkinder, die gemein zu mir waren. Wo sollen die Ängste und Zweifel denn auch sonst herkommen? Und wo ist die Muckibude, um sich Stärke und Zuversicht für die neue Beziehung anzutrainieren? Oder die Wund- und Heilsalbe für gebrannte Kinder?

Wenn ihr fühlt, dass eure inneren Dämonen eure Fähigkeit zu lieben und Partnerschaften zu führen behindern, können Gespräche helfen. Ob nun mit Freunden oder einem Profi. Sprich: Warum nicht den Gang in die psychologischen Praxen dieser Welt wagen, um das Seelen- und Liebesheil einer Inspektion zu unterziehen? Andererseits kann es nicht schaden, sich mit Achtsamkeit zu beschäftigen und den Fokus auf das eigene Fühlen zu lenken. Um zu verstehen, wie wichtig es ist, dass der andere Mensch nicht zwingend all meine Erwartungen erfüllen muss. Und dass man selbst gut genug für eine neue Liebe ist. Dass man liebenswert ist.

Vielleicht kann man sich von seinen Dämonen nie komplett frei machen, aber man kann dieses gesunde Maß finden, von dem alle reden. Schon alleine, um Dinge zulassen zu können. Denn wenn wir aus Angst vorm Scheitern Dinge nicht zulassen können, die uns vielleicht auch wirklich glücklich machen können, laufen wir immer Gefahr, die richtig tollen Sachen zu verpassen.

Und das wäre meinem 16-jährigen Ich garantiert nicht passiert.

Fotos: Melanie Ziggel // Melanie Ziggel auf Instagram

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