„Vergewaltigung macht sexsüchtig“ – eine Lesermail und eine Ansage

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„Seid ihr in eurer Kindheit vergewaltigt worden, oder aus welchem Grund dreht sich bei euch alles nur um das Eine?“

Was stellt man mit einer Mail an, die so beginnt? Löschen und gar nicht erst weiterlesen? Weiterlesen und sich den Abend versauen lassen? Denn ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mich diese Frage, gestellt von einer jungen Frau, kalt ließe. Ich beschließe, weiterzulesen, auch auf die Gefahr hin, meine Entscheidung zu bereuen.

„Schlimm genug, dass zu viele Männer triebgesteuert sind, aber jetzt scheint es Trend zu sein, als Frau auf sexsüchtig zu machen. Echt peinlich. Und auch traurig. Danke, dass ihr, Mimi&Käthe, helft, die Welt kranker und sinnloser zu machen. Sex ist Liebe und keine billige Methode, frustrierte, gelangweilte Idioten zu unterhalten.“

Ich lese die Worte, schüttle den Kopf und lande doch wieder beim Anfang der Mail.

Vergewaltigung ist nicht witzig. Vergewaltigung in der Kindheit ist nicht witzig, ist kein catchy Opener für eine Diskussion, nicht mal für eine Hate Mail. Vergewaltigung ist keine smarte Möglichkeit, subtil darauf hinzuweisen, dass du mal einen NEON Artikel über die psychologischen Hintergründe der menschlichen Libido gelesen hast, Mailmädchen. SOOO hast du es ja gar nicht gemeint? Na dann.

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Zeit für eine Ansage. An alle, die glauben, andere wegen ihres Sex- und Liebeslebens verurteilen und be-shitstormen zu müssen. Ihr Würste. Foto: Ika Fan

„Seid ihr in eurer Kindheit vergewaltigt worden, oder aus welchem Grund dreht sich bei euch alles nur um das Eine?“

Frauen, die nur an „das Eine“ denken, denken vielleicht gar nicht nur an „das Eine“. Vielleicht denken sie nur öfter daran als du, Mailmädchen. Beides ist okay. Viel Bock auf Sex, wenig Bock auf Sex. Woher es kommt, viel oder wenig Lust zu haben, interessiert mich einen feuchten Kehricht, solange die Frau gut damit lebt. Frauen, die „Ficken mit allen Menschen, die mir gefallen“ zu ihren Lieblingshobbys zählen, sind toll. Frauen, die Sonntag-Morgen-Sex mit ihrem Partner lieben, sind toll. Frauen, die den Gedanken an körperliche Liebe am liebsten weit von sich schieben und sich dafür nicht rechtfertigen möchten, sind toll. Dasselbe gilt für Männer.

Was, wie oft und mit wem wir es treiben, geht dich, Mailgirl, einen Scheiß an. Back ’nen Kuchen, schwärz die Falschparker in deiner Nachbarschaft an, lern für deine Klausuren, tu irgendwas, aber hör auf, anderen mit deiner Neugierde, deiner Missgunst und deinen unqualifizierten Hobby-psychologischen Deutungen ihres Sexlebens die Zeit zu rauben.

„Schlimm genug, dass zu viele Männer triebgesteuert sind, aber jetzt scheint es Trend zu sein, als Frau auf sexsüchtig zu machen.“

Sexsüchtig. Triebgesteuert. Wobei Männer es sind und Frauen nur so tun. Auch Frauen haben Triebe, haben einen Sex Drive, wie Männer. Nur lag der lange Zeit brach, verborgen unter den verkrusteten Moralvorstellungen einer Gesellschaft, die die Lust der „Weibsbilder“ seit jeher als Gefahr betrachtet. Wenn „einen auf sexsüchtig machen“ also bedeutet, dass ich als Frau endlich lerne, selbstbestimmt meinen Körper und meinen Sex zu genießen und ohne schlechtes Gewissen all das zu tun, worauf ich Bock habe, dann lasse ich es mit Kusshand so stehen. Dann bin ich gerne schlimm genug.

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Wir kämpfen mitnichten gegen die Schreiberin der Hate-Mail. Sind uns sowohl als auch wumpe. Aber einen Faustkampf gegen Intoleranz liefern wir uns jederzeit. Mit Kusshand. Foto: Ika Fan

„Echt peinlich. Und auch traurig. Danke, dass ihr helft, die Welt kranker und sinnloser zu machen. Sex ist Liebe und keine billige Methode, frustrierte, gelangweilte Idioten zu unterhalten.“

Stimmt. Was könnte kranker und sinnloser sein, als guten Sex zu haben? Als genau zu wissen, was mir gut tut, mit wem ich es tun will und mit wem nicht? Als mir dessen bewusst zu sein, dass ich „JAJAJA!“ schreien und „NEIN!“ sagen kann, wann immer mir der Sinn danach steht, ohne mich entschuldigen oder rechtfertigen zu müssen? Was könnte kranker und sinnloser sein, als andere zu ermutigen, zu sich und ihrem Sex zu stehen? Was könnte kranker und sinnloser sein, als zu akzeptieren, dass Sex für die einen nur im Zusammenhang mit Liebe funktioniert, während andere Sex auch ohne Emotionen liebhaben? Was könnte kranker und sinnloser sein als Toleranz? Als Aufklärung?

Vielleicht hast du Recht. Vielleicht solltest du, Mailmädchen, bestimmen, was für uns gut ist. Was erlaubt sein sollte. Wann wir einer Frau „Hure“ auf die Stirn tätowieren. Ab welcher Anzahl von Sexpartnern wir Menschen aus den Dörfern und Städten jagen. Ob Vergewaltigung in der Kindheit eine okaye Entschuldigung für außer-partnerschaftlichen Verkehr ist oder ob wir doch andere Saiten aufziehen müssen.

Vielleicht sollten wir den Scheiß mit der Aufklärung lassen, denn da Sex unter deiner Herrschaft nur in monogamen Partnerschaften stattfände, wäre alles rein, normiert und wunderbar. Es gäbe schon bald keine Krankheiten mehr, keine Fragen, die wir uns stellen, keinen Missbrauch, keine Vergewaltigung, keine ungewollten Schwangerschaften, wozu also noch reden? Und diese amoralischen Triebe, diese Geilheit, die die viehischen, verdorbenen Exemplare der menschlichen Gattung hin und wieder überkommt, würden wir eintauschen gegen ordentliche Absprachen, wann und wie oft der Koitus in the name of love zu vollziehen ist. Die, die nicht spuren, stellen wir halt an den Pranger, bis sie es begriffen haben. Easy.

Oder?

Von wegen. Die Schmuddelkinder wollen nämlich nicht mit dir spielen, Mailmädchen. Deine Hass-Attitüde passt nicht zu uns.

Echt peinlich. Und auch traurig.

20 Comments

  1. Ylene

    24. November 2016 at 15:42

    Och jö, und wie genau hat dieses Mailmädchen euren Blog in den unendlichen Welten des Internets gefunden und warum weiss sie so genau, dass sich bei euch fast alles nur um ‚das eine‘ dreht? Da tut aber jemand gar scheinheilig. Aber immer das selbe: man kann selber nicht zu sich und seiner Sexualität stehen und erklärt dann als Kompensation alle anderen, die das sehr wohl können, als ‚krank‘. Erbärmlich.

  2. Mario T.

    30. November 2015 at 11:03

    Cooler Beitrag – danke!

  3. Angymaus

    1. Juli 2015 at 21:38

    Ich hatte damals bei der Überschrift echt erst gedacht das es ein „schlechter Scherz“ ist…hab weitergelesen und war echt geschockt das ein Mensch echt seine gequirlte Hirngrütze in eine Mail an euch stopft!
    Ich kenn ja so manche Anfeindung persönlich und staune immer wieder was sich andere Menschen (die ja angeblich soooo viiiieeeel Anstand besitzen) herausnehmen und shitstorm oder hateparolen verbreiten…
    Ich find es klasse das ihr das öffentlich gemacht habt und natürlich obermegaklasse wie die Antwort darauf ausfiel!!!
    Durch euren Blog denke und hoffe ich das sich ganz viele Mädels (und natürlich auch die lieben Männers) in ihrer freien Sexualität wohlfühlen und ausleben…bestärkt darin sind das es der richtige Weg ist mit Respekt seine Lust auf Sex (egal welche Form oder Vorlieben) auszuleben!!!

    Danke das es euch gibt!!
    Und hört bitte bitte nie auf mit eurem Blog!
    Nen janz lieben Muckel <3

    • Mimi

      Mimi

      2. Juli 2015 at 2:40

      du süße! 1000 dank <3 <3 <3

  4. Claudia

    28. Juni 2015 at 18:52

    So mag ich euch! <3

  5. Pingback: Autschn: Pay Day statt Popcorn Time - Mimi&Käthe

  6. Steffi

    10. Juni 2015 at 17:03

    „Frauen, die „Ficken mit allen Menschen, die mir gefallen“ zu ihren Lieblingshobbys zählen, sind toll. Frauen, die Sonntag-Morgen-Sex mit ihrem Partner lieben, sind toll. Frauen, die den Gedanken an körperliche Liebe am liebsten weit von sich schieben und sich dafür nicht rechtfertigen möchten, sind toll. Dasselbe gilt für Männer.“

    Das ist das pointierteste was ich zu dem Thema seit langem gelesen habe. Besser kann man eine Einforderung sexueller Toleranz nicht formulieren, mal abgesehen davon, dass ich den Absatz genauso sofort unterschreiben würde. Ganz großes Lob und <3 an die Autorin.

  7. Anne

    9. Juni 2015 at 14:32

    Liebes Mailmädchen,
    heutzutage ist Sex kein Tabuthema mehr! Es tut mir leid für dich, wenn dies an dir vorbei gegangen sein sollte. Frauen und Männer zu verurteilen, die ihr Sexleben genießen und ausleben, zeugt von Neid und Verklemmtheit.
    Vielleicht solltest du es auch mal probieren, mit deiner Freundin oder Partner darüber zu reden was du magst, wo du es magst, wie du es magst, dann klappts auch besser im Bett!
    Mimi&Käthe macht bitte weiter so!♡

  8. Fabienne

    8. Juni 2015 at 19:02

    Gut gebrüllt Löwe!
    Gerade dem Mailmädchen würde euer wundervoller Blog eigentlich ganz gut tun, ich befürchte nur, sie ist noch zu viel Newcomer auf dem Gebiet um mit eurem fortschrittlichen Schreibstil umgehen zu können. Aber vielleicht kennt ja jemand ’nen Blog in dem mit Bienchen- und Blümchen-Vokabeln erklärt wird, dass „wilde, schmutzige Liebe“ auch viel Spaß machen kann? :)
    Für mich hingegen macht ihr bitte genau so weiter wie bisher!

  9. JudgeDark

    8. Juni 2015 at 18:37

    Sex ist Liebe … man, wie altbacken ist das denn!?
    Jut … jeder so wie er mag, und wenn man meint, dass Sex nur mit Liebe geht, dann bitte. Aber wenn dann so eine frustrierte Kirchentussi (in diese Schublade möchte ich dieses Maildings mal stecken) deshalb Leute beleidigt und ihren Lebensweg als den einzig wahren ansieht, dann läuft da gehörig was falsch.
    Finde ich gut, dass ihr sowas hier zum Thema macht … und dazu ganz klar Stellung bezieht. Von solchen Meinungen muss und darf man sich so gar nichts annehmen; um so mehr Respekt an Euch, dass ihr diese unqualifizierte Bemerkung so offen kommentiert.

  10. Luna

    8. Juni 2015 at 16:47

    @Sarah: und außerdem „Darüber solltet ihr mal schreiben!“ – schreib doch selber, wenns dir wichtig ist.

    Außerdem hat Vergewaltigung NICHTS mit eigentlichem Sex zu tun, sondern mit Machtgefälle und Grenzüberschreitungen.

    So long, beste Grüße

  11. Betty

    8. Juni 2015 at 16:05

    Wir wünschen uns Gleichheit und dann gibt es selbst Frauen, die uns immer wieder in diese eine Rolle regelrecht reinquetschen? Wo kommen wir da hin? Ich hab Sex mit wem ich will, wann ich es will und wie oft. Das ist mein eigenes Ding. Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß sich an alten Verhaltensmustern zu klammern. Das Leben könnte so viel entspannter sein, wenn man sich nicht an so einem Konservatismus halten würde.
    In diesem Sinne: Guten Tag und vielen Dank an euch, Mimi und Käthe, ihr sprecht mir aus der Seele!

  12. Claudia

    8. Juni 2015 at 15:13

    Schönes Statement auf so eine E-Mail. Wobei mir „Mailmädchen“ auch ein bisschen Leid tut. Offensichtlich hat sie kaum Bezug zu ihrem Körper und scheint ihn auch nicht so sonderlich lustvoll zu erleben. Das finde ich schon schade und macht mich auch ein bisschen traurig.

    Ich finde auch, jede(r) darf die Libido haben, die er/sie hat. Deswegen finde ich es schön, dass ihr darauf reagiert!

  13. Sarah

    8. Juni 2015 at 8:29

    Hey es wäre in der Tat möglich, allein durch Medienbilder in der Kindheit unbewusst sexualisiert worden zu sein, dh auf spätere „Sexsucht“ getriggert worden zu sein (damit man mental in den „niederen“ Gefilden der Leidenschaften verharrt). Wie das gehen soll: gib mal zB „sex symbols in child movies“ in eine Suchmaschine ein…leider sind in ganz vielen Kindersendungen (Disney usw) sexualisierende Zeichen versteckt (Bsp Titelbild Kleine Meerjungfrau). Diese wirken aufs Unterbewusste. Bin gespannt was ihr, Mailmädchen und Mimi&Käthe dazu sagt. DARÜBER solltet ihr mal bitte schreiben!

    • Mimi

      Mimi

      8. Juni 2015 at 9:02

      nope, sorry. ich werde zu dem thema nichts schreiben, da ich es für nicht relevant halte. überall findest du mal mehr, mal weniger versteckte sexualisierte symbole, das ist ja kein hexenwerk. infolgedessen müsstest du eben nicht nur disney filme untersuchen, sondern auch märchen, kinderfilme generell, kinderbücher, spielzeug etc. zu viel aufwand für ein thema, das ich persönlich nicht wichtig genug finde. davon ab: wenn man etwas finden will, findet man es auch. die kritik an diesen dingen kommt auch nicht von objektiver seite, sondern ist klare meinungsmacher m.e. das ist nicht meins.
      zudem sollte zu so einem thema jemand mit fachlichem background, sprich ein Psychologe o.ä. befragt werden, nicht wir oder die mailschreiberin, der es im übrigen keinesfalls um eine diskussion über die herkunft sexueller verhaltensweisen ging, sondern darum, uns zu beleidigen und alle zu haten, die sex mit wechselnden partnern haben (ich habe nur den ersten teil des mailverlaufs zitiert, die beleidigenden parts kamen später :) ). whatever: die trulla ist jetzt abgefrühstückt :)
      dank dir dennoch für dein interesse.

      • Sokrates Schmitt

        3. Juli 2015 at 0:40

        Hey Sarah,
        Hier ein kurzer Ausblick auf den aktuellen Stand der psychologischen Forschung zu dem Thema.
        Was Du beschreibst, haben wir vermutlich alle in Fight Club gesehen/gelesen… die Standbilder aus Roger Rabbit und dem König der Löwen sind auch weitgehend bekannt und in den 60ern hat die Werbung kurzzeiig versucht, mit dieser Methode Kunden zu manipulieren.
        Warum es seit dem keine Rolle mehr spielt? Nun, es funktioniert nicht! Der entscheidende Unterschied: Es ist möglich, Menschen in geringem Maße zu beeinflussen. Dies bezieht sich aber ausschliesslich auf Dinge, die bereits im Kopf abgespeichert sind. Es ist nicht möglich, Dir neue Gedanken „einzupflanzen“, die womöglich auch noch Deiner Überzeugung oder Deinem Naturell widersprechen.
        Dass also Sexsucht „getriggert“ wird funktioniert nur bei denen (wenn überhaupt durch so unklare Signale wie in den 2 Disneyfilmen), die schon eine Sexsucht entwickelt haben.
        Und auch dann nicht im Sinne eines Aufziehäffchens, dass unkontrolliert mit der Selbstbespielung beginnt, sondern eher durch eine allgemeine Aufmerksamkeitsverschiebung auf z.B. Sex.

        Die „ganz vielen“ Kindersendungen, in denen das auftreten, sind mir daneben auch neu. Was nicht neu ist, wären besorgte Elternvertreter, die in einer sprechenden Plüschgurke eine Phallusfigur entdecken und sie zum Schutz Ihrer Kinder verbieten möchten.
        Um den Gedanken von oben auf dieses Beispiel anzuwenden: Nur weil die Eltern einen Phallus sehen, heisst das nicht, dass das Kind dasselbe sieht oder gar darauf „genormt“ wird. In der kindlichen Phantasie ist es nichts weiter als eine sprechende Gurke.
        Grüsse von einem Psychologiestudenten und ich mach mir jetzt nen Salat^^

        P.S. Falls Interesse an einer Studie zum Thema besteht http://psycnet.apa.org/journals/xlm/26/2/441/

  14. das stanzerl

    8. Juni 2015 at 7:29

    Großartige Klatsche zurück! Danke!

  15. Suzy

    8. Juni 2015 at 6:55

    Ich ❤️ euch!

  16. Karina

    8. Juni 2015 at 2:58

    Ihr habt es auf den Punkt gebracht!

  17. peter

    8. Juni 2015 at 0:02

    Für solche Replys liebe ich Euch!

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