Ich verdiene Liebe – fuck you, Vergangenheit

By  |  0 Comments

Ein Text von Julian König.

Beziehungen sind prägend für uns. Wir öffnen uns einem Menschen, lassen ihn so nah an uns ran, dass wir emotional fast blank dastehen. Freundschaften sind nah, Boyfriends und Girlfriends sind näher. Mir persönlich fallen Beziehungen schwer – so richtig nahe Beziehungen. Dafür gibt es einen Grund, eigentlich zwei Gründe: Die ersten beiden Bindungen meines Lebens.

Für ein Kind sind die ersten Bindungen die zu seinen Eltern – Mutter und Vater in der Regel. Und genau diese Beziehungen prägen uns für den Rest unseres Lebens. Man sagt nicht umsonst: „Wir werden wie unsere Eltern.“ In meinem Fall muss ich sagen: Gott bewahre!

Vergangenheit1_FabianBlaschke

Aber mal kurz zum Anlass dieses Textes: Kürzlich veröffentlichte Kesha ihre neue Single „Praying“. Ich mochte Kesha schon immer. Damals schon, als sie sich mit schlechtem Sprech-Gesang und Suff-Songs präsentierte. Immerhin konnte ich bei ihren Liedern in Münsters Diskos mitgröhlen und fühlte mich super wild. Das war mein Leben – Party und Rebellion. Nur wusste ich gar nicht, wogegen ich da anging und weshalb ich mich eigentlich so machtlos fühlte. Heute ist es Keshas Song „Praying“. Eine Wahnsinns-Ballade, die mich berührt, wie schon lange kein Song mehr.

„You brought the flames and you put me through hell
I had to learn how to fight for myself
And we both know all the truth I could tell
I‘ll just say this is I wish you farewell“

Es ist schon fast peinlich, aber beim Video heule ich tatsächlich jedes Mal. Die raue Wut, diese raue Trauer, die sie da einfach rauslässt. Dazu muss man wissen: Kesha wurde, nach eigenen Aussagen, von ihrem Produzenten Dr. Luke emotional und sexuell misshandelt. Die Sängerin musste sich lange zurückhalten, bis sie nun endlich neue Musik veröffentlichten durfte. Dabei geht es um Vergebung, ein Stück um Rache und um ganz viel Wut und Traurigkeit.

„I hope you’re somewhere prayin’, prayin’
I hope your soul is changin’, changin’
I hope you find your peace
Falling on your knees, prayin’“

Wut und Traurigkeit – die zwei Emotionen, die in unserer Gesellschaft so verpönt sind. Die Gefühle, die mir meine Eltern in der Vergangenheit so oft verwehrt haben. Es gab bei mir zu Hause immer wieder Konsequenzen, wenn ich etwas rausließ, das meiner Mutter missfiel. Mein Vater hingegen war nie da. Und wenn, dann kam er zu spät. Oft jedoch gar nicht.

Da war die Mutter, die mich als ihre Marionette benutzte, die auf ihren eigenen Nutzen aus war. Kalt. Zerstörerisch. Ich hatte Angst vor ihr. Und dann der Vater. Nie da, unerreichbar, so fern. Dabei hätte ich ihn doch so sehr gebraucht. Jeder Abschied von ihm fühlte sich so endgültig an.

Und so ist es auch heute: Ich habe diese angestauten Emotionen nie verarbeitet. Stattdessen musste ich sie wegdrücken, um irgendwie zu überleben und nicht unterzugehen. Der Kampf gegen die Dämonen.

Vergangenheit4_FabianBlaschke

Heute sind sie wieder da. Wenn ich mich an Beziehungen wage, wenn ich da jemanden habe, den ich wirklich mag … Dann passieren Dinge, die nicht in meiner Kontrolle liegen und die mich zum Verzweifeln bringen. In solchen Momenten reagiere ich heftig. In der Regel schießen Tränen aus mir heraus, und ich fühle mich so ausgeliefert und hoffnungslos. Dabei ist zum Beispiel ein viermonatiger Auslandsaufenthalt meines Liebsten gar nicht so wild. Wer sagt denn, dass es schiefgeht? Wer sagt, dass er mir weh tun wird? „Ey, genieß doch noch die Zeit, die ihr noch habt“, sagen meine Freunde. „Fick dich“, denke ich mir und fühle die Verzweiflung und diese unglaubliche Angst. Es fühlt sich wieder nach einem endgültigen Abschied an. Ich fühle mich wie in der Vergangenheit: ausgeliefert. Umzüge, abgegebene Tiere, erneute Umzüge, verlorene Freundschaften, der Kampf der Eltern – alles Gründe für mein Empfinden.

Dabei muss es nicht so sein. Ich muss meine Gefühle aufräumen. Die Vergangenheit verarbeiten, Gefühle aushalten und sortieren. Nicht so einfach, aber lohnenswert. Ich möchte nämlich etwas anderes, als meine Eltern hatten. Ich möchte eine stabile und glückliche Beziehung. Ehrlichkeit. Vertrauen. Loyalität. Dafür muss ich aber erst mit mir im Reinen sein.

Um es mit Keshas Worten zu sagen:

„I’m proud of who I am
No more monsters, I can breathe again
And you said that I was done
Well, you were wrong and now the best is yet to come
’Cause I can make it on my own
And I don’t need you, I found a strength I’ve never known
I’ll bring thunder, I’ll bring rain,
When I’m finished, they won’t even know your name“

Denn letzen Endes bin ich stärker als meine Dämonen. Ich erkenne sie. Ich kämpfe gegen sie an. Fickt euch alle, ich schaffe das! Ich habe Liebe verdient, und ich werde sie verdammt nochmal bekommen.

Fotos: Fabian Blaschke

Vergangenheit2_FabianBlaschke

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *