Venus 2017 – This is not a Freak Show

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Ein Text von Mimi Erhardt.

Seit fast zehn Jahren bin ich zu Gast bei der VENUS, der weltweit größten Erotikmesse. Als ich zum ersten Mal schüchtern durch die Hallen tapste, war alles anders als heute, größer, glamouröser, sexier. Es gab es noch echte Pornostars, mein inzwischen verstorbener Freund Harry S. Morgan kotzte sich über 3D-Pornos aus, die Partys waren wilder mit mehr Sex und Rausch und weniger Business als heute.

Es gibt auf der VENUS nichts, was ich noch nicht gesehen hätte, und inzwischen gehe ich in erster Linie hin, um meine Freunde aus der Sex-Branche zu treffen, um mit ihnen zu hängen, mögliche Projekte zu besprechen oder mich einfach von ihnen betüddeln zu lassen.

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Lullu Gun und Jason Steel gehören zur Mimi&Käthe Familie, und wir lieben sie sehr <3

So auch in diesem Jahr. Vom 12. bis 15. Oktober fand die VENUS wieder in den Messehallen unterm Berliner Funkturm statt, lockte Erotik-Begeisterte und Fans des kinky Lifestyles mit Camgirls zum Anfassen, mit Bondage-Shows, Dildo-Ständen und ziemlich heißen Performances schöner Damen. Vor den Bühnen immer wieder gaffende Herren mit Kameras auf Selfiesticks, um einen NOCH intimeren Einblick unter die Röckchen der Hostessen und Tänzerinnen zu ergattern. In den Gängen zahllose Menschen in Kostümen, die den Blick auf nackte Haut und nicht immer perfekte Körper freigaben.

Bis hierhin nicht spektakulär. VENUS halt. Familientreffen, Anlaufstelle für alle, denen Sex wirklich etwas bedeutet, die Fetische haben, von denen viele noch nie etwas gehört haben, die sich monatelang auf „ihr“ Event freuen und ihre Outfits minutiös planen, designen, dafür sparen.

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Das, was mir in diesem Jahr so gar nicht passte, passierte denn auch nicht auf der Erotikmesse, sondern vielmehr drum herum. Auf Instagram, Facebook und Twitter ließen sich Messebesucher immer wieder über die „Freaks“ aus, die sich mit ihren Kostümierungen nur lächerlich machen würden. In Instagram Storys wurde unverhohlen auf alle draufgehalten, die nicht 23, perfekt gebaut und sexueller Durchschnitt sind, sondern die ihre Fetische einmal im Jahr zelebrieren und die darauf scheißen, dass sie Kleidergröße 46 und Cellulite am Arsch haben. Menschen, die gemeinsam mit ihrem Partner nach Berlin gekommen waren, vielleicht auch allein oder mit Gleichgesinnten, um ihr Anderssein zu feiern, wurden wieder und wieder zum Gespött der hippen Social-Media-Elite gemacht.

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Die Porno-Boys: Darsteller Pint Eastwood (l.) und Regisseur Tim Grenzwert

Und ich denke mir: Die Freaks seid ihr, ihr Insta-Bullys. Wer es nötig hat, sich öffentlich über Menschen lustig zu machen, die anders sind, älter, dicker, dünner, versauter, hemmungsloser als ihr verkniffenen Wannabe-Influencer, der sollte am besten zu Hause bleiben. Überlasst Events wie die VENUS uns, den Freaks, die Worte wie „Reizstrom-Toy“, „Analplug“ und „Windelfetisch“ laut aussprechen können, ohne sich anschließend den Mund auswaschen zu wollen, weil DAS ja dann doch „biiisschen eeeklig“ ist.

Zum Abschied wünsche ich euch noch etwas. Nämlich die Toleranz und Offenheit der Menschen, über die ihr euch lustig macht.

Fotos: Anneliese Moder // Anneliese Moder bei Facebook

6 Comments

  1. Valeria

    19. November 2017 at 18:58

    Liebe Mimi , ich liebe Fetisch Gelüste und was sonst noch dazu gehört . Wen wundert es , ich arbeitete jahrelang als Fetischlady und Domina in der Schweiz . Musste das Geschöft aufgeben , Luft raus . Auch bei den Klienten . Ich möchte nicht die Erfahrungen missen denn die Fetisch & SM Liebhaber waren mir einfach am Abgenehnsten , Klügsten und Respektvollsten . Und zu meiner Freude stelle ich fest das immer mehr Menschen sich getrauen sexuell authentisch und wahrhaftig auszutoben .

  2. Rheintochter Esme

    13. November 2017 at 0:16

    Aaargh, mir platzt der Hals bei Leuten, die über „unperfekte“ Menschen lästern!! Leider gibt es das dank Internetanonymität immer mehr, und ich bin hin- und hergerissen zwischen Raserei und Zornestränen. Gerade in der Fetisch-Szene habe ich so wundervolle, offene und vor allem TOLERANTE Menschen treffen dürfen, dass mir solche Lästermäuler doppelt sauer aufstoßen. Danke, Mimi, Du hast mal wieder genau die richtigen Worte gefunden. <3
    Liebe vom Rhein, fur Mimi und alle "Freaks" da draußen!

    • Mimi

      Mimi

      13. November 2017 at 14:32

      Awee mein Herz, ich danke dir :) Du Süßbert hast so Recht!

  3. Martin 😁😘

    24. Oktober 2017 at 12:06

    Nächstes Jahr nimmst mich mit ;)

    Wird Mal wieder Zeit für ein Treffen!

    Rostock wartet auf dich

  4. JudgeDark

    20. Oktober 2017 at 16:49

    Und … wie hat sich der Gumminippel angefühlt?! ;)

    Ich finde es richtig, dass man genau auf die sich oftmals in der Anonymität versteckenden Social-Media-Vögel mit dem Finger zeigt, denn sie müssen sich bei ihrer Kritik verstecken und sind oftmals wahrscheinlich nur neidisch, dass es Menschen gibt, die frei mit ihrer Sexualität umgehen können. Man muss nicht alles mögen was andere machen, aber man kann es wenigstens tollerieren, solange es nicht verboten ist.

    • Mimi

      Mimi

      21. Oktober 2017 at 3:33

      Du sprichst mir aus der Seele, Herr Richter! Alles Liebste aus Berlin :)

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