Was heißt hier „typisch Mädchen“ – Girls will be girls

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Ein Text von Mimi Erhardt.

Ich bin ein Instagram Addict. Facebook stresst mich, aus Tumblr bin ich herausgewachsen, und Snapchat schnall ich nicht. Als ich neulich durch meinen Insta News Feed schweifte, blieb mein Blick an diesem Post der wunderbaren Victoria Van Violence hängen:

This is it: Es ist egal ob mensch sich gerne schminkt oder eben nicht. Ob mensch gerne Pop oder Punk hört, rosa mag oder hasst. Jeder Mensch sollte das Recht haben selbstbestimmt zu entscheiden, daher würde ich das oben gezeigte Bild auf kein bestimmtes Geschlecht beziehen wollen (obwohl die aktuelle Debatte immer wieder in diese Richtung geht, leider). Häufig werden in Debatten um das Thema Feminismus Menschen ausgeschlossen oder an den Pranger gestellt ('die sind Schuld, dass die Emanzipation nicht voran geht'). Totaler Quatsch. Problem ist vor allem, dass wir bestimmte Bereiche immer noch nach Geschlecht sortieren. 'Typisch Frau' und 'typisch Mann' sollten der Vergangenheit angehören. Jede*r sollen sich schminken dürfen und rosa tragen und genauso soll sich jede*r in 'Muckibuden', auf Autotreffs oder im Fussballstadion frei bewegen können. #equality

A photo posted by Victoria van Violence (@victoriavanviolence) on

„Andere Mädchen“, heißt es da, „tragen Pink, kaufen Badebomben und hören Popmusik. Und ich? Respektiere das, da alle Mädchen das Recht haben, das zu mögen, was ihnen gefällt – ohne sich dafür schämen zu müssen.“

Oh wie mega, dachte ich und gab sowohl Victoria fürs Posten als auch der unbekannten Verfasserin dieser so unscheinbar wirkenden Worte ein Gedanken-High-Five.

Ihr müsst wissen, dass ich, seitdem ich eine kleine Mimi war, am liebsten mit Jungs abhänge. Oder mit Mädchen, die mir ähneln: Immer etwas derber, immer etwas seltsamer als die anderen Girls. Nie die Puppe, immer der Bauarbeiter. Die Jungs akzeptierten mich stets als eine der ihren, weil ich nicht heulte, wenn ich mich beim Baumbuden-Bauen auf die Schnauze legte. Weil es mich nicht kümmerte, wenn ich meine neue Jeans beim Spielen im Schlamm vollsaute. Weil ich die Meisterin im Fantasy-Karate war und jedem aufs Maul haute, der unserer Gang etwas anhaben wollte. Gleichzeitig träumte ich von einem weißen Islandpony mit einer weichen, rosa Nase, das ich Milka taufen wollte. Ich liebte alles, was pink oder pastellig war, nähte Kleider für meine Barbies, und mein Lieblingsfilm war Drei Nüsse für Aschenbrödel.

Dass das eine mit dem anderen unvereinbar sein könnte, daran dachte ich nicht mal im Traum. Die Erkenntnis traf mich sehr viel später. Als ich mich auf dem Gymnasium mit den coolen Kids aus der Raucherecke anfreundete, begriff ich sehr schnell, dass meine mädchenhafte Seite, die, die sich für Mode interessierte, für süße Boys und – noch immer – alles in Rosa, Pink und Pastell, in diesem Umfeld nicht angesagt war.

„Du bist sooo ein Mädchen“, sagte meine Freundin Sassa in abfälligem Tonfall zu mir, nachdem ich ihr mein erstes Paar High Heels gezeigt hatte, hart erarbeitet und mit Herzklopfen gekauft. Sassa betrachtete die Schuhe, rümpfte die Nase und sagte: „Tussischeiße, moah. So peinlich.“ Am nächsten Tag tauschte ich die High Heels gegen ein Paar Doc Martens ein.

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Mimi – kann Stunden vor dem Spiegel verbringen UND beim Fußballspiel pöbeln wie zehn Matrosen.

Ich begann, all das, was mir einst so gefallen hatte, zu verabscheuen, lachte über die Mädchen mit den Perlenohrringen, über die Girls, die den Jungs kokette Sprüche schickten und darüber plauderten, was sie zum Tanzschulball tragen würden. Dumme Weiber, dumme Weiberklischees. Ich war zum Glück anders. Soff Bier und Schnaps mit den Dudes, hörte HipHop und Grunge statt Popmusik. Wenn ich mich schminkte, dann nicht, um hübscher zu sein. Ich schminkte mich, um ein Statement zu setzen. Oder zwei, mir egal.

Nicht, dass mir all das schwer fiel oder ich mich verstellt hätte. Ich liebte Bier, Schnaps, HipHop, Grunge, meine rabenschwarzen Kajalaugen und das Abhängen mit meinen Freunden. Aber manchmal vermisste ich meine andere Seite, die, die meine Freundinnen wie Sassa so peinlich fanden.

Inzwischen sind viele Jahre ins Land gegangen. Ich bin mit mir im Reinen, finde sowohl meine boyische, als auch meine girly Lady-Seite wundervoll. Weil beides sich ergänzt und zu mir gehört. Je zufriedener ich jedoch mit mir bin, desto mehr ärgert es mich, andere abfällig über die Mädchen und Frauen reden zu hören, die Glitzer, Babykatzen und Traumhochzeiten lieben. Die lachen und diese Vorlieben mit schnippischen Aussprüchen wie „Das ist doch was für Mädchen“ kommentieren. Die Bier trinken, weil sie glauben, es mache sie zu einem besseren, cooleren Menschen als die Frauen, die Sektchen und Cocktails mit bekloppten Namen lieben.

Besser, cooler – das bedeutet in diesem Fall: Nicht weiblich. Beziehungsweise kategorisch das ablehnen und belächeln, was gemeinhin als weiblich gilt. Besser und cooler ist für diese Menschen das, was Medien und Gesellschaft als männlich erachten. Männlich gleich cool, stark. Weiblich gleich schwach, verweichlicht.

Normalerweise interessiert es mich einen feuchten Furz, was andere mögen, was sie cool finden und was beschissen und über was sie sie sich im Kreise ihre Freunde lustig machen. Das aber, was ich an diesem Abwerten als weiblich geltender Eigenschaften so traurig finde, ist, dass die, die abwerten, keinesfalls Männer sind. Sondern Frauen und Mädchen.

Und ich frage mich: Warum schießen wir uns selbst ins Bein, Freundinnen? Warum machen wir uns selbst schlecht? Warum reglementieren wir unsere Weiblichkeit, anstatt sie in all ihrer Vielfalt zu feiern? Warum machen wir uns über Mädchen und Frauen lustig, die zu ihrer Vorliebe für RomComs und Fifty Shades Of Grey stehen? Warum ahmen wir zwecks vermeintlicher Coolness ein stereotypes Männerideal nach, das genau so blöde ist wie der Spruch „Peinlich, du bist so ein Mädchen“? Übrigens limitieren wir mit dieser Haltung auch unser Männerbild. Wer sagt, dass jeder Typ rülpst und furzt wie ein Berserker, acht Kilo Wurst pro Tag fressen kann und seine Freizeit am liebsten in der Kurve im Fußballstadion oder im Baumarkt verbringt? Mit dieser kurzsichtigen, ignoranten Haltung supporten wir die, die Männer, die eben nicht diesem Bild entsprechen, als „schwul“ und „weird“ beschimpfen.

Typisch männlich, typisch weiblich – warum limitieren und reglementieren wir uns anhand gesellschaftlicher Standards, die unsere Ahnen vor Jahrhunderten in einer Bierlaune festgesetzt haben? Fragt sich Mimi, typisch männlich-weiblich-vor-allem-aber-sie-selbst.

Typisch männlich, typisch weiblich – warum limitieren und reglementieren wir uns anhand gesellschaftlicher Standards, die unsere Ahnen vor Jahrhunderten in einer Bierlaune festgesetzt haben? Fragt sich Mimi, typisch männlich-weiblich-vor-allem-aber-typisch-Mimsen.

Warum können wir nicht offener sein und andere genauso toll finden, wie sie nun einmal sind? Frauen, die Balayage-Strähnchen und Overknees lieben, Frauen, die sich nicht schminken und in der Kneipe alle beim Dart abziehen? Frauen, die beides oder weder noch sind? Dasselbe gilt für Männer: Jungs, willkommen, ob ihr nun Typ bärtiger Heimwerkerkönig oder androgyner Prinz mit Schminke-Diplom seid oder beides oder ganz was anderes.

Was ich sagen will: Es ist nicht mehr 1957, sondern fast 2017. Nichts von dem, was uns froh macht und das uns wichtig ist, ist „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“. Diese Kategorien sollten schon lange ausgedient haben. Wir haben das Glück, hier und jetzt zu leben und darum alle Optionen zu haben. Wir sind in erster Linie individuelle Wesen, Menschen. Wir sind nicht der Abklatsch eines Bildes, das vor Jahrhunderten gezeichnet wurde, weil man es nicht besser wusste, und nach dem sich Frauen ausschließlich für Heim und Herd interessieren und Männer nichts weiter als triebgesteuerte Affen mit Hut und Aktenkoffer sind.  Oder anders: Niemand sollte sich für seine Vorlieben und Abneigungen schämen müssen.

Vor allem aber ist nichts, was wir – leider – noch immer als „typisch weiblich“ erachten, peinlich, da vermeintlich schwach. Genauso wenig, wie Männer per se egoistisch oder immer stark sind, wie man es uns noch immer weismachen will. Ein girly girl ist nicht uncooler als ein Tomboy, ein Junge, der Musicals liebt, ist genauso cool wie dein Dad, wenn er im Sommer die Steaks auf den Grill knallt.

Hinterfragen, nicht verurteilen, nicht blöde nachplappern. Für echte Selbstbestimmung und echte Gleichberechtigung. Ihr wollt es doch auch.

Fotos: Sarahlikesprettygirls // Sarahlikesprettygirls bei Facebook <3

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  6. Thomas

    21. Dezember 2016 at 10:24

    Hat eigentlich schon mal jemand darüber nachgedacht, zwecks Gleichberechtigung Männern Glitzer und Mode und Sektchen zu zeigen? Würde das nicht stärkere Tabus brechen als Frauen zu Macht und Technik zu nötigen?

    • Mimi

      Mimi

      21. Dezember 2016 at 21:13

      Wer nötigt hier wen? Wir und ich definitiv niemanden. Wir ermutigen. Auch in diesem Artikel. Und nicht nur Mädchen und Frauen zu mehr Stärke und Selbstbewusstsein, sondern eben auch Männer, die nicht dem leider noch immer geltenden Standard entsprechen. Aber es steht alles im Text, lies doch nochmal rein. Peace out.

  7. JudgeDark

    19. Dezember 2016 at 20:24

    Ich muss zugeben, dass ich nicht sonderlich literarisch belesen bin, aber hier fällt mir spontan folgendes Zitat von Konrad Adenauer ein, der war seiner Zeit finde ich ein ganzes Stück weit voraus:

    „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“

    Ich sage immer, leben und leben lassen … jeder soll so glücklich werden wie er möchte, sofern nicht andere darunter leiden müssen. Leider gibt es viel zu viele, die meinen Menschen wegen ihrer Art in die eine oder andere Schublade stecken zu müssen und dadurch schränken sie sich in meinen Augen nur selber ein.

    Schön geschrieben … hail to the Mimi-King! ;)

    • Mimi

      Mimi

      19. Dezember 2016 at 22:04

      Aaaach du Herz :) Ich danke dir. Sag mir Bescheid, wenn du mal nach Berlin kommst, wird ja mal Zeit :D

      • JudgeDark

        20. Dezember 2016 at 19:11

        Das werde ich tun … da kannst dich drauf verlassen. ;)

  8. Rheintochter Esme

    18. Dezember 2016 at 19:13

    Dazu habe ich nur eines zu sagen: WORD! Ganz genau so isses und nicht anders! Komm, lass uns ein Baumhaus bauen und es mit pinker Glitzerfarbe anstreichen, auf die wir eine grimmige Piratenflagge malen. Dort trinken wir dann Bier aus Champagnerflöten oder Champagner aus Bierhumpen, flechten einander Zöpfe und fluchen dabei um die Wette. Oder sowas in der Art. <3

    Janz viel LIEBE vom Rhein, Bébéh! <3

    • Mimi

      Mimi

      18. Dezember 2016 at 20:51

      Ja, liebstes Bébé <3 So viel Liebe zurück😌

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