Vom Betrügen, von der Treue und all den scheiß Erwartungen

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Ein Text von Tori Ford.

Die Sonne knallte, das Wetter und die Umstände, in denen sie steckten, schrien nach gekühlten, alkoholischen Getränken. Es war das zweite Mal, dass die beiden sich „so“ trafen, und die Aufregung war deutlich spürbar. Sie schlug in Erregung um, als er sie zur Begrüßung mit einem Ruck an sich zog und sie leidenschaftlich küsste. Beim Bezahlen im Getränkemarkt fragte die Kassiererin: „Sammeln Sie Treuepunkte“? Sie schauten sich an und mussten lachen. Nein, sie sammelten ganz sicher keine Treuepunkte.

Sie würden wieder an diesen See fahren, dorthin, wo sie es das letzte Mal schon getrieben und ihre Partner damit betrogen hatten. Aber es war einfach zu geil und zu sehr wie im Film, um es nicht wieder zu tun. Alles begann wie in einem triefenden Kitschroman – unter Sternen im Nieselregen und endete damit, dass sie gegen das Auto gelehnt da stand, er hinter ihr. Diese Momente gaben ihnen all das, wonach sie sich so lange gesehnt hatten.

Das ging eine Weile so.

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Irgendwann kamen Fragen auf, wie immer, wenn der Sex über eine einmalige Sache hinausgeht. Sie dachte darüber nach, warum sie schon wieder untreu geworden war und ob nicht endlich mal der Mann kommen würde, der machte, dass sie treu sein, treu bleiben wollte. Ob so etwas überhaupt existierte, fragte sie sich. Treue. Das große Geheimnis, das eine monogame Beziehung am Laufen hält.

Er dachte darüber nach, wie lange seine Frau aufgrund ihres Übergewichts schon nicht mehr auf ihm gesessen hatte und war dabei, sich in seine Affäre zu verlieben.

Ende der Geschichte. Oder? Mein Name ist Tori Ford, und ich versuche herauszufinden, was es mit dieser Treue auf sich hat.

Ein Freund erzählte mir kürzlich, dass er sich regelmäßig mit Sexting über Wasser hält, um den Sex-Mangel in seiner 20-jährigen Ehe auszugleichen. Sie will nicht so oft wie er, also stürzt er sich in aufregende Kurznachrichten mit anderen Frauen. Hieß das nicht früher mal Cybersex?

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Wo fängt ein Seitensprung an, und wo hört er auf? Wenn man es genau nimmt, beginnt es doch schon mit der ersten versauten Nachricht. Vielleicht sogar schon beim ersten Flirt oder in der Sekunde, in der du einem anderen deine Nummer gibst. Was, wenn wir all das aufgeben, um das mit der hundertprozentigen Treue durchzuziehen? Ist das gut oder verleugnen wir uns dabei selbst? Gibt es den einen Menschen, der all unsere Erwartungen erfüllt? Wie viele Kompromisse sind einer zu viel?

Wie viele Paare gibt es, bei denen das mit der Treue funktioniert? Die nie nach links oder rechts schauen? Wir kennen es alle, dieses eine Paar im Freundeskreis, das den Gedanken an die „wahre“ Liebe in uns aufrecht erhält, weil es bei ihnen immer so scheiß perfekt läuft. Und dann macht plötzlich einer von beiden Schluss – weil der andere ihn betrogen hat. Und alle sind geschockt. Von wegen Treue. Ich denke, die Anzahl der Leichen im Keller ist bei den meisten viel höher, als wir denken. Das Betrügen ist so alt wie die Menschheit und genauso allgegenwärtig.

Aber irgendwann, wenn die Geilheit von uns abgefallen ist und die Erinnerungen an das letzte Mal verblassen, schaltet sich das Gewissen ein. Bei vielen wenigstens. Und wir fragen uns: Sage ich es meinem Partner oder wäre das zu egoistisch, da reine Gewissenserleichterung? Muss ich mich jetzt trennen? Was ist, wenn er es rausfindet, bevor ich gebeichtet habe? Nun, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Nur so viel: Wer in seiner Beziehung glücklich ist, geht selten fremd.

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Vielleicht ist das mit der Treue und der Untreue wie mit dem berühmten Baum im Wald. Wenn er umfällt, macht er dann ein Geräusch? Na klar macht er das. Nur, weil niemand das Geräusch hört, macht es die Tatsache nicht ungeschehen, dass da gerade ein Baum umgefallen ist. Nur, weil außer uns und dem anderen niemand von dem Betrug weiß, macht es die Tatsache nicht ungeschehen, dass wir fremdgegangen sind. Da können wir uns so viele Treupunkte in unser Treuepunkte-Heft kleben, bis unsere Finger wund sind. Ansonsten könnten wir uns auch das alte Hausmittel meiner Oma, die Verdrängung, zu Hilfe nehmen. Was dich zwar nicht davor schützt, es wieder zu tun, aber Verdrängen hilft, das Geschehene ein bisschen weniger präsent zu machen, damit es nicht so weh tut.

Am Ende aber bringt Verdrängen selten was. Womöglich machen wir uns selbst und unserem Partner etwas vor, entfernen uns mit jedem Seitensprung, jeder Sextingnachricht und jedem heimlichen Anruf mehr voneinander.

Ich kann euch kein Patentrezept geben für den Fall, dass ihr euren Partner betrogen habt. Nur dies vorschlagen: Zieht Vergleiche, denkt nach, analysiert. Und seid irgendwann ehrlich – zu euch selbst, aber auch zu eurem Liebsten und dem, den ihr trefft und von dem niemand wissen darf. So schwer es auch fällt. Das Herz will nun mal, was es will, meist mit wenig Platz für Vernunft und Verstand. Fair sein sollten wir dennoch.

Fotos: Bildspiel Photography <3

2 Comments

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  2. JudgeDark

    21. November 2016 at 19:09

    Sehr schöner Text, der den Zwiespalt bei dem Thema sehr gut aufzeigt; vielen Dank dafür! Ist und bleibt eben ein extrem kompliziertes Thema.

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