Trefft das Team ♥ Heute: Wer hat Angst vor Virginia Heart?

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Der erste Text unserer neuen Autorin Virginia Heart über abenteuerlustige, wunderschöne junge Mädchen und ältere Herrschaften, die sich zu ihnen hingezogen fühlen, hat für einigen Wirbel gesorgt. Tatsächlich fragte man gar in einer Mail, für wen sich die gute Dame denn eigentlich halte, so über die Fans des Lolita-Sex und Teen-Porn zu urteilen? „Weiß ich auch nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß und fragte bei Virginia nach. „Virginia Heart, für wen hältst du dich denn eigentlich?“, wollte ich wissen. „Das ist aber keine kluge Frage“, antwortete unser Mimi&Käthe Neuzugang, „ich sage dir viel lieber, wer ich bin und warum ich so bin.“ Und somit präsentiere ich euch heute eine Premiere – mit Virginia Heart steppt die erste unserer Autorinnen und Autoren aus dem Dunkel raus ins grelle Nieselwetterlicht, inklusive  echter Selfies. Hoffentlich ziehen jetzt noch Artie Shaww, Hans Pørnflake und Penny Calvet nach. Freude :)

Von Virginia Heart

„Virginia, wieso regt es dich so auf, wenn alte Säcke jungen Mädchen an die Wäsche wollen?“ „Virginia, wieso trinkst du so viel Tequila und pfeifst alten Autos hinterher?“ „Virginia, wieso benutzt du so grotesk viel Make-up?“  „Virginia, wieso sind deine Haare so kaputt?“ Um diese Toplist der FAQs meines Lebens zu beantworten und mich den geschätzten Mimi&Käthe-Lesern vorzustellen, habe ich etwas getippt.

In einer ironischen Fügung des Schicksals, bestand mein Erzeuger auf den Namen Virginia. Die Reine, die Jungfräuliche. Meine Mutter lernte ihn während einer besonders intensiven Episode ihres lebenslangen Selbstfindungstrips kennen. Ein fundamentalistischer Jünger Jesu, Leiter einer nicht weiter beachtenswerten Dorfkirche. Er verließ sie für eine Anton LaVey Fanatikerin, kurz nach meinem zweiten Geburtstag. Meine Haltung zu organisierter Religion muss ich wohl nicht weiter erläutern.

Die nächsten Jahre öffnete meine Mutter ihr viel zu großes Herz und ihre wunderschönen Beine für eine bunte Vielfalt an sozialem Strandgut. Sie hat mich darüber nie vernachlässigt, nie an ihrer Mutterliebe zweifeln lassen. Dennoch wurde ich in vielen Aspekten früh mit einer für ein Kind ungeeigneten Realität konfrontiert. Wenn ich meine Hausaufgaben nicht machte, war das allein mein Problem. Wenn ich in der Schule nicht aufpasste, war das allein mein Problem. Wenn ich vergaß, auf dem Heimweg einzukaufen, war das allein mein Problem. Wenn einer ihrer Lover eine Flasche Whiskey auf dem Sofa trank und ausfällig oder aufdringlich wurde, während sie nicht da war, war das mein Problem. Nicht, dass sie nicht jeden Typen abgesägt hätte, der mich mies behandelte. Die Situationen waren dennoch prägend.

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Ob Virginias Vita wahr oder erschwindelt ist? Wissen wir nicht. Was wir wissen, ist dies: Auf diesen Fotos seht ihr in der Tat die Autorin dieses Artikels und unseres Lolita-Textes, kein Model, no, Sirs!

Positiver, wenn auch nicht kindgerechter, war die Gesellschaft der Freunde meiner Mutter. Viele von ihnen Tänzerinnen und Tänzer in „Erwachsenen-Etablissements“, andere Freudenmädchen, die sie in ihrer Stammbar kennenlernte. Ich vergötterte sie alle. Wie sie etwas so Gewöhnliches wie einen menschlichen Körper nutzten, um anderen ihr Geld zu entlocken! Sie wussten so viel mehr als ich. Sie waren wunderschön. Ihre Haare, ihr Make-up, das duftende Körperöl, die Schuhe und die bunten Schnüre, in die sie sich hüllten. Selbst der Geruch des kalten Rauchs und die müden Augen am nächsten Morgen, wenn sie an unserem Frühstückstisch saßen. Für mich sind sie noch immer die schönsten Schmetterlinge im Neonlicht.

Als ich ungefähr 14 war, lernte meine Mutter auf einer Benefizveranstaltung einen Geschäftsmann kennen. Sie kellnerte, und seine Wohltätigkeit reichte wohl soweit, dass er dieser Frau mit den Marlene Dietrich Beinen und dem Mindestlohn eine bessere Perspektive ermöglichen wollte. Pretty Woman, Richard Gere, blablabla. Man kennt das ja. Aus meiner Sicht schwoll ihm beim Gedanken an seine „Selbstlosigkeit“ einfach der Schritt. Aber mich fragte niemand, und meine Mutter hatte endlich etwas Zeit und Geld für Theater und Museen. Ihr Hunger danach, absolut nachvollziehbar.

Einerseits hatte uns der White Trash Stempel, der mit unserer Nachbarschaft, der Profession ihrer Freunde und den vielen Jobs/Liebhabern meiner Mutter einherging, veranlasst, von prätentiösen Akademikern als „Hochkultur“ Bezeichnetes in unser Leben zu integrieren. Andererseits lieben wir beide russische Autoren, italienische Komponisten und französische Impressionisten. Während meine Mutter nun also mit Mr. Rockefeller durch die Kulturtempel der umliegenden Städte zog, saß ich in meinem Zimmer, las und hörte Musik. Einem ihrer Verflossenen (er trug ausschließlich zu enge Blue Jeans, verblichene Jeansjacken und rote Bandanas) hatte ich einen MP3 Player geklaut, Musik inklusive. Plötzlich sah ich mich in diesen einsamen Stunden mit einer wachsenden Leidenschaft für Tom Petty und Bruce Springsteen konfrontiert.

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Rockefeller hatte unterdessen beschlossen, Bildung wäre das größte Geschenk für den Spross seiner Angebeteten, und so wechselte ich, kurz bevor ich 16 wurde, auf ein privates Gymnasium, um „die besten Voraussetzungen für den höheren Bildungsweg“ zu erlangen. Er lag nur bedingt richtig. In einem anderen Umfeld hätte der Versuch eventuell gefruchtet, aber diese Kinder wollten so ziemlich jedes billige Privatschüler-Klischee erfüllen, das Pro7 Sonntagnachmittagsfilme verbreiten. Mit jedem abfälligen Kommentar über meine Kleidung und meinen finanziellen Hintergrund, wurde ich wütender, mit jedem spitzen Ballerina-Ellbogen in meiner Magengrube, wurde ich entschlossener, das Wohlgefühl dieser dämonischen Klonkrieger zu zerstören.

Ich verfasste glühende Reden gegen die halblegalen Wege, auf denen ihre Familien zu ihrem Reichtum gekommen waren. Ich belächelte lautstark ihre Lebensentwürfe. Doch die meiste Unruhe entstand, wenn ich auf Schulfesten mit ihren Vätern flirtete oder Kratzspuren auf den Rücken ihrer „wahren Liebe“ hinterließ, während sie durch die Tennis-AG hüpften. All diese Schulgebühren, und niemand brachte ihnen bei, ihre Prioritäten zu ordnen.

Leider schadete diese Strategie mir mehr als ihnen. Es zeigte sich: Ich ertrage nur ein begrenztes Maß selbstgefälligen Grunzens und unbefriedigender Pornstar-Imitationen. Alles, worüber sie mit mir sprechen wollten, war meine angeborene Haarfarbe. Ein Durcheinander verschiedener Blondstufen ließ mich aussehen, als lebte ich an einem kalifornischen Traumstrand. Nachdem sich eine besonders manipulative Killerbarbie aus der Parallelklasse nach meinem „Color Artist“ erkundigte, kaufte ich zwei Packungen Extreme Bleacher und verabschiedete mich von jeder Nuance in meiner wallenden Mähne. Das Abitur schaffte ich knapp, all die oppositionellen Aktivitäten forderten ihren Tribut.

Ich begann ein Literaturstudium, und, wie es sich für ehemalige Privatschüler gehört, erlitt ich kurz nach Studienbeginn einen Nervenzusammenbruch. Nach vielen verzweifelten Stunden in Praxen unqualifizierter Psychiater und Psychologen, fand ich endlich eine Frau, die mir zeigte, dass chronisches Misstrauen einsam und traurig macht, dass ich durchaus liebenswert und wertvoll bin und dass Menschen selten fies und oft nur Spielball ihrer eigenen Umstände sind. Eben alles, was abgedroschen klingt, ein qualifizierter Therapeut aber unbedingt vermitteln muss.

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Zugegebenermaßen wurde ihr Erfolg durch diverse Psychopharmaka unterstützt. Ich führte sogar kurzzeitig eine Beziehung. Nachdem aber der erste Neurotransmitter-Rausch verflogen war, ging die Kosten-Nutzen Rechnung in meinen Augen nicht mehr auf. Die Menschen da draußen sind einfach zu schön.

Heute träume ich von meinen Professoren, trinke Tequila mit meinen Freunden (Therapie sei Dank) und schlage mich mit, mehr oder minder, seltsamen Nebenjobs durch. Irgendwann will ich diese ganze Familiensache mal versuchen. Bis dahin muss ich aber noch genug Vernunft und Erfahrung sammeln, um mich damit anzufreunden, dass Liebe nach viel Bauchkribbeln irgendwann mehr Entscheidung als willenloses Sabbern ist. Mein nächstes großes Ziel ist daher ein alter Ami-Schlitten. Vielleicht ein 65er Mustang Convertible, ein 69er Cadillac DeVille mit „El Dorado fins“ oder ein „Black Trans Am“ der ersten Generation. Bruce, fühl dich gegrüßt.

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  8. Rheintochter Esme

    2. März 2016 at 23:47

    Yeah, mehr Teamvorstellung, bitte! Wer will, mit Bild, wer nicht will, ohne. Aber ich bin schwer davon begeistert, die zauberhaft schreibenden Wahnsinnsmenschen „etwas besser kennenlernen“ zu dürfen. Auch gern mit erschwindelter Biographie – this is the internetz, Baby!
    Kurzum, hurra, hurra, HURRA für diesen Beitrag – und ganz arg gern mehr davon!
    Liebe vom Rhein

  9. JudgeDark

    2. März 2016 at 19:53

    Egal ob real oder erschwindelt … es liest sich spannend und macht die Dame, mit den mächtig vollen Lippen, sehr interessant. Bitte weiter mit der offenen und direkten Art, Frau Heart … ob nun real oder erschwindelt!

    • Mimi

      Mimi

      2. März 2016 at 22:34

      Stimme dir voll und ganz zu, Herr Richter :) Freut mich, dass es dir gefällt

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