Die Liebe in Zeiten von Whatsapp: This modern love

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Ein Text von Willhelm Worran.

Da haben wir den Salat – ich bin verliebt. Tja. Und jetzt?

Ich zücke mein Handy und schaue, ob ich schon eine Antwort auf die Frage „Hey, wie geht‘s?“ erhalten habe. Nichts. Zuletzt online war sie vor fünf Minuten, die kleinen, blauen Häkchen zeigen mir an, dass sie die Nachricht gelesen hat. Hab ich was falsch gemacht? Einfach kurz warten, sich nicht verrückt machen. War „Hey, wie geht‘s?“ zu plump? Ich schicke vorsichtshalber noch die Info hinterher, dass ich gerade aufgestanden bin. Mehr Nachrichten sind ja auch mehr Gründe zum Antworten. Ein großes rotes Herz am Ende, perfekt! Nun sollte ich doch eine Antwort bekommen. Hoffentlich. This modern love eben.

Während ich warte, erinnere ich mich 15 Jahre zurück. Da hat man maximal noch eine Nachricht hinterher geschickt, wenn man Geburtstag hatte oder Weihnachten war. Sonst war das Guthaben der Prepaid-Karte zu schnell leer, und eine SMS konnte einen schon gern mal knapp 30 Cent kosten.

Man wurde auch nicht irre beim Warten, weil man ja nie wusste, wann die Angebetete zuletzt ihr backsteinartiges Mobiltelefon in der Hand und dazu noch Empfang hatte.

Ach und telefonieren? Auf keinen Fall! 49 Cent pro Minute, damals ein mittelgroßes Vermögen. Wie haben wir es vor Whatsapp nur ausgehalten?

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Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Vor 15 Jahren bin ich 20 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren, um Antworten auf Fragen zu bekommen, egal ob bei Sonne, bei Regen, bei Schnee oder Eis. Ich konnte „Ich liebe dich!“ noch gerade raus sagen und musste diese Worte nicht hinter einem roten Herz (das auch noch groß wird, wenn man es alleine schickt) parken. This modern love eben.

Heute sitzt man nun da und wartet auf Antwort. Dank Smartphones, Flatrates und Social Media bin ich schon ein gutes Stück weit abgestumpft. This modern love bedeutet, dass man 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erreichbar sein kann – und es irgendwie auch ist. Es fällt mir manchmal unsagbar schwer, mich von dieser Bequemlichkeit zu lösen. Jedoch stelle ich fest: Ich bin ein Hybrid.

Ich bin ein Mensch, der viel Wert auf Betonung und Gestik in seinen Aussagen legt, doch diese kann mein intelligentes Telefon „noch“ nicht transportieren. Ich liebe es, lange Gespräche über alles und nichts zu führen, allerdings nicht per Messenger. Ich will die junge Dame in den Arm nehmen, wenn es ihr schlecht geht und nicht einfach ein seltsames Emoji schicken, das nur den Eindruck vermittelt, ich würde sie umarmen. This modern love eben.

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Aber natürlich genieße ich auch die Vorteile dieser unsagbar schnellen Kommunikation. Wenn die Sehnsucht am größten ist, wenn das Vermissen so schrecklich sticht im Brustkorb, dann sende ich ein großes, rotes Herz. Dann bin ich schrecklich neugierig, wie die Antwort ausfallen wird. Dann soll sie wissen, dass ich gerade an sie denke. Dann sitze ich da und warte auch mal – wie gerade jetzt – seit zweieinhalb Stunden auf eine Antwort.

„Hey, wie geht‘s?“ war wohl doch zu plump …

Halt, sie schreibt!

„Lass uns heute Abend treffen, so gegen sieben. Ich bin kein Fan von diesen langen Unterhaltungen per Smartphone!“

Mein Herz zuckt, ich bekomme das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht und schreibe ihr nur ein „Sehr gerne!“ zurück.

Tja, vielleicht sollten wir diese moderne Liebe wirklich mal ein wenig bei Seite schieben und uns wieder auf die vielen großartigen, zwischenmenschlichen Momente konzentrieren. Es ist schön, sich immer und überall anschmachten zu können, aber am schönsten ist immer noch der tiefe Blick in die Augen, die eine Hand in der anderen und das verdammte Kribbeln im Bauch vorm Kuss.

Ganz ohne this modern love eben.

Fotos: Melanie Ziggel // Melanie Ziggel bei Facebook

2 Comments

  1. Christian

    1. August 2017 at 12:21

    Schwieriges aber auch zu gleich interessantes Thema. Whatsapp und Co. haben unsere Kommunikation entscheiden verändert. Wie Du schon geschrieben hast, bist Du früher Kilometer geradelt um Antworten zu bekommen. Heute hängst Du vor deinen Smartphone und wartest. Du sprichst mit „Fremden“ über Dinge die Du sie vorher niemals getraut hast zu fragen. Dirty Talk kein Problem mehr und in der Tat erfährt man sehr schnell intime Details.

    Ich denke wir können so oder so nichts daran ändern. Das Rad dreht sich weiter immer schneller und schneller und was kommt als nächstes? Wer schon einmal eine VR Brille ausprobiert hat wird sehen wohin die Reise geht …

  2. JudgeDark

    28. Juli 2017 at 16:32

    Es ist sowas von wahr … ! „This modern love“ nimmt einem irgendwie so viel, wenn man es zulässt! Daher: weg mit dem Handy und gemeinsam Zeit verbringen.

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