Team Gina Lisa Lohfink: Hör auf heißt nein

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Der Fall Gina Lisa Lohfink – ich möchte kotzen, wenn ich nur daran denke. Reiß dich zusammen, Mimi, wahre die journalistische Contenance, riskiere keine Schadenersatzforderung wegen falscher Bezichtigung, übler Nachrede, übler Berichterstattung, man weiß ja nie. Was sagt denn Artie Shaww zu der Geschichte? Gleich mal nachfragen. Ach ja: #teamginalisa und #höraufheißtnein. Just sayin‘.

Text von Artie Shaww

„Wer ist so dumm und mischt nicht Küsse unter die schmeichelnden Worte? Mag sie dir auch keine geben, nimm dir welche, ohne dass sie sie gibt. Vielleicht wird sie zuerst dagegen ankämpfen und ,Unverschämter!‘ sagen; sie wird aber im Kampf besiegt werden wollen. (…) Magst du es auch Gewalt nennen, diese Art der Gewalt ist den Mädchen willkommen; was Freude macht, wollen sie oft geben, ohne es wahrhaben zu wollen. Jede, der durch plötzlichen Liebesraub Gewalt angetan wurde, freut sich, und Unverschämtheit ist hier so viel wie ein Geschenk. Aber diejenige, obwohl sie hätte gezwungen werden können, unberührt davonkam, mag sie auch im Gesicht Freude vortäuschen, wird traurig sein. Phoebe wurde vergewaltigt, Gewalt wurde ihrer Schwester angetan, und beiden Geraubten war der Räuber lieb.“
– Publius Ovidius Naso: Ars amatoria – Liebeskunst. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Michael von Albrecht, Stuttgart 1998, S. 49, 51. 

Ich bezweifle, dass die beiden Männer, die Gina Lisa Lohfink der Vergewaltigung bezichtigt hat, Ovids „Ars amatoria – Liebeskunst“ kennen. Dass Männer, die Frauen Gewalt antun, diese Zeilen gelesen haben. Wenn doch, haben sie ja alles richtig gemacht. Wenn man Ovid als Maßstab solcher Dinge nimmt. Ich mache das nicht. Und schon gar nicht lasse ich mir von Männern vorschreiben, wie ich und wann ich Sex haben soll.

NEIN!

Dennoch, das musste ich lernen. Ich war nicht immer so stark und selbstbestimmt im Bett, wie ich es derzeit bin. Es gab Situationen, in denen ich heute anders handeln würde. Nicht mitspielen und hoffen, dass „es“ schnell vorbei geht, dass „er“ bald fertig ist.

Ein Geschlechtsakt ist ein Akt des Vertrauens, auch, wenn beide Teilnehmer*innen sich erst seit kurzer Zeit kennen. Beide geben ihre intimsten Körperöffnungen, -rundungen, -schwellungen preis. Wollen einander ficken, einen Orgasmus haben, einen geilen, rauschhaften Moment miteinander verbringen. Manchmal aber merkt ein Teil des Duos (oder Trios), dass „es“ sich nicht gut anfühlt, warum auch immer. Dann sollte der andere Teil trotz aller Rauschhaftigkeit ablassen. Das mag manchem schwer fallen, aber wir alle sind Menschen mit Verstand im Kopf – und nicht im Geschlechtsorgan.

Team Gina Lisa Lohfink 3

Ein „Nein“ ist ein „Nein“ ist ein „Nein“.

Wenn dann doch bis zum furchtbaren Ende weitergemacht wurde, sollte der, der es nicht wollte, der „Nein“ gesagt hat, schleunigst zur Polizei gehen. Äh… Moment. Da war ja was!

„Hallo, Herr Polizist, Frau Polizistin, hier, der Typ hat mein Auto angefahren.“
„Alles klar, wir kümmern uns drum!“

Selbst, wenn es nicht vorsätzlich war, wird der Täter, die Täterin belangt. Aaaber:

„Hallo, Herr Polizist, Frau Polizistin, hier, der Typ hat meine Vagina einfach so gerammt!“
„Beweise?“
„Haben Sie sich nicht gewehrt?“
„Einfach so gerammt? Da gehören ja wohl immer zwei dazu!“

Was ich hier so flapsig darstelle, ist schlimmster, finsterster Galgenhumor. Ein Körper ist kein Auto, eine Vagina, die mit Gewalt genommen wurde, kein Kratzer im Lack, keine Beule in der Seitentür. Eine Scheide, Muschi, Vagina ist der empfindlichste Teil der Frau.

Mein Artie-Ich krümmt sich zusammen, wenn ich daran denke, wie ich damals in diesem Bett lag und danach nach Hause fuhr. Und nichts machte, außer mir die Schuld zu geben. Wie es so viele Frauen tun.

Im Fall Gina Lisa Lohfink ist es anders. Hier steht eine Prominente vor Gericht, weil sie angab, vergewaltigt worden zu sein, eine Frau, die sich nicht klein machen wollte. Die Vergewaltigung konnte laut Gericht nicht nachgewiesen werden, stattdessen wurde Strafbefehl gegen Gina Lisa Lohfink gestellt. Wegen „Falschverdächtigung“ sollte sie ihren angeblichen Peinigern 24.000 Euro bezahlen, Lohfink sagte: „Ich zahl das nicht. Lieber geh’ ich ins Gefängnis.“

Die Frau, die aussagte, vergewaltigt worden zu sein, wird vom Opfer zur Angeklagten. Und noch etwas anderes geschieht. Hässliche Mechanismen setzen ein, Getuschel, Geläster, die Sau wird durchs Dorf getrieben. Denn Frau Lohfink ist das Gesicht der „Venus 2012“, hat sich ihre Brüste vergrößern lassen, zieht sich sehr knapp an, lässt sich leicht bekleidet erotisch fotografieren. So einer kann man doch nicht glauben, die hat das doch gewollt, forciert, schallt es aus den Gassen.

Team Gina Lisa Lohfink2

Fotos (2): Anneliese Moder

Ich sage euch was. Selbst, wenn Gina Lisa Lohfink nackt durch die Straßen ginge, die härtesten Pornos drehte, selbst dann hätte sie immer noch das Recht, „Hör auf“ zu sagen. Und wenn schon nicht Empathie, so doch wenigstens Gehör zu finden. So wie jede andere Frau.

Mein Körper gehört mir!

Leider gibt es – wie im Fall Gina Lisa Lohfink – Situationen, in denen wir anders handeln, als wir sollten, als es uns zusteht, in denen wir uns durch Schweigen schützen möchten, weil wir noch mehr Schmerz und Pein fürchten. Wir schützen unseren Körper vor Schmerz und lassen zu, dass unsere Seele danach weiter mit Füßen getreten wird.

Diese indirekte Anprangerei, dass Frau Lohfink doch selbst Schuld an ihrer Misere sei, kotzt mich an. Diese Selbstgefälligkeit und Borniertheit, die ich in sämtlichen Social Media Kanälen beobachten kann, lassen mich entsetzt zusammenzucken. Dass Frau Lohfink nun selbst vor Gericht steht und an die Herren, die ein Sexvideo von ihr drehten, in dem sie dreimal eindeutig „Hör auf“ sagt, einen dicken Batzen Schadenersatz zahlen soll, dass sie sich während der Verhandlung als „Hure“ beschimpfen lassen muss, lässt mich wütend zurück. Wütend und hilflos.

Seit über 2000 Jahren wird Männern eingebläut, dass Frauen „Ja“ meinen, wenn sie „Nein“ sagen. Wie wäre es, wenn wir alle auf diese Haltung, auf derartige Ansichten, die auf Äußerungen wie bei Ovid basieren, scheißen? Wie wäre es, wenn wir stattdessen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmtheit annehmen und feiern? Wie wäre es, ein „Hör auf“ oder „Ich will nicht mehr!“ zu akzeptieren?

31. Mai 2015: Der Bundespräsident fordert für sich das Recht eines sofortigen Rücktritts. Erstaunen, aber man lässt ihm die Freiheit, zu gehen. 

11. Februar 2013: Der Papst dankt ab. Erstaunen, aber hier lässt sogar Gott seinen Abgesandten auf Erden ziehen. 

1. Juni 2012: Eine Frau fordert in einem Video eine sofortige Beendigung des Geschlechtsaktes. Gelächter seitens der Beteiligten. Der Akt wird vollzogen. 

9 Comments

  1. Pingback: Immer locker bleiben: Daten für Kerle mit Eiern - Mimi&Käthe

  2. Mariewtf

    23. Juni 2016 at 21:56

    Dirk und Thomas.. oder seid ihr vielleicht ein und die selbe Person?..Es kann doch nicht euer ernst sein, oder? Weil deine Frau froh war, dass du sie doch zum Sex verführt hast, ist in deinen Augen ein Nein zum Sex eben doch ein ja @Dirk?? Und weil es schwer nachzuvollziehen ist, ist eine nachträgliche Anzeige an Vergewaltiger gleich total sinnlos @Thomas? Ich bitte euch! Es ist doch nicht davon auszugehen, dass jede Frau Ihre/n Ex fälschlich einer Vergewaltigung bezüchtigt! Es passieren nachweislich so viele Vergewaltigungen … Jeden Tag auf der Welt … und ich persönlich finde, wenn mir ein Mann ungewollt, ungefragt und am besten noch wild fremd – auf meinen Hintern klatscht, ja dann ist es schon Vergewaltigung. Denn es ist mein Körper und nein verdammt nochmal, du darfst ihn nicht einfach anfassen. Und Nein, „nein“ heisst nicht „ja“.

    • Dirk

      26. Juni 2016 at 12:00

      @Mariewtf eben diese vordergruendigen Reduzierungen von Beziehungen auf _ein_ Wort machen mir Angst. Auch im Interesse der (potenziellen) Opfer sexuell motivierter Gewalt. Ich hoehre schon den naechsten Taeter sagen: Aber hohes Gericht, es hat doch gar nicht „nein“ gesagt!

  3. Dirk

    18. Juni 2016 at 9:02

    „Aua“ ist keine Safeword. Und „nein“, „nicht“, „hoer auf“ sind auch keine Safewords! Oder zumindest die bloedesten, welche sich aussuchen lassen. Vielleicht sollten wir alle mal zur Kenntnis nehmen, dass es durchaus Menschen gibt, die sehr viel Spass an einer etwas anderen Form von Sexualitaet haben als der Durchschnitt.

    Und eine Krankheit des Rechtssystems vermag ich beim besten Willen auch nicht zu erkennen. Wenn ein Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt wird, dann ist es gerade bei diesen Taten sicher doppelt schmerzlich fuer das Opfer. Wenn ein objektiver Dritter aber genug Beweise dafuer sieht, dass jemand mit falschen Verdaechtigungen einem anderen Menschen schaden wollte, dann sollte niemand dagegen polemisieren! Wo bitte ist der Unterschied im verwerflichen Handeln, wenn jemand einem Menschen die Freiheit ueber seine sexuelle Selbstbestimmung nehmen will und ein anderer mit (bewiesenermassen) falschen Anschuldigungen die Freiheit ueberhaupt?

    Ach ja, ich bin ein Mann und habe es frueher peinlicherweise so gesehen wie Du. Einer, der seine Ehefrau auch nach fast 20 Jahren noch immer begluecken kann. Und der am Anfang der Beziehung ganz schoen oft versagt hat, weil er bei jedem Nein sofort einen „Rueckzieher“ machte. Was sie aber echt ungluecklich machte. Wir haben unser Safeword gefunden. Nein, es ist nicht Nein!

    • Mimi

      Mimi

      18. Juni 2016 at 13:10

      Ich habe echt überlegt, ob ich deinen Kommentar überhaupt zulassen soll, denn offensichtlich hast du keine Ahnung, um was es in diesem Fall geht. Safewords? Rückzieher machen, weil sie nein sagt? Wtf? An welcher Stelle ging es um Safewords? Ein „Nein“, ein „Hör auf“ bedeutet NEIN, bedeutet HÖR AUF. Es geht hier NICHT um deinen persönlichen Feierabend-SM-Sex. Eine Frau, die eindeutig nicht bei vollem Bewusstsein ist, sagt im betreffenden Video dreimal gut hörbar „Hör auf“, und dabei geht es nicht um „blöde“ gewählte Safewords, sondern darum, dass sie die Männer darum bittet, aufzuhören.

      Und: Wer polemisiert hier? Wir als Blog? Die Autorin? Weil wir darauf aufmerksam machen, dass NEIN nicht bedeutet „Mach weiter, fick mich, bis ich unser klug gewähltes Safeword sage!“, sondern NEIN. Was hier passiert, ist Folgendes: Mit dieser Entscheidung des Gerichts wird ein Signal an Vergewaltigungsopfer gesendet, das besagt: „Erdulde deine Schande, schweige, es sei denn, du hast dich vorbildlich verhalten und bist direkt nach der Vergewaltigung zur Polizei gegangen, damit die die Spuren sicherstellen können. Du konntest nicht? Dann war’s das für dich, Pech gehabt. Im Nachhinein den Täter benennen? Sei vorsichtig oder du wirst wegen falscher Verdächtigung belangt.“

  4. Thomas

    17. Juni 2016 at 15:04

    In meiner Filterblase stand nie, die Frau müsste wegen Handlungen an anderer Stelle Sex über sich ergehen lassen. Viel mehr wurde ihre Vorgeschichte in meiner Timeline als irrelevant eingestuft, weil sie keine Aktivisten ist oder irgendwie anders jemals gesellschaftlich relevant wurde.

    Den Artikel finde ich von daher befremdlich, aber es kann ja sein, dass du wirklich Leute liest, die Straftaten rechtfertigen.

    > Die Frau, die aussagte, vergewaltigt worden zu sein, wird vom Opfer zur Angeklagten.

    Jetzt wird es langsam interessanter. Das Gericht hat eben entschieden, dass sie kein Opfer ist, und das muss man akzeptieren, alles andere wäre Selbstjustiz. Die Entscheidung ist nachvollziehbar. Hätte das Gericht von einem „Opfer“ gesprochen, könnte jeder mit einem Sextape zur Polizei gehen und seinen Ex verklagen.

    > „Beweise?“

    Genau. Spannend ist die Frage, wie Vergewaltigung nachgewiesen werden soll, wenn nicht mal ein Video vom saddistischen Sex zuverlässig reicht, weil das Vorhandensein der Einwilligung unklar bleibt. Wie kann die Justiz Vergewaltigungen, die nicht offensichtlich sind, verfolgen? Gibt es rechtsstaatliche Mittel, um einen Verdacht auf Sex ohne Einwilligung, Nötigung oder meinetwegen auch Mobbing zuverlässiger zu klären?

    • Mimi

      Mimi

      18. Juni 2016 at 12:57

      „… es kann ja sein, dass du wirklich Leute liest, die Straftaten rechtfertigen.“ Super, dass in deiner Timeline nur „Aktivisten“ oder sonst wie „gesellschaftlich relevante“ Personen stattfinden. Aber: Es geht hier nicht allein um Timelines, sondern um die generelle Rezeption des Falles in den deutschen Medien. Und da war lange Zeit der Tenor eindeutig: Eine Frau wie Gina Lisa Lohfink, die ihr Geld als Erotikmodel verdient, kann NICHT vergewaltigt worden sein, denn „solche Frauen“ wollen doch gefickt werden, haben es doch provoziert und gewollt. Vergewaltigungsvorwürfe? Fuck it, Presse will se, nichts anderes.

      Dann: So, wie du argumentierst, macht es für keinen Menschen Sinn, eine Vergewaltigung im Nachhinein anzuzeigen. Es ist für einen Außenstehenden sicherlich nicht nachvollziehbar, warum Vergewaltigungsopfer nicht direkt nach dem Gewaltakt zur Polizei rennen, aber es geht hier um Menschen, die Schmerzen und Scham erleiden, es geht um Menschen, nicht um Maschinen, die sich verhalten, wie es im Lehrbuch steht. Das muss in Betracht gezogen werden – auch, nein, gerade von der Justiz. Dass Gina Lisa Lohfink in dem Video nicht bei klarem Bewusstsein ist, ist deutlich zu sehen, ihre Bitte „Hör auf“ dreimal deutlich zu vernehmen.

  5. Rheintochter Esme

    15. Juni 2016 at 22:46

    Mir fehlen die Worte, ich bin so zornig wie schon lange nicht mehr und kriege nichts anderes als „Sowas DARF einfach nicht wahr sein!“ artikuliert. Danke für diesen Text!

  6. JudgeDark

    15. Juni 2016 at 18:51

    Ein Nein muss ein Nein bleiben, egal in welcher Konstellation! Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen; schlimm genug, dass es noch so viele insbesondere Männer gibt, die das scheinbar anders sehen!

    Der geschilderte Fall zeigt doch mal wieder, wie krank unser Rechtssystem sein kann!

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