I married my High School Sweetheart: Szenen einer Ehe

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Ein Text von Esme van de Slampen.

Vor nicht allzu langer Zeit hat sich eine feine Mademoiselle hier auf Mimi&Käthe geouted, „prüde“ zu sein. Das hat mich ermutigt, ebenfalls ganz offen etwas zuzugeben: Im Vergleich zu den meisten Ladys und Gentlemen meiner Generation und jünger, bin ich Großmütterchen Spießig. Nicht etwa, dass es mir an Tinte in der Haut und Metall im Körper mangelte, auch mein Kleidungsstil und meine Interessen lassen durchaus auf einen, sagen wir mal, alternativen Lebenswandel schließen. Mein Musikgeschmack, so breit gefächert er auch aufgestellt sein mag, schließt Schlagerkitsch und sonstige Spießigkeit kategorisch aus. Nein. Ich bin eine lebensfrohe, hauptsächlich Schwarz tragende, seit Teenager-Tagen angepunkte, politisch links stehende Person, die Männlein und Weiblein gleichermaßen attraktiv findet, weil es die Person ist, die zählt.

Und doch bin ich seit dem Jahr 2000 konstant in derselben Hetero-Beziehung, die seit 2014 auf meine Initiative hin nicht mehr „nur“ Beziehung ist, sondern eine Ehe. Jawollja, nun ist es raus: Ich habe mein High-School-Sweetheart bis heute behalten und sogar geheiratet und könnte glücklicher nicht sein.

Wie kann das sein, mögt ihr euch fragen, in diesen Zeiten, in denen Beziehungen immer offener werden, Menschen munter durcheinander vögeln und Beständigkeit als nicht mehr zeitgemäßes Überbleibsel der Großeltern-Generation verspottet wird? Es mag unter anderem daran liegen, dass ich mich zwar der Polyamorie zugehörig empfinde, aber seit einigen Jahren glücklich asexuell lebe. Heißt: Ich kann mich durchaus in Männer und Frauen gleichermaßen verlieben, aber Sex an sich gibt mir wenig bis nichts.

Bevor sich jetzt jemand befleißigt fühlt, mir „helfen“ zu wollen: bitte nicht. Ich bin weder krank noch gestört, mit mir ist alles in bester Ordnung. Mit meinem Gatten übrigens auch, der sich selbst als stramm hetero bezeichnet, und zwar nicht nur hetero-amor, sondern auch durchaus heterosexuell, und der mein gewähltes Zölibat klaglos akzeptiert und es mir nicht im Mindesten übelnimmt.

Und nein, wir führen keine offene Beziehung. Mein Liebster hat weder Affären noch One-Night-Stands noch sonst etwas. Er zieht mit mir mit, sagt, dass für ihn alles in einer Beziehung eine Entscheidung sei, und dass er, als er sich für ein gemeinsames Leben mit mir entschied, eben auch dafür entschieden hat, meinen asexuellen Lebensstil mit mir zu teilen.

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Ich gönne euch allen eure spannenden, sinnlichen Erfahrungen, völlig egal, mit wie vielen konstanten oder wechselnden Partnern, von ganzem Herzen. Ich urteile nicht, weil ich der festen Überzeugung bin, dass jeder so lieben soll, wie es sich für ihn oder sie richtig anfühlt, und das schließt alle Formen der Liebe und der Sexualität mit ein. Gönnt mir bitte meine Lebensweise, mit der ich völlig zufrieden und glücklich lebe. Wäre dem nicht so, würde ich es ändern.

Mein Mann und ich kennen uns, seit wir Teenager waren, ganz klassisch aus der Schule. Er war einen Jahrgang über mir, und ich habe mich bereits mit 16 Hals über Kopf in ihn verliebt. Damals lag das vorwiegend an Äußerlichkeiten, das gebe ich zu. Als wir uns näher kennenlernten, stellte ich fest, dass der Kerl nicht nur gut aussieht, sondern auch was im Kopf hat und wir viele grundsätzliche Einstellungen zum Leben und unseren Mitmenschen teilten. Wir nennen das heute „auf demselben Planeten wohnen“ und stellen immer wieder fest, dass wir auf unserem Planeten ziemlich allein sind. Immerhin befinden wir beide uns gemeinsam auf diesem Planeten, worüber wir enorm glücklich sind, sonst wäre es schwer auszuhalten.

Klar, die Teenager-Verknalltheit ist längst Geschichte. Ich schaue ihn noch immer gern an und finde ihn schön. Aber was mir diese Ehe am meisten gibt, ist Vertrautheit. Stabilität. Das Wissen, dass ich „gut genug“ bin, wie ich bin, trotz all meiner Macken, Fehler und Unzulänglichkeiten. An seiner Seite habe ich gelernt, mir selbst genug zu sein, entspannter durchs Leben zu gehen und wirklich und wahrhaftig darauf zu pfeifen, was andere über mich oder uns denken. Ich habe wirklich und wahrhaftig meinen Fels in der Brandung gefunden, bei dem ich mich sicher fühlen kann, egal, was kommt. Der mich heute noch mit seinem trockenen Humor zum Lachen bringt und den ich noch genau wie damals unverschämt cool finde.

Wir lassen einander die Freiheiten, unseren Hobbys nachzugehen, obwohl wir beide in Jobs mit unkonventionellen Arbeitszeiten beschäftigt sind und einander manchmal eine Woche lang höchstens kurz vor dem Schlafengehen sehen. Macht ja nichts, wir wohnen doch zusammen. Irgendwann haben wir auch mal gemeinsam frei und unternehmen etwas Schönes. Wir können auch prima nebeneinander liegen, jeder in sein Buch vertieft, und stundenlang nicht miteinander reden. Wozu auch? Wenn es nichts zu sagen gibt, ist das genauso okay, wie bis tief in die Nacht zu diskutieren. Alles zu seiner Zeit. Bei uns laufen die Uhren synchron, so dass keiner beleidigt ist, weil der eine eben jetzt gerade lesen möchte, der andere sich aber unterhalten will. Sowas kommt bei uns kaum vor. Und wenn doch, dann passen wir uns aneinander an, nicht nur einer sich an den anderen.

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Selbstverständlich ist in unserer Ehe nach so langer Zeit nicht alles rosarot glitzernd und perfekt, und natürlich gibt es auch mal Schwierigkeiten, Zweifel, Probleme. Aber wir haben bisher noch alles lösen können, indem wir miteinander reden, einander zuhören und ernst nehmen. Keiner von uns will den anderen dominieren oder klein machen, und wir geben einander das Recht, nicht einem Ideal entsprechen zu müssen, sondern wir selbst zu sein.

Logisch habe ich Augen im Kopf, und mir entgeht gewiss nicht, dass es erstens da draußen Leute gibt, die ich unfassbar attraktiv finde, die ich gar bewundere und bei denen ich zum Fangirl werden, und es zweitens eine Menge toller Frauen gibt, bei denen ich im Vergleich „verlieren“ könnte. Glücklicherweise sind wir beide Realisten genug, den Unterschied zwischen Fangirl und Alltagsperson zu kennen, so dass uns das herzlich egal sein kann. Weder unsere Beziehung zueinander noch unser Alltag sind in irgendeiner Form langweilig, jedenfalls nicht nach unseren Maßstäben.

Und wenn ich mir unser Hochzeitsfoto ansehe, auf dem er grinst, als hätte er soeben die Lotterie gewonnen, weiß ich, dass wir beide in unserer Ehe bisher, sei es durch Glück, Zufall oder was auch immer, verdammt viel richtig gemacht haben.

Mir ist herzlich egal, ob manche mich nun als langweilig und spießig betrachten. Und ich habe auch keinesfalls das Gefühl, in meiner Ehe irgendetwas zu verpassen. Ich bin glücklich, da, wo ich bin.

Genau das wünsche ich euch allen von Herzen: Seid glücklich, ob mit festem Partner oder ohne! Und nun entschuldigt mich, der Gatte und ich haben noch eine Verabredung zum gemeinsamen Dosenbiertrinken am Rhein – der Sonnenuntergang wartet! ;-)

Fotos: David Szubotics

2 Comments

  1. Virginias Heart

    9. Juli 2017 at 18:57

    YES! YES! YES!

  2. JudgeDark

    9. Juni 2017 at 16:45

    Wenn ich einen Hut auf hätte, dann würde ich ihn jetzt ziehen. In meinen Augen genau die richtige Einstellung zum Leben miteinander! Da finde ich auch nichts spießig dran … im Gegenteil. Ist doch schön, wenn es gemeinsame Beständigkeit gibt! Es sollte jedem klar sein, dass eine Beziehung/Ehe aus Aufs und Abs besteht … so ist das Leben und da muss man durch. Man darf nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, nur weil mal nicht alles so schön ist … DAS ist für mich Beziehung und es heißt nicht umsonst „in guten wie in schlechten Tagen“! An einer Beziehung muss man arbeiten, jeden Tag … dann wächst man gemeinsam!

    Und btw … Prost! ;)

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