So funktioniert Liebe – ein Nicht-Guide

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Ein Text von Penny Calvet.

Als Jugendliche fand ich vieles ziemlich doof: Atomkraftwerke, Mathe-Unterricht, Sportnoten, Shakira, Waldspaziergänge, Klatschzeitschriften, Schundromane, Proleten-Affen mit aufgemotzten Karren und romantische Gefühle. „Spießige Beziehungen sind was für die Kids, die immer in der ersten Reihe sitzen und vom Reihenhaus träumen“, redete ich mir ein, und beschloss, mein Leben fortan als Vamp zu bestreiten. Als eine Frau, deren Liebesleben mit Ende 20 – über die magische Zahl 30 ging meine damalige Zeitrechnung nicht hinaus – eine beachtliche Reihe an Bettgeschichten aufweisen würde.

Mein Vamp-Dasein malte ich mir in ausschweifenden Tagträumen aus: Steile Karriere, nobles Penthouse, Designerklamotten, hippes Jetset-Leben und Männer, die mir mit gebrochenen Herzen zu Füßen lagen, kamen darin ebenso vor wie ein treudoofer Mops, der zu meinem treuen Begleiter auserkoren wurde. Was der Begriff Vamp eigentlich bedeutet, ging dabei völlig an mir vorüber. Ich fand die Vorstellung von mir als kühles, verführerisches Biest á la Sharon Stone in „Basic Instinct“ sehr verwegen und weit genug weg von der Kleinstadtidylle, in der ich aufwuchs.

Es kam, wie es kommen musste: Kaum in der Oberstufe, verliebte ich mich in einen der Proleten-Affen mit getuntem 4er Golf inklusive fettem Soundsystem, Sportsitzen und super unbequeme Rallye-Anschnallgurten, die jegliches Fummeln in der Karre von vornherein unmöglich machten. Nach einem halben Jahr wurden ihm die ständigen Diskussionen um dieses und jenes mit mir zu viel, und auch mein Redebedarf über meine aufkommenden Gefühle lag weit über seinem. Er wollte lieber fummeln, knutschen und sein bestes Stück in meinem Mund sehen. Nach einer heftigen Diskussion über körperliche Nähe rauschte Freund Nr. 1 mit quietschenden Reifen in die Nacht davon. Ich blieb mit einem angeknacksten Herz zurück und schwor mir, mich fortan vor der Liebe zu hüten, die klammheimlich für den Proleten in mir entfacht war und mich wieder an den besagten Vamp-Plan zu halten. Verliebt zu sein ließ nach dieser ersten Pleite ein bitteres Gefühl von viel Zeit und Mühe zurück, die nicht wertgeschätzt wurden.

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Über die Liebe las, sah und hörte ich in den folgenden Jahren viel. Ich war natürlich verknallt, ein paar Mal unglücklich verschossen, aber im Grund hatte ich ein ausgeklügeltes System entwickelt, indem ich mich maximal zehn Mal mit einem neuen Liebhaber oder einer neuen Liebhaberin in der Kiste traf und diese dann wieder fallen zu lassen. Meine Erklärung: Ich wollte meine besten Jahre nicht an eine Person verschwenden. So umging ich den Herzschmerz meistens, denn Liebe, das lernte ich in dieser Zeit unbewusst, braucht Zeit, Verständnis und Geduld.

An dieser Stelle sollte nun vermutlich endlich eine Zusammenfassung stehen, was Liebe denn nun überhaupt für mich bedeutet, worauf ich aber leider keine noch so metaphorisch überladene, eindeutige Antwort habe. Liebe bleibt für mich nach wie vor ein ominöses Wort mit schleierhaftem Inhalt. Liebe bedeutet für mich augenblicklich, für jemand anderen fast lieber da zu sein als für mich selbst. Damit will ich nicht sagen, dass ich mich heute in meiner Beziehung in die völlige Selbstauflösung begebe, nein. Ich bin nur inzwischen bereit, meine Leben mit jemandem zu teilen, der nicht klein, röchelnd und ergeben an einer Leine neben mir her trottet. Ich hab gelernt, dass sich Körperlichkeiten besser teilen lassen, wenn man sich vertraut und kennt, aber wenn mich die Lust überkommt, bin ich auch für eine spontane Nummer auf der Clubtoilette zu haben.

Ein Zitat der von mir sehr geschätzten Autorin Sibylle Berg hat mich allerdings neulich schwer zum Nachdenken gebracht: „Es geht doch nur darum, nicht alleine zu sterben.“ Stürzen wir uns wirklich nur in Beziehungen, weil wir uns selbst alleine nicht ertragen können? Ist mein Gedanke, mich mit jemand anderem besser zu fühlen, dann nicht fatal falsch?

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Dem muss ich heftig widersprechen! Es mag viele Menschen geben, die durch ihre Beziehungen die eigenen Ängste kompensieren, aber eben nicht alle Menschen folgen hoffentlich dieser egoistischen Strategie, die auf große Unsicherheit mit der eigenen Person schließen lässt.

Für mich bedeutet Liebe Austausch, nicht nur von Körperflüssigkeiten, sondern von Gedanken, Zweifeln und Ängsten. Sie ist der gemeinsame Versuch, damit umzugehen. Mein Partner soll kein imaginäres Schutzschild gegen all die Dinge sein, vor denen ich mich fürchte. Nicht der Mensch, hinter dem ich mir die Ohren und Augen zuhalte und mich vor der manchmal beschissenen Realität verstecke und die er völlig ausblendet. Dann doch lieber ein angeknackstes Herz, schlaflose Nächte angesichts der Lage der Welt. Oder einfach dieses neben mir schnarchende Wesen, das ich aufwecken kann. Das für mich da ist. Und für das ich da bin. Ein Gefühl auf Augenhöhe.

Fotos: Sarahlikesprettygirls

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