Sie haben ihr Ziel erreicht: Vom Suchen, Finden und Ankommen 

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Ein Text von Christina.

Und wieder ist es August. Die letzten sommerlichen Tage sind gezählt. Ich liege auf der Wiese am Rande des Wassers, das meine Stadt in zwei Teile trennt. Um mich herum unzählige Menschen, die die ersten bunt gefärbten Bäume entdecken, die ersten Kastanien einsammeln und zum ersten Mal für dieses Jahr die frische Herbstluft tief einatmen. Der Sommer ist bald vorbei. Der Herbst steht vor der Tür, und mein letzter Geburtstag ist auch schon wieder zwei Monate her. Die Zeit vergeht.

Eine Sekunde. Eine Minute. Eine Stunde. Eine Woche. Alles wie ein einziger Wimpernschlag. Schon geht es wieder weiter. Zur nächsten Haltestelle, zur nächsten Herausforderung, zum nächsten selbst gesteckten Ziel. Immer weiter. Immer schneller. Immer mehr. Mehr. Ob wir irgendwann irgendwo ankommen?

Lasst mich von vorne beginnen. Und zwar ganz von vorne in meinen Teenie-Jahren. Damals waren kleine Dinge ganz groß. Eine Vier in der Mathearbeit schreiben, war eines der größten Ziele. Endlich ein Lächeln von dem Boy aus der Zehnten geschenkt zu bekommen, ein Hochgefühl, das für die nächsten drei Monate anhielt. Das waren vielleicht Zeiten. Leicht, unbeschwert, naiv, voller Emotionen und vor allem voll mit ganz großen Glücksgefühlen für die kleinen Dinge des Lebens.

Doch dann kam der Tag der Tage, das Ende der Schulzeit rückte in greifbare Nähe. Endlich letzte Stufe, bald Abschluss, dann Freiheit. Oder doch nicht? Nach dem Hochgefühl folgte der tiefe Fall. Druck machte sich breit. Leistungsdruck, Zeitdruck und die großen alles bedeutenden Fragen: Womit möchte ich Tag ein, Tag aus mindestens acht Stunden meines Lebens verbringen und mein Geld verdienen? Wo möchte ich überhaupt leben? Wo möchte ich schlafen, wohnen, essen? Was sind meine Hobbys, meine Interessen und meine Freizeitbeschäftigungen, die mich erfüllen? Und wer, ja, wer zum Teufel möchte ich eigentlich sein? Wie stelle ich mir das Erwachsen sein vor? Und vor allem: Wie komme ich da hin? Ankommen – werde ich das je? Und wenn – wo? Das Ziel blieb unbekannt, doch die Reise startete, denn die Zeit vergeht und wartet garantiert nicht auf mich. Auf keinen von uns!

Also startete ich meine Reise, den Fokus auf die berufliche Karriere gerichtet und zunehmend versunken im Chaos der unzähligen Berufsbeschreibungen und Einschätzungen meiner Fähigkeiten von allen Seiten. Ich ging meinen Weg, auf dem ich jahrelang von einer Station zur nächsten tümpelte und mich nach Verwirklichung meiner Selbst sehnte. Schule, Praktika, Uni, Zusammenbrüche, Zeiten des Zweifelns gehörten natürlich dazu. Nebenbei sollte natürlich auch noch das Privatleben neu bestimmt und gestaltet werden. Sozusagen Kernsanierung. Alles auf Anfang. Alles auf Erwachsenwerden. Vom Ankommen keine Spur.

Christina

Vorstellungen von meinem Erwachsenen-Leben hegte ich schon seit der Teenie-Zeit. Wie in einer Zeitreise in die Zukunft sah ich mich vor mir stehend. Ich wusste ganz genau, wie ich und mein Leben aussahen. Und genau da wollte ich hin. Zu meinem großen Ziel. Zu meinem erwachsenen, glücklichen Selbst, das ich mir so lange schon ausgemalt und gewünscht hatte.

Doch an meinem 20. Geburtstag, fünf Jahre nachdem die wilde Fahrt begonnen hatte, verstand ich, dass sich das alles nicht erzwingen lässt. Dass so manche Vorstellung ganz falsch und nicht umsetzbar war. Zumindest nicht so einfach und schnell, wie ich mir das in meinem jugendlichen Leichtsinn vorstellte. Immerhin war ich schon zwei Jahre volljährig und somit auch irgendwie „erwachsen“. Da müsste ich doch schon fast angekommen sein, oder etwa nicht?

Leider war ich das damals noch gar nicht. Heute, Jahre später mit 25, kann ich das rückblickend bestätigen und schmunzele immer wieder über mein damaliges Sein und diese Vorstellung meines erwachsenen Lebens, das eigentlich gar nicht so sehr der Realität gerecht wurde.

Heute kann ich von mir sagen, dass ich angekommen bin. Dass ich die Stadt liebe, in der ich lebe, dass sie zu meinem Zuhause geworden ist, obwohl ich zunächst dachte, sie würde nur ein Zwischenhalt sein. Ich habe endlich einen Job, der mich tagtäglich herausfordert, der facettenreich ist und mir Spaß macht. Jedoch ist dieser Job nicht in einem wahnsinnig großen Unternehmen mit schickem Großraumbüro, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Ich habe mein Glück in einem kleinen, sehr familiären Team gefunden, in dem ich mittlerweile eine Management Position habe (früher als jemals erwartet) und in der ich mich allem voran verdammt wohl fühle.

Mein Freundeskreis erweitert sich immer mal hier und mal da, aber meine Besten sind weitestgehend seit Jahren die gleichen. Uns verbindet so unglaublich viel. Wir sind alle miteinander erwachsener geworden. Haben wahnsinnig viel zusammen erlebt und wissen, wie wichtig Freundschaft für uns alle ist. Meine Familie ist natürlich immer noch in meinem Herzen fest verankert. Auch wenn sie mittlerweile weiter weg ist, ist sie dank Telefon und Whatsapp trotzdem ganz nah.

Und was mich betrifft, so schlägt mein Herz immer noch ganz wild und schnell. Alles ist interessant, aufregend, und mein Inneres entwickelt sich ständig weiter.

Rückblickend betrachtet bin ich also ganz still und heimlich angekommen, ohne es selbst bemerkt zu haben. Ich rannte jahrelang einem Idealbild meines Selbst hinterher, bis ich ganz plötzlich feststellte, dass ich schon angekommen bin. Im Hier und Jetzt. In meinem Leben. Als erwachsener Mensch, der sein Ziel gefunden hat. Der angekommen ist. Der sich nun mal ausruhen und einfach sein kann. Leben. Am Ziel und darüber hinaus.

Denn angekommen zu sein bedeutet nicht Stillstand. Es bedeutet nicht, dass man nicht mehr weiter gehen kann oder möchte. Es bedeutet Freiheit. Frei sein von den eigenen Erwartungen und denen der anderen. Frei sein von Leistungsdruck, Zeitdruck und all den Gedanken und Ängsten, die einen immer wieder belasten. Endlich frei sein, um zu leben, zu erleben und neugierig zu sein auf die vielen tollen Dinge, die so ein Leben und so eine Welt für jeden von uns bereit hält. Also – worauf warten wir?

Leben. Jetzt!

„Then, she began to breathe, and live. And every moment took her to a place where goodbyes were hard to come by. She was in love, but not in love with someone or something. She was in love with her life. And for the first time, in a long time, everything was inspiring.“ R.M. Drake 

Illustration: Christina

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