Sexworker sind nicht der Feind oder: Was ist euer Problem?

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Text von Esme van de Slampen

Ich habe gewaltig den Kaffee auf. Das passiert mir öfter, wenn ich mich für eine Sache oder ein Thema, nun, sagen wir mal, sehr engagieren kann. Der aktuelle Kaffee-auf-Aufhänger beschäftigt mich schon eine geraume Zeit, genauer gesagt seit des Erscheinens eines Artikels über die Ex-Pornodarstellerin Bree Olson hier auf Mimi&Käthe. In einer Folge des Filmprojekts „Real Women Real Stories“ erzählte Bree Olson, wie sich ihre Karriere auf ihr Leben nach dem Porno ausgewirkt hat – Ausgrenzung und Diskriminierung waren die Folge. „Wenn ich aus dem Haus gehe, fühlt es sich an, als wäre das Wort ,Schlampe’ auf meine Stirn geschrieben“, erzählte die junge Frau und gab zu, aus Angst vor den Reaktionen der Leute auf ihre Vergangenheit oft nicht ihre Wohnung zu verlassen.

Als ich das las, kamen die Gedanken ins Wallen, und ich fragte mich, was eigentlich mit einer Gesellschaft los ist, die zwar einerseits von sich behauptet, ach so liberal und sexuell aufgeschlossen zu sein, aber andererseits offensichtlich noch immer in der Moral der 1950er Jahre festhängt. Wenigstens dann, wenn es um Sexualität geht.

Wieso eigentlich? Warum hängen wir noch immer in antiquierten und längst überholten Ansichten fest? Es ist doch so: Sex macht den Meisten von uns Spaß, fühlt sich im Idealfall super an, sorgt dafür, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes Druck loswerden, uns anschließend entspannt fühlen und glücklich sind. Wir sind – im Gegensatz zur Tierwelt – nicht darauf beschränkt, nur zur Fortpflanzung Sex zu haben, sondern können Vergnügen dabei empfinden. Und lieben es, ab und an mit eben diesem Vergnügen zu prahlen.

Warum aber werden – besonders weibliche – Sexworker, zu denen unter anderem Pornodarstellerinnen und Prostituierte zählen, von so vielen zur gesellschaftlichen Resterampe gezählt? Warum sind Sexworker in den Augen großer Teile der Gesellschaft „Schlampen“, die es nicht besser verdient haben, als dass man auf sie herabschaut? „Weil Pornos drehen und Sex gegen Bezahlung nun mal keine anständige Arbeit ist“, hört man immer wieder. Was für ein Unsinn, denke ich mir dann. Jeder, der halbwegs dazu in der Lage ist, einen PC mit Internetanschluss zu bedienen, wird innerhalb kürzester Zeit haufenweise Informationen dazu finden, dass die Pornowelt eben kein nymphomanischer Ponyhof, sondern verdammt harte Arbeit ist. Dasselbe gilt für Prostituierte, die ihren Beruf freiwillig ergriffen haben. Sexworker sind Menschen wie du und ich, die sich irgendwann für ihren Job entschieden haben, hart für ihre Kohle arbeiten und im besten Fall damit zufrieden sind. Warum können wir das nicht annehmen? Warum ist Pornodarstellerin Martina ein schlechterer Mensch als Peter, der dir bei der Bank das Konto einrichtet? Warum schauen wir mit hochgezogener Augenbraue auf Diana, seit zehn Jahren Domina, nicht aber auf Klamottenfachverkäuferin Rita? Alle diese Personen erbringen eine Dienstleistung, aber nur Peter und Rita sind gesellschaftlich akzeptiert. Martina und Diana dagegen werden offen geächtet.

Stripperinnen, Prostituierte, Dominas – ihr habt unseren vollsten Respekt! <3

Stripperinnen, Prostituierte, Dominas – ihr habt unseren vollsten Respekt! <3

Ein weiteres Paradoxon ist mir unbegreiflich: Einerseits konsumieren wir Pornos und nehmen sexuelle Services in Anspruch, verurteilen aber gleichzeitig diejenigen, die diese Dienstleistungen erbringen, als moralisch verwerfliche Personen, verweigern ihnen oft gar jeglichen Respekt. Kann mir das bitte jemand erklären?

Als ich das Thema kürzlich in meinem Bekanntenkreis zur Sprache brachte, bekam ich einige interessante Antworten, eine davon war diese: „Wer mit so vielen Leuten Sex hat, handelt gesundheitlich unverantwortlich.“ „Informier dich lieber mal besser, wenn du das denkst“, entgegnete ich. Sexworker sind auf ihre Gesundheit und ihren voll funktionstüchtigen Körper angewiesen und achten vermutlich besser auf ihre Gesundheit als du, der du nach jedem Clubbesuch im Vollsuff mit Hinz und Kunz gevögelt hast, und das nicht selten ohne Gummi.

Ich dachte, wir seien darüber hinaus, dass Sex nur noch in der Ehe oder innerhalb einer festen Beziehung stattfinden darf. Haben Frauen etwa nicht das Recht auf Selbstbestimmung? Das Recht, zu entscheiden, was sie mit ihren Körpern und ihrer Sexualität anstellen und was nicht? Ich sage euch, die ihr nicht aufhören wollt, gegen Sexworker zu schießen, jetzt mal was: Menschen, die mit Sex ihr Geld verdienen, sind keine Objekte, sind keine Freaks, sind nicht der Feind. Im Porno nicht, als Prostituierte nicht, als Camgirl nicht und auch als Erotikmodel nicht. Sexworker leisten ebenso gute und anständige Arbeit wie du, deine Familie und deine Freunde. Der Unterschied ist, dass sie vor Kameras oder gegen Bezahlung mit anderen Sex haben, während du Hot Dogs an der Wurstbude verkaufst. Beides ist legitim.

Sex ist nicht nur eine schöne Sache zwischen zwei (oder mehreren) Menschen, die Lust aufeinander haben. Wie alles andere auch, lässt sich Sex erfolgreich vermarkten und professionalisieren. Und daran ist nichts Schlimmes zu finden. Würdest du auf die Idee kommen, Profisportler zu verachten, weil sie „nichts anderes können, als einen Ball zu treten / schnell zu laufen / hoch zu springen“? Wer verachtet Servicedienstleister, die acht Stunden am Tag mit den Macken ihrer Kunden zurecht kommen und dabei freundlich bleiben müssen? Schließlich wollen sie ihr Produkt an den Mann oder die Frau bringen. Die „prostituieren“ sich doch auch, wenn man mal genauer darüber nachdenkt. Ja, der Duden definiert Prostitution als „gewerbsmäßige Ausübung sexueller Handlungen“, doch weiß vermutlich jeder, der mal im Service tätig war, genau, wovon ich rede. Wenn du es nicht weißt, geh doch einfach mal einen Monat kellnern.

Sexworker2

Viele von uns nehmen die Dienste von Sexworkern in Anspruch – in Form von Pornos, wenn wir mit dem heißen Camgirl chatten oder wenn wir für Sex mit Escortdamen bezahlen. Umso mehr sollten wir den Hut vor den Ladys (und Herren) ziehen und sie nicht diskriminieren. Fotos: Ted Fingers

Doch völlig egal, wie die individuellen Umstände aussehen: Hat eine Frau offen Spaß am Sex und macht eben diese Leidenschaft zu ihrem Beruf, ist sie gesellschaftlich unten durch. Dabei hat nicht jene Frau ein Problem, sondern wir. Mit uns selbst, unserem Sex und unserem Verhältnis dazu.

Tut mir bitte den Gefallen und denkt über meine Worte nach. Und hört auf, Sexworker zu verdammen, wenn doch eigentlich eure persönliche Haltung zu diesem Beruf das Problem ist. Informiert euch, anstatt zu verurteilen. Danke.

Die Fotos entstanden während eines Drehs des Labels GGG – John Thompson. Hier geht’s zur Reportage!

3 Comments

  1. rob

    25. Oktober 2016 at 19:14

    Ist meiner ansicht nach ein deutliches zeichen von dummheit und/oder arschlochhaftigkeit, wenn man dienstleistungen konsumiert aber die menschen, die diese erbringen, aufgrund ihrer taetigkeit nicht respektiert. Ich bin jedenfalls dankbar fuer alle pornodarsteller[innen], an deren arbeit ich mich erfreuen konnte, und wuerde sie genau so respektvoll behandeln wie alle anderen leute auch.

  2. JudgeDark

    19. August 2016 at 16:38

    Ich muss da nicht drüber nachdenken, ich teile Deine Meinung voll und ganz!

    Schade nur, dass es so viele nicht tun und auch solche Texte bei vielen nicht zu einem Umdenken anregen!
    Scheinheilig nennen ich diese, denn sie sitzen wahrscheinlich zu Hause vor dem Rechner und konsumieren Pornos, besuchen Saunaclubs, schauen sich Camgirls oder Stripper an, verurteilen aber den Menschen dahinter. Sowas muss man nicht verstehen … !

    • Rheintochter Esme

      20. August 2016 at 14:07

      Sowas KANN ich einfach nicht verstehen. Denn dieser Logik nach geben wir dem Barkeeper im Nachtclub die Schuld an unserem Kater am Tag danach, und das ist ebenso unangebracht wie unreflektiert.

      Seufz…
      Aber vielen herzlichen Dank für den freundlichen Zuspruch. Dafür schicke ich ganz viel Liebe vom Rhein! :-)

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