„Geiler Knackarsch, Kleiner!“ – Sexismus schießt in alle Richtungen

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Ein Text von Mimi Erhardt.

Vor wenigen Tagen war mein Bruder Jan zu Besuch in Berlin. Wir sprachen über dies, das, Ananas, und als ein Mädchen in einem T-Shirt mit „I’m a feminist“-Print an uns vorüber ging, kamen wir auf das Thema Feminismus. „Das, was ihr mit Mimi&Käthe zu dem Thema macht, ist gut und wichtig“, befand Jan, „aber es gibt Dinge, die mir nicht gefallen und die auch so nicht stimmen.“ Welche, wollte ich wissen.

„Du sagst, dass viele Frauen ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Sexualität haben, weil Medien und Umwelt noch immer so tun, als sei beides fehlerhaft.“

„Und eklig und pervers und schlecht riechend“, ergänzte ich.

„Bis zu diesem Punkt hast du absolut Recht“, sagte Jan. „Das Problem ist, dass du im gleichen Atemzug behauptest, die Gesellschaft ginge mit Männerkörpern und der männlichen Sexualität ganz anders um. Das ist so nicht richtig.“

Ich nahm einen großen Schluck von meiner Maracujaschorle und spitzte die Ohren.

„Es gibt gute, gesellschaftlich akzeptierte Bereiche an unseren Körpern und schlechte. Thema Körperbehaarung. Es ist nicht mal annähernd wahr, dass alles, was auf so einem Männerkörper wächst, gefeiert wird. Brusthaare, Haare auf Unterarmen und Beinen – Geschmackssache, aber kein Problem. Hast du aber einen behaarten Rücken, behaarte Schultern oder einen haarigen Arsch, sieht die Sache anders aus. Wie oft habe ich schon gehört, wie ,widerlich’ das sei, ,ekelhaft’ und dass der eigene Mann SO garantiert nicht rumlaufen dürfe.“

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Ich spreche mit meinem Bruder selten über derartige Dinge, aber ich weiß, dass er genau beobachtet und zuhört und vieles registriert, was andere gar nicht erst wahrnehmen. Umso mehr interessierte mich seine Meinung.

„Oder Thema Sex: Auf Männern lastet gerade dabei ein immenser Druck. Du musst immer können und wollen. Allerdings sind wir – wie Frauen – keine Maschinen. Wir sind auch mal müde, gestresst und haben keinen Bock.“

Ich nickte. 100 Prozent Zustimmung. Was noch?

„Frauen haben oft einen Ton an sich, wenn sie von Männern, vor allem von ,ihren’ Männern sprechen, den ich daneben finde“, sagte Jan. „Überheblich, fast schon arrogant. Das hörst und liest du überall. Als wären wir geistig zurück geblieben, unmündig, dumm, such dir was aus.“

Ich nickte wieder und antwortete, dass genau das mir schon oft aufgefallen sei. „Hahaha, mein Männe. Wenn der mich nicht hätte, würde der in einer Höhle hausen und sich von Scheiblettenkäse und Bier ernähren!“ Sprüche wie dieser stressen mich seit Jahren. Weil es respektlos ist, so von dem Menschen zu reden, der dich liebt. Geschlechterunabhängig übrigens.

Ich dachte an die Werbung, die sich in den letzten Jahren stark verändert hat. Kaum hatten wir die Weibchen- und Hausmutti-Stereotypen, die uns Fernsehkinder seit den 50er Jahren begleiten, überwunden, ließen sich Firmen und Werbemacher übergangslos ins nächste Klischee-Becken fallen: Der Mann (insbesondere der Mann in einer festen Beziehung) als Trottel, der ohne die starke Hand und den klugen Geist seiner Frau nicht überlebensfähig ist. Der Ursprung dieser Darstellung ist nachvollziehbar: Dem jahrzehntelangen Sexismus, der seit der Nachkriegszeit ganz besonders in der Werbung vorherrschte, den Garaus machen, indem von nun an die Frau in all ihrer Stärke präsentiert wird. Guter Gedanke. Was vergessen wurde: Sexismus funktioniert nicht nur in eine Richtung.

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Auch Frauen sind sexistisch, bodyshamen oder sexualisieren Männer, sind sich dessen aber nicht bewusst, da Sexismus gegen Männer kein Thema ist. Denkt an die beschwipste Damen-Kegelrunde, die im Lokal lautstark über den hübschen Kellner spricht. „Lecker Jung“, Pfiffe oder „Na, DAS nenn ich ja mal einen Knackarsch!“

Ich denke an Gespräche mit Freundinnen über die körperlichen Must-Haves, die der zukünftige Gatte mitbringen muss: „Ein guter Body MUSS sein!“, „Ein kleiner Schwanz geht NULL klar.“ An Vorurteile wie: „Alle Männer sind triebgesteuert/ oberflächlich/ peinlich/ Idioten/ Schweine.“ Häufig gehört habe ich auch Sätze wie „Wenigstens bringt er Kohle nach Hause“, „Ich hasse es, wie er mich leckt, aber das wird in diesem Leben nichts mehr – typisch Mann halt“ und „Dann hat er tatsächlich angefangen, zu heulen. Mega peinlich.“

Sexismus bedeutet nicht nur, dass uns im Sommer Männer ungefragt auf die Boobs starren oder ältere Herren uns das Köpfchen tätscheln. Sexismus kann in alle Richtungen und gegen jedes Geschlecht und Gender zielen. Und treffen.

Ich dachte zurück an das Mädchen im „I’m a feminist“-Shirt. Ja, ich sehe mich ebenfalls als Feministin. Es ist noch ein weiter Weg bis zur tatsächlichen Gleichberechtigung, und im Rahmen unserer Möglichkeiten kämpfen wir mit Mimi&Käthe dafür, dass Frauen gehört werden, dass wir über Fehler, die begangen wurden und es noch immer werden, sprechen, aufklären, ein Bewusstsein schaffen für all das, was schiefgelaufen ist. Doch empfinde ich mich in erster Linie als Humanistin und denke, wir sollten die Männer, mit denen wir leben, nicht zu unseren Feinden erklären, sondern uns mit ihnen verbünden. Sie nicht lächerlich machen, sexualisieren, bodyshamen, uns einreden, sie seien an allem Schuld. Männer und Jungs haben Sorgen, Fragen wie wir auch, sind manchmal lost, fühlen sich verarscht, sind wütend, unsicher. Und: Sie sind keine ignoranten Wichser, denen unser Wohlergehen am Arsch vorbei geht oder die unsere Meinung nicht interessiert. Solche Typen gibt es natürlich. Aber ich spreche von den Männern, die uns wichtig sind. Es interessiert unsere Boyfriends, Buddys, Väter und Brüder, was wir denken. Warum wir oft so anders funktionieren als sie.

„Finde ich gut, dass wir auch mal über so was gesprochen haben“, sagte Jan, als er zu seinem Auto zurück ging. Wir gaben uns einen Bruder-Schwester-Hug, und ich dachte: „Wie stolz ich auf uns bin.“ Miteinander, nicht gegeneinander. Zuhören, und nicht nur nicken. Dass wir einfach mehr reden und einander ernst nehmen sollten. Und dass die Idee von Gleichberechtigung ohne Respekt nichts als ein kleiner Kackehaufen ist.

Fotos: Melanie Ziggel // Melanie Ziggel bei Facebook

Model: Nils (übrigens NICHT mein Bruder :) )

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4 Comments

  1. pedro71

    28. Juli 2017 at 12:27

    WORD!!!

  2. Rheintochter Esme

    25. Juli 2017 at 21:33

    Wichtige und wahre Worte. Ich hatte vor einiger Zeit ein ähnliches Gespräch mit einer lieben Freundin. Sie störte sich wie ich daran, wie manche „Fangirls“ verbal über Schauspieler, Musiker oder Sportler herfallen, als wären sie Dinge. Was mich, wenn ich genauer darüber nachdenke, glatt zu einem neuen Text inspiriert… Mimi-Schatz, Du bekommst bald virtuelle Post von mir!
    Bis dahin vielen herzlichen Dank dafür, dass wir an diesem Bruder-Schwester-Dialog teilhaben durften! 💖
    Liebe vom Rhein!

  3. JudgeDark

    22. Juli 2017 at 17:19

    Sehr guter Text, der es wirklich auf den Punkt bringt wie ich finde und danke für das Teilen der Gedanken deines Bruders.

  4. Vivien

    21. Juli 2017 at 20:01

    Super toller Text. Dass Männer in der Werbung als Vollpfosten dargestellt werden, ist mir auch schon oft aufgefallen. Und das geht mir so dermaßen gegen den Strich! Was ist daran so schwer, gute Werbespots zu drehen ohne dass ein Gender dabei angegriffen wird.?

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