Schnurrbart, Schnoppek, Schenkelbürste – Schnörrie, come back!

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Kaspar ten Boerte ist zurück, und ich freu mich sehr. Denn Kaspar ist nicht nur ein Meister verbaler Rotzigkeit, sondern widmet sich heute außerdem einem Thema, das mein Herz ganz feucht werden, pardon, höher schlagen lässt – der Schnurrbart, von seinen Fans auch gerne als Pornobalken bezeichnet. Immerhin war ein Mann ohne Schenkelbürste im Golden Age of Porn, aka den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, undenkbar, gerade im Pornbiz gehörte ein sauber gezwirbelter Schnoppek zum guten Ton. Zu Recht. Warum der Schnörrie eines Tages in Verruf geriet und warum nur die wirklich coolen Jungs heute noch einen tragen – Kaspar ten Boerte weiß es.

Text von Kaspar ten Boerte

Es gab eine Zeit, in der dünnhäutige Mitglieder der Hipsteria noch keine Vollbärte trugen, in denen sie wenigstens theoretisch Vogelnester verstecken könnten. Damals, als die Welt noch klare Formen hatte und „Hipp“ außerhalb der Babynahrungsszene kein Begriff war, wurden Vollbärte nur von Typen getragen, die sie schon seit Jahrhunderten trugen, weil Bärte tatsächlich praktisch sein können. Für raue Seebären, Piraten, kanadische Holzfäller, Bergbesteiger und Polarforscher. Wer nur zu faul war, sich zu rasieren, sei großzügig in diese Liste mit aufgenommen. Alle anderen, die guten Jungs, trugen die Gesichter glatt.

In dieser goldenen Zeit vergangener Klarheit und untergegangener Schönheit, brauchte es nur eine schmale Bürste auf der Oberlippe, um zu zeigen, dass man kein guter Junge war. Sondern ein Mann. Drei der coolsten Typen aller Zeiten trugen so eine Bürste im Gesicht, und ihre Träger wirkten auch nicht weniger souverän, wenn Ehefrauen und Omas sie aufzogen, sie müssten keine Suppe im Schnoppek verstecken, es gebe Nachschlag. Magnum trug ihn, mein Großvater trägt ihn seit fast 50 Jahren, Superficker Johnny Wadd, gespielt vom legendären John Holmes, trug ihn: den Schnurrbart.

Was ging ab mit diesem zurecht rasierten Stück Gesichtsbehaarung, dass alle Welt darauf abfuhr? Warum ist er untergegangen und geistert heute nur noch als vereinzeltes Relikt auf den Oberlippen weniger Rebellen, denen kein anderes Alleinstellungsmerkmal mehr einfällt, um sich von der kaputt individualisierten Masse abzuheben? Was zur Hölle ist nur geschehen?

Zuerst wäre festzustellen, dass die Hochzeit des Schnauzers – in manchen Gegenden auch liebevoll Schnörrie genannt – die Siebziger und Achtziger des letzten Jahrhunderts des letzten Jahrtausends waren. Es war nach dem Untergang von Atlantis, nach dem letzten Aufbäumen indigener Stämme beim Massaker am Wounded Knee, aber lange vor dem Zeitalter der Boybands. Eine fast schon untergegangene Zeit. Eine großartige Zeit. Noch gibt es Menschen, die dabei waren, Stammesälteste, die bei Lagerfeuererzählungen ihre Erfahrungen teilen können. Eine Zeit ohne Falsch und Heimtücke, wie jeder sehen kann, der die Bilder damaliger Pin-Ups und Starlets sieht: Fleisch ohne Botox, Silikon und andere Körpermodifikationen. Nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt? Pah! Damals waren die Brüste und Hüften so, wie sie vom Gott der Vögelei erdacht waren, bevor Menschen, die sich mit Göttern verwechseln, dazwischen pfuschten.

Frauen mit weiblich vollen Formen mussten sich dafür nicht schämen, sie wurden gefeiert, wie es ihnen gebührt und schüttelten ihren Speck mit einem Selbstbewusstsein, das heute fast nur noch Schweine am Start haben, damals, bevor Bodyshaming ein Begriff wurde. Hässliche Welt keeps hating. Why, wofür nur? Für Kurven, die für das Design amerikanischer Straßenkreuzer Pate gestanden haben müssen? Oder warum möchte man Cadillacs so zärtlich über die Heckflosse streichen, wenn man vorbeigeht? Doch ich schweife ab.

Es war eine Zeit, in der Pornos noch Handlung hatten. Da wurden die Frauen nicht einfach nur weggefickt, weil der Mechaniker beim Ölwechsel aus Versehen ein Rohr falsch verlegt hatte. Zumindest nicht ständig. Es gab französische Arthaus-Filme, die an ausgesuchten Drehorten mit wunderschönen Menschen sehenswerte Settings und Handlungen entwickelten, ohne dass der Sex zu kurz kam. Es wurde gefickt und gevögelt, aber es durfte auch Liebe gemacht werden. Kurzum, es war ein goldenes Zeitalter, und wir Nachgeborenen können von Glück sagen, dass es noch Zeitzeugen gibt, die wir über die Wunder und Schönheit dieser Zeit befragen können, um wenigstens mittelbar noch einen Hauch der Gesamtatmosphäre abzugreifen und unsere eigene Lebensrealität aufzuwerten.

Das Symbol all dieser verlorenen Gegenstände, dieser untergegangenen Welt, ist der Schnauzbart. Schnurrbart, Pornobalken, Rotzbremse, Schenkelbürste.

Jeder trug ihn, den Schnurrbart. Bankangestellte und Versicherungsvertreter genauso wie der Kartenabreißer des schmuddligen Bahnhofskinos, in das dein perverser Oliba-Onkel schlich, um das zu sehen, was heute allen auf Pornportalen zur Verfügung steht, und was natürlich nicht mehr pervers sein kann, weil es eben alle machen. Magnum, die urkuhle Sau, ich erwähnte es, trug ihn, sowie Filmfigur Johnny Wadd, der krasseste Ficker des letzten Jahrtausends. Der hat immer gefickt. Mit und ohne Kamera, aber immer mit Schnurrbart: Johnny Wadd hatte einen so großen Schwanz, der wäre beim Ficken ohnmächtig geworden, hätte er sich nicht das Herz eines Ochsen transplantieren lassen. Er musste ficken. Wenn er drei Tage nicht abspritzen konnte, schwoll sein Sack so monströs an, dass er ihn mit einer Schubkarre zum nächsten Puff schieben musste. Er bekam ein gerichtliches Verbot, mit Menschen anal zu verkehren, nachdem zwei Frauen und ein Mann an inneren Blutungen verstorben waren. Der Mann musste sogar von Johnnys Schwanz geschnitten werden, die Ekstase sei so groß gewesen, dass Johnnys Partner beim Ficken aufgespießt und durchbohrt wurde. Legendäres Stehvermögen.

Das war die Zeit der Pornobalkenträger.

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, wie so ein Schnurrbart zu definieren sei, welche Formen es gebe, wie kurz oder lang sich die Behaarung über das Gesicht ausbreiten darf, um das Bartgewebe weiterhin Schnurrbart nennen zu können. Wenn wir beim Kleinsten beginnen, fällt einem sicherlich das Bärtchen dieses Diktators ein, der von Charlie Chaplin gespielt wurde. Der Chaplin-Bart. Kurz, buschig, doch nicht über die Oberlippe ragend. Der klassische Schnauzer ist ebenfalls buschig, sollte ebenfalls nicht über die Oberlippe ragen, hört aber erst über den Mundwinkeln auf. Ideal für jeden Menschen, der Entscheidungsprobleme hat, ob jetzt dieses Stück noch ab solle oder jenes? Bartpflege ist eine Kunst für sich und der Weg zur Meisterschaft mühselig.

Schnurrbart1

Oh hi <3 Foto: Jelle Keppens

Eine Abart des gemeinen Schnauzers ist eine Schmalspurvariante, bei der man nur einen hauchdünnen Streifen Haar direkt über der Oberlippe stehen lässt. Bartvereine bestreiten bisweilen, dass es diese Flusen verdient hätten, Bart genannt zu werden. Da die Träger dieser affektierten Mode allerdings entweder Mafiosi sind oder Schauspieler, die sich gerade auf eine Rolle als Mafioso vorbereiten, ist das Teil sehr selten, wir können es vernachlässigen. Es gibt noch gewichste Meisterwerke (nein, wichsen ist nicht gleich wichsen, Contenance, Contenance), aber mit diesen Kunstwerken möge sich die Kunstgeschichte künftiger Jahrhunderte befassen, das ist mir zu hoch gezwirbelt.

Welches Gerät nicht fehlen darf – und das ist der letzte in dieser Reihe – ist der hart um die Mundwinkel nach unten wuchernde Bart, das wilde Tier unter den Schnauzern. So was tragen Männer, die nie genug haben, die mit dem Saugen und Lutschen auch dann nicht aufhören, wenn sie schon halb ersticken und ihnen die Suppe rechts und links die Wangen runterläuft. Denn genau das symbolisiert diese Bartform: Unersättlichkeit. Es gibt Bartexperten, die in dieser Schnurrbart Form ein Tor sehen wollen, vielleicht sogar das Höllentor. Das könnte bedeuten, dass diese Bartform dem Träger übersinnliche Kräfte verleiht, wie zum Beispiel phänomenales Stehvermögen, aber dafür auch einen Preis fordert, üblicherweise die Seele oder was ähnlich Wertvolles, das im Haushalt vorhanden und dessen Eigentum notariell beglaubigt ist. Überlegungen, die für viele Menschen keine Rolle spielen, weil es schon immer unglaublich schwierig war, passende Schuhe zu diesem Bart zu finden. Niemand weiß, warum. Es ist ein ästhetisches Gesetz.

Bitte, Freunde der Sonne und Geschlechtsgenossen, wenn ihr einen Bart tragt, dann macht den Scheiß sauber. Wenn ihr eure treu sorgende Ehefrau nach einer dreitägigen Sauftour beim Nachhausekommen flüchtig küsst und sie nicht nur die Vaginalsekrete der letzten zwei Uschis riecht, denen ihr es besorgt habt, sondern auch die Überbleibsel des Mittagsessens, das sie vier Tage vor eurem Um-den-Block-Gehen zubereitete, zeugt das von schlechtem Stil. Wir wollen hier nicht von Moral und so Sachen anfangen, von denen ich keine Ahnung habe. Aber bitte, bewahrt Anstand und belästigt euch und andere nicht mit unhygienischen Bärten. Nach jeder Mahlzeit, manchmal auch dazwischen, wenn es tropft. Nach dem Aufstehen und – ja, auch vor dem Zubettgehen: Man weiß nie, was passiert, wenn man sich neben einem anderen Menschen ins Bett legt. Es ist schon vorgekommen, dass man die eigene Frau begehrte. Und soll die erst mal angewidert zurückschrecken, bevor sie mit verkniffenem Gesicht doch loslegt, mit einer Leidensmine, als würde sie das Kreuz Christi tragen?

Wer also diesen speziellen, buschigen Oberlippenbart tragen möchte, kümmere sich bitte auch wie ein Gentleman um die Pflege, das sind wir uns schuldig.

Ein echter psychologischer Vorteil des damaligen Schnauzer-Styles war, dass sich jeder mit seinen Pornohelden identifizieren konnte, da wirklich jeder diesen Schmuck und Suppenfänger trug. Auch Menschen, die Sex nur zur Fortpflanzung trieben, in Missionarsstellung, nachts, mit ohne Licht. Auch diese Verklemmten, Opfer rigider Sexualmoral vergangener Jahrzehnte, konnten sich wenigstens für die Dauer eines Pornostreifens mit den unheimlichen Helden ihrer Fantasien identifizieren. Schnurrbart sei Dank.

Und obwohl statistische Erhebungen dazu fehlen, ist völlig klar, dass diese ersten Ausblicke auf eine Zeit freierer Liebe und Auslebung auch der abgefahrensten Fetische durch eine behaarte Brücke ermöglicht wurden: den Pornobalken. Auf dem die lieben Liebenden von strenger Sexualmoral und ekliger Heimlichtuerei zu einer anderen Welt balancieren konnten – der Welt unserer Wünsche und Triebe, die alle gut und besser sind, erlaubt und wunderschön, solange es unseren Sexpartnern damit ebenfalls gut geht.

Pornobalken, wir haben dir viel zu verdanken.

Es wird Zeit für ein Denkmal. Vielleicht so: Eine gigantische Vagina im O’Keefe-Style, vor der eine Schenkelbürste in Stellung geht. Schenkelbürste, der Schnauzbart, unser Pornobalken. Denkt mal drüber nach.

7 Comments

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  4. JudgeDark

    12. Juli 2016 at 17:39

    Sehr schöner Text, mit Witz und Wahrheit! Danke an Kaspar … !

  5. G.

    11. Juli 2016 at 6:39

    Liebe Mimi,

    Danke für die herzerfrischenden Worte für Bartträger.
    Selbst trage ich ihn seit über 30 Jahren über und unter dem Mund ;-) Bartpflege ist schon wichtig. Waschen und bürsten ist tägliche Pflicht. Heute besitze ich auch eine richtige Bartbürste. Man entwickelt sich :-)

    Liebe Grüße und einen dicken Kuss

    • Mimi

      Mimi

      11. Juli 2016 at 12:07

      Ich danke sehr, aber das Lob gebührt Autor Kaspar ten Boerte :)

  6. Thomas

    11. Juli 2016 at 0:35

    Ein herrlicher Artikel. Danke! Es fehlt noch die Einordnung der mundumrahmenden Gesichtsfotze.

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