Schnauze halten, glücklich sein: Ich bin introvertiert

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Ein Text von Mimi Erhardt.

„Du bist so still, Mimi. Geht’s dir gut?“ Hätte ich für jedes Mal, das man mir diese Feststellung-Frage-Kombination besorgt ins Ohr raunte, eine Pommes Schranke an halbem Hähnchen bekommen, wäre ich vor zehn Jahren an Herzverfettung krepiert.

In der Uni habe ich obiges oft gehört, in der Schule sowieso. Von Lehrern, von Freunden, Professoren, Tutoren. Später dann in Meetings, auf Hochzeiten, Partys, bei Presseterminen. Warum ich denn gar nichts sagen würde, ob alles in Ordnung sei.

Ja, es ist alles in Ordnung. Ja, ich bin oft still. Ja, es geht mir gut. Aber ich bin anders als du, bin nicht laut, nicht immer in der Lage, mich Fremden mitzuteilen, mit ihnen zu interagieren, fühle mich in Menschenmassen, die für mich ab fünf Personen beginnen, oft verloren, überfordert. Socializen im Real Life ist eine Herausforderung, die ich nicht immer annehmen kann und will.

Ich bin introvertiert.

Introvertiert – also schüchtern? Nein, nicht unbedingt. Ich bin nicht schüchtern, wenigstens nicht denen gegenüber, denen ich vertraue. Fragt mal meine Mädchen Lullu, Sarah oder Anneliese, denen habe ich schon das ein oder andere Kotelett an die Backen geschwallert. Unbekannte Menschen machen mir dagegen oft Angst, und Angst bringt mich zum Schweigen. Wenn das Schüchternheit ist, dann ja, dann bin ich zu einem guten Teil schüchtern, finde aber dennoch nicht, dass es das richtige Wort ist, um mein Wesen zu beschreiben.

Introvertiert sein bedeutet per Definition, dass ich „nach innen“ lebe. Wartet, das klingt blöde, denn so sehr nach innen lebe ich ja gar nicht. Ich gehe oft und gerne aus, treffe mich mit Freunden, und der Barkeeper meiner Stammkneipe weiß, dass ich meine Coca Cola am liebsten mit Zitronenschnitzel mag und dass auf meinem großen Zeh Haare wachsen. Aber vieles von dem, das sich in meinem Inneren abspielt, ob das Gedanken, Gefühle oder To-Do-Listen sind, bleibt genau dort – in meinem Inneren. Manchmal schreibe ich über die Dinge, die in mir vorgehen, und lasse sie euch lesen. Das finde ich okay, ach was, ich mag es sogar sehr. Denn solange ich einen Gedanken nicht laut ausspreche, bleibt er irgendwie in meinem Kopf, also da, wo er für mich hingehört. Über Emotionen sprechen fällt mir dagegen schwer, und es passiert höchstens in jedem dritten Schaltjahr, dass ich mich verbal und einigermaßen gut hörbar einem anderen Menschen mitteile. Passiert es tatsächlich mal, fühle ich mich erschöpft und nur kurz erleichtert, immerhin muss ich anschließend alles wieder ordentlich in die Schubladen in meinem Kopf einsortieren, die ich in einem Moment emotionaler Extrovertiertheit in Unordnung gebracht habe.

Snug as a bug in a rug☕️

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Zuhören kann ich wie eine Eins. Oft sind Gespräche, die ich führe, gar keine Gespräche. Ich mag es, den anderen reden zu lassen, hier mal eine Frage zu stellen, da „Ach echt? Krass!“ zu sagen und ihm das Gefühl zu geben, wir hätten übelst gebondet. Natürlich nur, wenn ich den Menschen mag und mit ihm bonden will, ich bonde nicht mit jedem. Introvertiert zu sein, bedeutet oft auch, sich seine Leute sehr genau auszusuchen. Wir Introverts sind sozial super selektiv. Wenn mein Herz nicht augenblicklich in Liebe zu dir entbrennt, werde ich wenigstens deine private Anwesenheit nicht suchen, sie vielleicht sogar meiden, denn ohne außerordentliche Sympathie für deine Person macht es für mich keinen Sinn, mit dir abzuhängen. Sieh das bitte nicht als Affront, ich vermeide nur Stress.

Ich habe schon oft gehört, dass Dialoge mit mir von so manchem als sehr deep wahrgenommen werden, und wisst ihr was? Das kommt durch die Fragen, die ich stelle. Ich frage anderen nämlich mit Leidenschaft Löcher in die Bäuche, wenn mich etwas an ihnen interessiert. Würde ich den Gesprächsmenschen aber fragen, was er in unserem Dialog über mich erfahren hat, wäre die Reaktion vermutlich erst ein überraschtes Gesicht, dann ein Schulterzucken. Ich rede nämlich nur sehr selten über mich, meine Person. Anders verhält es sich mit meinem Job, meinen Projekten, meinen Plänen. Fragt mich nur ja nicht über mein Blogbaby Mimi&Käthe aus – ihr werdet nicht zu Wort kommen, und am Ende des Abends bluten euch die Ohren.

Auf Partys bin ich nie der Mittelpunkt, stattdessen Statist. Ich beobachte, lache, wenn die Witze schön dämlich sind, plaudere mit Freunden oder denen, die mir vertrauenswürdig erscheinen, dies aber nur in Kleingruppen von zwei bis höchstens vier Teilnehmern. Je mehr sich am Gespräch beteiligen, desto zurückhaltender werde ich. Und ja, dennoch, nein, genau so amüsiere ich mich. Leise, nicht laut. Kontrolliert. Introvertiert. Wenn es dir Freude macht, für die anderen Anwesenden auf dem Fliesentisch stehend eine Besoffski-Zote nach der nächsten rauszudreschen, freue ich mich für dich. Also freu du dich bitte auch für mich, wenn du mich ganz ohne menschliche Gesellschaft mit deiner Katze auf dem Küchenboden herum eiern siehst. Du musst mich nicht bemitleiden, Mieze und ich feiern gerade die Party unseres Lebens.

introvertiert

Introvertiert und glücklich damit – Mimi findet: Geht klar!

Ich war schon immer introvertiert. Und ich habe lange darunter gelitten. Denn unsere Welt ist auf Extrovertiertheit ausgerichtet, darauf, nach außen hin zu agieren, möglichst kommunikativ zu sein, sich mitzuteilen, präsent zu sein, da zu sein. Nun sind wir Introvertierten auch da und auf unsere Art auch sehr präsent – wenn man uns denn in die Köpfe gucken könnte. Weil das aber nicht möglich ist, vergessen die anderen oft, dass wir da sind, wir geben ja in vielen Situationen kaum einen Mucks von uns. Erinnern sich die anderen an uns, tun wir ihnen leid, und sie versuchen, uns auf ihre Art zu helfen: Uns zu ermutigen, den Mund aufzumachen, im Unterricht die Hand zu heben, sich an Diskussionen zu beteiligen, raus aus der Komfort Zone, rin ins Leben. Die Extrovertierten meinen das nicht böse, Introvert Freunde, sie können sich nur einfach häufig nicht vorstellen, dass unser Nach-innen-gekehrt-Sein glücklich machen kann. Es wirkt auf sie traurig und manchmal auch ein wenig bemitleidenswert.

Vor allem in der Schule haben es introvertierte Wesen schwer. Denn Stillsein wird in unserem Schulsystem bestraft. Egal, wie gut meine schriftlichen Noten waren – da ich im Unterricht nur selten einen Laut von mir gab, betrugen meine mündlichen Noten bis zum Abi konstant vier bis sechs, der Schnitt verschlechterte sich dementsprechend. Damals habe ich oft mit mir gehadert, mich gefragt, was mit mir nicht stimmt, warum ich nicht auch mit einer großen Fresse gesegnet sein kann, mit einem Selbstbewusstsein, das es mir möglich macht, meine Meinung zu sagen, deutlich und unmissverständlich, und sie nicht erst in der Klausur mit Kugelschreiber auf drei Doppelseiten zu schmieren. Dass beides gleichwertig ist, verstand ich damals nicht. Wie oft zeigten sich die Lehrer besorgt, fragten, ob ich Probleme habe, mit dem Freund, der besten Freundin, mit den Eltern. Nein, von gelegentlichen pubertären Befindlichkeiten abgesehen, hatte ich keine Probleme, top Freunde, top Eltern, nicht mal Akne hatte ich. Erst heute verstehe ich, dass die Probleme nicht bei mir lagen, sondern in einem System, das mein Anderssein nicht als vollwertig annehmen wollte. Das nicht differenzieren konnte zwischen introvertiert und extrovertiert, dem es bis heute nicht möglich ist, zu sehen, dass ein introvertiertes Kind, ein introvertierter Mensch, kein Leben zweiter Klasse führt, nicht bemitleidenswert ist, da das Kind, der Mensch, nicht weniger weiß, liebt oder fühlt als ein extrovertierter Charakter.

Ich habe inzwischen nicht zuletzt jobbedingt gelernt, eine gewisse Extrovertiertheit auf Knopfdruck abzurufen. Als Journalistin habe ich mir einen Beruf ausgesucht, der mich ständig aus meiner introvertierten Komfort Zone heraus ballert. Interviews, Pressetermine, Gespräche mit Kollegen und Kunden – ich kann es inzwischen. Da sein, für andere sichtbar präsent sein, lachen, auch wenn ich nichts anderes will, als mein Gesicht im flauschigen Fettbauch wahlweise dem haarigen Rücken meines Katers Manfred zu vergraben.

Night nap with bae💤

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Auch im Privaten gelingt es mir inzwischen, Smalltalk zu halten, der Mittelpunkt einer Gesprächskleingruppe zu sein, ohne Stresspickel zu bekommen, zu Partys zu gehen, auf denen ich bis auf den Gastgeber niemanden kenne und nicht fünf Minuten vorher per Whatsapp abzusagen, weil ich in Panik vor den Fremden gerate. Das geschieht nicht immer nur aus Pflichtgefühl, manchmal passiert es, weil ich neuen Input brauche und genieße und weiß, dass mir das möglich ist, wenn ich mich nur aus meiner Bubble herauswage. Wie und wann ich das gelernt habe? In dem Moment, in dem ich akzeptiert habe, introvertiert und genau so richtig und gut zu sein.

Ich gehe gerne feiern, habe aber auch kein Problem damit, zuzugeben, dass ein Freitag Abend auf der Couch mit Manfred, Special Victims Unit und Pizza mir Weihnachten, Ostern und Oscar-Verleihung zugleich ist. Dass ich vor allem passiv, weniger aktiv bin. Dass es an manchen Tagen einem Weltwunder gleichkommt, wenn ich es schaffe, mir eine Hose anzuziehen und meine muckelige Höhle zu verlassen, um mich in diese schrecklich laute Welt zu begeben. Dass ich meine Gefühle am liebsten mit mir alleine ausmache und meine Freunde und Familie dennoch liebe und niemanden mit meinem Verhalten ausschließen möchte.

All das gehört zu meinem Introvertiertsein, nicht unbedingt zu deinem. Vielleicht bist du noch introvertierter oder weniger. Vielleicht bist du ein Mix aus beidem, bist gleichermaßen nach innen fühlend wie nach außen handelnd und verstehst gar nicht, was eigentlich das Problem sein soll. Das musst du auch nicht. Aber ich bitte dich, zu akzeptieren, wenn deine Freunde sich in diesem Text wiederfinden.

Ja, wir sind leise. Und es geht uns gut. Danke der Nachfrage. Jetzt hätte ich gerne meine Pommes Schranke an halbem Geflügel, und du bist nicht dazu eingeladen, aber das meine ich nicht böse. Auf bald in der Gesprächskleingruppe, deine Mimi.

11 Comments

  1. silente type

    17. Februar 2017 at 19:06

    im the silent type…

    https://youtu.be/r8v8QIHZJkI

  2. Pingback: Was heißt hier „typisch Mädchen“ – Girls will be girls - Mimi&Käthe

  3. Pingback: Was heißt hier „typisch Mädchen“ oder: Girls will be girls - Mimi&Käthe

  4. Andrea

    15. November 2016 at 15:30

    :-) Toller Text! <3
    Mit Mieze die Party eures Lebens feiern hat mir auch sehr gefallen!

    Liebe Grüße!
    Andrea

  5. Bedmakerjojo

    16. Oktober 2016 at 2:56

    Danke schön

  6. ShivaInExile

    14. Oktober 2016 at 20:35

    Ich konnte es eben kaum fassen… dein Text spiegelt mein Gefühlsleben ziemlich exakt. Messerscharf und butterweich zugleich.
    Und Katzen passen perfekt zu stillen Wassern.
    Lieben Gruß

  7. Pingback: Mimi&Käthe: Erlebnispornographie – die Book Release Party - Mimi&Käthe

  8. Rheintochter Esme

    10. Oktober 2016 at 14:35

    „Ich habe inzwischen nicht zuletzt jobbedingt gelernt, eine gewisse Extrovertiertheit auf Knopfdruck abzurufen.“ – mm, das kenne ich auch nur zu gut. Was einer der Gründe ist, warum ich mich HINTER der Theke tausendmal wohler fühle als davor. Macht Ihr mal schön „Pahdie“, ich kümmer‘ mich gern um Eure Drinks und stell‘ Euch ein Glas Eiswasser hin, wenn Ihr ausseht, als könntet Ihr es brauchen. :-)
    Schicke Dir ganz viel Liebe vom Rhein! <3

  9. JudgeDark

    6. Oktober 2016 at 17:37

    Stimmt eigentlich, wenn man mal so drüber nachdenkt, dann werden stille Menschen oft gefragt, ob alles iO ist. Ich für meinen Teil mache das nur, wenn es sich dabei um eher extrovertierte Menschen handelt, denn da ist es auffällig wenn sie still werden … und Mimik und Gestik müssen dazu passen, eben das ganze Verhalten eines Menschen.
    Ansonsten ist es das Normalste von der Welt, dass es eben auch introvertierte Menschen gibt. Ist aber gut, dass das mal jemand so hingeschrieben hat, vielen Dank dafür … denn einigen sollte das durchaus mal bewusst werden!

  10. Pixellise

    6. Oktober 2016 at 8:52

    Hey Mimi,
    Danke für diese/deine Gedanken!
    Ich finde mich in vielem davon wieder und zum Glück habe ich auch Freunde denen es manchmal so geht :D von daher war mein „still sein“ – außer in der Schule – nie ein Problem.

    Der Blog ist toll. Macht weiter so!

    • Mimi

      Mimi

      6. Oktober 2016 at 13:08

      Danke Liebes, das freut mich sehr :)

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