Pornosucht – Hass-Liebe und Dauer-Dicke-Hose

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Henning ist Blogger und testet für seinen Blog Strap on it! Sextoys für Jungs und Paare. Ein Typ, der mit seiner Sexualität absolut im Reinen ist. Sollte man meinen. Dabei war das mit dem Sex für Henning lange Zeit gar nicht so easy, denn Henning ist XXX Addict – er leidet unter Pornosucht. Für uns hat er seine Laufbahn zusammengefasst, Tipps zum Ausstieg aus der Sucht für andere Pornjunkies inklusive. Achtung: Wenn derbes Vokabular und explizite Beschreibungen nicht euer Ding sind, lest doch lieber das hier :) Sagt mir nur nachher ja nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Text von Henning

Ich seh’s vor mir, als wäre es gestern gewesen: Neunte Klasse, erste Stunde, Musikunterricht. Wir, eine handvoll Jungs, sitzen in der ersten Reihe. Neben mir raschelt es, mein Banknachbar wird immer nervöser. Ständig kichert jemand. Geflüster. Fünf Minuten später halte ich ein Heft mit Fotos in meiner Hand, die mir die Sprache verschlagen: Steife Glieder, nasse Mumus, erregte Menschen, schwarz-weiße Bildchen, gestochen scharf und auf Hochglanz gedruckt. Mein erstes Pornomagazin und der Beginn meiner Pornosucht, doch davon ahne ich in diesem Moment noch nichts. Ich werde knallrot, hochnervös und fange an zu schwitzen. Dennoch hält mich nichts davon ab, das Teil einzustecken. Mein Name ist Hase! Am darauffolgenden Wochenende sperre ich mich mehrfach täglich in meinem (Kinder-)zimmer ein und gehe meinem neuen Lieblingshobby nach – wichsen.

Meine weitere masturbatorische Sozialisation war typisch für einen Teenie in den 90er Jahren: Ich holte mir meine Anregungen aus Magazinen, nächtlichen Softpornos im TV und auf VHS, sowie aus Unterwäschewerbungen. Bis ich eines Tages an unserem Familien-PC zufällig über vier kleine Porno-Clips stolperte, meine ersten bis dahin. Auf Anhieb war ich angefixt von den heißen Bewegtbildern. Einige Zeit später dann der Durchbruch: Schnelles Internet. Der Anfang vom Ende. Doch stand mir noch immer bloß der Familien-PC zur Verfügung. Schwierige Situation, aber nicht unlösbar.

Zu diesem Zeitpunkt war ich ein Riesenfan von ästhetischen und eher sanften Lesbenpornos. Ich sah mir nichts anderes mehr an und hätte am liebsten Tag und Nacht vor dem Rechner gesessen und gewichst, ein „Zuviel“ kannte ich nicht.

Unüberschaubare Ausmaße nahm das alles erst ein Jahr später an. Ich, zarte 15 Jahre alt, bekam meinen ersten eigenen PC inklusive DSL-Anschluss. Rückblickend der Grundstein für mein heutiges Dilemma. Jahrelang gab ich mich mit Lesben-Pornos aus „Peer to Peer-Netzwerken“ wie eDonkey, Bearshare oder Bitorrent zufrieden, bis die ersten Streaming-Plattformen wie Pornhub, Youporn oder Porntube online gingen. Mein endgültiges Verderben – Fickfilme für jeden Geschmack, endlos viele Kategorien. Frauen alleine, Frauen mit Frauen, Frauen mit einem Mann, Frauen mit zwei Männern, drei, vier oder noch mehr, Männer mit Männern.

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Foto: Ferdie Binger

Durch die nicht enden wollende Menge neuer Pornos verlor ich schnell das Interesse an Lesbenclips. Schwänze mussten her. Je mehr, desto besser. Blasen, lecken, ficken, fisten. Und anal. Anal ist toll. Je mehr Assfuck-, Deepthroat-, Bukkake- und Gangbang-Szenen ich sah, desto glücklicher war ich. So glaubte ich zumindest. Ich fing an, Grenzen auszuloten, holte mir völlig stoned einen runter, wichste, wenn ich besoffen war, experimentierte mit Poppers. Irgendwann saß ich da, eine große Flasche Rush Poppers in der linken Hand, meinen beschnittenen Schwanz in der rechten, und auf dem PC-Bildschirm vor mir kotzte Bonnie Rotten gerade einem Typen übers Gemächt. Da fragte ich mich zum ersten Mal, ob irgendwas mit mir nicht stimmte.

Dass ich durch meinen Pornokonsum und meine Pornosucht massiv abstumpfte, stellte ich zum ersten Mal fest, als mein Schwanz beim Sex mit meiner damaligen Freundin nicht richtig steif wurde und ich im Kopf vor Langeweile die To-Dos für den nächsten Tag durchging.

Die Beziehung zur Pornografie ist für mich zu einer Hass-Liebe mutiert. Liebe, weil ich voyeuristisch veranlagt bin und ich sie gern als Inspirationsquelle nutze. Hass, weil mir heute bewusst ist, dass ich jahrelang unter einer Pornosucht litt und ich ohne bis heute nicht kann, nicht will. Hass außerdem, weil ich ein Mann bin, der sich zwar nicht verstecken muss, aber oft lieber gratis Pornos schaut, anstatt sich auf LOVOO und Co. eine Komplizin zu suchen, die auf dieselben Dinge steht wie ich.

Dennoch bin ich überzeugt davon, dass sich meine Pornosucht in Grenzen hält, mein Real Life leidet nur minimal darunter. Ich sage keine Verabredungen dafür ab, wichse nicht schon vor der Arbeit oder in der Mittagspause. Das habe ich nur ein einziges Mal gemacht und fand es nicht mal besonders spannend. Es gibt außerdem deutlich schlimmere Fälle als mich: Ehemänner und Väter, die sich dermaßen in eine digitale Parallel-Sex-Welt flüchten, dass die Familie an ihrer Pornosucht zerbricht und der Job flöten geht. Achtstündiger Pornokonsum und mehr, auch bei der Arbeit, ist bei Pornoaddicts keine Seltenheit. Teilweise wird das ganze Leben um die Sucht herum gestrickt, wie man es mitunter von Junkies kennt. Auch Suizidgedanken kommen vor. Von all dem bin ich weit entfernt, zum Glück. Auch wenn ich mich nach intensiven Wichs-Sessions oft schlecht und schuldig fühle. Eine Post-Masturbations-Depression, wenn man so will.

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Foto: Dahlia von Turbozucker

Hast du dein Konsumverhalten im Griff, kann ein Porno Inspirationsquelle und Freudenspender zugleich sein und eingeschlafene Beziehungen wieder anfachen. Auch ich habe schon mehrfach zusammen mit meinen Partnerinnen Pornos geschaut. Mit ausschließlich guten Erfahrungen.

Solltest du dich auf direktem Wege in die Pornosucht befinden oder bereits süchtig sein und unter den Konsequenzen leiden, so rate ich dir: Handle. Informiere dich zuerst, und suche dann nach Selbsthilfegruppen oder einem geeigneten Therapeuten in deiner Nähe. Wenn du nicht direkt psychologische Hilfe in Anspruch nehmen möchtest, versuche zuerst, deinen Konsum auf ein Minimum zu reduzieren. Ich weiß, es ist schwierig, und oft dauert es viele Wochen, bis sich eine alte Gewohnheit auflöst, aber es ist machbar. Im Vergleich zu einer Heroinabhängigkeit zeigt eine Pornosucht keinerlei physische Komponente. Du bekommst keinen „Affen“ mit Schüttelfrost, Panikattacken und Kotzanfällen. Aber, und genau das ist das Heimtückische, sie fühlt sich nicht nach einer Sucht an, was das Ganze umso gefährlicher macht.

Als mir vor ein paar Wochen klar wurde, dass ich schon länger sexlos bin und die Pornografie zur Befriedigung bevorzuge, habe ich Schritt für Schritt meinen Konsum reduziert, so dass ich derzeit nur rund zwei bis drei Mal pro Woche auf einen Porno onaniere. Mit vielen positiven Nebeneffekten: Ich fühle mich insgesamt fitter und ausgeglichener, klarer im Kopf. Dennoch merke ich, dass meine Hormone verrückt spielen und mich förmlich zur nächsten Frau ziehen, was ich aber als durchaus positiv empfinde. Schließlich gibt dir körperlicher Kontakt auf einer ganz anderen Ebene Befriedigung, als die Solonummer das jemals tun wird.

Seit einiger Zeit versuche ich nun, dorthin zu kommen, wo ich mit 15 schon mal war: Eine gesunde Masturbation zu ästhetischen und anspruchsvollen Filmen, in denen die Frauen mit Respekt und Achtung behandelt werden. Am Anfang war es eine große Herausforderung, aber von Tag zu Tag merke ich, wie es einfacher wird. Auf ein bevorstehendes Schäferstündchen freue ich mich (fast) wie aufs erste Mal.

Und jetzt entschuldigt mich, ich hab was Neues von der umwerfenden Carter Cruise, das gesehen werden will. Bleibt sauber!

Teaserfoto: Dahlia von Turbozucker

8 Comments

  1. besorgter_palmwedler_93

    11. September 2016 at 22:24

    also erstmal find ich den text hier richtig gut!
    das hat mich ziemlich zum nachdenken gebracht.

    Aber die seite porno-sucht.com find ich nach längerem durchklicken eher eigenartig
    Erfolgserlebnis scheinen alle aus dem englischen übersetzt worden zu sein und dann findet man noch das hier:
    http://www.porno-sucht.com/5-mythen-rund-um-masturbation/

    und so im allgemeinen kommt es mir so vor als ob porno konsum mit Masturbation gleichgesetzt wird.
    die hilfe der seite besteht daraus 90 tage darauf zu verzichten. im forum wird diskutiert ob man in dieser Zeit auch kein sex haben sollte…
    das klingt alles nicht wirklich nach dem ziel welches hier im blog beschrieben wird.

    • Mimi

      Mimi

      12. September 2016 at 12:24

      Ahoi! Ich danke dir für den Hinweis!

  2. Kai

    16. August 2016 at 12:21

    Ich denke, es gibt kaum ein Thema das von den Medien so tabuisiert wird, aber auf viele junge Menschen entscheidenden Einfluss hat.

    Es gehört in den Schulunterricht. Denn niemand kann bestreiten, dass intensiver Porno-Konsum schadet (geringere Begierde etc.) . Nur leider wird das Thema wissenschaftlich ausgespart.
    Dass bei intensivem Konsum – wie beim Autor – das Gehirn umprogrammiert wird, ist Fakt. Besonders Menschen mit “Sucht-Gen” sollten deshalb sehr vorsichtig sein. Denn Nebenwirkungen – abseits der Sexualität – gibt es nicht.

  3. Nicca

    11. August 2016 at 21:46

    Der Beitrag ist wirklich gut gelungen, ich mag die Offenheit und Ehrlichkeit bei euch wirklich sehr und weiß es auch zu schätzen, was hier veröffentlicht wird. Ich finde es schade, dass solche Themen immer noch nicht ausreichend thematisiert werden und bin deshalb froh, dass es euren Blog gibt!
    glg, Nicca von kosmeticca.blogspot.com

    • Mimi

      Mimi

      12. August 2016 at 12:47

      Danke dir sehr für das Lob, Fräulein, das freut uns sehr :) <3

  4. JudgeDark

    10. August 2016 at 18:17

    Sehr interessanter Text, sehr offen und ehrlich. Zeigt doch, dass da jemand sein Problem in den Griff bekommt. Ein wichtiger Schritt ist bei einer Sucht auch immer, sich das ganze einzugestehen und drüber zu reden.

    Bei mir war es so, dass die Pornos, die ich viel zu früh in die Finger bekam, ein wenig den Blick auf Sex vernebelt haben, so will ich es mal sagen. Man bekam doch schnell einen „falschen Eindruck“ wie Sex funktioniert, eben sehr pornolastig. Hat ne Weile gedauert um zu begreifen, dass es auch anders geht. Ich hab schon immer gerne derartige Unterhaltung genossen, mal mehr und mal weniger, aber zum Glück ist nie ne Sucht draus geworden.

    • Henning

      14. August 2016 at 14:02

      Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, oder wie war das?!

      Du scheinst da ja auch auf einem guten Weg. Weiter so!

      LG, Henning

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