Stoppt die Pornokultur? Pft! Macht’n Mund auf!

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Sonntag Abend, ich lag bereits im Vor-Schlummer-Delirium auf der Couch, als die Spätausgabe des VOX-Celebrity-Magazins „Prominent“ über die Mattscheibe meines Uralt-Fernsehers flimmerte. Mit halbem Ohr hörte ich, wie sich „Prominent“-Chefin Constanze Rick wie ein kleines Wiesel darüber freute, dass die Schnalle von Bruce Willis NICHT im Privatjet zurück zum Gatten düse, sondern schlicht in der ersten Klasse irgendeines Normalo-Fliegers – wie du und ich eben, toll. Dann kam die Rede auf „Fifty Shades Of Grey“, und ich stöhnte auf. Hätte ich die Kraft gehabt, nach der Fernbedienung zu greifen – ich hätte es getan. So aber beschloss ich, meine Ohren von innen zu verriegeln, was jedoch nicht funktionierte, da selbst meine Innenohr-Verriegelung vor Müdigkeit den Geist aufgegeben hatte. Und so erfuhr ich von einer Anti-Fifty-Shades-Of-Grey-Demo, für die unter anderem die Organisation „Stoppt die Pornokultur“ verantwortlich zeichnet. Ein „pornographischer“ Film wie „Fifty Shades Of Grey“ würde sexuelle und häusliche Gewalt glorifizieren und trüge so zur Ausbeutung von Frauen bei, so die Mit-Veranstalter der Demo.

Was die softerotische Groschenroman-Verfilmung mit Pornographie zu tun haben soll, ist mir bis heute ein Rätsel und auch recht wumpe. Das andere dagegen so gar nicht. Pornographie bringt also, so der Tenor der Kampagne „Stoppt die Pornokultur“, gute Männer erst auf die Idee, ihre Frauen sexuell zu missbrauchen. Sie zu Blowjobs zu zwingen, zu Arschficks, zu Gangbangs mit dem Dartverein, eventuell sogar dazu, sie mit Pfauenfedern zu verdreschen (hallo, Mr. Grey). Die Rolle, die uns Frauen in diesem Zusammenhang zukommt, kann dementsprechend natürlich nur die sein, auf die wir eh schon seit Jahr und Tag abonniert sind: die des Opfers, das alles über sich ergehen lässt und nach dem Schlag in die Fresse noch artig „Danke“ sagt.

Liebe „Stoppt die Pornokultur“-Initiatoren. Ich schreibe diesen Text als Frau, sprich als, in euren Augen, potentielles Opfer der Pornokultur. Vor allem aber schreibe ich diesen Text als erwachsene, sexuell gesund sozialisierte Frau. Ich bin sehr wohl in der Lage, meine Befindlichkeiten zu formulieren, auch die sexuellen. Ach was, gerade die. Hat mein Mann Lust darauf, mir ganz Porno-mäßig mit dem Paddle den Arsch blau zu schlagen und mich anschließend mit seinen beiden best Buddys durchzuknallen, darf er mir diesen Vorschlag gerne unterbreiten. Wenn ich keine Lust darauf habe, sage ich „Nein“. Kleines Wort, große Wirkung. Sollte er mich nicht fragen, sondern direkt mit dem Schlaginstrument seiner Wahl losdreschen, werde ich ihm zuerst in die Eier treten und ihn dann aus der Wohnung jagen. Hat sich bis jetzt aber noch niemand getraut, insofern fühle ich mich vor sexuellen Übergriffen in meinen eigenen vier Wänden einigermaßen sicher.

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Unglaublich, aber wahr: Große Mädchen wie unser hinreißendes Model können laut sagen, worauf sie Bock haben. Und worauf nicht.

Kommen wir nach dieser kleinen Vorrede zum ersten Punkt meiner Kritik an eurem halbgaren Protest gegen die böse, böse Pornokultur. Anstatt Frauen weiterhin die Rolle des wehrlosen, da stets passiven Opferlamms aufzudrängen und davon ausgehend gegen die Porno-Industrie anzukämpfen, solltet ihr versuchen zu erkennen, dass das Geheimnis aller vermeintlichen Porno-Probleme darin liegt, Frauen und jungen Mädchen zu einem gesunden Selbstbewusstsein zu verhelfen. Zu einem Selbstbewusstsein, das es ihnen ermöglicht, „Nein“ zu Dingen zu sagen, die ihnen nicht entsprechen und die ihnen unheimlich sind. Mit eurer Haltung aber sprecht ihr Frauen diese Fähigkeit ab. Denn Opferlämmer haben nichts zu sagen, alles, was die können, ist dämlich zu blöken und sich im besten Fall stressfrei zur Schlachtbank führen zu lassen. Eine Rolle, die mir so fern ist wie eure Weltfremdheit und Ignoranz.

Es gibt Pornographie und vielleicht auch die von euch verteufelte Pornokultur, und es wird sie so lange geben, wie es Männer, Frauen, Titten, Ärsche, Muschis und Schwänze gibt. Warum also gegen Windmühlen ankämpfen und dabei wertvolle Energie verballern? Warum nicht obige Tatsache akzeptieren und stattdessen euren Töchtern, Freundinnen, Mamas und Enkelinnen dabei helfen, innere Stärke und ein gutes Selbstbild zu entwickeln? Warum lehrt ihr sie nicht, das Maul aufzumachen, wenn ihnen etwas zuwider ist? Warum redet ihr ihnen ein, dass Männer ausschließlich triebgesteuerte Wesen sind, die, insofern sie denn Pornos konsumieren, ihre Mädchen früher oder später nötigen, missbrauchen und vergewaltigen werden, wenn ihnen danach ist? Warum erzieht ihr eure Töchter zu Männerhassern, wenn alles, was sie brauchen, ein gesundes und starkes Selbst ist? Dann können sie später lässig selbst entscheiden, wen sie Kacke finden und wen nicht.

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Männer sind gar nicht Scheiße, liebe Anti-Porno-Aktivisten. Die können super sein. So wie dieser hier.

Kommen wir zum zweiten Punkt, über den ich mich maßlos echauffieren könnte, würde ich euch nicht so unbedeutend und eure Statements so unausgegoren finden. In eurer Kritik, meine „Stoppt die Pornokultur“-Freunde, geht es immer darum, dass Frauen durch die Pornographie mit den schlimmsten, nur erdenklichen Sexualpraktiken konfrontiert werden, vor Entsetzen über das Gesehene innerlich zusammenbrechen (die Opferlamm-Situation, ihr wisst Bescheid), um dann doch, als gutes Schlachtvieh, brav und unter Tränen die vom Mann geforderte Fuck-Performance zu absolvieren.

Lasst mich euch dazu Folgendes verraten: Ich bin, wie ihr bereits wisst, eine Frau, und – holy Shit – ich liebe Pornos. Weil sie mich auf Ideen bringen, mich inspirieren und meine Mieze zum Schnurren bringen. Es gibt Dinge, die ich nicht mag und Dinge, die mich derbe anmachen. Und weil meine Eltern mich zu einem starken Menschenskind erzogen haben, bin ich in der Lage, das auch genauso kundzutun.

Will der Mann mit mir Kotz- und Pissvideos konsumieren, werde ich höflich ablehnen, weil’s nicht meine Tasse Tee ist. Vielleicht schlage ich ihm stattdessen vor, dass wir uns ein übles SM-Video von KINK reinziehen, mit Schlagen und Von-der-Decke-baumeln-Lassen und Fuckmachine und so.

Denn ja, in der Tat, durch meinen langjährigen Pornokonsum habe ich vieles kennengelernt, von dem ich sonst vielleicht nie erfahren hätte. Ich habe mir einiges von meinen Lieblings-Pornodamen abgeguckt und so manches gesehen, das ich im Traum nicht mit mir machen lassen würde. Oder anders gesagt: Pornos haben mir dabei geholfen, eine sexuelle Identität abseits von Reiterstellung (die ich hasse), allwöchentlichem Samstag-Morgen-Fick und Autorückbank-Fummeleien zu entwickeln.

Ihr sprecht Frauen jegliche Neugier ab, sich auch außerhalb des ehelich verordneten Beischlafs austoben zu wollen. Viel schlimmer noch: Wenn ich mir eure Wannabe-Pamphlete durchlese, sehe ich die Frigidität, die ihr uns unterjubeln wollt, auf kalten Zehenspitzen antanzen. Als würden Frauen sich für alles – außer fürs Ficken – interessieren. Denn Ficken, gerade harte Fickerei, ist eine Idee der widerlichen, Pornokultur konsumierenden Männerwelt.

Wen wollt ihr eigentlich verarschen?

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Wie wäre es mal mit Mund aufmachen und drüber reden, anstatt gegen Porno-Windmühlen anzukämpfen und alles totzuschweigen?

Dass Pornographie kein Thema ist, das sich für jeden eignet, ist klar. Dass es zahlreiche Missstände in diesem Bereich gibt, die ernst zu nehmen sind, ebenfalls. Wie ihr wahrscheinlich auch, finde ich die Vorstellung schrecklich, dass sich die zwölfjährige Laura Fisting Videos auf dem Smartphone ihres Freundes ansieht und glaubt, das tun zu müssen weil es ja angeblich alle in ihrer Gang machen (liebe Laura, niemand, den du kennst, macht das, Ehrenwort!). Aber auch hier haben wir doch die Wahl: Wir können das Thema Pornographie ausblenden, totschweigen und hoffen, dass Laura ein gutes Kind ist, das sich niemals solchen Schmuddelscheiß ansehen würde. Oder wir bleiben realistisch.

Laura wird sich vermutlich noch vor ihrem 15. Lebensjahr dreimal so viele Pornoclips reingezogen haben, wie ihr, liebe „Stoppt die Pornokultur“-Aktivisten, in eurem ganzen Leben. Also sollten wir doch mit Laura darüber reden und ihr sagen, wie das funktioniert mit dem Fisten und dem dämlichen Gequatsche der anderen. Damit sie aufgeklärt und informiert ist und sich darauf basierend ihre eigene Meinung zur Faust-Thematik bilden kann. Ihr aber zieht es vor, die Schnauze zu halten und NICHT mit Laura über die Handy-Fickfilme zu reden, da ihr Don Quichottes der Anti-Porno-Aktivisten-Szene zu busy damit seid, gegen die Pornokultur höchstpersönlich zu kämpfen. Auch, wenn das bedeutet, dass Laura sich eventuell – da völlig plan- und ahnungslos – auf Experimente einlässt, die ihr schaden können, körperlich wie seelisch. WTF?

Ich würde Laua erklären, dass sie „Nein“ sagen soll. Nein zu Sexkram, der ihr gruselig erscheint. Und dass sie „Jajaja!“ sagen soll zu allem, das sie unbedingt ausprobieren möchte.

Und ich würde Laura und allen anderen Frauen und Mädchen mit auf den Weg geben, dass sie sich von niemandem zum Opferlamm machen lassen soll. Schon gar nicht von euch, „Stoppt die Pornokultur“-Freunde. Weil ihr gegen den falschen Feind kämpft. Und weil Totschweigen immer Scheiße ist.

5 Comments

  1. Lotte

    14. Mai 2015 at 17:53

    Das nenn ich mal ein Statement, perfekt auf den Punkt gebracht!!! Dem kann man einfach nichts mehr hinzufügen.
    On a side note: nachdem ich als Frau auch der Meinung bin, dass man sich von Pornos so einiges abschauen kann, würde mich interessieren, welche Darstellerinnen du für diese Zwecke empfehlen würdest. Man lernt ja schließlich nie aus! ;)

    • Mimi

      Mimi

      14. Mai 2015 at 19:23

      ich danke dir :) hm, ich stehe auf alles von sasha grey und audrey hollander. das ist aber extrem und sehr derbe, im fall von audrey auch viel anal, ich sag’s lieber vorher :) und ich liebe kimberly kane, die ist wundervoll. meine drei alltime favourites.

  2. Pingback: 'N Herz für Feministinnen – für die coolen! Für mich!

  3. JudgeDark

    1. März 2015 at 20:05

    HÖRT-HÖRT!

    Das sind genau die richtigen Worte, die du diesen erzkonservativen und ach so fehlgepeilten Aktivisten entgegen schleuderst. Sie werden diese zwar nicht verstehen und dich am liebsten als Hexe verbrennen wollen, aber das sollte dir egal sein. Denn es musste mal gesagt bzw. manifestiert werden (ich hätte beinahe „manifistiert“ geschrieben, hehe). „Vernichten wir, was wir nicht verstehen“ … es ist doch eine so alberne Einstellung – Verbot anstelle von Verständnis, wie einfach kann man doch gestrickt sein!

    • Mimi

      Mimi

      2. März 2015 at 11:49

      vielen dank, richter! freut mich, dass du das so siehst <3

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