Titten für Fame oder: Wie viel muss eine Pornobloggerin preisgeben?

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Ein regnerischer Abend. Ich bin gerade dabei, mein Macbook zuzuklappen, als sich bei Facebook unter lautem „Pong“ ein Chatfenster öffnet. „Liebe Mimi, du kleine Pornobloggerin. Einen klasse Blog hast du“, schreibt ein mir flüchtig bekannter Online-Redakteur. „Für eine neue Serie suchen wir coole Frauen, die was zum Thema Sex zu sagen haben. Anders gesagt: Wir würden gerne über dich berichten.“

„Das freut mich“, antworte ich und denke: „Endlich Fame für Mimi&Käthe! Endlich kann ich einer breiteren Öffentlichkeit etwas über die Aufklärungsarbeit erzählen, die wir, die Artie, Hans, Virginia, Penny und alle anderen wunderbaren Menschenskinder aus dem Team mit Mimi&Käthe leisten und…“

„Natürlich wäre ein reines Interview zu trocken“, schreibt der Redakteur da, „auch mit einer Pornobloggerin. Wir würden gerne etwas sehen. Oder hören, knick-knack, wir verstehen uns.“

„Wie jetzt – knick-knack? Was meinst du mit ,was sehen oder hören’?“, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne.

„Na, lass es mich so sagen: Du hast doch bestimmt schon mal selbst in einem Porno mitgespielt, oder?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Oh, haha, hoppla! Schade, Pornofilmaufnahmen von dir oder geile Fotos hätten der Sache direkt mal die nötige Würze verliehen.“

Mein Zeigefinger peilt das Schließen-X des Chatfensters an.

„Was natürlich auch ginge, wäre, wenn du uns an deinem privaten Sexleben teilhaben lässt. Einfach über deinen ersten Gangbang erzählen (als Pornobloggerin bist du doch garantiert ein umtriebiges Früchtchen *fg*), oder deinen letzten ,Arschfick‘ *g* Du kannst auch ganz offen über deine Phantasien oder Sexpannen sprechen. Oder wir begleiten dich in den Swingerclub, oder wo auch immer du deine Abende verbringst, haha. Verstehst du? Damit würdest du gleichzeitig deine Stellung als Sex-Expertin legitimieren, das wäre doch eine super Werbung für dich!“

Ich schließe das Chatfenster, ohne Goodbye oder Adieu zu sagen.

Muss eine Pornbloggerin ihren eigenen Sex zur Schau stellen, um mediales Gehör zu finden?

Muss eine Pornbloggerin ihren eigenen Sex zur Schau stellen, um mediales Gehör zu finden? Reicht es nicht, etwas zu sagen zu haben?

Anfragen wie diese haben mich seit der Geburtsstunde dieses Blogs zuhauf erreicht. Hätte ich zu jeder „Ja“ und „Bitte gerne!“ gesagt, hätte ich inzwischen wahrscheinlich die Boulevard-Dauerabokarte am kackebraunen Band und würde euch mit meiner medialen Omnipräsenz mindestens so sehr auf den Keks gehen wie Naddel, Georgina und die Geißens. Doch das Gegenteil ist der Fall. Weil ich immer „Nein“ sage, wenn es nicht um den Blog und meine Arbeit geht, sondern darum, mich für 15 Minuten Ruhm als dauergeile Sex-Uschi präsentieren zu lassen. Den Vertrag für diese Rolle scheine ich an dem Tag unwissentlich unterschrieben zu haben, an dem ich mich zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit als Pornobloggerin vorstellte.

Ich möchte hier nicht den vielen tatsächlich reizenden KollegInnen an die wohlgeformten Waden pinkeln, die nichts Böses im Sinne hatten, als sie mich um Einblicke in meine persönlichen Sex-Erfahrungen baten. Das verstehe ich, denn was liegt näher, als mit jemandem, der Tag aus, Tag ein über die Kopuliergewohnheiten der Mitmenschen schreibt, zur Abwechslung über seine eigene Sexualität zu reden? Ich genieße es, an manchen Tagen über Bettgeschichten zu sprechen, die mir selbst passiert sind, über Dinge, die ich besonders mag oder eben nicht. Ich plaudere gerne darüber, dass ich beim GV nur dann oben sitze, wenn ich anschließend eine Schweinshaxe mit Sauerkraut serviert bekomme oder man mich auf Nachos und Popcorn ins Kino einlädt. Auch, dass ich auf Männer und Frauen stehe und mich dennoch nicht als bisexuell bezeichne, ist etwas, das ich verrate und näher erläutere, wenn man höflich nachfragt. Fragt ihr mich nach meiner liebsten Position beim Sex, werde ich euch antworten: „Alle, die kein Sportabzeichen erfordern“, fragt ihr mich, wie ich Sperma finde, werde ich sagen: „Am liebsten im Kleenex. Im Klo.“

Über all das parliere ich mit viel Liebe zum Detail, wenn es denn Sinn macht und mein Gesprächspartner mir zeigt, dass er eine gute Kinderstube genossen hat, dass er meine Privatsphäre und mich als Mensch respektiert und nicht wie obiger Kollege glaubt, frech werden zu dürfen. „Ich meine, bei Frauen, die mit der Erotikbranche zu schaffen haben, geht so ein bisschen Dreistigkeit auf jeden Fall klar, können doch was ab, die Bitches, also, sollten sie wenigstens!“

Dieser Text richtet sich nicht an Freunde und Journalistenkollegen, mit denen ich spannende Gespräche und Interviews führen durfte. Dieser Text richtet sich an alle, die finden, dass eine Frau, die „nur“ über Sex spricht, die „nur“ aufklären möchte, nicht der Berichterstattung wert ist. Die glauben, dass eine Pornobloggerin zu mindestens 70 Prozent selbst Porno sein muss, denn wer sollte ihr sonst glauben, dass sie weiß, wovon sie spricht?

Dieser Text richtet sich an die, die denken, dass Frauen, die beruflich über Sex schreiben, ihre Expertinnenstellung durch die Zurschaustellung ihrer persönlichen Sexualität, ihres Körpers, legitimieren müssen. Weil alles andere „nicht glaubhaft“ wäre, wie sie sagen. Übersetzt bedeutet das: Die Meute will etwas zum Glotzen. Zum Sich-Aufregen, will Gossip, nackte Haut, skandalöse Lifestyles, über die man sich am Gartenzaun die Mäuler zerreißen kann.

Ich frage mich, ob gleichermaßen argumentiert würde, wäre ich ein Mann. Vermutlich nicht. Männer, die nicht aussehen wie Ryan Gosling und Taylor Lautner will erstens niemand nackt, geschweige denn in einem Porno sehen, und zweitens haben Männer Ahnung von den Dingen, über die sie reden. Oder schreiben. Per se, so wenigstens der mediengesellschaftliche Konsens. Selbst, wenn die Männer aussehen, wie gegen den Wind geboren, das Flirttalent einer Sportsocke haben und deshalb erst dreieinhalb Mal in ihrem Leben Geschlechtsverkehr hatten. Die arbeiten sich da schon rein, so formulierte es mal ein Kollege von mir. Frauen dagegen müssen sich dieses Standing erst erarbeiten. Müssen beweisen, dass sie tatsächlich die Drecksau sind, die die Medien zwecks effektiverer Vermarktung aus ihnen machen wollen.

Aber hee, warum machen die Medien das? Weil eine „Sexpertin“, die offen über ihre Vorliebe für Dreier, Handschellen und stundenlange Blowjobs mehr Klicks bringt, die Auflage steigert, einfach geiler, publikumswirksamer ist als die, die vor allem aufklären und ermutigen möchte. Der es darum geht, ihren Lesern zu erklären, wie Arschsex auch ohne Furcht vor Analfissuren und zweifelhaften Gerüchen funktioniert und die nicht versteht, warum sie zu diesem Zweck ihren eigenen blanken Arsch in eine Kamera halten sollte.

Hier spielt sich der Alltag von Pornobloggerin Mimi Erhardt ab: Auf der Couch. Am Rechner. That's it. Langweilig ist der Pornobloggeralltag dennoch eher selten.

Hier spielt sich der Alltag von Pornobloggerin Mimi Erhardt, Head of Mimi&Käthe, ab: Auf der Couch. Am Rechner. That’s it. Langweilig ist der Pornobloggeralltag trotzdem selten.

Ich halte meinen blanken Arsch übrigens gerne in Kameras – immer dann, wenn ich selbst Lust darauf habe. Oder wenn Sarah Bleszynski Zeit hat. Warum? Zu meinem Privatvergnügen in erster Linie. Weil ich es mag, mit Sarah abzuhängen. Weil ich Bilder von meinem Körper, den ich liebe, schön finde.  Nicht, weil ich Pornobloggerin bin. „Ey Mimi, warum machst du denn dann so ein Theater? Gib den Medientypen doch, was sie wollen und nutz die PR, um deine Message unters Volk zu bringen.“

Nein. Das werde ich nicht. Ich bin die Einzige, die entscheidet, was und wann ich von mir und meinem Sex preisgebe, was ich mit wem teile. Und ich weigere mich, mich von Typen, die ein Benehmen wie eine Schippe Würmer haben, als nymphomanes Sexkitten verticken zu lassen, das ganz nebenbei einen Blog führt. „Keine Ahnung, wovon der handelt, wahrscheinlich Fashion oder Food oder so ein Quatsch, interessiert eh kein Schwein.“

Mimi&Käthe ist ein Blog über Sex, ganz allgemein und in allen Farben, Schleimstufen und Formen, kein Blog über den Sex der Mimi Erhardt. Ein Blog über Pornographie. Über Gefühle. Über die der Leser, der Autoren, Fotografen und Models, über eure Gefühle, vielleicht auch mal über meine. Über all das können wir sprechen, liebe Medienfreunde, wenn ihr höflich fragt. Vielleicht sage ich nein, vielleicht ja. Probiert es aus. Eure Idee aber, den Sinn und die Bedeutung von Mimi&Käthe über meine Titten, meine Fetische und die Anzahl meiner LiebhaberInnen zu definieren, könnt ihr euch in den Allerwertesten schieben. Schickt mir doch ein Bild davon, für die nötige Würze. Knick-knack und so, wir verstehen uns.

Fotos: Sarah Bleszynski//Sarahlikesprettygirls
Sarahlikesprettygirls bei Facebook

9 Comments

  1. Pingback: Stop sexualizing the female body oder: Glotz nicht so - Mimi&Käthe

  2. Pingback: Getting wet with one Nasti girl: Nasti van der Weyden - Mimi&Käthe

  3. Pyrophilia

    12. Juni 2016 at 20:19

    den Artikel find ich ( genau wie die meisten anderen auch) ziemlich super.
    Hab den deswegen eben mal auf meiner FB Seite verlinkt und was artverwandtes dazu geschrieben. Danke dafür und einfach weiter so!

  4. JudgeDark

    9. Juni 2016 at 22:06

    Ganz ehrlich … richtige Entscheidung. Du bestimmst über Dich und kein anderer!

    Verstehen kann ich es nicht, wieso man diesen Blog über Nackheit der Mimi definieren will … sehr kurz gesprungen und nichts verstanden. Ich denke wer hier ein wenig mitliest versteht das recht schnell, egal von wem die Texte sind.

  5. 64er

    9. Juni 2016 at 7:19

    Behalte bitte die Freiheit über alles zu schreiben was Dich interessiert. Behalte bitte die Standhaftigkeit nur das zu tun was Du auch wirklich willst.
    Was hab ich neulich gelesen – viele Menschen haben nur eine Wirbelsäule, die wirklich was zu sagen haben eine Würdesäule!

  6. Münsterländer

    9. Juni 2016 at 0:04

    Finde ich gut, dass Du den schnellen, billigen Fame ablehnst und die ganze Sache hier seriös durchziehst.
    Grade deswegen ist das hier mein Lieblingsblog.
    Hier wird offen geschrieben, aber ohne dass es dabei „billig“ „schmierig“ oder „schmuddelig“ wirkt.
    Für Eure Artikel etc., die mich mal zum Lachen, aber auch zum Nachdenken gebracht haben, kann ich Euch nur danke sagen.
    Ihr seid allesamt tolle Menschen, die mit Ihrem Schaffen mein Leben ein Stück bereichern.
    Also, macht bitte weiter so und bleib angezogen liebe Mimi ;-)

  7. Rheintochter Esme

    8. Juni 2016 at 23:33

    So isses! Halt‘ daran fest und mach(t) bitte unbedingt so weiter! Gegen ignorante Vollpfosten!

    Liebe vom Rhein

  8. Der ulli

    8. Juni 2016 at 21:27

    Jawohl nen scheiss musst du… Finde ich sau gut

    • Mimi

      Mimi

      8. Juni 2016 at 22:02

      Heeeerz <3

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