Das 8. Pornfilmfestival Berlin – Mimis Ré­su­mé

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Szene aus dem Film „Black&White&Sex“ von John Winter. Foto: pffBerlin2013

Ein Text von Mimi Erhardt.

Ich bin ein Kauz mit einem Faible für Schrulliges. Vielleicht nenne ich darum einen Wesenszug mein Eigen, der, wenn ich mich bei meinen coolen Szenegenossen so umschaue, so gar nicht mehr en vogue ist – ich bin eine Romantikerin. Ja, von mir aus auch mit Kerzenschein, geflüsterten Liebesschwüren und gemeinsamem Austern-Schlürfen unterm Sternenhimmel. Viel lieber aber mag ich es, den mausgrauen Alltag in eine kuschelpuschelweiche Romantikdecke zu hüllen, damit alles superduper wundervoll und fluffig erscheint.

So wie meine Vorstellung eines Besuchs im Pornokino. In meinem eigenen Mimi-Romantik-Universum sieht der so aus: Ein dunkles Lichtspieltheater mit nur wenigen, dafür samtrot gepolsterten Sitzen. Die Flecken darauf stören mich nicht, im Gegenteil. Sie formen im Geflacker der Film-Vorführmaschine hübsche Muster. Auf der Leinwand gibt eine brünette Dame mit Kirschlippen oben und unten gerade alles, ein südländischer Hengst muss zugeritten werden und sie übernimmt den Job mit Leidenschaft. Um mich herum leise Geräusche. Halb erstickte Stöhner, das Klicken von Gürtelschnallen und ganz viel „Fap-fap-fap-fap-fap“. Die Männer um mich herum wichsen, was das Zeug hält, ganz gleich, ob neben ihnen ein Fremder oder Kalle aus dem Kegelclub sitzt.

Soweit meine Vorstellung. Ganz weit davon entfernt ist die Realität beim Pornfilmfestival Berlin, das in diesem Jahr vom 23. bis 27. Oktober zum achten Mal stattfand. Theoretisch geht es dabei auch um Porno, und mit dem Moviemento-Kino in Kreuzberg wurde eine charmant-muckelige Lokalität für das Spektakel gewählt.

Ideale Voraussetzungen, um eine gute Zeit zu haben. Eigentlich.

Beim Pornfilmfestival Berlin wird nicht onaniert, und auch ungezähmte, südländische Hengste trifft man hier auf der Leinwand nur selten an. Dafür aber kunstvolle Artsy-Fartsy-Filme mit Message und, wenn man Glück hat, einer Blowjob-Szene mit Original-Ton. So mein Eindruck der letzten Jahre. Ich gebe zu, ich war bislang nicht der größte Freund dieses Festivals. Was daran liegt, dass Pornofilme meiner Meinung nach vor allem geil und glücklich machen, nicht aber zu pseudo-intellektuellen Diskussionen anregen sollen. Außerdem möchte ich mir in einer Porno-Kinovorstellung ungeniert in die Hose greifen und mich meinen animalischen Bedürfnissen hingeben können. Gemeinsam mit Kegel-Kalle und den anderen Jungs. Beim Pornfilmfestival undenkbar. Hier sitzen verkrampfte Studenten im Publikum, die sich Kunst reinziehen und dabei vielleicht einen verstohlenen Blick auf eine Vagina im Close-Up erhaschen möchten.

Wenn euch das alles bewusst ist und ihr damit leben könnt, am Ende der Vorstellung unbefriedigt und mit trockenem Höschen aus dem Kino zu stolpern, lege ich euch einen Besuch des Pornfilmfestivals Berlin dringend ans Herz. Ich habe mich in diesem Jahr in das verschrobene viertägige Event verliebt. Endlich. Nach Jahren des Haderns.

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Mimi freudig erregt am dritten Tag des Pornfilmfestivals, während Käthe krank im Bett lag. Schnief. Foto: Privat

Was mein Herz erweichte? Eine handvoll wunderbarer Filme und ein Workshop, bei dem ich… Aber der Reihe nach.

Gemeinsam mit Käthe sah ich mir den diesjährigen Eröffnungsfilm „Kink“ an. Mit zu Beginn miesester Laune, mussten wir doch ewig und drei Tage auf die Herausgabe unserer Tickets warten, die wir online geordert hatten und die laut Kassenfrau bereits abgeholt worden waren. Waren sie natürlich nicht. Unsere Mienen verfinsterten sich zusehends, bis sich die Angelegenheit nach 20 Minuten endlich aufklärte und wir den Kinosaal aufsuchen durften. Zum Trost schenkten uns die reizenden Bardamen eine kleine Tüte Popcorn. Juchhu!

„Kink“ ist eine Dokumentation über das US-Hardcore-Produktionslabel „Kink.com“, die Heimat unzähliger BDSM-Filmchen. Alle, die auf die harte Schiene stehen, kennen Kink.com. Vor allem aber die charakteristische Außen-Aufnahme der Produktionsstätte, eine Mischung aus altem Knast und Schlachthaus. So wie Käthe und ich. Umso spannender war es zu sehen, dass sich hinter dem Hardcore-Label keine fiesen Sadisten-Metzger verbergen, sondern aufmerksame und sensible Seelen, die um die Grundregel des BDSM wissen: Derjenige, der die Hosen anhat, ist nicht der Dom, der dominante Part. Sondern der Sub, derjenige, der den Schmerz und die Unterwerfung sucht. Denn er ist es, der bestimmt, was passieren darf und wo die Grenzen gezogen werden.

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Szene aus dem Film „Kink“. Foto: ©pffBerlin2013

Interviews mit Regisseuren und Regisseurinnen, mit Darstellern, mit Set-Dekorateuren und Talent-Scouts zeigen das „Grusel-Haus“ von einer ganz neuen, menschlichen, fast liebevollen Seite. Am liebsten wäre ich direkt dort eingezogen, so schön fand ich es.

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Szene aus dem Film „Kink“. Foto: ©pffBerlin2013

Die beiden anderen Filme, die es mir wenn schon nicht in der Genitalgegend, dafür aber emotional besorgten, waren der chinesische Episodenfilm „Love… actually sucks“ sowie „Black&White&Sex“, eine Art schwarz-weißes Kammerspiel über das Leben einer Sex-Workerin. Beide Filme schafften es, meinem kalten Mimi-Herz den Schlüppi runterzuziehen, es stundenlang übers Knie zu legen und dazu zu bringen, freudig nach mehr zu wimmern. Ich muss gestehen, dass „Love… actually sucks“, der im Programm mit den Worten „Der Film mit der lustigsten Anfangsszene des ganzen Festivals“ angekündigt wurde, mir zunächst einige Verständnisprobleme bereitete. „Wer ist denn da wer?“, fragte sich mein europäisches Langnasen-Gehirn und befand, dass sich die Darsteller alle verdammt ähnelten. Mit der Zeit aber erkannte ich sie, das verliebte Bruder-Schwester-Inzest-Pärchen, den frustrierten Künstler, der auf sein knabenhaftes Modell mit dem Minischwanz steht, die reiche, ältere Dame und ihren Toyboy-Tanzlehrer, das wunderbarste lesbische Pärchen der Filmgeschichte (ich habe mich in dich verliebt, Lareine Xu, solltest du das jemals lesen, bitte heirate mich!). Sowie den schweigsamen, von seiner Liebe verlassenen Mann, der der Dame seines Herzens aus Verzweiflung die Rübe abschneidet und den schönen Kopf fortan mit sich herumträgt. Mit Porno hat dieser Film nichts zu tun. Aber das macht nichts. Selten habe ich eine solch liebevoll-bizarre, charmant-idiotische Episoden-Klatsche gesehen.

Anders fesselnd, doch genauso überraschend und Gänsehaut-machend war „Black&White&Sex“. Die Sex-Workerin Angie erzählt im Interview mit einem gesichtslosen Regisseur von ihrem Leben, ihrer Arbeit, den Dingen, die sie glücklich machen und den Dingen, die ihr Angst bereiten. Aufregend ist, wie im Laufe des Films die Rollen wechseln. Wie Angie dem zu Beginn respektlosen Regisseur langsam, aber bestimmt die Kontrolle entreißt. Der Clou: Angie wird von acht unterschiedlichen Frauen gespielt. Mal ist sie ein Marilyn-Monroe-Double, dann wieder ein alterndes Callgirl, ein kicherndes Mädchen, dann eine sinnliche Femme Fatale. Unbedingt ansehen, solltet ihr die Chance haben!

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Szene aus dem Film „Black&White&Sex“. Foto: ©pffBerlin2013

Mein anderes Glanzlicht war ein Workshop mit dem Titel “The Making of Feminist Tentacle Porn”. Die wunderschönen schwedischen Fräuleins Åslög Enochsson und Hanna Kisch referierten mit blutrotem Schmollmund und dem schönsten Lachen über ihre Liebe zu Tentakel-Pornos und den feministischen Bezug des Ganzen. So wirklich habe ich das mit dem Feminismus nicht verstanden, ist doch die Vorstellung, von einem Oktopus-artigen Alien mit mindestens 80.000 Schwanz-Tentakeln penetriert zu werden, in meinen Augen eine der wohl martialischsten Sex-Phantasien aller Zeiten.

Bis dahin würde ich sagen: Nun ja. Anstatt uns jedoch nur mit trockenen Infos zu versorgen, durften wir kneten. Tentakel-Schwänze. So, wie wir uns das vorstellen. Also formten wir aus einem Block Knete unsere individuelle Vorstellung eines Traum-Sex-Tentakels. Etwas verstörend fand ich zu Beginn, dass eine eher Schwanz-feindliche Atmosphäre durch den Raum waberte. Aber da ich Schwänze nun mal sehr in mein Herz geschlossen habe, knetete ich mir sogar einen Doppel-Noppen-Penis-Fangarm –  mit Zunge als eine Art Klitoris-Verwöhner. Wunderhübsch! Leider sammelten die schwedischen Damen unserer Spielzeuge am Ende des Workshops ein, versprachen uns aber, sie in unserer Lieblingsfarbe in Silikon zu gießen. Anschließend werden sie im Kreuzberger Sex-Laden „Other Nature“ ausgestellt, bis wir sie wieder abholen. Ich kann es kaum erwarten.

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Vom Rohentwurf…

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… über Variante 1…

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… bis hin zum finalen Doppel-Tentakel-Schwanz mit Zunge.

Ich habe das Pornfilmfestival in diesem Jahr sehr lieb gewonnen. Und schlage dennoch vor, es in „Art-Pornfilmfestival“ umzubenennen, um enttäuschte Besuchergesichter zu vermeiden. Damit nicht eines Tages Kegel-Kalle wichsenderweise in den plüschigen Kinosesseln versinkt und schüchterne Studenten auf ewig verstört.

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Ein Extra-Lob für den lecker-krümeligen Rhabarber-Kuchen. Bis zum nächsten Jahr, Pornfilmfestival.

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