Sexten ja, küssen nein – kann eine Online Beziehung funktionieren?

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Wir flirten, adden, liken, daten. Ein Liebesleben ohne die Hilfe von Facebook, Instagram, WhatsApp und Tinder – wtf? Wie soll das gehen? Auch Mimi&Käthe Autorin Penny Calvet hat ein Herz für virtuelle Beziehungen. Das heißt, eigentlich pflegt sie nur eine Online Affäre – zu einem Mann, den sie seit vier Jahren kennt, aber nie im Real Life getroffen hat. Sie 2011 sexten sie sich ziemlich heißen Stuff, sind füreinander da, wenn es dem anderen schlecht geht, wissen so gut wie alles über einander. Aber wie echt kann eine solche Beziehung sein? Und wie lange kann eine virtuelle Liebschaft dauern, ohne dass es Frust und Verletzte gibt? 

Text von Penny Calvet

Stellt euch folgende Situation vor: Ihr sitzt mit euren Arbeitskollegen zusammen beim Lunch und plaudert über belanglose Alltagsdinge, als das Display eures Handys schwach in der Tasche aufleuchtet. Ihr wollt nur einen kurzen Blick darauf werfen, um zu checken, welche Benachrichtigung sich jetzt schon wieder wichtig macht. Doch statt der obligatorischen Geburtstagserinnerungen oder der Anzahl der neuen Matches bei Tinder, stehen dort einige wenige Sätze, die euch augenblicklich meilenweit mitnehmen, weg vom öden Alltag-Lunch-Getratsche:

„Ich stelle mir vor, wie du vor meinem Spiegel kniest. Ich beuge mich zu dir vor, flüstere dir dreckige Sachen ins Ohr und küsse dich, während mein harter Schwanz tief in dich eindringt!“

Der Absender ist nicht etwa mein heimlicher neuer Lover. Die Nachricht stammt  auch nicht von dem kleinen Perversling, den ich bei meinem letzten Darkroom-Besuch aufgegabelt habe. Nein, diese Nachricht stammt von meinem sexuellen Langzeitprojekt, meinem Joker für schlechte Tage.

Kennengelernt haben wir uns Ende 2011, was mir rückblickend betrachtet wie eine Ewigkeit vorkommt. Ich stand mit einigen Freunden frierend vor einer dieser Kleinstadtdiskotheken, in die es mich manchmal verschlägt, wenn ich in der Heimat  zu Besuch bin, als der Typ hinter uns in der Schlange anfing, sich mit einem meiner Freunde zu unterhalten. Wie das so ist, kannten sie sich über drei Ecken, und ich weiß noch, wie mir als erstes diese verdammt sexy Stimme auffiel. Also drehte ich mich um und blickte geradewegs in ein entwaffnendes Lächeln, das mich augenblicklich umhaute.

Klingt soweit alles schön nach made in Hollywood, deshalb nehmen wir nun die Abbiegung Richtung Realität. Wir haben uns nicht schockverliebt in dieser kalten Winternacht und sind eng umschlungen gen ewige Liebe spaziert. Wir haben uns nett angelächelt, ein bisschen geflirtet und uns zwei Tage später bei Facebook geaddet. Aber irgendwas war da, etwas, das ich nicht so genau erklären kann. Jetzt liegen mehr als vier Jahre zwischen unserer ersten und einzigen Begegnung und heute, und wir haben uns immer noch kein zweites Mal wiedergesehen, auch, wenn aus belanglosen Alltagsgesprächen irgendwann zarte Flirtversuche und dann Dirty Talk vom Allerfeinsten wurde. Was wir haben, ist eine Online Beziehung, eine Whatsapp Liebe.

Online Beziehung

Wir schicken uns Bilder, die irgendwann genauso intim wurden wie unsere Nachrichten und haben angefangen, all die Sehnsüchte auszusprechen, die in unseren Beziehungen keinen Platz haben. Ist das Fremdgehen, wenn man einem anderen Mann schreibt, dass man gerne mal wieder so richtig hart rangenommen werden möchte? Betrügt man sich selbst, wenn man seine Wünsche und Phantasien nur in einer Gedankenwelt auslebt? Ich hab mich manchmal schlecht gefühlt, gerade, wenn ich mit meinen Partnern eigentlich total glücklich war, aber ich konnte es dennoch nicht lassen, auf seine Nachrichten zu antworten, die mich immer so herrlich unverhofft aus der Bahn werfen. Ich kann und will nicht von dieser Beziehung lassen.

Und trotzdem haben wir den Absprung verpasst aus der virtuellen Welt: Wir telefonieren, schreiben uns, schicken uns Bilder, aber sehen uns nicht, riechen uns nicht, schmecken uns nicht und haben den anderen niemals angefasst. Wir haben dieses Konstrukt aufgebaut, das uns den perfekten Sex verspricht, ich weiß, was der Mann von mir möchte, wie der Spiegel aussieht, der in seiner Wohnung steht und vor dem er mich mit seinem perfekt geformten Schwanz ausfüllen will. Ich kann mir vorstellen, was er zu mir sagen würde, während er immer tiefer in mich eindringt und mich fordernd rannimmt. Was ich nicht weiß weiß, ist, wie es sich anfühlt, danach neben ihm zu liegen und in seinen Armen einzuschlafen. Ich weiß, dass er gerne oben liegt und mich an seine Bettpfosten ketten möchte, aber kann er überhaupt küssen? Würde unsere Beziehung auch außerhalb von WhatsApp funktionieren?

Wir teilen auf der einen Seite unsere intimsten Gedanken, reden gleichzeitig über Alltagsentscheidungen und nehmen Anteil am Leben des anderen, aber kennen wir uns? Haben wir eine wirkliche Beziehung? Ist das auf diese Distanz überhaupt möglich? Oder ist das alles ein Konstrukt, das uns lediglich über schlechte Tage hinweg tröstet? Ein Ausweg aus dem trüben Single-Dasein, ein Back-up-Plan gegen alle Zweifel, die mich als Mitzwanzigerin ab und an befallen?

Wir haben schon oft versucht, uns zu treffen, ich hatte mir tatsächlich schon ein Zugticket gekauft, aber dann kam etwas dazwischen. Wenn wir beide ehrlich sind, haben wir einfach nur Angst, unsere kleine Traumwelt an dem Tag zu zerstören, an dem wir uns im echten Leben gegenüberstehen.

Online Beziehung 3

Deshalb jetzt ein Appell an dich: Lieber Mann, der du das hier lesen wirst, komm mich besuchen, mein Bett ist groß. Nur, dass du es gleich weißt, ich schlafe ganz gerne alleine ein, freue mich aber, wenn du mich morgens in den Arm nimmst und mir den Nacken kraulst. Wenn wir uns nicht bald sehen, schmeiße ich dich aus meinem Kopf raus, denn ich hab es satt, dass du mich nur in meinen Träumen befriedigst.

Fotos: Marc C. Fischer // Marc C. Fischer bei Facebook
Model: Nasti van der Weyden // Nasti bei Facebook

4 Comments

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  3. Rheintochter Esme

    1. August 2016 at 13:37

    Eieiei, schwierige Kiste… Oder doch nicht? Habe beim drüber Nachdenken zunächst einen Knoten ins Hirn gekriegt, bis ich zum Schlussteil des Textes kam. Denn hier hat doch Penny eine Entscheidung getroffen, nicht? Das Thema ist so lange kompliziert, bis es eine Entscheidung gibt. Aber bis dahin zu kommen, ist schon schlimm genug. Erstmal ist es unglaublich reizvoll, in diesem Zwischenstand „nix halbes und nix ganzes, alles ist möglich“ zu sein. Die Hoffnungen und Phantasien, die damit verbunden sind, können enorm toll sein und ich kann mir durchaus vorstellen, dass man diesen Zustand eine Zeit lang geniesst. Aber dann? Irgendwann möchte man doch eben wissen, was denn nun Sache ist. Bzw. Penny ist da jetzt angekommen, so wie ich das verstehe. Und dann wird’s ein bißchen beängstigend, denn Nägel mit Köpfen sind dann ja doch wieder ziemlich definitiv. Das kann auch definitiv enttäuschend sein. Muss es natürlich nicht, kann es aber.
    Ich wünsche Penny natürlich nur das Beste und hoffe, dass die Begegnung erstens zustande kommt und zweitens auch noch eine schöne ist.
    Viel Liebe vom Rhein! <3

  4. Romy

    30. Juli 2016 at 9:07

    Oh, solche Beziehungen können ganz wunderbar sein – hatte ich über Jahre, und noch heute könnte ich ihm schreiben und ihn zu einer Runde Sexten auffordern. Sexy Sache das!

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