Objektophilie: Verliebt in eine Platte

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„Ich liebe meine neue Chloé Bag!“, „Ein Leben lang habe ich auf dieses kubistisch-minimalistische Vintage Sideboard aus Palisanderholz gewartet, ist es nicht perfekt?“, „Ich habe mir die ,Straight Outta Compton‘ endlich auf Vinyl gekauft, ich will nie wieder etwas anderes hören als diese Platte!“ Wir alle kennen das Gefühl, auf einen Gegenstand abzufahren. Das kann das neue Auto sein, die verzierte Kutte, die man zu jedem Spiel des Lieblingsfußballvereins trägt, der Förderturm der Zeche Zollverein, der Chanel Lippenstift oder der Hochleistungsrasenmäher. Ein richtig gutes Teil eben, das man wenigstens in der ersten Zeit am liebsten ununterbrochen anstarren und bewundern möchte.

So weit, so „normal“.

Was aber, wenn ich mich in meine Chloé Bag verliebe? Sie neben mir wissen will, wenn ich nachts schlafen gehe? Mit ihr an regnerischen Sonntag Nachmittagen die „Naked Gun“ Filme gucken möchte, sie küssen mag, sie am liebsten meinen Eltern vorstellen würde? Was dann? Das wäre doch verrückt! Was, wenn Mama meine neue Flamme nicht mag? Na gut, das wäre in diesem Fall noch verrückter als eine Romanze mit der It-Bag.

Bei manchen Menschen gehen die Gefühle für ein Objekt über die Bewunderung und Begeisterung, die wir alle kennen, hinaus, entwickeln sich zu Verliebtheit, zu Liebe und sexuellem Begehren. Oder anders gesagt: Es gibt Menschen, die sich nicht zu anderen Menschen hingezogen fühlen, sondern zu leblosen Objekten – von Gebäuden, über Motor- oder Fahrräder, bis hin zur Orgel in der Kirche. Eine solche Art der Liebe nennt die Psychologie Objektophilie oder Ojektsexualismus. Dabei geht es objektophilen Männern und Frauen häufig nicht in erster Linie um den sexuellen Aspekt der – für uns – gewöhnungsbedürftigen Verbindung. Für sie hat das Objekt ihrer wortwörtlichen Begierde einen Charakter, ist ein Individuum, zu dem sie eine intime Beziehung aufbauen. Dabei ist es von Person zu Person unterschiedlich, was genau sie an ihrem „Partner“ reizt – das kann die Form des Gegenstands sein, die Beschaffenheit des Materials, der Geruch, aber auch Töne, die das Objekt erzeugt.

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In Liebe mit einem Förderturm? Warum nicht, schön stattlich ist er ja!

Markus, den ich in einem Forum für Objektophilie kennengelernt habe, ist in seinen Mixer verliebt. Richtig gelesen, in seinen Mixer. „Ich weiß, dass es für Außenstehende schwer zu verstehen ist“, erklärt mir der 39-jährige Lehrer, „aber er gibt mir ein gutes Gefühl.“ Er – das ist der Mixer, einen Namen trägt er nicht. Besonders das Geräusch beim Mixen versetze ihn in Hochstimmung, so Markus. „Wenn ich diesen Klang höre, kribbelt es in meinem Bauch. Ich fühle mich geborgen. Das liebe ich vor allem anderen an ihm.“

Objektophile Menschen, so habe ich bei meinen Recherchen erfahren, betonen häufig, zu genießen, dass ihr „Partner“ nur ihnen gehöre, dass es sie beruhige, zu wissen, dass er immer für sie da sei. Viele bedenken „ihr“ Objekt mit ausgesprochen viel Zärtlichkeit, streicheln es, machen ihm Geschenke, schreiben ihm Liebesbriefe, Gedichte mit Schüttelreim oder ohne.

Dabei muss eine objektophile Beziehung nicht unbedingt monogam sein. Doch das entscheidet ganz allein der atmende Partner, denn so ein Mixer kann seine Eifersucht schließlich nicht äußern. „Du, äh, Markus, ich habe genau gesehen, wie du den neuen Sous-Vide-Garer angesehen hast, jetzt streite das bitte nicht ab!“ Ha, schön wär’s, doch ist der nicht atmende Geliebte zum Schweigen verdammt. Ist das ein Argument pro objektophiler Liebe? Dass Mixer, Schlafsofa und Glätteisen alles still hinnehmen und niemals aufmucken? „Nein“, sagt Markus, „so würde ich das nicht sagen. Was sollte ER denn auch zu bemängeln haben? Ich mache alles, damit es ihm und mir gut geht. Vor kurzem habe ich sogar einen Song für ihn geschrieben.“ Zeigen möchte Markus mir das kleine Kunstwerk allerdings nicht, zu privat sei es.

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„Du bist meine allerliebste Lieblingsvinyl, all die anderen Platten bedeuten mir nichts.“ Eifersucht spielt in objektophilen Beziehungen nur selten eine Rolle.

Ein besonders spektakulärer Fall von Objektophilie ist der der Schwedin Eija-Riitta Eklöf, die sich in den 1970er Jahren in die Berliner Mauer verliebte, diese 1978 heiratete und seit der „Hochzeit“ den Doppelnamen Eklöf-Berliner-Mauer trägt. Für Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer, die das historische Bauwerk als die „beste und sexieste Mauer, die je existierte“ beschrieben hat, war der Fall ihres angetrauten Objektes am 9. November 1989 übrigens ein Grund zu unbändiger Trauer. Wir sehen – Objektophilie kann zwar sexuelle Aspekte aufweisen, geht aber in den meisten Fällen weit darüber hinaus und ist deshalb kein Fetisch im herkömmlichen Sinne.

Woher es kommt, dass jemand eine romantische Liebesbeziehung zu einem Gegenstand eingeht, darüber ist sich die Forschung noch unklar. Ob eine solche Entwicklung aus übermäßigen Verlassensängsten resultiert, aus traumatischen Erfahrungen in der Kindheit, ob aus angeborenen oder aber erlernten Persönlichkeitsstrukturen? Daran, dass der Mixer in Action so klingt, wie weiland Markus’ Mutter, wenn sie ihm die Leviten las? Die Gründe und Auslöser für Objektophilie sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich, so die Psychologen, ein einheitliches psychologisches Muster bislang nicht erkennbar. Fest steht dagegen: Für objektophile Männer und Frauen ist die Beziehung zu ihrem Gegenstand ernst und innig, kein Witz.

Übrigens: Ihr seid objektophil, aber gerade nicht auf der Suche nach der großen Liebe, sondern eher an handfester Zuneigung interessiert?  Wollt euch noch etwas austoben, bevor ihr den Rest eures Lebens damit verbringt, dem geliebten Perserteppisch die Flusen aus den Fransen zu streicheln? Es gibt spezielle Pornowebsites für euch, in denen nicht heiße Girls, dafür Kraftwerke, Lokomotiven, Kämme, vielleicht sogar verfilzte Perserteppische die Hauptrolle spielen (verlinken darf ich nicht, aber Google ist unser Freund). Die mit den geilen Mixern suche ich noch.

Mehr Infos zum Thema Objektophilie findet ihr hier.

Fotos: Luna <3

1 Comment

  1. Ines

    19. Juni 2016 at 18:45

    Also ganz klar ich liebe mein Sexspielzeug, aber diese wahre Leidenschaft für Objekte wie du sie hier beschreibst ist nochmal was ganz anderes. Ich finde es echt interessant, dass ihr euch dem Thema so ausführlich gewidmet habt. Ich denke das ist eine Fetischrichtung, die viele Menschen gern eher als komisch zur Seite schieben und darüber lieber nicht berichten. War interessant, das man zu lesen, auch wenn es mir selbst auch schwer fällt die Vorliebe für Objekte ganz nachzuvollziehen.

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