Nymphomaniac Vol. 1 – toll auf DVD, doof im Kino

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Ein Text von Mimi Erhardt.

Eigentlich wollte ich diesen Text schon viel früher geschrieben haben – eine Review zum vermeintlichen Sex-Schocker Nymphomaniac, dem aktuellen Kabinettstück von Lars von Trier. Eigentlich wollte ich euch schon viel, viel eher sagen, ob es sich lohnt, das Milchgeld aufzusparen, um sich den Streifen reinzuziehen oder ob ihr eure Piepen lieber anderweitig verjubeln solltet.

Eigentlich, eigentlich, eigentlich. Doch dann schlug das Schicksal zu und schnipste mit kalten Fingern einen der mir wichtigsten und liebsten Menschen von dieser Welt. Zuerst fragte ich mich, soll ich euch das überhaupt erzählen? Denn auch, wenn uns die Liebe zu Turnfilmen und schönen Menschen verbindet, stehen wir uns doch nicht sooo nah. Ich fragte also Käthe, und mein Käthchen befand: „Sag es doch, Mimi. Wenn es dir das Herz leichter macht, hau es raus.“ Das tue ich hiermit und bekenne mit nunmehr leichterem Herzen: Pornos interessieren mich aus soeben genanntem Grunde gerade null. Dennoch möchte ich euch erzählen, wie mir Nymphomaniac gefallen hat. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob der Film aktuell noch in den Kinos läuft. Tut er das nicht mehr, betrachtet diesen kleinen Text als Inspiration für euren nächsten DVD-Abend.

Der komplette Nymphomaniac Cast - reizend <3

Foto: © Casper Sejersen / Concorde Filmverleih 2014

Weil – ja, ich empfehle euch Nymphomanic. Ich empfehle euch insbesondere, euch diesen Film zu Hause auf DVD anzusehen und rate euch dringend davon ab, ihn euch im Kino zu geben. Warum? Weil mein Nymphomaniac Kinoerlebnis meiner Begleitung und mir den grauenhaftesten Abend seit Ewigkeiten bescherte. Das lag nicht am Film, mitnichten. Der gefiel mir wider Erwarten ausgesprochen gut.

Aber die Leute. Ach, diese Leute.

Doch beginnen wir am Anfang. Nymphomaniac ist die mit sexuellen Kanonenkugeln zerschossene Lebensbeichte von Joe, gespielt von Charlotte Gainsbourg und – in Joes jungen Jahren – Stacy Martin. Weil Nymphomaniac ein sehr langer Film ist, wurde er in den meisten Ländern, in denen er gezeigt wird, in zwei Teile gesplittet, in den momentan laufenden ersten Teil Vol. 1 und einen weiteren Part, Vol. 2, der am 3. April in die Lichtspieltheater kommt.

Die wunderbare Charlotte Gainsbourg als Joe. © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Die Story kurz zusammen gefasst: Joe ist Nymphomanin. Doch was in dem ein oder anderen Kopf für verklärt-geil-romantische Vorstellungen sorgen könnte, stellt sich im Alltag als Last für die junge Frau dar. Denn Joe hat nicht deshalb mit unzähligen Menschen Verkehr, weil sie Sex so lässig und heiß findet. Sondern weil sie nicht anders kann. Weil Nymphomanie eine Krankheit ist, eine Sucht, die den Alltag der Betroffenen bestimmt.

Also bumst Joe in Nymphomaniac den sanften, perversen Kuschelbären, der sie gern in einer mit Daunendecken ausgelegten Plastikwanne badet, sie bumst den raubtierartigen Bartmann, ihre große Liebe Jerôme (Shia LaBeouf) und gute, böse und viele, viele gesichtslose Jungen und Männer. Rückblende reiht sich in Nymphomniac an Rückblende, während die erwachsene Joe ihre Geschichte einem älteren Herrn namens Seligman (Stellan Skarsgård) erzählt. Dieser hatte Joe auf einem Hinterhof gefunden, bewusstlos und zu Klump zusammengeschlagen. Als Joe sich weigert, die Hilfe eines Arztes oder gar der Polizei anzunehmen, nimmt Seligman sie mit in sein reizendes Altherrenzuhause, um Joe mit Kuchen, Suppe und viel väterlicher Liebe wieder zusammen zu flicken. Und mit ganz viel Witz, Charme und Humor.

Der heimliche Held von Nymphomaniac - Shia LaBeouf als Jerôme.

Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Denn allen, die sich von Nymphomaniac in erster Linie ausuferndes Gevögel unter dem Deckmäntelchen eines artsy-fartsy-Films erhoffen, sei gesagt: Nymphomaniac Vol. 1 ist vor allem hinreißend. Und lustig. Und dramatisch. Und süß. Wenn Joe in Schuldbewusstsein und Selbstmitleid zerfließt, da sie die Leben so vieler Menschen durch ihren unbändigen Bumsdrang zerstört hat und Seligman ihr antwortet: „But if you have wings, why not fly?“, dann ist das Zucker und ganz undramatisch logisch. Denn ja – wenn du eine Vagina hast, warum solltest du nicht mit ihr durchs Leben reiten?

Nymphomaniac Vol. 1 ist ein stiller Film. Einer, der in vielen Momenten wehtut, der aber auch zu glücklichen kleinen Einhörnern macht, wenn ihr euch denn darauf einlasst. Und hier kommt der Punkt, der mir dieses Erlebnis vermiest hat – die anderen Zuschauer. Es wurde gegröhlt und an den unpassendsten Stellen auf den Sitzen herumgesprungen, da die Idioten, die an diesem Abend mit mir im Kino weilten, vermutlich dachten, sie würden sich gerade „Die nackte Kanone goes Fickificki Island“ ansehen. Wurde mal nicht mechanisch vor sich hin geknattert und stattdessen hingebungsvoll an einer hübschen, rosa Brustwarze geleckt, bekamen sich die Menschen um mich herum – alles vermeintlich bildungselitäre, erwachsene Metropolenbürger – vor Kichern nicht mehr ein. Ich sag euch, als ich mir vor vielen Jahren „Pokémon – Der Film“ in der Kindervorstellung gab, waren die Zuschauer mit sehr viel mehr Respekt und Ehrfurcht bei der Sache.

Freunde, wenn es euch ein schlechtes Gefühl macht, anderen in der Öffentlichkeit beim Sex zuzuschauen, dann lasst es bleiben. Ist doch okay. Ihr müsst Nymphomaniac nicht im Kino sehen, nur weil die anderen Kinder das so machen. Seht euch den Streifen zu Hause an, macht es euch und schlaft dann glücklich lächelnd ein. Aber versaut mir nicht mein Kinovergnügen mit schamhaft dämlichem Gelächter und blödem Kichern, wenn es absolut unangebracht ist. Ich wüsste weder, was an der Sterbeszene witzig war noch daran, als Uma Thurman ihren Mann an Joe verliert.

Christian Slater spielt in Nymphomaniac Joes Vater.

Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Ich freue mich irre auf Nymphomaniac Vol. 2. Den sehen Käthe und ich uns zu Hause an, mit Kuchen und Liebe. Wer sich benehmen kann, den laden wir herzlichst dazu ein.

12 Comments

  1. lumerjacky

    14. Juni 2014 at 15:38

    Hallo, mich würde rasend interessieren, wie ihr den zweiten Teil findet. Habt ihr den schon gesehen? Vor allem das Ende hat mich irgendwie tief schockiert und höchstens meinen Ekel erregt. Meiner Ansicht war der erste Teil definitiv besser!

    • Mimi

      Mimi

      14. Juni 2014 at 17:20

      bitte nichts verraten, muss den zweiten teil noch sehen! dann schreiben wir auch darüber :)

  2. Nini

    27. März 2014 at 12:53

    ja, so erging es mir auch!
    einen Haufen pubertierender, erwachsener Idioten (zwischen 30-40), die sich drüber lustig machen müssen, wenn mal eben 30 Penis Einstellungen hintereinander gezeigt werden. Als hätten sie noch nie einen gesehen und wenn denn nur in der Bravo von damals!
    Ganz komisches Kinoerlebnis…Vol.2 schaue ich mir trotzdem an!!
    (aber denn wohl auch daheim)

    • Mimi

      Mimi

      27. März 2014 at 18:07

      ist es nicht seltsam?? wünsch dir viel vergnügen bei teil 2, lass uns wissen, wie er dir gefallen hat :)

  3. Frollein Miez

    26. März 2014 at 21:35

    Ich möchte hiermit eingeladen werden.
    Ich schaue mir den Film auch lieber auf DVD an, denn ich ahnte schon sowas.
    und von Spießigkeiten hab ich mittlerweile auch genug: Ich habe keine Lust meinem Geschichts-LK-Lehrer zu begegnen, der dann rot wird und zur Seite schaut.
    Ich will es mir mit mir gemütlich machen. Und euch. Wenn ich darf.

    • Mimi

      Mimi

      26. März 2014 at 21:46

      es wäre uns ein fest, liebchen <3

  4. Melanie

    26. März 2014 at 11:12

    Ein Grund warum ich von euren Kolumnen nicht abkomme, ist die Art und Weise, wie ihr das was ihr seht, fühlt und küsst, mit Worten auf den Punkt bringt und somit euren Lesern das Gefühl von einem Schloss aus „rosa Zuckerwatte“ erschafft, um sich darin wohlgesonnen niederzulassen und neugierig das Treiben zu verfolgen. Danke dafür! Und danke das du diese Worte schreibst, obwohl du vielleicht im Moment einfach nur schreien oder ganz still sein möchtest. <3

    • Mimi

      Mimi

      26. März 2014 at 18:05

      ich liebe dich, frau melanie <3

  5. Karl

    25. März 2014 at 20:58

    Also, gröhlende Fickfilm-Erwartende hatte ich nicht in dem Kino. Dafür lauter (Ehe-)paare zwischen Ende Dreißig und anfang Fünfzig, mit Bildungsanspruch (war sowieso ein Programm-Kino), denen man ansehen konnte, dass sie endlich mal einen richtigen Sexfilm sehen können, aber dafür niemals dort hingehen würden, wo sie haufenweise im Regal stehen.
    An den Inhalt des Films (leider ja nur der 1. Teil) kann ich mich nicht mehr richtig erinnern.
    Aber sehr gut daran, dass ich den Plott ziemlich absurd fand. Und richtig nervig finde ich die unterschwellige 50er-Jahre-Moral, die auch in der filmischen Atmosphäre transportiert wird: „Wenn Frau ihre Sexualität frei auslebt, kann das nur krank sein und böse für alle Beteiligten enden.“

    • Mimi

      Mimi

      26. März 2014 at 18:06

      ich war auch in einem programmkino. aber vielleicht wussten die anderen das ja nicht.. :(

  6. schnute

    25. März 2014 at 17:11

    vielen dank für diesen artikel, ich habe nämlich auch schon länger geplant mir den film mal anzuschauen. ich hätte vermutlich die kino-oder-nicht-kino frage von selbst gar nicht gestellt, nun aber lässt es mich gramvoll an mein erlebnis mit paranormal activity zurückdenken. johlende gruppen zwanzigjähriger, die sich aus jeder szene einen spaß machten, und das im ganzen kinosaal. ich hatte das gefühl ich war die einzige, die überhaupt interesse am film hatte. danke also dafür, ich nehms mir zu herzen!

    • Mimi

      Mimi

      25. März 2014 at 19:25

      juchhee, das freut mich <3

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