nakedHEART: Blankziehen für die Kunst

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In meinem Kopf sehe ich Gerrit Starczewski verschreckt in einem Bett liegen, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Mit großen Augen und Angst in der Stimme flüstert er: „Ich fotografiere nackte Menschen!“ (Bitte unbedingt diesen Link anklicken, solltet ihr den Witz nicht verstanden haben :D) Aber gut, war ja sowieso ein bisschen gelogen. Gerrit Starczewski liegt nämlich gar nicht so oft zu Tode verschreckt im Bett, sondern turnt vor allem über große Festivals. Dort fotografiert er dann aber tatsächlich nackte Menschen. Und wofür? Für die Kunst.

„Ist doch nichts Besonderes“, mag sich nun mancher denken, „immerhin wimmelt es da draußen nur so von Hobbyfotografen, die sich auf das Knipsen nackter Leiber spezialisiert haben.“ Stimmt, doch ist die Sache beim 29-jährigen Gerrit Starczewski ein wenig anders gelagert. Für sein Projekt nakedHEART fotografiert er auf großen Open Air Festivals Gruppen von Nackedeis, und das nicht einfach so, sondern mit einer Message, die da lautet: Nacktsein bedeutet frei zu sein, und beim nakedHEART Projekt dabei zu sein, bedeutet, sich auf eine angenehme Art und Weise den Kopf high bumsen zu lassen.

Das Nackt-Shooting sieht der gebürtige Bochumer Starczewski als Gegenentwurf zum täglichen Stress, als Möglichkeit, sich daran zu erinnern, dass es im Leben nicht nur um Äußerlichkeiten geht. Denn nackt sind wir alle gleich. Also okay, die einen mit Piephahn, die anderen mit Varrginarr, aber prinzipiell sind wir weiland alle aus dem selben Bausatz-Koffer gekrabbelt.

Dennoch – so recht konnte ich mir keinen Reim auf die geplant-ungeplanten nakedHEART Flashmobs machen. Was, wieso, warum? Also griff ich mir spontan Herrn Starczewski zum Plausch.

Mimi: Was ist das nakedHEART Projekt, worum geht es dir dabei? Und was ist das Besondere daran, außer, dass du große Gruppen nackter Menschen fotografierst?

Gerrit Starczewski: nakedHEART hat viele Facetten. Zum einen ist es ein Happening, das an alte Werte und den Ursprung von Festivals erinnern soll. Früher waren Festivals geprägt von einem revolutionären Spirit, dem Wunsch nach sexueller Befreiung. Heute verkommen viele Festivals dagegen zu Gelddruckmaschinen. Die Leute feiern sich drei Tage lang selbst und pumpen sich mit Drogen voll. Jeder soll nach seiner Fasson leben, aber ich finde, vieles verliert sich heute in Oberflächlichkeit und Arroganz. Es wird auf einmal zum Problem, was man auf dem Festival tragen soll. Jumpsuit oder doch Netzstrumpfhose? Der Blumenkranz darf natürlich nicht fehlen. Jeder will individuell sein, doch viele merken nicht, wie uniformiert sie alle sind, weil sie sich vom Modediktat leiten lassen. Die Sehnsucht ist dabei doch immer dieselbe: Wir alle sehnen uns nach Liebe. Nach Anerkennung, Respekt, Wertschätzung und danach, so gemocht zu werden, wie wir wirklich sind. Deshalb lautet auch der Leitsatz vom nakedHEART: „Du willst individuell sein? Dann sei nackt!“

Mimi: Der Wunsch nach Liebe und Anerkennung? Komm schon, das ist doch nicht die ganze Message.

Gerrit: Weißt du, wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Wir können tun und lassen, was wir wollen, mit unserem verfickten deutschen Pass können wir in jedes Land der Welt reisen. Bei den Deutschen stört mich einfach, dass sie trotzdem immer jammern, und das auf hohem Niveau. Unsere Kultur ist geprägt von Neid und Missgunst. Das fängt dabei an, dass wir beobachten, was für ein Auto der Nachbar fährt, welche Klamotten das Girl im Club anhat. Die Leute tragen die Gier in sich, immer mehr haben zu wollen, toller, cooler und hipper als der andere zu sein. Schau dir nur mal FB und Insta an – wie viele Narzissten es da gibt, die sich ausschließlich lasziv und sexy geschminkt zeigen. Und warum? Weil es jeder macht. Sie denken, sie müssen es tun, um auch cool zu sein. Und diese Entwicklung kotzt mich an. Auch darum geht es im nakedHEART. Sich bewusst zu machen, was es heißt, frei zu sein. Wir müssten alle so glücklich sein. Doch die Realität sieht anders aus. Viele sind so unglücklich und unzufrieden. Daher ist nakedHEART auch ein Fuck Off und ein Ausbruch auf besondere Art und Weise. Wie soll es je Frieden in der Welt geben, wenn wir uns nicht mal selbst akzeptieren können? nakedHEART ist viel mehr als nur eine Grupper Nackter. Die Nacktheit dient vielmehr als Symbol für Natürlichkeit. Denn wer oder was ist heute noch natürlich? Die Natürlichkeit des nakedHEART ist die Provokation der Generation Youporn!

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Mimi: Was noch?

Gerrit: Spannend finde ich auch diesen Aspekt: Viele jungen Leute, gerade in Berlin, sind auf dem Trip, alles erleben zu müssen, haben diese ständige Angst, etwas zu verpassen und springen daher gerne mal auf Trend-Zug auf. Die sind offen für Drogenerfahrungen, aber zu scheu fürs nakedHEART. Das finde ich spannend. Denn vielen, die Drogen nehmen, geht es ja darum, sich intensiv zu spüren oder dem Alltag zu entfliehen. nakedHEART lässt dich dich selbst intensiver spüren als jede chemische Substanz.

Mimi: Du fotografierst bevorzugt auf Festivals, in diesem Jahr zum Beispiel auf dem MELT!. Nun wage ich zu behaupten, dass Festivalbesucher nicht zuletzt aufgrund ihrer Jugend durchweg schöner anzusehen sind als die Besucher auf dem Stadtfest von Wanne-Eickel. Was ich sagen will: Reizt es dich nicht auch, Menschen für dein Projekt zu fotografieren, die nicht jung und hübsch sind, denn das forcierst du ja mit deinen Shooting-Locations durchaus?

Gerrit: Vor wenigen Wochen, am 6. Juni, habe ich in Herne viele ältere, nackte Menschen fotografiert. Ich habe zu einem nakedFUSSBALL Spiel in das ehrwürdige Stadion von Westfalia Herne geladen. Über 110 Leute waren da, der Altersdurchschnitt war locker über 50. Der älteste Teilnehmer war sogar 72. Niemandem steht es zu, andere zu bewerten im Sinne von „Dieser Körper ist schön, der andere unschön.“ Jeder von uns ist anders ausgeprägt. Der eine hat einen dicken Schwanz, die andere einen kleinen Busen. Na und? Der Körper ist immer nur die Hülle, Fassade. Natürlich gibt es körperliche und sexuelle Reize. Und natürlich kann ein Körper sexy sein. Dennoch darf man den Körper nicht überbewerten. Er verändert sich eh, ganz von alleine. Was bleibt, ist immer die Seele, das Innere. Jeder möchte letztlich begehrt werden – für seine Art und sein Wesen.

Mimi: Ach Herne! Ich hab mal nebenan in Recklinghausen-Süd aka South Central gewohnt, die Leute da fetzen.

Gerrit: In Herne hatte sogar ein Rollstuhlfahrer den Mut, blank zu ziehen. Natürlich ist das MELT! ein Festival, bei dem viel Wert auf Style und Looks gelegt wird. Aber mich langweilt das so sehr. Wie oben schon gesagt, es wirkt auf mich, als wolle und müsse jeder zwanghaft anders sein. nakedHEART sagt: Sei einfach du. Punkt.

Mimi: Wie läuft ein Event wie das nakedHEART auf einem Massenspektakel wie dem MELT! ab? Wie gehst du vor?

Gerrit: Im ersten Jahr 2010 war ich ganz alleine mit Flyern unterwegs. Ich hatte die Erlaubnis vom MELT!, die Veranstalter haben es aber nicht weiter kommuniziert. Also musst du davon ausgehen, dass kein Besucher von meinem Plan wusste. Ich habe mir den Mund fusselig geredet, und schließlich sind über 100 Leute gekommen. Wichtig ist mir aber, dass man das Projekt niemals an der Zahl der Teilnehmer misst. Es geht um das Erleben des Moments. Wichtiger ist es, Leute im Vorfeld und im Nachhinein zum Nachdenken anzuregen. Und das kann auch mit nur 15 Teilnehmern gelingen.

Mimi: Wie viele Leute haben seit dem Start in 2010 am nakedHEART teilgenommen?

Gerrit: Seit damals haben über 1000 Leute an meinen Projekten teilgenommen, von 18 bis 72 Jahren, rund 60 Prozent Männer, 40 Prozent Frauen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für ein Stress das ist. Diese Anspannung – kommen genug Leute? Wie wird das Wetter? Ich bin Dreh- und Angelpunkt des Projekts, koordiniere alles und gebe Anweisungen durchs Megaphon. Die ersten Projekte habe ich noch selbst fotografiert, seit zwei Jahren habe ich Stephan Flad in meinem Team, der federführend die Bilder macht. Ich fungiere mehr als Regisseur, wenn du so magst, weil wir die Projekte ja auch filmisch festhalten. Aber der Vibe, der da entsteht, den muss man einfach erleben.

Mimi: Also MELT!-untypisch keine chemischen Substanzen für dich, da genügend Vibe?

Gerrit: Ich nehme keine Drogen, trinke keinen Alkohol. Ich liebe es, mich an natürlichen Dingen zu berauschen. Und das nakedHEART bedeutet für mich immer Adrenalin. Zu sehen, dass die Idee aufgeht und die Leute glücklich und losgelöst sind, das ist Energie pur, von der ich sehr lange zehren kann. 2014 haben wir mit den Nackten den Auftritt der Band CRYSTAL FIGHTERS gestürmt, vor zwei Wochen eine Show bei der US-Band THE LAST INTERNATIONALE. Alles unvergessliche Highlights.

Mimi: In diesem Jahr gab es auf dem MELT! auch einen nakedHEART Catwalk, bei dem die Teilnehmer Masken mit den Gesichtern von Pophelden trugen. Versteh ich nicht, schließlich geht es dir doch darum, dass wir alle mehr wir selbst sind. Warum dann verkleiden?

Gerrit: Die Masken zeigen Personen der Popkultur, Personen, die von vielen idealisiert werden. Viele dieser Stars definieren sich über ihren Look, ihren Lifestyle und ihren Körper. Die Masken sollten Nacktbilder erschaffen helfen, die es so noch nie gegeben hat. Miley, Madonna, Mick Jagger – alle ziehen für Gerrit Starczewski blank. Das Ganze ist mit Humor zu verstehen, aber auch mit mahnender Kritik. Denn diese Stars können so vieles verändern, voranstoßen, doch die wenigsten tun es.

Mimi: Bei den Shootings bist du selbst nackt. Machst du das, um den Mitwirkenden ein besseres, sichereres Gefühl zu geben, um ihnen zu zeigen, dass du einer von ihnen bist? Oder bist du einfach nur ein FKK-Verfechter?

Gerrit: Ich gehe selbst gerne in die Sauna. Ich kann nicht von Leuten verlangen, dass sie sich zu sich bekennen sollen, wenn ich es selbst nicht tue.

Mimi: Was passiert mit den Fotos und Videos?

Gerrit: Die Bilder werden immer mal wieder ausgestellt, die Videos landen auf meiner Vimeo-Seite. Und ich arbeite immer noch an einem großen Bildband mit Texten. Aber zunächst mal ist nakedHEART ein Happening, das man hautnah erleben muss. Es verändert das Gefühl zu sich selbst und lässt einen unbeschwerter sein. Ziel ist es, mit dem Projekt zum Nachdenken anzuregen und zu einer besseren Welt beizutragen.

Alle Fotos: nakedHEART (Starczewski/Flad)

Mimi: Können unsere Leser auch ein Teil von nakedHEART werden? Und wenn ja, wie?

Gerrit: Jeder, der über 18 ist, kann das Projekt selbst erleben. Auf meiner Website www.nakedheart.de findet man viele Videos und Termine. Unsere nächsten Aktionen finden in Köln und Berlin statt. Aber wer neugierig ist, Fragen hat oder auch Kritik loswerden will, kann mich auch gern bei FB anschreiben. Ich plane als nächstes einen nakedCATWALK, eine Modenschau, bei der alle nackt sind. Eine Kollektion die mit Natürlichkeit besticht, für Jung und Alt. Mit der Aktion will ich die Fashionwelt und Formate wie GNTM kritisieren. Für mich ist es krank, wie diese Industrie über Menschen urteilt. Da zählt nie der Mensch, nur das Stück Fleisch.

Hier kommt ihr zur Seite von nakedHEART.

Ditte ist die Facebook-Seite des Projekts, über die ihr bei Fragen auch Initiator Gerrit Starczewski kontaktieren könnt.

Und hier bekommt ihr einen filmischen Eindruck des Ganzen.

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