Mail von Marie: Ich hab den Missbrauch überlebt – und liebe Sex

By  |  0 Comments

Manchmal erreichen uns Lesermails, die uns bewegen und lange nicht loslassen. Und manchmal erlauben uns die Verfasser, ihre Worte mit euch, den Mimi&Käthe Lesern, zu teilen. So wie Marie (Name geändert), die uns von ihrer Vergangenheit erzählen wollte. Marie durchlebte 16 Jahre lang sexuellen Missbrauch, doch ist es ihr gelungen, sich davon freizukämpfen. Uns wollte sie erzählen, wie sich ihre Geschichte auf ihre Sexualität ausgewirkt hat. Und warum die vermeintlich guten Ratschläge anderer ihr das Leben unnötig schwer machen.

Eine Lesermail von Marie.

„,Das Gegenteil von gut ist gut gemeint’ (Kettcar, ,Im Taxi weinen‘)

Ich bin knapp über 30 Jahre alt, Halbzeit-Mutter eines Kleinkindes, weil der Vater einer von den ,Guten’ ist und sich ebenso gut um das Kind kümmert. Ich bin Studentin und Überlebende.

Ich habe Missbrauch erlebt und überlebt – etwa 16 Jahre lang. Natürlich hat das weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung meiner Persönlichkeit gehabt.

,Das Chaos pur’ ist wohl die treffendste Beschreibung meiner Person. Mein Herz gleicht einem Schlachtfeld, und mein Gehirn ist eine nie still stehende Maschine, in der ständig irgendein Zahnrad nicht richtig in das andere greift… es ruckelt und zuckt… und dreht dann plötzlich weiter, als wäre nichts gewesen. Meine Emotionen schwanken zwischen plus Zehn und minus Zehn binnen weniger Stunden. In meiner Mitte befinde ich mich nur äußerst selten. Ich leide unter Kontrollzwang und fahre deswegen phasenweise weder Bahn, noch Bus, noch sonst irgendwas. Und trotzdem: Eigentlich habe ich mein Leben ganz gut im Griff!

Ich habe Wege gefunden, mit den kleinen und großen Aussetzern meiner Psyche umzugehen, ich bin die beste Mutter, die ich zu sein vermag. Ich pflege Freundschaften, ich studiere und – ich führe auch Liebesbeziehungen.

lesermail 1

Ja, ich habe Sex! Ja, ich finde Sex großartig! Und ja, ich habe Vorlieben und eine spezielle Neigung. Ich lebe und praktiziere BDSM! Mal weniger, mal stärker ausgeprägt.

,Sicherlich besteht ein Zusammenhang zwischen deinem Trauma und deiner Neigung’ – ein Satz, den ich nur allzu häufig höre, seit ich beschlossen habe, mich meiner Neigung nicht mehr zu schämen. Freilich laufe ich nicht auf der Straße umher und teile jedem Passanten, der mir begegnet, meine sexuellen Vorlieben mit. Im Gespräch mit Freunden, guten Bekannten und teils auch mit meiner Familie, sowie innerhalb meiner Therapie-Sitzung bin ich da aber offener geworden. Je öfter ich allerdings den erwähnten Satz zu Ohren bekomme, desto mehr packt mich die Wut! Denn ja, sicherlich, gibt es da eine Verbindung. Doch bei welchem Menschen gibt es die nicht? Die Jahre unserer Kindheit und Jugend prägen uns alle in sämtlichen Bereichen des Lebens und der Persönlichkeitsentwicklung. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Satz fallen zu lassen wie: ,Ach, du stehst auf Kuschelsex. Das ist liegt sicher an deinen fürsorglichen Eltern!’

Wohin führt also eine Diskussion, die mit einem solchen Satz entfacht wird? In der Regel bezweckt der Feststellende damit, mir einen gut gemeinten und seiner Ansicht nach ,subtil’ verpackten, Hinweis zu geben. Das ist der Punkt, an dem ich mich jedesmal frage: ,Wozu?!? Zu welchem Zweck, zum Henker?’

lesermail 2

Ich soll also meine Sexualität ändern? Klar, weil das ja auch so einfach ist! Zumal – Sex macht Spaß. Sex macht MIR Spaß – großen Spaß! Und zwar genauso, wie er ist! Wenn ich aufhöre, großartigen Sex zu haben – und ja, das inkludiert für mich nun mal auch BDSM-Praktiken – löst sich mein Trauma doch auch nicht in Luft auf! Die Vergangenheit wird dadurch auch nicht ausradiert! Die einzige Folge dessen wäre, dass ich zulassen würde, dass die Schatten meiner Vergangenheit noch weiter in meine Gegenwart hineinreichen… oder gar meine Zukunft eintrüben.

Seit ,Fifty Shades Of Grey’ ist BDSM zwar ein Thema geworden, über das selbst Oma Erna mit Pauline am Kaffeetisch zwischen Käsekuchen und Schmalzstulle spricht, allerdings hat dieses Buch – in meinen Augen – auch dazu beigetragen, dass Menschen, die diese Neigung haben und leben, den Stempel ,krank’ aufgedrückt bekommen. Der Begriff ,Krankheit’ impliziert in unserer Gesellschaft wiederum die Suche nach einem Weg zur Heilung… Ich fühle mich aber weder krank, noch will ich verflucht nochmal geheilt werden! Wovon auch?

Es gibt viele Baustellen in mir und in meinem Leben. Viele Dinge, an denen ich arbeiten kann, soll und muss. Ich habe, weiß Gott, genügend Dunkelheit in mir. Mein Sexleben mag auf Außenstehende düster wirken. Vielleicht weil… ja, weil sie sich sorgen, weil sie dem Zusammenhang meiner Missbrauchserfahrung und meiner sexuellen Neigung eine zu große Bedeutung beimessen.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Meine Sexualität zu leben, befreit mich. Manchmal von mir selbst und meinen Ängsten, von innerlicher Unruhe und Angespanntheit und zum Teil sogar von meinem Trauma.

lesermail 3

Derzeit bin ich frisch verliebt und habe fantastischen Sex! Verliebter Sex ist eh toll, aber wenn dieser dann tatsächlich auch alle Facetten der eigenen Wünsche befriedigt, entsteht nackte Zufriedenheit.

Für mich ist das beispielsweise dann gegeben, wenn die perfekte Kombination von harter Dominanz und tiefgreifender Zärtlichkeit kreiert wird. Nur mittels einiger Worte. Ja, es sind durchaus erniedrigende und auch herabsetzende, reduzierende Worte, aber das Possessivpronomen ,mein’ davor gesetzt, verändert deren Wirkung gänzlich!

Diese Verknüpfung bringt etwas in mir zum Klirren und Schwingen. Meine Mauern beginnen dadurch zu bröckeln, und wenn ich dem Befehl gehorche, das Gesagte zu wiederholen, fühlt es sich an, als würde sich mein Herz weit öffnen. Hingabe – genau das ist es, was ich so sehr daran liebe. Besonders mit dem richtigen Menschen. Mein Herz schlägt dann so heftig, dass ich das Blut in meinen Ohren rauschen höre, Endorphine werden frei gesetzt.

Guter Sex macht also glücklich!  Ja, auch ich als Überlebende von Missbrauch kann Sex genießen. Dafür muss und werde ich mich weder rechtfertigen noch entschuldigen.

Und das Recht auf diesen MOMENT der absoluten Glückseligkeit lasse ich mir auch nicht absprechen. Von nichts und niemanden! Nicht von meiner traumatischen Vergangenheit, dem Missbrauch und erst recht nicht von denen, die mir ,gut gemeinte Ratschläge’ mit auf den Weg geben wollen.

Ich schließe mit einer Zeile aus einem Song der Band Kettcar:
,DAS GEGENTEIL VON GUT IST GUT GEMEINT.’“

Fotos: Sarahlikesprettygirls // Sarahlikesprettygirls auf Facebook

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *