Schuld, Hass und das Feuer: Mir wurde Gewalt angetan

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Ein Text von Romy Dietrich.

Er steht vor mir, seine Nasenspitze nur Zentimeter von meiner entfernt. Seine Nasenlöcher sind geweitet wie bei einem wütenden Stier, die Augenbrauen treffen sich fast in der Mitte.
Das Schlimmste aber sind die Augen. In ihnen glüht Hass auf mich. Auf die Frau, die er angeblich mehr liebt als sein Leben.

An diese Details erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. Dabei ist es fast ein Jahrzehnt her.

An den körperlichen Schmerz, den seine Taten verursacht haben, erinnere ich mich kaum noch. Ich weiß noch, dass ich manchmal Tage nach einem Streit blaue Flecken entdeckte und mir erst dann richtig bewusst wurde, was passiert war.

Die Angst, das Entsetzen darüber, dass der Mann, den ich liebe und der mich liebt, mich ansieht, als würde er mich gern umbringen, werde ich hingegen wohl nie vergessen.

Mir wurde Gewalt angetan, nicht nur einmal.

Mein damaliger Partner hat mich immer wieder geohrfeigt, mich gegen die Wand geschleudert und mit seinem Unterarm an meinem Hals dort festgehalten, mich geschubst und gezerrt und sogar einmal nach mir getreten. Er hat mich in diesen Momenten gehasst, was für mich schlimmer war als alles, was er mir mit seinem Körper angetan hat.

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Man fragt sich später zu Recht, warum man nicht gegangen ist. Auch ich habe darüber nach dem Ende der Beziehung sehr lange und gründlich nachgedacht. Das Ergebnis?

Ich habe die Reibung, das Feuer, das unseren Streits zugrunde lag, gebraucht, um mich zu spüren. Ich habe es hingenommen, weil ich wusste, dass er danach zu Kreuze kriechen und in seiner Reue alles für mich tun würde. Ich habe seine Wut als das verstanden, was sie war: tief sitzendende Verlustangst und große Probleme mit sich selbst.

Nichts davon rechtfertigt, was er getan hat. Aber ich habe gelernt, dass auch ich meinen Teil dazu beigetragen habe, dass die Situation zwischen uns immer wieder eskalierte. Ich hätte gehen können, uns band nichts Größeres aneinander als das Wörtchen Liebe. Keine gemeinsame Wohnung, kein Trauschein, keine Kinder.

In den Jahren nach der Trennung habe ich mich viel mit dem Thema beschäftigt. Ich habe versucht, zu verstehen, warum Menschen (nicht nur Frauen – Gewalt ist keine Einbahnstraße) sich so behandeln lassen, wie ich mich habe behandeln lassen. Warum sie nicht gehen.

In vielen Fällen werden Verpflichtungen aufgeführt, ein Haus, die Kinder, das gemeinsame Leben. Oder es wird damit argumentiert, dass man den Partner doch liebt. Und dann, wenn diese Argumente durch ein paar rationale Worte außer Kraft gesetzt sind, kommt die Wahrheit durch.

Erschreckend viele Menschen, denen von ihrem Partner Gewalt angetan wird, glauben, es verdient zu haben. Oft sind es Menschen, die schon vor der Gewalt mit Schuld gelebt haben – ob begründet oder eingebildet ist eigentlich egal – und die darum nicht die Kraft finden, aufzustehen und zu gehen. Leider scheinen Menschen, die zu Gewalt neigen, oftmals Sensoren für genau diese Schuld in ihrem Partner zu haben.

Auch ich bin lange Zeit nicht gegangen, weil ich tief in mir glaubte, verdient zu haben, was er mir antat. Die Kraft, mich endgültig zu trennen, habe ich erst gefunden, nachdem mir das klar geworden war.

Mich mit mir und meinem Teil des Problems zu befassen, hat mich frei gemacht, zu gehen.
Zu erkennen, dass ich ihn oft genug erst dazu getrieben habe, auszuflippen, weil ich für eine Weile die Schuldgefühle in mir durch Schuldzuweisungen an ihn übertragen konnte, war ein heilsamer Schock.

Sicherlich trifft das mit der Schuld nicht auf jedes Opfer zu, aber sich mit sich selbst und den Gründen, warum man sich so eine Behandlung gefallen lässt, zu befassen, ist oft der schnellste Weg, seine innere Kraft zu finden – und zu gehen. Denn, auch das ist eine Erkenntnis des Ganzen: Es wird nicht besser.

Wer einen Streit damit zu lösen versucht, dass er seinen Partner mit Gewalt mundtot macht, ist so schnell nicht zu bekehren. Die Hoffnung, dass sich das ändert, wenn man es nur genug versucht, ist trügerisch. Mit Schlägen zu argumentieren, ist etwas, das im Kindergartenalter noch gerade so tolerabel ist. Wer nicht spätestens nach der Pubertät gelernt hat, sich mit Argumenten zu duellieren, wird es auch als Erwachsener nicht von heute auf morgen lernen.

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Ich bin damals gegangen, und die Nachwehen haben Jahre gedauert. Ich habe mich als emanzipierte Frau in Frage gestellt, hatte große Probleme, meinen neuen Partner zu kritisieren, aus Angst, er könne sein wie der letzte, und habe immer und immer wieder dagegen angekämpft, meinem Ex die Schuld an allem zu geben, um meine eigenen Schuldgefühle zu dämpfen.

Aber wisst ihr was? Sich als Opfer zu fühlen, ist so viel schlimmer als sich damit zu befassen, warum man sich hat zu einem Opfer machen lassen. Und der Bonus: Wenn man mal über die Opferrolle hinausgewachsen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, nochmal zum Opfer zu werden, viel geringer.

Im Übrigen ersetzt all das nicht, sich Hilfe von außen zu holen, wenn man sich nicht stark genug fühlt. Es gibt Organisationen, die helfen, ohne Fragen zu stellen, und natürlich gibt es die Polizei.

Ich bin damals nach der Trennung aufs Revier gegangen und habe eine Aussage hinterlegt, die dort aufbewahrt wurde und bei einem erneuten Vorfall zu einer Anzeige wegen Körperverletzung geführt hätte. Das habe ich meinen Ex auch wissen lassen, und dann hatte ich Ruhe.

Lasst euch helfen, aber helft euch auch selbst.

Niemand hat Gewalt verdient. Niemand hat es verdient, von seinem Partner gehasst zu werden. Niemand verdient solche Gefühle.

Du bist betroffen? Dann lies weiter:

In Akutfällen ist es immer angebracht, die Polizei zu informieren.

Triff Vorkehrungen für den Notfall. Schaff dir eine Brieftasche an, in der du Kopien aller wichtigen Dokumente aufbewahrst, und behalte sie bei dir. Am besten trägst du sie in deiner Handtasche mit dir rum. Stell die Handtasche in die Nähe der Tür, damit du sie schnell greifen kannst, wenn du weg musst. Leg dir eine Reisezahnbürste und eine Ersatzunterhose in die Handtasche.Weihe eine Freundin oder einen Freund ein, jemanden, dem du vertraust, und bereite sie oder ihn darauf vor, dass du möglicherweise irgendwann vor der Tür stehst und Asyl brauchst.

Und das Wichtigste: Mach es heimlich. Wenn dein Partner weiß, dass du auf eine Flucht vorbereitet bist, eskaliert die Situation oft noch mehr.

Hilfe findet ihr hier:

GEWALTlos
Trauma- und Opferzentrum Frankfurt e.V. (Vermittlung überregionaler Anlaufstellen)

Weißer Ring: Gewalt gegen Männer
Weißer Ring: Standorte (überregional)

Frauen gegen Gewalt e.V.
Hilfetelefon – Gewalt gegen Frauen

Fotos: Melanie Ziggel (Anm. d. Red.: Das Model auf den Fotos in diesem Post ist NICHT Autorin Romy Dietrich)

1 Comment

  1. JudgeDark

    3. September 2017 at 17:27

    Ein starker Text … vielen Dank!

    Menschen die Probleme und Konflikte, gerade in einer Beziehung, mit Gewalt lösen wollen gehen in meinen Augen gar nicht. Ja, es gehören oft auch zwei Personen dazu … trotzdem ist das kein gangbarer Weg, egal ob man gereizt, gekränkt oder was auch immer wird.

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