#metoo – Gedanken zu einer Debatte

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Ein Text von Penny Calvet.

Zugegeben, ich bin kein politischer Mensch. Auch wenn ich zu fast jedem Thema eine pseudo-fundierte Meinung zum Besten geben kann, die meistens der Stimme der Bildungsbürgertum-Masse-na-gut-vielleicht-ein-bisschen-linker folgt. Vieles, das auf politischem Parkett passiert, ist irgendwie viel zu weit weg von meiner Lebensrealität und zu viel Blabla. Bis die #metoo Debatte meinen Radarschirm erreichte.

In diesem Moment hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich müsse mir eine eigene Meinung bilden, weil mich diese Debatte direkt wie indirekt betrifft. Was nun folgt – nur kurz zur Entwarnung – ist kein dezidiertes Aufrollen der bisherigen Sachlage, so gut bin ich nicht im Thema. Sondern eine ganz subjektive Schilderung dessen, was ich gelesen und welche Rückschlüsse ich daraus für mich als Frau gezogen habe. Als Frau, die sich als emanzipiert, aufgeklärt und aufgeschlossen bezeichnen würde. Ich hoffe übrigens, mit dieser Äußerung nicht schon direkt in ein erstes Fettnäpfchen zu treten.

Der Hashtag #metoo, soviel hat mir meine Recherche verraten, kursiert schon viel länger als Oktober 2017 im Netz, als er auf einmal im Zuge des Skandals um Hollywood-Mogul Harvey Weinstein in aller Munde war. Wie so vielen anderen kam #metoo mir aber erst mit dem medialen Interesse zu Ohren, was eine wirklich traurige wie beschämende Tatsache ist.

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Zurück geht er auf die Menschenrechtsaktivistin Taran Burke, die bereits 2006 damit anfing, Opfern von sexueller Gewalt in den sozialen Medien zu signalisieren, dass sie nicht alleine und dass ihre Schilderungen mutig und wichtig sind und endlich Gehör finden müssen. Burkes „Me too“-Kampagne sagt aus, dass jeder Opfer von sexueller Gewalt sein kann und dass es sich dabei um ein Massenphänomen handelt, das alle Länder, Bildungsschichten und Geschlechter betrifft und über das viel zu lange geschwiegen wurde. Sexuelle Belästigung betrifft uns alle: als Opfer, Täter, Aufklärer, Zuhörer, Wegschauer, Ahnungslose oder Aktivist.

Im Zuge der Debatte meldete sich auch die französische Schauspielerin Brigitte Bardot zu Wort. Ihrer Meinung nach sei die Aufregung übertrieben und gerade im Bezug auf Schauspielerinnen „scheinheilig und lächerlich“. Und weiter: „Viele Schauspielerinnen versuchen doch mit Produzenten zu flirten, was das Zeug hält, um eine Rolle zu bekommen. Und dann sagen sie, dass sie belästigt wurden, damit wir über sie sprechen.“

Als ich das las, tickte bei mir eine Sicherung durch. Selbstverständlich handelt es sich bei den prominenten Vertretern und Vertreterinnen der Anklage oft um durchaus privilegierte Menschen, die nicht selten Geld mit ihrem Aussehen verdienen. Dennoch ist ihre Stimme nicht weniger wichtig als die aller anderen Betroffenen. Alle sind wichtig und verdienen das gleiche Gehör, egal woher, wie alt und wie einflussreich.

Die Diskussion darüber, welche Stimme überhaupt relevant sei, führt auch schlicht und einfach vom eigentlich Anliegen weg. Dass gerade jetzt viele prominente Frauen ihre Erlebnisse preisgeben, hat sicherlich auch etwas mit der medialen Aufmerksamkeit zu tun, aber das per se als Argument für Unglaubwürdigkeit anzuführen, macht keinen Sinn. Hinterfragen statt abtun – und das auf beiden Seiten. DAS brauchen wir.

Ich finde es gut, dass die „Silence Breaker” von der Times als Personen des Jahres gekürt worden sind. Weil es die Relevanz des Themas aufzeigt und ihm eine neue Plattform ermöglichte, die schließlich dazu führte, dass einige der Täter, darunter mächtige Männer, gestoppt werden konnten.

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Ich sprach es bereits an: #metoo betrifft nicht nur Frauen. Auch Männer sind von Übergriffen betroffen, und ihnen fällt es wahrscheinlich aufgrund ihrer zugeschriebene Geschlechterrolle – stark, tough, dominant – noch schwerer als vielen Frauen, über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch zu sprechen. Was die #metoo Diskussion letztendlich aufzeigt, ist, dass viel zu lange über das Thema geschwiegen wurde, es zu viele Mitwisser gab und sich nun deshalb alle aufgestauten Emotionen entladen.

Auch ich habe ein persönliches #metoo Erlebnis, das mich bis heute verfolgt. Gerade volljährig, meldete ich mich auf einer Plattform an, auf der Fotografen und Möchtegern-Models zueinander finden konnten. Kurze Zeit später erreichten mich einige schmeichelnde Anfragen, und ich stürzte mich in mein erstes Model-Abenteuer: Ein Shooting in der Privatwohnung eines Hobbyfotografen, der sich als ziemliches Arschloch entpuppte. Wir waren alleine bei ihm, und nach einigen Testaufnahmen forderte er mich auf, mich auszuziehen, er würde gerne meine „sexy Seite“ sehen. Ich war so perplex und so eingeschüchtert von der Situation, dass ich mich darauf einließ, mein Oberteil auszuziehen. Er grabschte mich plump an und rückte alles „zurecht“. Irgendwie brachte ich das Shooting hinter mich. Einige Tage später schickte mir der Fotograf die Bilder auf einer DVD zu mit der Bemerkung, nackt wäre ja noch viel heißer gewesen. Die Fotos sind seitdem in einer Kramschublade verschwunden.

Ich habe mich nach diesem Erlebnis über mich selbst geärgert, mich geschämt, geekelt und niemandem davon berichtet. Aber genau das hätte ich machen sollen. Heute denke ich, dass vermutlich noch weitere naive junge Frauen von seinem Profil geblendet wurden und bei ihm vor der Kamera gelandet sind, und dieser Umstand ärgert mich maßlos. Dass ich nichts unternommen habe, um andere zu schützen.

Das ist vielleicht das, was ich aus der #metoo Diskussion mitnehme – dass wir mehr aufeinander achten sollten, nicht wegschauen sollten und dass es sich lohnt, den Mund aufzumachen. Weil wir nur so etwas verändern und bewirken können.

Fotos: Melanie Ziggel // Melanie Ziggel bei Instagram

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