meow meow: Ein Interview mit zwei Porn-Aktivist*innen

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Ein Text von Antoinette Blume.

Uhuhuhhhhh, ich bin nervös. Stift, Glas, Buch, tipptipp, Zeitschrift, nee, wie soll ich sitzen? Auf der Couch oder soll ich mich auf den Einzelsessel drapieren? Ist meine naturtrübe Apfelschorle langweilig? Gar spießig? Brauche ich einen Gin Tonic? Um vier Uhr nachmittags? Sind meine Fragen okay? ALTER. Nervous breakdown, i see it comin’.

Bin (wie immer) eine halbe Stunde zu früh, die BVG hat mich 1a-getaktet nach Neukölln in ein süßes und überraschend günstiges (Friedrichshain, du hast mich verdorben…) Café chauffiert. Ich nahm (natürlich) den falschen Ausgang, lief gefühlt eine Stunde in die falsche Richtung. Notiz an mich: Verlasse dich bitte nie auf dich selbst. Nur auf Google Maps. Immer. Danke. Aber ich schweife ab, das ist wohl die Unruhe, der Tatendrang. Noch 30 Minuten.

Wer mir die Hände gefrieren und mich alle fünf Minuten den Lippenstift in der Selfiekamera kontrollieren lässt? Die anstehende Begegnung mit Candy Flip und spir@lena von meow meow. Seit ich einen Teil der meow-meow-Crew im Berghain erspähte, deren Porno „Hannah und die Keta-Boys“ ich mir erst kurz zuvor angesehen hatte, war es um mich geschehen. Seit diesem Zeitpunkt wollte ich mehr über das sexpositive, queere Pornokunstprojekt aus Berlin erfahren, am besten persönlich, aus erster Hand, ja!

Ich treffe also heute das erste Mal in meinem Leben, in meiner Bloggerkarriere, überhaupt, zwei feministische Pornodarsteller*innen. OMG.

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Feministische Porno-Aktivistinnen: Candy Flip (links) und spir@lena von meow meow

Ich sitze so, dass ich die Tür ganz genau im Blick habe. Die Türklinke neigt sich, die zwei treten ein. Okay, wow. Wo bin ich noch gleich, wie ist mein Name, und was sollte ich tun? Zum Glück gibt es ein paar spärliche Notizen in meinem schwarzen Interview-Büchlein.

In medias res. meow meow steht zwischen Kunstprojekt, Porno, pornöser Kunst. Meine zwei Interviewpartner*innen beschreiben es als psychedelisch (wie der Untertitel schon sagt), feministisch, frei und queer. Und ja, das ist es – und hot af. Die zwei Performancekünstler*innen des Produktionskollektivs, die mir gegenübersitzen, arbeiten beide vor und hinter der Kamera.

spir@lena ist durch und durch Performer*in, Künstler*in. „Kunst mache ich mein ganzes Leben“, sagt sie. Sie ist hinter der Kamera für Kostüme, Make-up, Kulissen und das ständige Aushandeln guter Energien am Set verantwortlich. Klingt nach Esoterik, ist es vielleicht auch, aber macht Sinn: Ihr Empowerment am Set gibt dem Team Sicherheit. Die zwei lachen bei der Erzählung, bis wohin spir@lenas ‚Energieaktivismus‘ führen kann – nämlich zu einer analen Entjungferung eines jungen Herren, der bei „Hanna & die Ketaboys“ mitspielt. Ui! Ah! Dazu habe ich es mit einer echten  Pornoliebhaber*in zutun, die mal Ethnologie studiert hat, drei Jahre auf Reisen war und in Berlin den (von ihr nie gefühlten) Binarismus abgelegt hat und so ihre sexuelle Identität verstehen lernte. Ich muss hier einhaken, ich könnte noch 11-12-13 Zeilen mehr über die Begegnung mit ihr schreiben – aber ich will‘s auch spannend halten, ne.

spir@lena meldete sich damals, es müsste so um das Jahr 2014 gewesen sein, auf einen Aufruf von Candy Flip und Theo Meow, der ebenfalls Darsteller und Regisseur bei meow meow ist. Gesucht wurden Darsteller*innen für ein experimentelles Pornoprojekt – seit dieser Zeit gibt es meow meow, zwei von drei Gründer*innen sitzen also gerade vor mir.

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Candy Flip ist Psycholog*in, arbeitete aber nie in diesem Beruf – bisher, wer weiß, was noch kommt. Sie ist Sexarbeiter*in, Pornodarsteller*in und -regisseur*in. Fasziniert war sie schon früh von Sexarbeit und Pornographie, in Berlin packte sie dann die „Abenteuerlust“. Seitdem lebt sie sich auch mit kommerzieller Arbeit in diesem Business sexuell aus. Gerade studiert sie Philosophie und Gender Studies, ‚nebenbei‘, wie sie sagt. Bei meow meow steht Candy Flip als Darstellerin gerne vor der Kamera, hinter den Kulissen schreibt sie Drehbücher und führt Regie.

Ein Kommentar sei mir erlaubt, gleich mitten im Artikel: Die zwei sind krass. Also einmal krass unterschiedlich, aber auch einfach krass-krass. Zwar auch irgendwie normal, aber im nächsten Moment auch nicht, und man möchte einfach nur dasitzen und die zwei für ihre schlauen Sätze und Pornovorlieben bewundern. Kind of mindfucking.

Inspiration finden die Pornomacher*innen im Nachtleben, in ihren Fantasien, bei ihren (durchaus gekoppelt mit bewusstsein-erweiternden Drogen) Grenzerfahrungen. Ihre Pornos erzählen wahre Geschichten und handeln von verrückten Situationen. Das neue, noch teilweise geheime Projekt (ein Langfilmporno mit 70 Minuten Spielzeit) umfasst auch historische Einflüsse. Das angesprochene neue Projekt macht mich natürlich neugierig – um was geht es da genau? „Um Feminismus“, viel mehr verraten sie nicht. Nur dass sie seit gut einem Jahr schon daran arbeiten – wir dürfen also auf viel Porno und viel geiles Zeug gespannt sein.

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Worauf wir uns dieses Jahr noch so freuen dürfen, sind in jedem Falle noch weitere Kurzpornofilme, die in gewohnter Manier „Emotionen, intensive Reaktionen“ beim Publikum auslösen sollen und werden. Und natürlich Lust. Die Gang um meow meow will sich weiterhin mit Mechanismen der Pornographie auseinandersetzen, beispielsweise dem Rollenverständnis von Frauen im Porno. „Gesellschaftliche Strukturen wirken sich auch auf feministischen, alternativen Porno aus – wir sind davon nicht frei“, sagt Candy Flip. Thema ist auch immer wieder Diversität. Ein diverses Körperbild soll in den neuen Produktionen vermehrt in den Fokus rücken.

Der Langfilm ist für 2018 erstmal das Coreproject, die Herzensangelegenheit. Darüber hinaus soll es einen Sterni-Porno (da lacht mein Leipziger Herz) mit kleiner Liebeserklärung an das Lieblingsbier der Crew und eine Hardcore-Extended-Version von spir@lenas „Tape Loop“ (Tape II) geben – in der Rolle des Subs** kann sie sich ihrer Vorliebe dahingehend mal wieder vor der Kamera austoben, denn „erst wenn die Kamera an ist, bin ich so richtig an“ – da ich den ersten Teil schon anschauen durfte, lasst euch sagen: Stimmt.

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Natürlich wird meow meow auch auf dem Pornfilmfestival dieses Jahr zugegen sein, das sie als wichtigstes Treffen der (alternativen) Pornoszene nennen.

Wer also alternativen Porno genauerer Untersuchung unterziehen möchte – denn auch das muss getan werden – der sollte sich die Filme der Jahre 2015-2017 zur Vorbereitung vornehmen und 2018 alle neuen Erzeugnisse von meow meow anschauen.

Kleine Anekdote zum Ende. Dass Pornoaußendrehs auch zu universellen Weisheiten führen können, beweisen die zwei mir prompt. Ein Outdoor-Dreh in Grunewald (mit der wundervollen Ramona Schacht als Kamerafrau) war im wahrsten Sinne des Wortes hardcore. Hardcore Mückenplage! Das einzige, was irgendwie half? Die Mücken mit verbranntem Kaffeesatz wegräuchern. Bittesehr.

**Submissive (BDSM)
Alle Pronomen verstehen sich natürlich mit *
Auf der Facebook Page von meow meow gibt‘s noch mehr Infos <3

Fotos: Melanie Ziggel <3

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