Der Pate, das Sofa und ich: Männlich und introvertiert

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Ein Text von Hans Pørnflake.

Eigentlich wollte ich heute über Feminismus schreiben, aber ich habe keinen Bock mehr. Ich hasse es, über Feminismus zu schreiben. Genauer gesagt hasse ich es, dass ich heute noch immer über Feminismus schreiben muss, da es dort draußen noch unzählige Idioten und Idiotinnen gibt, die Feminismus mit behaarten Brüsten und Männerhass gleichsetzen. Ich hasse es, dass es da draußen Männer mittleren Alters gibt, die nichts anderes tun, als über das Joch der Unterdrückung durch Frauen zu klagen – wie die kleinen, weinerlichen, überpriviligierten Arschgesichter, die sie nun mal sind.

Ich habe es Mimi bei unserem letzten Treffen bei Kakao und Plunderstückchen gesagt: Beim Thema Feminismus teile ich die Welt nur noch in zwei Gruppen ein: Diejenigen, die Feminismus für notwendig halten, und die Arschlöcher. Deshalb schreibe ich jetzt nicht über Feminismus, sondern darüber, was es bedeutet, ein Introvertierter zu sein, ein Eigenbrödler.

Darüber habe ich nämlich auch mit Mimi geplaudert. Wenn ich durch das Fenster meines Computers in die Welt hinaus blicke, dann sehe ich all die schönen, offenen, fröhlichen Menschen, die um die Welt reisen und überall auf dem Globus Freunde haben. Die samstags Tapas in einem kleinen Café in Barcelona futtern, um nur einen Tag später die Hänge der französischen Alpen hinunter zu brettern. Die nach dem Surftrip an den Atlantik die Städtereise nach L.A. klarmachen und eigentlich nur zu Hause sind, wenn sie mal die Blumen gießen und die Katze füttern müssen und keiner ihrer 75 engsten Freunde Zeit hat.

Introvertiert

Ich glaube, jeder hat mindestens einen dieser Menschen in seinem Bekanntenkreis. Einen, der immer aktiv ist, immer auf Achse, immer in Gesellschaft. Diese Leute sind nie Single, weil sie – so vermute ich – das Alleinsein hassen. Sie sind immer unterwegs, weil ihnen in ihrer Vier-Zimmer-Altbaubutze in Berlin Friedrichshain die Decke auf den Kopf fällt.

Ich habe überhaupt nichts gegen solche Menschen, ganz im Gegenteil. Ich frage mich, ob sie es richtig machen – und ich falsch. Weil ich introvertiert bin. Ich fühle mich seltsam und anders, weil ich keine Lust habe, ständig zu reisen und neue Kulturen kennenzulernen. Ich fühle mich seltsam, weil ich ein gutes Buch einem geselligen Abend in der Bar vorziehe. Ich fühle mich seltsam, weil ich nicht im Traum daran denke, im nächsten Sommer Japanisch zu lernen, um dann in die Ferne hinaus zu fliegen. Ich fühle mich so seltsam, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen. Werde ich es mir vielleicht mit 65 selbst vorwerfen, dass ich nichts von der Welt gesehen und mindestens drei Dutzend Freunde in jedem Kontinent habe?

Dann aber wiederum denke ich daran, wie schön es ist, alleine zu sein. Meinen Tag oder Abend so wunderbar egoistisch perfekt auf mich abgestimmt zu haben. Solche Tage und Abende sind mir wichtig. Und sie bedeuten auch nicht, dass man gänzlich auf Interaktion mit anderen Menschen verzichtet. Nur eben dann nicht, wenn man schon fertig gebürstet mit Joggingpeitsche und Kaffee auf der Couch sitzt, um sich zum 12. Mal „Das Imperium schlägt zurück“ oder „Der Pate I und II“ – bloß nicht Teil III – reinzieht. Muss ich mich schlecht fühlen, weil ich deshalb das allwöchentliche Treffen meiner Freunde in der Bar ihrer Herzen verpasse? Oder die x-te Hochzeit in diesem Jahr? Weil ich introvertiert bin?

Ja, wir Introvertierten fühlen uns oft schlecht. Einerseits, weil wir immer wieder erleben, wie verständnislos die anderen unserer Situation gegenüber stehen. Andererseits, weil wir oft in einem inneren Konflikt stehen und nicht wissen, ob wir uns nicht doch falsch verhalten, wenn wir nicht auf den Jungesellenabschied des Kumpels gehen oder mal wieder den geplanten Discoabend mit der besten Freundin sausen lassen.

Für uns introvertierten Menschen gibt es nichts Schöneres, als ohne schlechtes Gewissen unsere Ruhe zu haben. Daraus schöpfen wir die Kraft, es in unserem täglichen Leben mit dem Stress und dem Lärm der Gesellschaft aufnehmen zu können. Andere ziehen diese Kraft aus Kurztrips nach New York, Rucksacktouren durch Thailand oder Partywochenenden in der Heimat, und beides ist okay. Ich glaube nicht, dass ich mich schlecht fühlen muss, weil ich anders bin. In meinen vier Wänden fühle ich mich am wohlsten.

Das schlechte Gewissen, Freunden abzusagen, wird bleiben, es wird wahrscheinlich nie weggehen, aber ich glaube, damit kann man umgehen. Vor allem, wenn man seinen Freunden ehrlich erklärt, wie man tickt. Wenn es wirkliche Freunde sind, werden sie Verständnis haben.

Schlussendlich hat sich beim Schreiben dieser Zeilen dann doch die Sehnsucht nach der Welt eingestellt. Allerdings besteht diese Welt für mich aus den kleinen Hecken, den engen Gassen und den pittoresken Gärten Südenglands. Mein persönlicher Traumurlaub wäre eine Hütte in den verschneiten Wäldern von Schweden. Oder eben eine kleine Cottage mit englischem Garten in den Hügeln von Devon.

Ich glaub, ich weiß auch schon, wen ich mitnehme: Hey Mimi, Bock, ‘n bisschen gemeinsam alleine zu sein? (Antwort von Mimi: Na logen <3 )

9 Comments

  1. Strandkind

    8. April 2017 at 3:30

    Wie gerne ich ein Stück mehr so wäre. Einfach mit sich alleine glücklich sein und nicht ständig auf der Suche nach einer Ablenkung von sich selbst. Du hast recht mir fällt allein Zuhause die Decke auf den Kopf. Sei happy mit dir :)! Das ist glaube ich das Wichtigste.

  2. Ylene

    1. März 2017 at 23:22

    Ca. 1/3 aller Leute sind introvertiert, wir sind also definitiv nicht alleine! Und älter werden hilft auch sehr, mit gegen 40 bin ich so entspannt und zufrieden mit mir wie noch nie und habe auch nicht mehr das Gefühl, mich irgendwie verstellen zu müssen. Die Anzahl der Dinge und Meinungen, die einem am Arsch vorbei gehen, nimmt mit dem Alter definitiv zu! ;-) Ich habe vielleicht ein paar mal bereut, am WE meinen Arsch nicht in die Berge oder sonst raus bewegt zu haben – verpasste Partys jedoch nie.

  3. Rheintochter Esme

    25. Februar 2017 at 19:34

    Introverts, unite! Also, jede/-r für sich, bei sich zuhause, mit nem schönen Teechen, ne? <3

    Britisch-Skandinavische Intro-Liebe vom Rhein!

    • Mimi

      Mimi

      26. Februar 2017 at 12:21

      Haha, mein Reden, Schatz:) <3

  4. Mieze

    25. Februar 2017 at 10:44

    Danke für diesen Text.

    Ich habe des Öfteren auch ein sehr schlechtes Gewissen, dass ich einen Freitagabend mit mir vorziehe. Dass ich gerne in meiner Wohnung bin und herummuckel.
    Dass ich teilweise nur noch per Internet mit anderen Menschen kommunziere. Und das mir dies reicht. Und dann sind da noch die Menschen, die ich sehr liebe.
    Das sind so fünf, sechs People. Und mit denen unternehme ich dann gerne Dinge. Fahre spontan nach Blankenese und spaziere am Elbstrand lang.
    Mit denen ich nach Malaysia fliege und vier Wochen lang dauerfluche.
    Und das war es.
    Das reicht mir.
    Ich muss doch letztendlich mit mir sein. Und nicht mit tausend anderen Menschen.
    Manchmal kommt da eine Wehmut hoch, die ich jedoch klar artikulieren kann, sodass mir von meinen Freund*innen das Köpfchen zurechtgerückt wird. Indem sie mich in die nächste Bar schleppen und wir einen Snaps trinken. Oder auch einen Pfefferminztee.

    Danke für diesen schönen Text

  5. Raik

    24. Februar 2017 at 21:13

    Ich bin also doch nicht alleine.

  6. JudgeDark

    24. Februar 2017 at 17:05

    Es ist doch toll, dass wir alle anders sind und nicht alle gleich. Wie langweilig wäre das denn?!
    Jeder so wie er mag, jeder so wie er glücklich wird und irgendwie ist es immer richtig … für einen selbst!
    Danke für diese wie immer klaren und eindeutigen Zeilen!

    Btw … wie wäre es mit einem schönen kleinen Häuschen in den Highlands?! ;)

    • Mimi

      Mimi

      24. Februar 2017 at 21:00

      Ick würd da mit Hans sofort einziehen :)

      • JudgeDark

        25. Februar 2017 at 10:14

        Dann würde ich euch die Isle of Lewis oder die Isle of Sky empfehlen! 8)

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