Kann ich aufn Arm? Oder: Männer dürfen schwach sein

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Ein Text von Artie Shaww.

Neulich postete eine Dame via Instagram einen Text, dessen Aussage ich sehr schön fand:

„Wir, die wir erwachsen sind, fühlen uns manchmal einfach nur klein und wollen daher auch mal auf den Arm, wieder Kind sein und nichts machen müssen.

Die Last der Verantwortung für Kind und Kegel, den Job, sowie sich selbst gegenüber kann erdrückend und anstrengend sein. Man wünscht sich zurück in die Zeit, als Mama und Papa die Instanzen waren, denen man vertraute, die einen beschützten und wachsen ließen. Heute jedoch ist man selbst derjenige, der beschützt und beim Wachsen hilft.“

Dennoch stelle sich des Öfteren das Gefühl ein, dass man manchmal nicht mehr kann, letztendlich eine Pause vom Erwachsenwerden, vom Frausein brauche und man sich dafür nicht schämen sollte, denn es sei normal, sich eben auch einmal schwach zu fühlen. Man könne nicht immer stark sein.

An sich eine gute, eine richtige Aussage. Es ist tatsächlich nicht schlimm, wenn das Erwachsenenleben einen niederdrückt und man gerne einfach mal für einen Moment die Verantwortung abgeben könnte. Was mich stutzig werden ließ, war, dass dieser Text explizit von Frauen handelte, die zwar durchaus eine Bohrmaschine bedienen könnten, aber die die auch gerne mal abgäben.

Ich bin weit davon entfernt, diesen Frauen die Bohrmaschine wegzunehmen und diese den Männern in die Hand drücken zu wollen. Sondern ich fragte mich bei dem kleinen Text, ob es Männern nicht genauso geht?

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Als Mann, als Partner, als Vater hat man ebenfalls eine große Verantwortung. Neben dem Job muss MANN sich um den Nachwuchs kümmern, auf dass er diesem ein gutes Vorbild sei. Da taucht die Frage auf: Was macht ein gutes männliches Vorbild aus? Muss es stark, mutig, tapfer sein? Einfühlsam, zärtlich, verschmust?  Wie kann ein Vater darauf reagieren, wenn der eigene Sohn plötzlich vehement eine Prinzessin-Elsa-Kostümierung einfordert und damit das eigene Rollenverständnis arg ins Wanken bringt? Da möchte man doch am liebsten auch kurz aufn Arm …

Weiter: Als Partner sollte der Mann nicht nur verständnisvoll gegenüber der Mutter seiner Kinder agieren, sondern diese auch gleichzeitig als aufregender Sexgott umwerben. Das bedeutet, dass man nach getaner Arbeit vielleicht lieber doch nicht die nächste Folge GoT schaut, sondern sich eher in die Sportklamotte wirft und seinen Körper durch die Landschaft oder in das nächste Sportstudio schleppt. Die Werbung setzt ja auch hier mittlerweile geschickt an und wirft Männerprodukte zuhauf auf den Markt, die einen strahlenden Teint, dichteres Haar und zartere Haut versprechen. Der Bart muss gepflegt, aber dennoch wild sein, die Fältchen da, aber nicht zu tief, der Körper muskulös, aber nicht zu eisenhart. Es geht nicht nur darum, dass der Mann seinen Körper zu optimieren hat, sondern auch in verschiedene Rollen schlüpfen soll, die ihm vielleicht gar nicht liegen.

Stellen wir uns Folgendes vor: Es ist Donnerstagabend, der Großteil der Woche ist geschafft, es war ein langer, harter Arbeitstag. Schon am Nachmittag im Meeting hat man sich überlegt, was man sich nachher zu Hause Gutes tun könnte. Der Teamleiter erzählte unterdessen etwas von Statistiken, deren Sinn sich einem nicht gleich erschloss, und man tauchte ab. Abtauchen. Genau. Baden. Ein schönes angenehmes Bad.

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Die ganze schlimme Nachhausefahrt im öffentlichen Personennahverkehr verbrachte man mit freudigen Gedanken an das wohlige Gefühl, das einen umfängt, sobald man sich in das warme Wasser gleiten lässt. Vielleicht noch ein Glas Wein? Gute Musik.

Zuhause angekommen, begrüßt man Schatzi, lässt sich kurz bedauern, weil der Tag so anstrengend war und verkündet, dass man nun baden ginge. Man geht ins Bad, schlägt den Duschvorhang zurück und fängt haltlos an zu kreischen, weil man die größter Spinne aller Zeiten entdeckt hat. Rückwärts legt man einen Salto Mortale inklusive abgerissenem Duschvorhang hin, während das Ungeheuer mit seinen Millionen haarigen Beinen wild um sich selber kreiselt. Panisch schreit man weiter, bis endlich Schatzi kommt, heldenhaft das Riesenviech mittels Marmeladenglas und Papier in die Natur jenseits der Balkontür befördert.

Schatzi ist die Frau. Arachnophobiker ist der Mann. Sicherlich mögen jetzt einige unter euch sagen: „Jahaaa, da kenn ich jemanden, der ist voll und ganz genauso!“

Klar, aber sind solche Fälle doch eher die Ausnahmen. Meist ist es doch so, dass der Mann die Elefantenspinne entfernen muss. Egal, ob es ihn nun gruselt oder nicht. Er muss. Denn er ist ja der Mann. Der Beschützer der Frau und seiner Familie.

Vielleicht möchte er sich in Momenten wie diesem hinter den Beinen seiner Mama verstecken, die ihm erklärt, dass die Spinne nur Durst hatte, etwas vom Wasserhahn trinken wollte, jetzt aber aufgrund der glatten Wannenoberfläche nicht mehr allein herausfindet.

Vielleicht möchte auch ein Mann ab und zu einfach wieder klein sein. Den Wind in den Haaren spüren, wenn er rennt, einfach, weil das Gefühl so toll ist. Nicht, weil seine Beine muskulöser werden müssen.

Ich glaube, dass auch Männer zwischenzeitlich den Wunsch verspüren, alles hinschmeißen zu wollen, einfach mal kurz zu heulen – um dann weiterzumachen. Als Vater, Ehemann, Partner und Arbeiter.

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Dieser Wunsch danach, klein zu sein, dieses Sehnen nach einer behüteten Kindheit, nach jemandem, der auf uns aufpasst und uns die Last des Alltags abnimmt, das eint uns als Menschen. Da sollten wir dem einen Geschlecht nicht mehr zutrauen als dem anderen.

Wenn wir hier ein weiteres Fass der Geschlechterunterschiede aufmachen, empfände ich das als verrückt. Nicht nur Frauen können ihre Tränen herunterschlucken, aufstehen und weitermachen. Das können Männer ganz genauso. Daher fordere ich euch auf, dass wir solche Texte nicht nur für Frauen schreiben, sondern auch die Männer miteinbeziehen.

Wir sind alle toll und bewunderswert, wenn wir uns den alltäglichen Widrigkeiten stellen, sie meistern, unsere Kinder erziehen, uns im Haushalt und Job abrackern, das Beste geben. Und es ist nichts Schlimmes, wenn sich sowohl Männer als auch Frauen nach einem Moment des Innehaltens, des Kindseins sehnen, nach einer Rückkehr in die Zeit, als Twix noch Raider hieß, der Gameboy mega war und die Postleitzahlen vierstellig. In der Mama uns ins Bett brachte und Papa uns eine Geschichte vorlas. Oder andersherum.

Es geht um das Gefühl, Verantwortung abgeben zu dürfen. In diesem Gefühl sind wir Menschen, uns trennt nichts.

Nachtrag: ich weiß, dass nicht alle Leser*innen eine glückliche Kindheit hatten, mir ging es auch eher um das Gefühl, dass man Verantwortung auch gerne mal abgeben und in den Arm genommen werden möchte.

Model: Davy Jones
Fotos: Melanie Ziggel

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