Liebeskummer XY ungelöst: Warum hast du Schluss gemacht?

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Ein Text von Barney Borderless.

Es gibt Momente und Abschnitte in deinem Leben, die du nie vergessen wirst, und das weißt du bereits in dem Augenblick, in dem sie geboren werden, in dem sie entstehen. Klar, du erlebst auch Dinge, die nicht lange währen, aber dennoch für den Moment kleine Perlen sind: Ein flüchtiges Lächeln, ein Kuss im Club, eine Nacht voller Begehren und Lust, Gefühle, die den nächsten Tag nicht überstehen werden. Du kennst das, und du nennst es „Leben“, und du hast Recht damit. Intensität lässt Blut pulsieren und Haut glühen, nicht die Stechuhr in der Firma. Doch dann sind da noch die Erfahrungen, die ebenfalls Leben sind, dir aber zeigen, dass Existenz auch Schmerz bedeutet – tiefes Leiden, gerade so, wie ein stählerner Gurt um deine Brust, der dein Lungenvolumen spielend halbiert und jeden Herzschlag zum revertierten Punch in die Seele werden lässt.

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Es ist jetzt einige Jahre her, um genau zu sagen fünf lange Jahre, als sich etwas zutrug, das mich für immer veränderte. Als es passierte, wusste ich genau, dass es ultimativ sein würde, irreversibel, brutal, schonungslos.

Nach einigen Monaten Beziehung hatte sie Schluss gemacht, aus dem Nichts heraus, ohne jede Vorwarnung, ohne sichtbaren Anlass, einfach so. „Sie“ war nicht irgendeine Eroberung, kein Späßchen für zwischendurch, sie war die Eine. Das wusste ich von der ersten Begegnung an, genau so sicher wie die Tatsache, dass die Zugspitze eben nicht auf dem Roten Platz steht. Wenn wir ausgingen, strahlten wir, als stünde die Sonne mitten auf der Kreuzung. Wenn wir uns küssten, lag Stille um uns, die alles übertönte. Wenn wir Liebe machten, waren wir eins. Ich hatte nicht den geringsten Anlass, daran zu zweifeln, dass hier die Kernfusion stattfand, ein Energiefeuerwerk, ein Lieben um des Liebens und um unserer willen, wie es fast nicht real sein konnte.

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An dem Tag, an dem Schluss gemacht, an dem das Ende nicht verkündet wurde, sondern einfach erreicht war wie der Prellbock, auf den der Zug ungebremst aufschlägt, war ich des Atmens nicht mehr fähig. Es war ein Gefühl wie Jahre zuvor, als man als Kind übermütig über den gefrorenen Schulhof geschlittert war, auf den Rücken knallte und quälend lange Minuten nach Luft rang. Nur, dass das Um-Luft-Ringen diesmal Wochen dauerte. Nachdem sie Schluss gemacht hatte, ernährte ich mich wochenlang ausschließlich von Kaffee und Zigaretten, schlief allenfalls in Halbstundenintervallen, nur dann, wenn der Körper nicht mehr mitmachte, und der Weg zur Arbeit, obschon diese einfach auf der anderen Straßenseite lag, geriet zum Marsch durch die Antarktis. Innerhalb von 14 Tagen waren zwölf Kilo meines Körpergewichtes schlicht verdampft, meinen Job durchstand ich nur in einem deliriumartigen Zustand. Alles verkam zu Bildern, wie sie selbst einen David Lynch hätten staunen lassen. Über Monate ging das so, bis, ausgerechnet an meinem Geburtstag, mein Chef mich zuerst ins Büro zitierte und dann heim schickte. „Hör zu, alter Heckenpenner, so kenne ich dich nicht. Das bist nicht du. Du gehst jetzt zum Arzt. Und du kommst erst wieder, wenn du wieder gerade bist und blöde Sprüche reißt.“ Keine Frage übrigens, dass ich diesen Chef niemals gegen einen anderen eintauschen wollte.

Ich weiß bis heute nicht wirklich, warum sie damals Schluss gemacht hat, die Reißleine zog, denn sie war ja glücklich. So hatte sie mir gesagt. Nicht den Weggang an sich nehme ich ihr übel, sondern wie sie ging und dass sie mir nie sagte, warum sie sich so entschieden hat. Sich auszusprechen hätte sie sicher nicht umgestimmt, aber ich hätte vielleicht erfahren, ob und an welcher Stelle ich einen Fehler gemacht hatte, ob es etwas gab, das ich hätte ändern müssen. Alle Fragen werden Fragen bleiben und niemals auf Antworten treffen, und so bleiben Narben, die immer wieder schmerzen werden.

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Unterdessen habe ich gelernt. Heute weiß ich genau, dass niemand zur Komplettierung seines Daseins einen anderen Menschen braucht. Jeder und jede ist allein komplett, die „zweite Hälfte“ gibt es nicht und darf es auch nicht geben. Man/frau darf sich von niemandem abhängig machen. Außerdem: Wer gehen will, geht. Und es gibt ein Recht darauf, auch wenn der, der zurückbleibt, sich fühlt, als hätte ein Feuersturm sein Innerstes ausgelöscht. Man kann niemanden an sich binden.

Ich bin dankbar, die paar Monate mit ihr erlebt zu haben, denn sie sind und bleiben einzigartig und unkaufbar. Es wird niemals etwas Vergleichbares geben. So bin ich heute mit mir versöhnt, suche nicht mehr krampfhaft nach „der Einen“, weil ich genau weiß: Es ist schön, sein Leben mit jemandem zu teilen. Aber es ist nicht Grundvoraussetzung, um glücklich zu sein. Du bist. Das genügt.

Fotos: breakingdoe.blogspot.de <3

3 Comments

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  2. JudgeDark

    20. Oktober 2016 at 18:11

    Bei mir war es nicht aus heiterem Himmel, aber es tat weh … darum kann ich mir in etwa ausmalen, wie es Dir gegangen sein muss, wobei ich die wirkliche Tragweite nicht erfassen kann.
    Ja, die Schlussfolgerung kann man unterschreiben … ich kenne aber auch Menschen, die erst mit einem bestimmten Partner so richtig aus sich herausgekommen sind und erst so richtig glücklich wurden. Ich will das nicht als Schwäche abtun, denn jeder Mensch ist anders und soll so sein Glück finden, wie es ihr oder ihm beliebt.
    Über die Gründe es plötzlichen Endes macht man sich sicher Gedanken … aber es ist irgendwie mit der Zeit müßig und nicht zielführend. Es ist unfair einfach zu gehen und den anderen ohne Erklärung stehen zu lassen, eben weil man sich darüber den Kopf zerbricht. Wenn es aber so passiert, dann muss man irgendwann einen Schlußstrich ziehen, um sich nicht selber kaputt zu machen, und das ist dir ja gelungen.

  3. Rheintochter Esme

    20. Oktober 2016 at 13:03

    Eine Schlussfolgerung, der ich mich vollen Herzens anschliessen möchte!

    Was das Schweigen betrifft, fallen mir 2 mögliche Erklärungen ein. (1) Es gibt Menschen, deren eigene Wahrnehmung so festgefahren ist, dass sie für alles „Abweichende“ taub sind. Menschen, die sich niemals auf die Sichtweise Anderer einlassen wollen oder können. Mit solchen Leuten hat eine Aussprache wenig Sinn, da die eigenen Argumente ohnehin nur abgewiesen werden. Nein, ich zähle Dich gewiss nicht zu jenen. Aber ich kenne solche Menschen.
    (2) Vielleicht wusste sie selbst nicht, was ihr fehlte. Solche Unsicherheit kann enorm hemmen, so dass man lieber gar nichts sagt. Heisst, Du musst nichtmal was „falsch“ gemacht haben. Auch solche Menschen gibt’s. Das ist traurig und schade, aber leider irgendwie auch nicht zu ändern, fürchte ich. Jedenfalls nicht von aussen.

    Liebe vom Rhein <3

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