Lieben bis aufs Blut oder: Ist Selbstaufgabe romantisch?

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Ein Text von Tori Ford.

Liebe bis zur völligen Selbstaufgabe – kennst du das? Du richtest deinen Terminkalender nur noch nach ihm oder ihr. Du begleitest ihn oder sie auf  Events, die dich nicht interessieren, die du zum Teil ohne rosarote Brille zum Kotzen fändest. Aber das ist dir egal, denn alles, was du willst, ist, mit deinem Herzmenschen zusammen zu sein. Überhaupt ist dieser Mensch alles, was in deinem Leben noch zählt.

Die einen sagen, das sind Kompromisse, die man für die Liebe gern eingeht. Ich sage: Schätzchen, pass auf, bevor du dich noch mehr verbiegst als Artisten in ‘nem chinesischen Zirkus. Klar könnte man so eine alles verzehrende Liebe und die darauf folgende Selbstaufgabe als total romantisch auslegen. Dabei ist sie krank. Denn alles, was sie verzehrt, ist dich.

Selbstaufgabe 2

Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich bin eine selbstbewusste Frau, die im Leben steht und ihren eigenen Kopf hat. Seit ich 14 war, bin auf der Suche nach Mr. Right. Ich habe meine Freundinnen nie verstanden, wenn sie sagten: „Du spürst es, wenn der Richtige vor dir steht.“ Okay, da war der ein oder andere potenzielle Mr. Maybe Right, aber aus großen Gefühlsstürmen wurden schnell laue Lüftchen. Bis ich IHN kennenlernte.

Das war kein Sturm, das war ein Orkan, der mir den Boden unter den Füßen wegzog. Eine Liebe, für die ich alles gab, zu viel verzieh und doch nicht vergessen konnte. Streiten bis aufs Blut, lieben bis aufs Blut. Ich sagte Job-Termine ab, wenn er mich sehen wollte. Er hasste lackierte Nägel, also kam der Lack ab. Die Haare durften bloß nicht zu kurz sein, das gefiel ihm nicht – ich ließ es mir gefallen. Cool, dachte ich manchmal, ich bin also eine von denen geworden, die ich sonst so verachtet habe. Im Gegenzug bekam ich so viel Liebe und Aufmerksamkeit wie noch nie zuvor, der Versöhnungssex war wie ein Gewitter, das die Luft klärte. Es war, als würde ich immer wieder gegen ihn in den Krieg ziehen. Andererseits machte es mich unglaublich an, dass er einer der wenigen Männer in meinem Leben war, die mir die Stirn boten. Es war meine ganz eigene Form von Masochismus. Ich war der Meinung, noch nie jemanden so geliebt zu haben. Habe trotzdem mehr geweint als in jeder Beziehung zuvor.

Wir waren gierig nacheinander.

Selbstaufgabe 3

Die Enttäuschungen häuften sich, ich wurde immer abhängiger. Sagte Verabredungen mit Freunden ab, nur, weil er kurzfristig doch Zeit hatte. Bis ich mich irgendwann fragte, ob mir das alles überhaupt noch gut tat. Wann hatte ich aufgehört, ich zu sein? Wer war ich eigentlich nochmal?

Als ich mir diese Frage stellte, waren schon zwei Jahre ins Land gegangen. Die Streitereien wurden nicht weniger, die Enttäuschungen ebenfalls nicht. Die Liebe begann zu bröckeln, ich stumpfte mehr und mehr ab. Plötzlich die Wendung im dritten Akt.

Aus beruflichen Gründen waren wir gezwungen, eine Fernbeziehung zu führen, sahen uns teilweise wochenlang nicht. Und so hart es für mich anfangs auch war, war es doch das Beste, was mir passieren konnte. Durch die Distanz fand ich mich wieder, unternahm endlich wieder die Sachen, auf die ICH Lust hatte. Ich ordnete mich nicht mehr unter, traf meine Freunde. Dabei fiel mir auf, dass er mir nicht wirklich fehlte. Weil ich mich wieder gefunden habe. Diese Erkenntnis war fast therapeutisch für mich, da ich immer gedacht hatte, ich könnte nicht alleine sein. Aber auf einmal stellte ich fest, dass ich mir selbst absolut genug war. Ich konnte atmen, tanzen, lachen.

Heute weiß ich: Das alles konnte nur passieren, weil ich mich noch nicht gefunden hatte, mich selbst noch nicht genug liebte, mir selbst nicht vertraute. Je geringer mein Selbstwertgefühl, desto größer waren meine Erwartungen an unsere Liebe, umso verletzlicher machte ich mich, umso verführerischer der Gedanke an eine Liebe bis zur Selbstaufgabe. Ich war zum Schatten meines Partners geworden und er zu meinem.

Selbstaufgabe

Inzwischen sind Jahre vergangen, und ich habe viel gelernt.

Aus einem ICH sollte nicht zwangsläufig ein WIR werden. Aus Liebe keine Selbstaufgabe. Wir sind Individuen mit eigenen Vorlieben, Passionen und Eigenarten, warum sollten wir da mit einem anderen Menschen verschmelzen und all das aufgeben? Außerdem ist es so viel sexier, sein eigenes Ding zu machen, eigene Ziele zu verfolgen. Oder willst du, dass sich dein Partner völlig für dich aufgibt?

Die Suche nach Mr. Right habe ich im Übrigen vorerst aufgegeben. Denn ich glaube, viele Menschen können – ein bisschen mehr oder weniger – „right“ für mich sein. Hauptsache, ich habe eine gute Zeit. Immerhin bin ich für mich very right.

Fotos: Vincent Grätsch
Model: Vic Voltage

4 Comments

  1. Rudi

    26. Februar 2017 at 15:43

    Lieben bis zu Selbstaufgabe, das kann schon mal passieren. Es kann einem einen grossen Schmerz bereiten. Ich hatte mich auch schon mal für die Liebe beinahe aufgegeben. Immer war ich für sie da, habe sie abgöttisch geliebt, habe mich ständig an sie angepasst. Freunde und Bekannte wurden ignoriert. Dadurch habe ich beinahe mein persönliches „ich“ verloren. Da war die ominöse Geschäftsparty, anfänglich wollte ich nicht hin. Da hat sie mir, eiskalt wie sie war, ihren neuen Lover vorgestellt und mir bekannt gegeben, dass sie mit ihm seit vier Nächten das Bett teilt. Das war für mich eine eiskalte Dusche, die ich nie vergessen werde. Ist das die neue Umgangssprache wie man eine Beziehung beendet oder war ich einfach blind vor Liebe?
    Es sind inzwischen schon mehrere Jahre ins Land gezogen. Diese Frau hat diese Methode nun öfters angewendet. Sie hat es verstanden die Partner so um die Finger zu wickeln bis sie sich selbst aufgegeben haben. Danach liess sie den „alten“ Partner abservieren. Inzwischen ist sie auch wieder Single… sie wird es hoffentlich auch bleiben.

    Liebe Mimi, die aktuellste Ausgabe des Tätowier-Magazins habe ich von hinten begonnen zu lesen, so dass ich deinen Beitrag zu „Sind Tätowierte besser im Bett“, las. Ein sehr interessanter Beitrag von dir. Tätowierte sind bestimmt nicht besser im Bett als Reinhäutige. Sie sind bestimmt interessanter und spannender. Der Mensch liebt nun mal Abwechslungen. Dass ein Tattoo bei einer Frau, besser; einer so schönen Frau wie bei dir, in der Männerwelt, ob reinhäutig oder tätowiert, ein gewisses Interesse weckt, ist normal. Da ich selber auch sehr stark tätowiert bin und ich immer noch unter weiterer Sammelsucht „leide“, interessieren mich auch viele tätowierte Menschen, vorab nun mal bunte Frauen. Hinschauen tue ich bestimmt, aber ich hatte noch nie erste Gedanken gehabt, diejenige möglichst schnell in die Kiste zu kriegen. So bin ich nun mal nicht. Ich stelle mir manchmal höchstens vor, wie das ein schönes Bild ergeben würde von einem sich liebenden Paar, beide von Kopf bis Fuss tätowiert. Wenn man selber einer dieser Personen wäre, wäre es bestimmt noch viel schöner.
    Ob wir gut oder scheisse im Bett sind, ist doch eigentlich völlig egal, Hauptsache ist, wir lieben und respektieren uns, ob anschattiert oder reinhäutig. Irgendwann ist bei jedem Menschen der „Pfupf“ raus, aber kuscheln kann man immer…

    Viele liebe anschattierte Grüsse
    Dein Rudi

  2. JudgeDark

    11. Februar 2017 at 12:49

    Sehr schöner Text … den würde ich gerne so manchem Menschen ans Herz legen.
    Ich kenne es insbesondere aus der Twen-Zeit (man ist das lange her), da waren so viele meiner Kumpels sowas von nur noch auf Freundin, es gab nichts anderes mehr. Hab ich nie verstanden, damals nicht und heute noch viel weniger.
    Klar, man möchte Zeit mit seinem Partner verbringen, aber dabei sollte man seine Freunde und vor allem nicht sich selbst vergessen. Mit wem rede ich denn, wenn ich z. B. ein Problem mit dem Partner habe? Doch wohl nicht zwangsläufig mit dem Partner, wenn ich vielleicht mal ne andere Meinung hören will. Dafür sind doch beste Freunde und Freundinnen da. Und das ist nur ein kleiner Aspekt bei der ganzen Sache.
    Liebe ja, aber man sollte sich dabei nicht selbst verlieren. Man braucht auch Freiräume und muss seine Sachen machen! Und das muss man seinem Gegenüber auch zugestehen … trägt zum Glück beider bei.

    Darum ein ganz starker Text … vielen Dank dafür!

  3. Rheintochter Esme

    10. Februar 2017 at 21:57

    Wow, dieser Text jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Teilweise finde ich mich darin wieder, auch wenn alles bei mir eine andere Richtung einschlug und folglich ein anderes „Ende“ genommen hat. Nichtsdestotrotz finde ich mich definitiv in der „Aha, guck‘ mal an, ich bin ein eigenstädniger Mensch“-Erkenntnis wieder, was die wertvollste Erkenntnis überhaupt war.
    Liebe ist was wundervolles, und Selbstliebe etwas ganz wichtiges.
    <3

  4. Der Ulli

    10. Februar 2017 at 20:37

    Oh ich glaube da sprichst du vielen Jungs und Mädchen aus der Seele….

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