Did you forget to take your meds? Oder: Kann Liebe heilen?

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Ein Text von Virginia Heart.

Ich bin süchtig nach einfachen, vorhersehbaren Handlungen. Obwohl ich es skeptisch und mit Abstand betrachte, genieße ich das Hollywood-Märchen-Ideal einer romantischen Beziehung, die nur oberflächliche Störfaktoren umschiffen muss, um dann – klick – in einem Feuerwerk der ewigen Liebe zu münden. Wer möchte sich nicht kurz in einer solchen Traumvorstellung verlieren?

Prinzipiell ist diese kurze Realitätsflucht, mit gesundem Augenmaß betrachtet, vermutlich auch ungefährlich. In unserer westlichen Kultur grassiert allerdings eine Obsession um romantische Liebe, die einer durchaus gefährlichen Subkategorie der Verblendung den Weg ebnet: Eine psychische Erkrankung einfach weglieben. Oder anders: Wenn ich einen Menschen nur genug liebe, kann ich ihn retten, heilen, befreien. Von allem. Auch von den Dämonen in seinem Kopf, von Depressionen, dem Borderline Syndrom, Angstzuständen.

Wenn nur die richtige Person gefunden wird, glauben wir, verschwindet die psychische Erkrankung schon. Man muss nur tief genug lieben. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der 2012 erschienene Film „Silver Linings Playbook”. Der Plot ist eine klassische Boy-Meets-Girl Geschichte, abgesehen davon, dass sich sowohl Boy (Bradley Cooper) als auch Girl (Jennifer „Mein privilegierter Arsch respektiert keine Kultur“ Lawrence) aufgrund psychischer Probleme in Behandlung befinden. Diese psychischen Probleme werden abgesehen von platten Witzen kaum weiter ergründet und verlieren mit wachsender romantischer Spannung an Einfluss und Bedeutung.

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Ein weiterer Baustein auf unserem Turm der lächerlich hohen Erwartungen an die Menschen, mit denen wir unser Leben teilen. Zu Beginn einer Beziehung mag diese Dynamik funktionieren. Wenn nicht alle Symptome verschwinden, so ist man doch voll motiviert, jedes noch so kleine Aufflackern mit viel Liebe, Geduld und Sorgfalt wegzudiskutieren.

Je nach Krankheitsbild der Partnerin oder des Partners kann dieser Einsatz dazu führen, dass eigene Bedürfnisse vernachlässigt werden und früher oder später schlicht die Energie fehlt, um auf einem gleichbleibenden Level Zeit und emotionalen Aufwand zu investieren. Der an einer psychischen Erkrankung leidende Part fühlt sich vernachlässigt, der ermüdete Helfer fühlt sich schuldig, was wiederum emotionalen Stress mit sich bringt. Hier entsteht eine Spirale, deren Windungen enger und extremer werden, was oft zum Verfall der Beziehung führt.

Das Setzen zwischenmenschlicher Grenzen ist von fundamentaler Bedeutung, in jeder Beziehung und insbesondere im Umgang mit (psychischen) Krankheiten. Professionelle Hilfe ist durch keine Form privaten, emotionalen Investments ersetzbar, da selbst mit professionellem Beistand die andauernde Belastung zu groß ist. Emotionaler Abrieb, möglicherweise bis hin zu Co-Abhängigkeit, ist die Folge. Teilweise entwickeln beide PartnerInnen neue Symptome aufgrund ihres Umgangs mit der Krankheit und einander. Menschen, die sich um erkrankte PartnerInnen kümmern, weisen zum Teil Burnout Symptome vergleichbar mit denen des Pflegespersonals psychatrischer Krankenhäuser auf.

Ich bin selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen. Mir ist bewusst, wie destruktiv oder produktiv der Verlauf einer Beziehung und mein eigener Zustand sich wechselwirksam beeinflussen können. Umso wichtiger ist es, die Ursache der eigenen oder gemeinsamen Probleme möglichst klar erkennen zu lernen. Sonst läuft man Gefahr, zu viel Verantwortung abzugeben oder aber zu übernehmen. Dazu zählt, den Therapieplan und die Medikation nur auf eigenen Bedarf hin zu modifizieren.

Wie oft habe ich in vergangenen Beziehungen gehört „Dir geht es so gut, wir sind so glücklich… das brauchst du doch alles gar nicht mehr!“ Doch! Dass es mir so gut geht, zeigt, dass Medikation und die kognitive Verhaltenstherapie anschlagen!

Es ist bekannt, dass eine gut verlaufende Beziehung die Resilienz gegen Rückfälle oder Ersterkrankungen stärkt. Bei einer bereits existierenden Erkrankung oder Diagnose ist ein möglichst offener Umgang förderlich. Laut einer Studie der britischen Organisation Mind besprechen 74 Prozent aller Betroffenen regelmäßig ihre psychische Erkrankung in der Beziehung, 60 Prozent sind der Meinung, dass es die Beziehung leichter gestaltet. 60 Prozent sind außerdem der Meinung, dass ihre Beziehung ihrem Gesundheitszustand zuträglich ist.

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Doch eine Beziehung kann, unter welchen Vorraussetzungen auch immer, nicht bestehen, wenn unrealistische Erwartungen einen Keil zwischen die Involvierten treiben. Die eigene Gesundheit liegt im eigenen Verantwortungsbereich und sollte bei Bedarf, natürlich bestenfalls mit Unterstützung des Partners oder der Partnerin, von professioneller Seite untersucht und therapiert werden. So kann die Beziehung – ohne Überlastung und überhöhte Anforderungen – weiterhin Rückhalt und Stärke bieten.

Was ich sagen will: Ihr könnt niemanden mit einer psychischen Erkrankung durch Liebe heilen. Ihr könnt nicht allein durch Liebe geheilt werden. Professionelle Hilfe ist unerlässlich, für den Erkrankten in erster Linie. Bei zu großer Belastung vielleicht auch für den Partner. Schämt euch nicht dafür, ihr könnt dieses Gewicht nicht alleine auf euren Schultern tragen. Hilfe und Rat findet ihr zum Beispiel beim Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK), hier geht es zur Website des BApK. Passt auf euch auf.

Fotos: Sarahlikesprettygirls

3 Comments

  1. Virtual Private Server

    24. März 2017 at 21:31

    Baby-did-you-forget-to-take-your-meds-baby-did-you-forget-to-take-your-meds-baby-did-you-forget-to-take-your-meds-baby-did-you-forget-to-take-your-meds Baby. You feel lost, desperate and you don’t know what you’re thinking anymore, what you’re really feeling.

  2. Rheintochter Esme

    27. Januar 2017 at 23:18

    Wahre und wichtige Worte – die ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Auch, wenn sie sich anfangs so anfühlt, ist Liebe allein KEINE Magie, die psychische Erkrankungen einfach „wegzaubern“ kann. Und irgendwie wäre es auch beängstigend, wenn dem so wäre, je länger ich darüber nachdenke…

    Unmagische, aber dennoch hundertpro echte
    Liebe vom Rhein! <3

  3. JudgeDark

    27. Januar 2017 at 17:15

    Danke Virginia für den tiefgründigen Text und großen Respekt dafür, dass du offen von deiner Erkrankung sprichst … unterstreicht die Aussage deines Textes in meinen Augen, denn aus der Sicht eines „Betroffenen“ bekommt die Darstellung viel mehr Gewicht!

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