But first – lemme take a Selfie!

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Text von Virginia Heart

„Ich erzähl euch gleich, warum ihr dämlich seid, but first, let me take a Selfie!

Ich saß neulich im Bus, weil jemand beschlossen hatte, mein Fahrrad gehöre jetzt ihm (trotz Schloss und Unigarage) und war entsprechend gut gelaunt. Wie um meine Laune noch weiter zu heben, begannen die beiden Mittzwanziger-Möchtegern-Intellektuellen vor mir, beide ungefähr so charismatisch wie ungetoastetes Weißbrot, über die Mädels herzuziehen, die ein paar Reihen weiter vorn Selfies knipsten. „Wie lächerlich“ „Wie oberflächlich und dumm“, „Die stehen sicher auch auf Kim Kardashian und haben noch nie ein Buch gelesen.“ Ich räusperte mich und hob die Brauen.

„Wasn, du machst das sicher auch den ganzen Tag lang“, ranzte der Dudebro, und ich büßte meine verbliebene Gelassenheit ein. „Ja, es gibt Tage, da mache ich nichts anderes“, antwortete ich. „Das magst du jetzt belächeln, aber viel interessanter ist doch, dass ihr beiden Idioten euch das Maul über ein paar Mädchen zerreißt, die höchstens vierzehn sein können. Wie Scheiße muss euer Leben sein?“ Genau so meinte ich es.

Woher kommt diese Abneigung, dieses kollektive verbale Lynchen derer, die sich gern auf Fotos sehen? Hat die Welt keine anderen Probleme? Sind Leute, die sich wohl in ihrer Haut fühlen, für euch tatsächlich so bedrohlich?

Selfie 3

Ein Selfie tut niemandem weh. Schlägereien, Morde, Vergewaltigungen schon. Dennoch ist der mediale Fokus zuweilen gleichmäßig auf all diese Themen verteilt, die Reaktionen auf Selfie-bashende Artikel leidenschaftlich zustimmender als die auf Artikel gegen Victim blaming. Dabei spricht so viel pro Selfie! Zum einen die offensichtlichen Gründe, solche, die selbst den Busopfern bekannt sein sollten. Ein paar Promis haben es sich zur Aufgabe gemacht, authentische, unbearbeitete Fotos ihrer selbst online zu stellen, um den Wahn um unrealistische Beautystandards zu brechen. Da sieht man Lorde mit Augenringen und Cameron Diaz ohne Schminke. Gut. Danke!

Ein Selfie gibt dem, der es festhält, außerdem die Möglichkeit der kompletten Kontrolle darüber, wie er gesehen wird. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich freue mich über jeden Aspekt meines Lebens, den ich irgendwie im Griff habe, und sollte es nur dieser sein, dann her damit!

Gerade junge Mädchen haben oft das Gefühl, in einem Strudel aus Medienrepräsentation und sozialen Erwartungen unterzugehen. Sollte ein Selfie, auf das sie online ein paar nette Rückmeldungen bekommen, und das ihnen erlaubt, sich so zu sehen, wie sie sich sehen wollen, emotionalen Balsam bieten, dann lasst sie es haben. Verdammt nochmal.

Selfie 2

Instagram, Tumblr und Facebook agieren zwar auf der Basis bestimmter Richtlinen (über die Nippeldebatte könnte ich zwei eigene hasserfüllte Artikel schreiben), doch sie werden nicht von Wachhunden der Medienagenturen bewacht, die dafür sorgen, dass alles, was durchgeht, nur hetero, weiß, skinny und fit ist. Ein Selfie gibt uns die Möglichkeit, Schönheit abseits dieses ausgetretenen Pfades zu finden und zu bieten. Weiterhin bricht es mit der Überzeugung, man bräuchte einen Grund, um sich sehen zu lassen, um gesehen zu werden. Dabei ist es völlig genug, zu existieren. „Du bist da, und ich bin stolz auf dich“, sollte ein Leitsatz sein. Denn so oft denke ich genau das, wenn ich durch die Selfies meiner Freunde scrolle. Das Gegenteil ist natürlich auch der Fall. Ist jemand stolz darauf, was er oder sie – oder welches Pronomen bevorzugt wird, gerade tut, dann ist diese Person dazu berechtigt, das ganze Internet zum Zelebrieren einzuladen.

Es geht darum, den eigenen Platz in der Welt anzunehmen. Sich gut zu fühlen und das allen zu zeigen. Und wenn ich nochmal über all das lese, dann finde ich, dass Selfies eine der schönsten Erscheinungen unserer Zeit sind, und ich möchte den Mädels dieses schicke Selfie Licht kaufen, das ich letztens auf Instagram gesehen habe. Habt euch lieb, und seid nett zu allen, die versuchen, sich auch lieb zu haben.

Die Selfies in diesem Post zeigen nicht Autorin Virginia Heart, sondern Tattoomodel Nasti van der Weyden <3 Ergo – Fotos: Privat/Nasti van der Weyden

4 Comments

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  3. Rheintochter Esme

    20. August 2016 at 14:09

    Yes, yes, a thousand times yes! Mehr habe ich diesem wunderbaren Text nicht hinzuzufügen.

    Liebe avec amour vom Rhein! <3

  4. JudgeDark

    17. August 2016 at 18:09

    1. Der gemeine Fahrraddieb gehört ausgepeitscht … wobei, nur wenn es ihm keine Freude bereitet (man kann ja nie wissen, gelle). ;)
    2. Ich bin generell kein Selfie-Freund, aber es heißt leben und leben lassen; wer damit Spaß hat, der möge sich dabei nicht stören lassen.
    3. Lästerei in allen Ehren, aber als nahezu Erwachsener (ich glaube bei den beiden im Text kann man das durchaus in Frage stellen) über Teens zu lästern, da bin ich ganz bei dir, genau der richtige Kommentar zur richtigen Zeit an die richtigen Leute!
    Hätte gerne ein Foto der beiden gesehen, wie sie auf die Aussage reagiert haben! ;)

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