Leonie by Ika Fan: Manchmal bleiben Narben

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Ein Interview von Mimi Erhardt.

Ich folge Leonie schon eine Weile und bin seit Anbeginn von ihr fasziniert. Leonie, so mein Eindruck, ist eine junge Frau, die sich ihren Platz im Leben erkämpfen musste und noch lange nicht damit fertig ist. Eine Essstörung, Depressionen und so viele Emotionen, dass es sie manchmal zu überfordern scheint. Aber dieser schöne Mensch stellt sich den Dämonen, die ihr immer wieder ein Beinchen stellen wollen. Umso froher war ich, als Leonie auf meine Frage, ob sie sich nicht mal für Mimi&Käthe fotografieren lassen möchte, mit Ja antwortete. Fotografin Ika Fan hat fotografiert, ich habe Leonie ein paar Fragen gestellt.

Mimi: Ich beobachte dich ja schon eine Weile über Instagram und muss sagen, dass du in dieser Zeit einen extremen Wandel vollzogen hast. Als ich auf deinen Feed gestoßen bin, warst du magersüchtig und betontest immer wieder, du seist nicht in recovery. Inzwischen hast du eine Therapie gemacht, und ich habe das Gefühl, du bist auf einem guten Weg. Wie siehst du das?

Leonie: Ich sehe das ganz genau so. Besonders was die Magersucht angeht, habe ich das Gefühl, wirklich kein Problem mehr zu haben. Wenn ich doch mal nicht esse, liegt das eher an Depressionen und schon lange nicht mehr am Hintergedanken „Ich muss dünner werden.“ Natürlich gibt es trotzdem noch viel zu tun – aber das ist ja immer so, man lernt schließlich nie aus.

Mimi: Wie war das Shooting mit unserer Fotografin Ika Fan für dich? Fiel es dir leicht, dich vor der Kamera auszuziehen – insbesondere im Hinblick auf deine Vorgeschichte und dein nicht immer einfaches Verhältnis zu deinem Körper?

Leonie: Ich muss sagen, das Shooting mit Ika Fan war wirklich großartig, und es fiel mir tatsächlich sehr leicht, mich auszuziehen. Ich war selbst total überrascht, da ich mir vorher große Sorgen gemacht habe. Sogar so große, dass ich kurz vor dem Termin angefangen habe, zu zittern und sogar ein Tränchen verdrückt habe. Diese Angst hat sich überhaupt nicht bestätigt, und ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, ob ich vielleicht dick wirke oder so. Ganz im Gegenteil. Als Ika Fan mich fragte, ob es okay sei, wenn man hier und da eine Delle sieht, fand ich das sogar super. Darum geht’s mir nämlich eigentlich: Um Natürlichkeit, Realität und Body Positivity. Darum, zu zeigen, dass auch schlanke Frauen Cellulite haben können und dass das vollkommen okay ist.

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Mimi: Ich liebe die Fotos sehr. Was aber natürlich schnell auffällt, sind die Narben speziell an deinen Armen. Magst du dazu was sagen?

Leonie: Klar – schon mal interessant, dass das anderen schnell auffällt. Das kann ich selbst nämlich absolut nicht einschätzen. Ich habe schon ziemlich früh angefangen, mich selbst zu verletzen und zu „bestrafen“, und mit 17 fing es dann mit dem Schneiden an. Dieses allgemein benutzte Wort „Ritzen“ finde ich ganz furchtbar, impliziert für mich etwas Harmloses. Ich hatte damals meine erste schwere depressive Episode und konnte nicht mehr zur Schule gehen, weshalb ich sehr wütend auf mich war. Zunächst waren die Schnitte wirklich oberflächlich und sind gut verheilt, aber mit der Zeit wurden sie immer tiefer, und irgendwann blieben natürlich auch Narben zurück.

Mimi: Schämst du dich für die Narben?

Leonie: Schon etwas. Früher habe ich immer langärmlige Sachen getragen, mein Vater (liebe Grüße an Papa, der guckt und liest nämlich auch mit ;)) hat meine Arme erst letztes Jahr – da war ich 22 – wieder zu Gesicht bekommen und meine Mutter noch gar nicht. Jedes Jahr ist es wieder eine neue Überwindung, mich in der Öffentlichkeit kurzärmlig zu zeigen, weil die Leute halt schon gucken und du einfach abgestempelt bist. Am besten als „dummer Emo“, was wieder total verharmlosend ist. Gerade in der Stadt oder in der Schule, wo man die Leute nicht so gut kennt, ist das schon schwer.

Mimi: Schneidest du dich heute auch noch?

Leonie: Mittlerweile verletze ich mich verhältnismäßig nur noch sehr selten, leider kann ich aber nicht sagen, dass ich das nie wieder tun würde. Es ist natürlich mein Ziel, aber es ist einfach ein sehr langer Weg, zu lernen, mit starken Emotionen anders umzugehen. Ich wünsche keinem, damit jemals anzufangen. Es kann tatsächlich zur Sucht werden und letztlich richtig gefährlich, weil es immer tiefer, breiter und „besser“ sein muss. Und wie das mit Süchten nun mal so ist, ist es einfach sauschwer, da wieder rauszukommen.

Mimi: Früher hattest du lange Haare, vor einiger Zeit hast du dir eine Glatze rasiert. Was steckte dahinter? Und: Hast du es je bereut?

Leonie: Meine langen Haare haben genervt, das war der Hauptgrund. Ich habe mich einfach nur noch geärgert, und dazu kam oder kommt, dass ich Frauen mit Glatze oder Stoppeln echt schön finden kann. Ich hatte bereits mit 18 und 19 eine Glatze und hatte daher keine Hemmungen, das nochmal durchzuziehen. Bisher habe ich es absolut gar nicht bereut. Mir sind Haare ziemlich egal, und ich kann es nur schwer nachvollziehen, wenn ich für diese Entscheidung „bewundert“ werde. Das kommt sehr häufig von anderen Frauen. Haare wachsen doch wieder. Zumindest, wenn man keine Krankheit hat.

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Mimi: Was ich sehr mag, ist, wie offen du mit deinen Emotionen umgehst. Du lässt deine Follower echt an deinem Leben teilhaben, teilst Gedanken über deine Menstruation, Depressionen, deine Mahlzeiten, Beziehungen zu Freunden, Familie, Männern. Fühlt sich das nicht auch manchmal seltsam an?

Leonie: Nee, tatsächlich fühlt sich das absolut gar nicht seltsam an, weil das einfach meine Art ist. Ich bin unter Freunden genauso, und die müssen sich von mir immer alle möglichen Themen anhören. Außerdem finde ich es wichtig, dass man redet. Bitte über alles. Es wird heutzutage immer noch viel zu vieles tabuisiert, da möchte ich nicht mitmachen.

Mimi: Auch was Sex angeht, bist du ein offenes Buch. Wie kommt das bei deinen Followern an?

Leonie: Gute Frage … das weiß ich gar nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es gemischte Meinungen dazu gibt. Dadurch, dass ich aber mittlerweile nur noch einen relativ kleinen Account mit ausgewählten Followern führe, bekomme ich deutlich weniger negative Kritik, egal, um was es geht. Ich vermute schon, dass das ein oder andere dem ein oder anderen nicht zusagt, aber die wenigsten kritisieren mich dann dafür, obwohl sie es selbst vielleicht anders handhaben würden.

Mimi: Ich kann mir dennoch vorstellen, dass so viel Offenheit auch auf Kritik stößt. Wie gehst du mit Hatern um?

Leonie: Richtige Hater hatte ich bisher noch nie, darüber bin ich auch echt froh. Was schon mal passiert, ist, dass Leute nicht verstehen, wieso ich so offen bin und mir unterstellen, ich würde nur Aufmerksamkeit wollen. Was ich gar nicht unbedingt abstreite, gewisse Aufmerksamkeit kann schon sehr schön sein. Leute, die mir dann nahe legen, ich solle doch mal ein paar Sachen für mich behalten. Das möchte ich aber nicht, drum mache ich einfach weiter. Bisher verliefen solche Gespräche immer friedlich. Leben und leben lassen.

Mimi: Magst du anderen Mädchen (und Jungs) was mit auf den Weg geben, die selbst strugglen und sich manchmal verloren fühlen?

Leonie: Jap. Es geht weiter, und es wird besser. Du bist nicht „zu gesund“. Wenn du Probleme hast, such dir Hilfe. Klingt nach absoluter Floskel, ist aber wahr. Die meisten denken, sie würden anderen, die es dringender bräuchten, Therapieplätze wegnehmen, aber das ist Bullshit. Das denken (zum Beispiel) Magersüchtige mit 32 Kilogramm auch noch –  gehört einfach zur Krankheit. Also: Schritt wagen. Man mag auch mal an einen Therapeuten geraten, der nicht zu einem passt und gar nicht hilft, dann gilt es dennoch weiter zu suchen. Mir hat erst mein dritter geholfen, und dann ging es sehr schnell. Trotzdem gehören auch Rückfälle dazu! Das muss man sich wirklich bewusst machen, um nicht gleich wieder aufzugeben, falls mal wieder was schief läuft. Oh, und ganz generell: Drüber reden. Für mich ist Insta das Ventil schlechthin, ich rede mittlerweile aber auch viel mit meinem Papa und mit Freunden darüber. Das hilft ungemein. Ehrlich gesagt, könnte ich jetzt gerade ewig weiter schreiben, weil es so viel zu sagen gibt, aber ich glaube, das sind erstmal die wichtigsten Dinge.

Fotos: Ika Fan // Ika Fan bei Facebook // Ika Fan auf Tumblr

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3 Comments

  1. Rheintochter Esme

    28. März 2017 at 1:19

    Was für eine Hammer-Lady! Ich kann gar nicht mehr aufhören, meinen Hut vor Leonie zu ziehen, so viel finde ich toll! Ganz, ganz grossartig! 💕
    Massig Rhein-Liebe für alle Beteiligten!

  2. JudgeDark

    18. März 2017 at 12:24

    Großen Respekt, dass sich Leonie auf diese Art und auf andere Art und Weise der Welt und den vielen kleinen und großen Problemen stellt, die das Leben so bereithalten kann!

  3. Kathy

    18. März 2017 at 3:17

    Sehr starker Artikel! Finde es super so stigmatisierte Themen aufzugreifen. Vielleicht lösen sich dadurch ja mal ein paar Vorurteile auf. Als depressive Borderlinerin finde ich es klasse, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt und aufklärt.

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