Nicht die Mama oder: Kinderlos by choice

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Ein Text von Mimi Erhardt.

„Your daughters do not exist to give you grand children.“ „Eure Töchter sind nicht dazu da, um euch Enkelkinder zu schenken.“

Vor einiger Zeit las ich diesen Satz auf Tumblr, und er machte mir Gänsehaut. Weil er so wahr ist und es 2018 werden musste, um diese Worte irgendwo in dieser Deutlichkeit zu finden. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem inzwischen verstorbenen Vater. Ich war 13, er 40, als ich ihn fragte: „Papa, warum ist es für Eltern schlimm, wenn ihre Kinder schwul oder lesbisch sind?“ „Naja“, antwortete Papa, „Vielleicht ist es so schlimm, weil es für uns Eltern bedeutet, dass wir niemals Großeltern sein werden.“

Als mein Vater mir diese Antwort gab, war es 1991. „LGBT Rights“ war ein Fremdwort. Dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren könnten, lag im Bewusstsein der nordrhein-westfälischen Bergarbeiter-Provinz, in der ich aufwuchs, nicht mal annähernd im Bereich des Vorstellbaren. Ebenso wenig der Gedanke, dass die eigenen Kinder, vor allem die Töchter, nicht selbst Nachwuchs zeugen würden. Dass wir heiraten und selbst Eltern, Mütter, sein wollten, war gesetzt und nur eine Frage der Zeit.

Doofusses

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Sowohl mein Papa als auch ich lernten in den Jahren, die auf diesen Dialog folgten, eine Menge. Über den anderen, über uns selbst. Mein Vater lernte, sich in Toleranz und Akzeptanz zu üben, ich mich darin, zu mir selbst zu stehen. Und so begriffen wir beide eines Tages, dass mein Weg ein anderer sein würde, als früh einen anständigen Mann zu heiraten, mit ihm ein Heim zu bauen, selbst Mutter zu sein und meinen Eltern Enkel zu schenken.

Nicht, dass ich es nicht probiert hätte. Ich versuchte, meinen ersten Freunden eine gute Freundin zu sein, die Flausen in meinem Kopf zu verdrängen, ruhig und bodenständig zu werden. Und ja, ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, Mama zu sein. Doch da war nichts. Keine Sehnsucht nach einem Mini-Me, nicht mal ein Funken Neugier, ob unser Kind wohl seinen Mund und meine Augen haben würde. Stattdessen stellte ich fest, dass der Gedanke daran, ein Kind zu stillen, mir Brechreiz statt magischer Mutter-Gefühle verursacht. Wortwörtlich. Noch heute ist das so. Ich kann mir nicht einmal stillende Mütter ansehen, ohne dass mir dizzy zumute wird. Woran das liegt? Keine Ahnung, Ursachenforschung interessiert mich in diesem Fall nicht. Viel wichtiger für mich war, dass ich damals beschloss, das, was mein Körper mir mitteilen wollte, ernst zu nehmen. So versprach ich ihm: „Wenn du kein Baby stillen möchtest, dann machen wir das auch nicht.“ Ganz heimlich bei mir dachte ich außerdem: „Und wenn du einfach kein Baby in dir tragen und zur Welt bringen willst, dann machen wir auch das nicht.“

GuMo☕️🤓🐰

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Ich habe viele Jahre lang darauf gewartet, dass meine innere Uhr anfängt zu ticken, wie man so sagt. Doch es kam nie was. Weil ich zu sehr mit mir beschäftigt war vielleicht. Mit meiner Arbeit, für die ich brenne und die mich einnimmt. Gleichzeitig aber schloss ich nie aus, es mit dem richtigen Menschen probieren zu wollen. Als kleine Gang, dann, wenn es sich richtig anfühlt. Und ja, einmal hätte ich es mir vorstellen können, doch scheiterte die Beziehung und somit der Gedanke, vielleicht doch eine Familie zu gründen. Eine allein erziehende Mutter wollte ich nie sein, wie hätte ich das mit meiner Arbeit als selbständiger Autorin vereinbaren sollen? Und schwanger werden um jeden Preis? Nein, das kam und kommt für mich nicht in Frage. Wie oft habe ich Frauen getroffen, die sich von irgendwem ein Baby machen ließen, nur um doch noch Mutter zu werden, bevor es zu spät war. Die mit einem Partner ein Kind zeugten, den sie gar nicht mehr liebten, der aber ja nun einmal da war. Ich verurteile das nicht, jeder muss das tun, was ihn glücklich macht und ihm entspricht. Mein Weg jedoch sieht anders aus.

Heute weiß ich: Ich brauche kein Baby, um mich vollständig zu fühlen, bin mir selbst genug und auch ohne Kinderwunsch gut und genau richtig. Und auch meine Liebe wird nicht tiefer, besser, inniger durch ein Wesen, das meinen Menschen und mich auf scheinbar mystische Weise verbindet. Im letzten Jahr habe ich zum ersten Mal das ausgesprochen, was ich all die Jahre zuvor geahnt habe: Ich möchte kein Baby. Dabei mag ich die Kleinis gerne, sitze auf Partys irgendwann meist mit einer Horde Kids um mich herum am Kindertisch und mache Quatsch. Und gehe danach nach Hause und bin glücklich und zufrieden nur mit mir.

Alles könnte so einfach sein. Doch stoße ich als Frau, die dazu steht, keinen Kinderwunsch zu haben, immer wieder auf Unverständnis, auf mitleidige Blicke und blöde Sprüche: „Du Arme, aber hat vielleicht nicht sollen sein.“ „Bestimmt überlegst du es dir, ein bisschen Zeit hast du ja noch.“ „Erst, seitdem ich ein Kind habe, weiß ich, was wahre Liebe bedeutet. Schade, dass du das selbst nie erleben wirst.“ „Du fährst da einen ziemlichen Ego-Trip, das ist dir bewusst, oder?“

Diese Sätze haben andere Menschen genau so zu mir gesagt, wie ihr sie hier lest. Ich habe mir ihre Worte gemerkt, weil sie mich in dem Moment, in dem ich sie hörte, getroffen haben. Besonders die Äußerung, meine Haltung sei ein Ego-Trip, tat weh. Heute denke ich: Es ist eine Frage der Perspektive. Wenn andere meine Selbstbestimmtheit als Frau als egoistisch bezeichnen möchten, okay. Go for it. Wir werden in diesem Leben garantiert keine Freunde mehr. Für mich ist mein Entschluss ein Ausdruck meiner Freiheit, den Weg zu gehen, den ich für mich gewählt habe.

MAMI❤️❤️❤️❤️❤️❤️

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Ich hatte dennoch ein wenig Angst, meiner Mutter meine Entscheidung mitzuteilen und ihr zu sagen, dass sie vermutlich in diesem Leben keine Omi mehr wird. Und meine Mama? Lachte nur und sagte, dass sie damit niemals gerechnet habe. Sie kenne mich zu gut und dass das überhaupt nicht schlimm und sie sehr stolz auf mich sei. So wie mein Vater, der niemals geglaubt habe, ich würde ihn zum Großvater machen. Und für den ich dennoch die tollste Tochter der Welt war.

Euch, denen es ähnlich geht wie mir, möchte ich sagen: Als Frau ist es weder unsere Bestimmung noch unser Job, für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen. Wir alle haben die Wahl, ob wir Kinder wollen oder eben nicht. Wenn du dich dafür entscheidest, kein Baby zu bekommen (oder es aus anderen Gründen nicht kannst), vergiss nie: Keine Mutter zu sein, macht dich nicht weniger wertvoll als die Frauen, die sich für ein Kind entschieden. Du bist eine Frau, du bist eine Königin, und du bist gut. So, wie du bist.

10 Comments

  1. drikkes

    15. März 2018 at 15:19

    Die eingebetteten Bilder sind wohl auf Instagram gelöscht (oder auf privat gestellt) worden. Betrifft wohl nicht nur diesen Artikel, sondern auch andere auf Eurer Seite.

    • Mimi

      Mimi

      15. März 2018 at 20:52

      Hallo. Du hast Recht, liegt daran, dass mein Profil gerade aus Social Detox Gründen deaktiviert ist. Ist also ein temporäres Problem!

  2. Susa

    4. März 2018 at 15:19

    Hi, ich weiß nicht, ob das hier okay ist, aber ich lese seit einiger Zeit einen Liebs- und Sexblog von einem Mann, Adam, und der hat einen Beitrag, der könnte genau die männliche Antwort auf deine Gedanken sein, den würde ich gerne verlinken. Ist aber schon ein wenig älter. Hier ist er: https://www.adamspricht.com/261-der-nachwuchs/
    Falls das nicht okay ist, einfach löschen ;-)

  3. Nina

    27. Februar 2018 at 5:08

    Wiso soll es denn egoistisch sein, keine Kinder zu wollen?
    Wem gegenüber ist es denn egoistisch, wer wird denn dadurch geschädigt?
    Der hypothetische Vater, der, wenn sein Kinderwunsch denn wirklich so existenziell ist, immer das Recht hat, die Beziehung zu beenden und nicht darin gefangen ist?
    Das hypothetische Kind? Wenn wir schon so anfangen, dann bitte, dürften wir gar nicht mehr verhüten, und ich wäre wirklich gespannt, was die Verwandten und Bekannten sagen würden, wenn eine 16-Jährige ihre Schwangerschaft mit den Worten begründet: „Ich wollte nicht egoistisch sein.“
    Dann vielleicht gegenüber unser Spezies, die – Stichwort Überbevölkerung- nun wirklich nicht so dicht am Aussterben vorbeischrammt, dass sofortiges Vermehren unbedingt notwendig wäre?
    Mal ganz ehrlich, es gibt doch gar keinen zwingenden Grund, in unserer heutigen Gesellschaft ein Kind in die Welt zu setzen. Es ist eben ein Wunsch, und somit kann es doch auch nicht verwerflich sein, einen Wunsch eben nicht zu haben.
    Ich finde es sowieso zutiefst verwirrend, dass bis gefühlt gestern noch galt: „Um Gottes Willen, werd bloß nicht schwanger, das zerstört dein Leben!“ Und kaum ist man mit dem Studium fertig, heißt es: „Willst du nicht langsam über Kinder nachdenken? Ein Leben ohne Kinder ist kein Leben.“ Man fühlt sich ein bisschen wie bei einem Hütchenspiel, und das von den Menschen, die auf meinen Tattoowunsch in etwa so reagiert haben: „Was, bist du wahnsinnig?! Das kriegst du nie wieder weg, damit musst du dann leben! Und was ist, wenn dir das in ein paar Jahren nicht mehr gefällt?“

  4. Wilhelm

    23. Februar 2018 at 21:28

    Ein altes Thema, erinnert mich an die Wünsche und Vorstellungen, die ich vor 20-30 Jahren hatte und mit Freunden und Freundinnen diskutierte.
    Auch neulich erst, eine si mitteljunge Bekannte, die sich so sehr Kinder wünscht, aber nicht den Mann dazu findet.
    Man/Frau weiss nie was wie kommt.
    Irgendwie hätte ich gern Kinder gehabt, einfach jetzt aus dem Gedanken heraus, im Alter (jetzt dann) nicht so einsam zu sein.
    Noch habe ich viele Bekannte so um +-30, aber ich muss mich ab und an schon zusammenreissen, nicht zu großväterlichen daher zu kommen…
    Aber ich suche die Nähe der Jugend, um mich nicht so alt zu fühlen.
    Kinder wären da ganz praktisch.
    Gewesen.
    Bin ja nicht Mick Jagger.

  5. Markus

    23. Februar 2018 at 12:03

    Ein sehr schön geschriebener Text, den ich voll und ganz nachvollziehen kann.
    Ich denke wir sind in einer Zeit angekommen, wo mittlerweile jeder über sein eigenes Leben für sich selbst entscheiden sollte.
    Die Entscheidung keine Kinder zu bekommen habe ich für mich ebenfalls getroffen, auch wenn ich gern von Kindern umgeben bin.
    Aber genau wie Du genieße ich dann auch die Ruhe für mich allein.

    Meine jetzige Partnerin hat bereits zwei kleine Kinder aus einer vorherigen Beziehung und da diese auch regelmäßig beim Vater sind hat man somit Zeit mit den Kleinen und ohne. Eigentlich die perfekte Lösung in meinen Augen :)

    Sehr schöner Blog übrigen! ;)

  6. Bianca

    21. Februar 2018 at 9:53

    Ich sagte schon als ganz kleines Mädchen, dass ich niemals Kinder will und bis heute kommt wirklich immer wieder der Spruch „ach, das kommt vielleicht noch, irgendwann meldet sich die innere Uhr…“ NEIN, verdammt!
    Mit 30 sollte ich mittlerweile so weit sein, dass ich gut abschätzen kann, was mir fehlt, was ich brauche, oder auch eben nicht.
    Vielleicht könnte ein Grund sein, dass ich keine Geschwister habe, dass mich das nicht reizt? Oder vielleicht habe ich wirklich noch nicht den richtigen Mann für Kinder gefunden?
    Aber mit diesem Mann bin ich bereits mehr als 10 Jahre zusammen und ich habe nicht vor, dass sich das ändert – also warum fehlen denn da Kinder, wenn doch alles gut ist, wie es ist? Und wie wir uns die Zukunft vorstellen? Ein Häuschen darf es gerne sein, mit einem Extra-Raum für unsere nerdigen Hobbies wie PC zocken, Filme gucken und Sailor Moon/Star Wars-Sammlerei :D
    Achja und bitte weiterhin Katzen, die sind dann unsere „Babies“ (und manchmal ist auch mein Freund wie ein kleines Kind – das reicht mir dann schon ;) xD )
    Und ja, vielleicht ist das ein egoistisches Denken, aber bitte, dann ist das so: ich möchte meine Freizeit nicht mindestens 18 Jahre durch ein Kind quasi fremd-bestimmen lassen, möchte verreisen, wann und wohin ich will etc.
    Und dann gibt es da eigentlich noch einen weiteren Hauptgrund: meine Mutter hat alle möglichen (Autoimmun-)Krankheiten, ich habe nichts – ich selbst war schon Risiko-Schwangerschaft, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass dieser ganze Mist auf mein Kind übergehen könnte, denn ich habe nichts von all diesen schrecklichen Dingen.
    So sehr sich auch meine Mutter auch ein Enkelchen wünscht und mir das auch irgendwie Leid tut, eben wegen der ganzen Krankheiten: ich werde kein Kind in die Welt setzen, was nur dazu da ist, andererleuts Bedürfnisse/Vorstellungen/Ideale zu erfüllen!

  7. Nina

    19. Februar 2018 at 7:32

    Vielen Dank für den Text. Ich möchte auch keine Kinder wenn auch aus etwas abweichenden persönlichen Gründen. Zum Glück habe ich einen Mann gefunden der das auch so sieht, wenn auch aus nochmals anderen Gründen 😊 Es ist schade das gerade im Hinblick auf diese Entscheidung man auf i wenig Verständnis in der Umwelt und Familie stößt.
    Liebe Grüße aus einer glücklichen Zwei-Mensch-Familie!

  8. peter

    18. Februar 2018 at 19:51

    kann ich gut nachvollziehen, hab seit jahren das gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich nie einen kinderwunsch hatte. warum bekommt man von bekannten, freunden oder fremden dafür vorwürfe?

    wobei ich sehr, sehr selten mit frauen spreche, die auch keinen kinderwunsch haben – eher mit freunden, die keine kinder wollten, aber ihren frauen zuliebe kompromisse machen. das habe ich nie, daher ist sicher die eine oder andere beziehung gescheitert, obwohl sie mir sehr wichtig war.
    schade, dass ich nicht homosexuell geboren worden bin, vielleicht wäre dies leichter.

  9. JudgeDark

    18. Februar 2018 at 17:34

    Respekt vor Deiner Entscheidung und dass Du dazu stehst … ! Kann Deine Meinung nur unterschreiben, mehr muss man dazu auch nicht sagen, da alles gesagt wurde.

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