„Mach mal härter“ oder: (Kein) SM in One-Night-Stands

By  |  3 Comments

Ein Text von Barney Borderless.

Die meisten von uns kennen sich mit One-Night-Stands aus. Man mag sie oder nicht, aber schwach wurden wir wohl schon fast alle einmal. One-Night-Stands haftet der Ruf an, eher mauen Sex zu bringen, weil man sich so gar nicht kennt und deshalb nicht weiß, worauf der andere steht. Weil Vertrautheit fehlt. Richtig guter Nahkampf entsteht gewöhnlich in Beziehungen, die länger als zwei Donnerstage halten, denn eben diese Vertrautheit braucht Zeit. Wären da nicht die Überraschungen im Leben: „In jedem siebten…“, ihr wisst schon. ;)

Als ich noch die Hoffnung hatte, im Netz der Netze die Kapitänin meines Herzens zu finden, ergab sich das ein oder andere Date. Mal blieb es beim gemeinsamen Essen, mal durfte man ein paar Tage lang hoffen, mal sprang dabei eine Runde Extreme Kuscheling heraus. Und dann war da der unverhoffte Meilenstein, der mein Sexualleben auf völlig ungeahnte Weise bereicherte. Doch der Reihe nach.

Ich traf mich mit dieser Frau recht schnell, nachdem wir uns im Chat als sympathisch empfunden hatten. Beim Kaffee stellten wir zwar fest, dass Verlieben hier nicht stattfinden würde, aber es packte uns die unverdünnte Geilheit: Tiefe Blicke, freches Lächeln und unausgesprochen der Wille, ES zu tun, jetzt gleich, ohne langes Drumherum, keine Zeit vertändelnd. Sie wohnte um die Ecke, und alle paar Meter zungenknotend, machten wir uns auf den Weg in ihr Bett. Keine Umwege, kein Geplänkel, die ersten lästigen Textilien schon im Hausflur verlierend. „Great!“, dachte ich, „endlich mal Lust ohne Megabyte bei WhatsApp und Chatroomgelaber.“ Es war das Spiel ausgehungerter Tiere, mit viel Haut, feuchtesten Küssen und schwerem Atem. Im Handumdrehen stülpte sie mir den Conti über den Zapfen, dessen Härte selbst mich überraschte, und ließ mich ein in ihren wahrhaft sturzbachnassen, geheimsten Winkel.

sm4

Als sich Rhythmus und Tempo steigerten, schob sie plötzlich meinen Kopf ein Stück von ihrem Gesicht weg. „Schlag mich“, sagte sie zwar leise, aber in einem bestimmenden Ton. Ich gäbe heute noch etwas darum, mein Gesicht in diesem Moment zu sehen, war ich auf so eine Ansage doch nicht vorbereitet gewesen, in keinster Weise. Sex und Gewalt waren für mich immer zwei Paar Schuhe. Und jetzt? Ich versuchte mich in einer Ohrfeige, die aber eher ein festeres Streicheln war. „Nee“, sagte sie, „Schlag richtig! Feste!“ Wie um es zu unterstreichen, krallte sie sich tief in meine Schultern. Ich holte aus und schlug ihr ins Gesicht. Das klatschende Geräusch spaltete mein Empfinden: Einerseits registrierte ich, dass es sie erregte, anderseits erschrak ich derbst vor mir selbst. „Wie kannst du das tun, Barney? Was läuft hier für ein Streifen?“

Es wurde eine richtig, richtig harte Nummer. Ficken mit vollstem Kraft- und Körpereinsatz, anal, vaginal, oral und immer wieder ihr Verlangen nach Schmerz. Sie führte mich, obwohl sie sich im selben Moment unterwarf. Eine Spielart, die ich so noch nicht gekannt und die nie zu meinen Phantasien gehört hatte. In völliger Erschöpfung schliefen wir anschließend beieinander ein. Am nächsten Morgen schliefen wir noch einmal miteinander, da aber geradezu „konventionell“, geil zwar, aber ohne jede Gewalt. Bevor ich ging, saßen wir nackt auf ihrer Couch, tranken Kaffee, rauchten, und sie erzählte mir, dass Blümchensex ihr nichts bringe. „Ich brauche einen Kerl, keinen Teddy.“ Diese Worte hallten noch lange in mir nach.

sm3

Einige von euch werden jetzt zustimmen, andere den Kopf schütteln. Ich kann das verstehen. SM und seine verschiedenen Spielarten, zu denen auch das gehörte, was in dieser Nacht geschehen war, sind eigentlich nichts für One-Night-Stands oder flüchtige Affären. Das Risiko ist zu groß, für beide Beteiligte. Der devote Part riskiert, an jemanden zu geraten, der die Grenzen und Regeln des Spiels nicht akzeptiert, der dominante Part läuft Gefahr, für das im Augenblick gewünschte Verhalten im Nachhinein zur Rechenschaft gezogen zu werden und riskiert im schlimmsten Fall sogar eine Anzeige.

Bei One-Night-Stands in eine derartige SM-Situation hineinzuschlittern und der Versuchung nachzugeben, ist also ein Tanz auf dünnem Eis. SMler findet man häufig unter Paaren, die lange schon Partner sind. Denn SM erfordert Vertrauen und das Wissen, an welcher Stelle Schluss mit lustig ist. Später, nach dieser denkwürdigen Nacht, habe ich mich mit Menschen unterhalten, denen die SM-Welt vertraut ist. Und sie haben sie mir ein wenig erläutert, was eigentlich passiert war.

SM ist ein Spiel, aber eines mit klaren Regeln. Auch hier heißt „Nein“ schlichtweg „Nein“, ohne jeden Interpretationsspielraum. Wenn eine Frau das Spiel mit der Unterwerfung liebt, Folks, dann ist das nur möglich, wenn sie dennoch die Kontrolle behält. Das ist unabdingbar, alles andere ist ein Übergriff. Das muss klar sein. Auch bei One-Night-Stands, wenn ihr euch dabei denn auf die harte Tour einlassen möchtet. Darum ist es essentiell, dass die Regeln des Spiels vorher festgelegt und dann auch gelebt werden. Redet also ausführlich über eure Wünsche und Abneigungen, riskiert nicht, dass im Eifer des Gefechts Dinge geschehen, die nicht nur aus Liebe ein Schlachtfeld machen. Einmal passiert, könnt ihr das Geschehene nicht mehr korrigieren. Schlimmer noch: Gewalt gegen Menschen, die nicht gewollt ist, ist zu Recht strafbar. Macht also ein Safeword aus, einen scheinbar albernen Begriff wie „Scheibenwischer“, der sofort klar macht: „Aus. Schluss. Ich will nicht mehr.“ Das ist für den dominanten Partner ohne jeden Widerspruch zu akzeptieren, ob sich das Szenario während eines One-Night-Stands oder in einer Beziehung ereignet. Anderenfalls landet ihr vor einer Strafkammer, völlig berechtigt, der Worst Case für alle Beteiligten. Das ist es nicht wert.

sm1

Auch, nein, gerade SM, so paradox das für Szenefremde auch klingen mag, wächst nur und ausschließlich aus Vertrauen und Respekt heraus. Wer ohne Rücksicht auf die Gefühle eines anderen Machtphantasien und Unterdrückung ausleben will, ist kein Hengst, sondern ein Arsch. Also, denkt immer an die vier Buchstaben, die die Würde schützen, in One-Night-Stands, in der Liebe, immer: „Nein“ heißt „Nein“. Check? Gut.

Wer sich nun doch auf das Thema, vielleicht auch erst einmal nur theoretisch, einlassen möchte, besuche Foren wie zum Beispiel den BDSM-Club. Hier treffen Rookies auf SM-erprobte Menschen, fragen ist erlaubt und erwünscht.

Ich persönlich habe das Thema nicht weiter verfolgt. So wichtig diese erfahrungsreiche Nacht auch war, sie hat mir gezeigt, dass Sado-Masochismus mein Faible für Wärme und Zärtlichkeit nicht verdrängen kann. Sorry, Princesses – ich kann euch nicht schlagen. ;)

Fotos: Marc C. Fischer // Marc C. Fischer bei Facebook

3 Comments

  1. Pete

    11. November 2016 at 15:57

    Komischerweise habe ich so etwas auch schon erlebt. Kein langes Umwerben und eine schweißtreibende Nacht inkl. Schlägen, Würgen, Spucken, Füllen aller Körperöffnungen und am Ende war sie noch gierig auf den Moneyshot.
    Man darf dabei nie vergessen, dass der devote und damit schmerzempfangende Part auch der ist, der das Spiel kontrolliert. Von aussen mag das immer anders wirken, dennoch sollte nix gegen den Willen geschehen und die Grenzen müssen eingehalten und respektiert werden.

    Ich habe zumindest gelernt, dass Aua nicht gleich Aufhören bedeuten muss. Was ich sehr reizvoll fand. Und auch für mich war ein das Meilenstein…

    Danke für den Text :)

  2. JudgeDark

    4. November 2016 at 18:20

    Hui,
    keine Ahnung wie ich in der Situation reagiert hätte?
    Fakt ist, da hat einer Glück gehabt und ist an eine Dame geraten, die diese Spiel scheinbar beherrscht, sei es aus Übung oder weil es eben so ist. Und sie hat Glück gehabt an einen Mann zu geraten, der sich beherrschen kann und nicht ausartend wird.
    Jedenfalls nachvollziehbar, wieso das als Meilenstein anzusehen ist.

    Danke und schönes Wochenende … !

    • Mimi

      Mimi

      4. November 2016 at 20:34

      Danke dir für den Kommentar, Herr Judge :) Hab du es auch ganz wunderbar!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *