Jungsmädchen – der Dudebro im Prinzessinnenkörper

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Ein Text von Virginia Heart.

Ich war ein Jungsmädchen. In dem Kaff, in dem ich aufwuchs, gab es außer mit nur ein anderes Mädchen und sieben Jungs. Ich fand Puppen und Glitzer doof, Gruselgeschichten, Matchbox-Autos und Fußballspielen super und wollte zum Fasching nie eine rosa Prinzessin sein. Das kam gut an bei den Jungs. Sie mochten mich lieber als die andere, die gerne Kleidchen trug und ungern dreckig wurde. Ich war das Jungsmädchen.

Als ich älter wurde, begann ich zu hinterfragen, ob es richtig ist, alles, was mit Mädchen zu tun hat, automatisch doof zu finden. Rosa ist schließlich nur eine Farbe, und manchmal muss ich eben weinen. Langsam verschwand mein Jungsmädchen-Anspruch an mich selbst, und die Jungs, die mein Diktat in Sachen Identität waren, erschienen mir irgendwie… langweilig. Viele von uns behalten ihre Jungsmädchen-Attitüde allerdings bis ins Erwachsenenalter bei – oder legen sie sich erst dann zu. Das hat Vor- und Nachteile, und ich hab versucht, die hier mal anzuschneiden:

Wir alle kennen sie: Die coole Schönheit, das lässige Mädchen. Ein Dudebro im Körper eines Victoria‘s Secret Engels. Sie trinkt Bier und Whiskey, isst nichts als Burger und Chicken Wings, sieht ganz nebenbei umwerfend aus und ist die Erste, die zustimmt, wenn es darum geht, dass manche Frauen „Nein“ sagen und „Ja“ meinen.

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Eine Bekannte aus der Uni jobbt nebenbei im Sporthandel. Seit ungefähr zwei Jahren. Sie ist im Kollegium beliebt, clever und ein absolutes Verkaufstalent. Neulich hat sie mich gefragt, ob ich von irgendwelchen ähnlichen Stellenangeboten wüsste. Auf mein überraschtes Nachfragen begann sie zu erzählen, dass ihre Beliebtheit und die guten Verkaufszahlen ihren Preis haben. Sie beißt sich seit Beginn des Arbeitsverhältnisses auf die Zunge, wenn ihre überwiegend männlichen Kollegen sich fiese Bemerkungen über die beleibten Kundinnen zuflüstern oder Vergewaltigungswitze über die Durchtrainierten reißen. Obwohl sie gewissenhafter arbeitet als diese Typen (deren Fehler sie regelmäßig beseitigt), ging bisher jede Beförderung an ihr vorbei. Sie hat ja auch nie was gesagt. Sie will es sich schließlich mit niemandem verscherzen.

Die kanadische Frauenrechtlerin Julie S. Lalonde führt dieses Verhalten auf einen sozialen Prozess zurück. Frauen sehen Vorteile darin, sich der tonangebenden Gruppe anzuschließen. Ihr Verhalten passen sie dann, oft unbewusst, entsprechend an. Die tonangebende Gruppe besteht in vielen Bereichen, gerade im Job, aus Männern.

Dieser Umstand, zum Jungsmädchen zu werden, um sich besagter Gruppe anzupassen, ist nicht nur im professionellen Bereich problematisch. Ich habe eine Freundin, deren Ernährung, seit sie mit ihrem neuen Freund zusammen ist, ausschließlich aus Fast Food besteht. Das wäre nicht erwähnenswert, wäre sie vorher nicht DIE INSTITUTION in unserem Freundeskreis zum Thema „Health Food“ und „Raw Vegan“ gewesen. Sie möchte inzwischen aber keine dieser „Tussen“ mehr sein, die nur an „Kaninchenfutter“ knabbern. Die kann ihr Neuer nämlich gar nicht leiden. Seit ihrem Umschwung hat sie ein paar Pfunde zugelegt. Das wiederum stieß auf harte Kritik seitens ihres Lovers. Was nutzt die coolste Freundin, wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht?

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Die Beispiele von Frauen, deren Verhalten in besorgniserregende Passivität abgerutscht ist, weil sie dem Stereotyp der „eifersüchtigen“ oder „hysterischen“ oder „anstrengenden“ oder „überambitionierten“ „Alten“ entgehen wollen, sind zahlreich. Man denke beispielsweise an Ivanka Trump, die sich selbst Feministin nennt und schwört, für die Rechte der arbeitenden Frauen (und Mütter) einzustehen, während sie einen Mann unterstützt, der Schwangerschaften als „Belästigungen des Arbeitgebers“ zusammenfasst.

Um mich nicht weiter in Rage zu reden, sei eins gesagt: Während die Anpassung an dominante Gruppen sicherlich einige Vorteile mit sich bringt, wird sie einen doch immer im Schatten dieser Gruppe halten. Wirklicher Erfolg wird sich, im privaten wie im beruflichen, also nie oberhalb einer bestimmten Grenze einstellen. Die Entscheidung, ob das ausreicht, sei jedem selbst überlassen. Allerdings sollte die eigene „Coolness“ nie zu Lasten anderer entstehen und wenn sie darauf baut, „nicht wie andere Mädchen“ zu sein, ist das leider allzu oft der Fall.

Steht für eure Bedürfnisse und Rechte ein. Ihr müsst keine Jungsmädchen sein, wenn es euch nicht entspricht. Ihr seid gut, wie ihr seid. Die Einzigen, denen ihr etwas schuldet, seid ihr selbst.

Fotos: Melanie Ziggel // Melanie Ziggel bei Facebook

2 Comments

  1. Uli

    2. August 2017 at 18:39

    Hallo jungfauliches Herz,
    Du sprichst da einen wirklich interessanten Aspekt von Frau sein an. Ich selbst als Mann habe das immer etwas anders interpretiert. Für mich war das Schweigen von Frauen in Gegenwart sexistischer Sprüche und sonstiger Respektlosigkeiten auch Ausdruck von Souveränität und einer gewissen (geistigen) Überlegenheit, auch weil sie mit einer körperlichen und mimischen Gelassenheit hingenommen wurden, die Überlegenheit geradezu implizierte.
    Dieser Eindruck verstärkte sich auch durch die Geschichte dieser Frauen, die ansonsten erfolgreich, intelligent und eloquent sind. Durch Deinen Text bekommt das ganze für mich eine gewisse Wendung in Richtung perfektionierte Angepasstheit statt Überlegenheit. Gekonnt überspielte Unsicherheit statt Souveränität. Eine wirklich traurige Geschichte über Invagination.

  2. Rheintochter Esme

    25. Juli 2017 at 21:41

    Wow, und ich dachte immer, ich sei die Einzige, die sich zum Dudebro mit Boobies gemacht hätte – weil ich schon immer zu blöd zum Flirten war. Bei mir ging’s gut aus, aber der Struggle ist very real. Danke fürs Teilen und die Denkanstösse!
    Liebe vom Rhein!

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