Pornodarstellerin Kali Sudhra: „Nicht-weiße Menschen sind kein Fetisch“

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Ein Interview von Virginia Heart.

Eine Löwin. Eine aus Lava. Ja, so würde ich die indische Pornodarstellerin Kali Sudhra beschreiben. Die in Barcelona lebende Kali ist offensichtlich atemberaubend schön, ja. Was sie aber so unvergesslich werden lässt, ist, wie ungefiltert ihr stürmischer Mut, ihr Revolutionsgeist, ihre Wärme und Intelligenz aus ihren Augen, ach Quatsch, aus ihrem ganzen Auftreten springen. Ja, mein Herz hüpft, wenn ich an Kali denke. Ich kenne sie nur flüchtig und doch würde ich für sie durch brennende Kohlen laufen. Rückwärts und in Zeitlupe. „Rebel Girl, you‘re the queen of my world“, würden Bikini Kill sagen. Aber was red ich, schaut selbst, und lasst euch den Atem rauben! 

Virginia: Als ich dich fragte, über welche Themen du in einem Interview sprechen wollen würdest, sprachst du unter anderem die Diversifizierung der Repräsentation in Pornos an. Ich stimme dir absolut zu, dass Repräsentation essentiell in jeder Form von Kunst und Unterhaltung ist, vielleicht sogar besonders in Pornos. Was bedeutet Repräsentation in diesem Zusammenhang für dich?

Kali Sudhra: Zum Thema Porno: Ich, als queere, farbige Frau finde mich selten in Pornos wieder. Noch besorgniserregender ist es für mich aber, als Freundin und Verbündete vieler Transpersonen und von Leuten, die mit einer Behinderung leben, zu sehen, dass diese sich noch viel seltener gezeigt sehen. Als würde uns nicht einmal ein sexuelles Leben zugestanden. Natürlich haben indische Frauen Sex! Natürlich haben Trans-Leute Sex! Natürlich haben Leute mit Behinderungen Sex und verdienen es, diese Seite ihres Lebens repräsentiert zu sehen! Wir wollen, dass unsere Geschichten erzählt werden. In Pornos soll es darum gehen, eine Verbindung zum Zuschauer aufzubauen. Wie sollen wir das denn anstellen, wenn wir uns in den Darstellern überhaupt nicht wiederfinden? Das müssen wir ändern. Repräsentation ist wichtig!

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Foto: Andrea Mete

Virginia: Du arbeitest mit Porno-Regisseurin Erika Lust zusammen. Ist sie deine erste Arbeitgeberin in der Industrie? Wie kamst du zur Arbeit mit ihr und wieso hast du dich für sich entschieden?

Kali: Erika ist tatsächlich meine erste Arbeitgeberin im Porno Geschäft. Dass ich mit ihr arbeite, ergab sich auch einer Reihe von Zufällen, die damit begann, dass ich einer Freundin (die passenderweise auch Erika heißt) ein Foto von mir beim Süßigkeiten essen schickte. Das klingt jetzt alles mysteriös und vage, aber ich stieß schließlich irgendwie auf Erika Lusts Instagram Account und verliebte mich in ihre Arbeit. Gleichzeitig sah ich aber auch, dass überhaupt keine indischen Frauen in ihren Filmen erschienen und generell nur wenige nicht-weiße Menschen. Ich beschloss, dass ich es super fände, ihre Besetzungen vielfältiger zu gestalten, in dem ich mich einfach bewarb. Die Zeit in meinem Leben war reif dafür, ich war so frei wie nie und wollte meiner Neugier auf diese Art des Darstellens nachgehen.

Virginia: Was hat deine Entscheidung, Pornodarstellerin zu werden, denn sonst noch beeinflusst?

Kali: So viele Faktoren. Aber ganz ursprünglich entsprang die Idee meinem Verlangen – und meiner Frustration. Ich wollte nicht-weiße Frauen, in meinem Fall südasiatische Frauen, in Pornos sehen, ohne, dass sie als Fetisch dargestellt werden. Das fing alles irgendwie an, als ich in einem Sexshop auf der Suche nach einem Dildo in meiner Hautfarbe war. Weil ich nur hellhäutige Dildos in den Regalen fand, fragte ich den Verkäufer, ob sie noch andere Hautfarben auf Lager hätten, und er antwortete, sehr barsch: „Nee, wozu denn?“ Es hat mich so getroffen, dass Leute nicht mal versuchten, sich vorzustellen, warum ich einen Dildo in meiner Hautfarbe wollen könnte. Das war eine Lawine von Emotionen. Ich hab dann versucht, mich zu trösten, indem ich die Pornoabteilung des Ladens durchstöberte, weil ich dachte, ein paar gute Pornos heitern mich sicher auf. Aber ich wurde immer frustrierter, weil es selbst in der „feministischen“ Abteilung schwierig bis unmöglich war, nicht-weiße Leute, Trans-Leute, oder einfach Menschen mit Körpern, die von der etablierten Porno-Norm abweichen, angemessen dargestellt zu sehen. Einer meiner guten Freunde in Kanada drängte immer darauf, dass ich, statt nur über die eintönige Besetzung zu reden, selbst etwas daran ändern sollte. Also hab ich das getan, und ich bereue es kein Stück!

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Foto: Adriana Ezkenazi (aus dem Film „Through The Looking Glass“ von Olympe G)

Virginia: Was sind deine Lieblinge unter den Filmen, in denen du bis jetzt zu sehen warst? Oder gibt es da mehrere? 

Kali: Naja, ich hab bisher nur drei gedreht. Gerade filmen wir noch mehr, und in Zukunft hoffe ich auch, bei meinen eigenen Filmen Regisseurin und Darstellerin sein zu können. Es fällt mir schwer, nur einen Favoriten zu nennen, aber die letzten beiden Filme, in denen ich zu sehen war, liebe ich. Sie konzentrieren sich so auf den weiblichen Orgasmus, was ja irgendwie ein Tabu in der Mainstream Porno Welt ist, denn der Film ist vorbei, wenn der Typ kommt. Schaut mal in „Spit It Up“ rein. Dabei hat Adriana Eszkenazi Regie geführt.. Ich bin so begeistert vom Endergebnis und hab so gute Rückmeldungen über den Film bekommen.

Virginia: Wie siehst du als indische, queere Feministin das aktuelle politische Klima in Europa und den USA? Welche Veränderungen würdest du gerne sehen, und was tust du, was können wir alle tun, um diese Veränderungen zu erreichen? Wie steht deine Arbeit in der Erwachsenenfilmbranche zu diesen Themen in Beziehung?

Kali: Gerade ist das politische Klima in den USA ziemlich schwierig, aber eben auch in Europa. Für mich ist das herausstechendste meine gelebten Erfahrungen mit Rassismus. Bisher habe ich noch kein Land bereist, in dem ich nicht in irgendeiner Form mit explizitem oder implizitem Rassismus konfrontiert wurde. Und wenn ich über Rassismus spreche, spreche ich nicht von Leute, die mir auf der Straße entgegen kommen und mir ein rassistisches Schimpfwort an den Kopf werfen (was natürlich genauso schlimm ist). Ich spreche über institutionalisierten Rassismus, der Ideologien oder Überzeugungen über nicht-weiße Menschen verstärkt, welche sich dann in den Ungleichheit in Bereichen wie Wohlstand, Bildung, Einkommen, Gesundheitsversorgung, Arbeitsverhältnissen, politischer Macht, etc. niederschlägt.  Niemand redet gern über Rassismus, und ich fühle mich schon sehr angreifbar, wenn ich nur versuche, über meine Erfahrungen damit zu reden. Ich hab aber auch das Gefühl, dass wir uns einiges verbessern müssen. Manchmal ist es nicht genug zu sagen, dass man kein Rassist ist. Man muss Anti-Rassismus sein, was bedeutet, da raus zu gehen und etwas gegen das Problem zu unternehmen. „Ally“ (also „Verbündeter“, Anm. d. Red.) ist kein Adjektiv, es ist ein Verb. Es ist ein aktiver Part. Es gibt so viele Quellen online, die einem helfen, ein besserer Verbündeter zu sein. Es wäre toll zu sehen, wie Leute eine aktivere Rolle in ihrem Versuch, das rassistische System auseinanderzunehmen, spielen. Stattdessen sind es immer wieder die nicht-weißen, die die härteste Informationsarbeit für alle leisten müssen. Das kann ganz schön schlauchen, und eine Pause einlegen ist nicht drin.

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Foto: Andrea Mete

Virginia: Pornos und Rassismus – wie sieht es da aus?

Kali: In der Welt des Pornos spiegeln sich diese rassistischen Einstellungen, wenn man an Websites mit Namen wie „blacked“ denkt oder Kategorien, die „exotic“ versprechen. Ich hasse das Wort zum einen wegen seiner rassistischen Wurzeln, aber auch, weil ich keine Frucht und kein Nahrungsmittel bin, also bitte, nutzt es nicht, um mich zu beschreiben! Ich denke, auch Pornos mit ethisch bewusstem Hintergrund sind noch nicht frei von Rassismus. Es gibt längst nicht genügend Repräsentation in dieser Sparte, oder gerechte Bezahlung und Gelegenheiten zu spielen. Außerdem müssen wir immer noch die Fetischisierung und Stereotypisierung nicht-weißer Menschen dekonstruieren. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber es gibt einige Pornoproduzenten, die inzwischen die richtige Richtung einschlagen. Mein persönlicher Favorit ist die „Crashpad Series“, denn da werden nicht-weiße Leute als Menschen, nicht als Fetisch präsentiert. Außerdem gibt es eine große Diversität, was Sexualität und Körper angeht. Genau richtig! Ich liebe ihre Philosophie und wie konsequent sie sie umsetzen! Wir brauchen mehr Produktionsfirmen wie diese.

Virginia: Wie stehst du zur Debatte, ob Pornos anti-feministisch sind?

Kali: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Zuerst einmal: Wenn du ethische Pornos schaust, sind die Frauen darin einverstandene Künstlerinnen, die mit ihrem Körper performen möchten, und das ist wundervoll. Ethischer oder feministischer Porno bedient nicht ausschließlich die Sicht des heterosexuellen Mannes („Male Gaze“) und objektifiziert Frauen auch nicht.  Außerdem scheinen die Leute bei ihrer Hetze auf die Porno-Industrie und die männlichen Konsumenten zu vergessen, dass auch Frauen Pornos schauen. Wir haben auch Fantasien und Verlangen. Pornos sind nicht nur für Männer. Wir wollen unsere Fantasien auch umgesetzt sehen und unseren Spaß daran haben. Ich denke, diese Idee, Porno wäre nicht feministisch, stammt auch oft aus der Ideologie, Sex Work wäre keine richtige Arbeit. Das ist nicht nur herabwürdigend, sondern auch schlichtweg falsch. Sexarbeit ist Arbeit, und Feminismus funktioniert nicht, wenn wir darüber hinwegsehen. Frauen sollten mit ihren Körpern anstellen dürfen, was sie wollen, ohne, dass man sie dafür verurteilt. Und sie sollten Geld verdienen dürfen, wie immer sie möchten. Sind das nicht die einfachen Grundsteine des Kampfes für Gleichberechtigung?

Virginia: Abgesehen von Filmen, was sind deine Leidenschaften? 

Kali: Ich liebe es, zu kochen! Mir wird oft gesagt, ich könne das echt gut. Hoffentlich sagen die das nicht nur so. Ich liebe Kunst, ich liebe es, mich in Museen zu verlieren, mein Rad zu fahren, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen, über Feminismus zu sprechen, zu lesen – wenn ich die Zeit habe. Außerdem bin ich eine begeisterte Briefeschreiberin. Ich widme mich dem Erhalt der Kunst des Briefeschreibens. Wenn du mal süße und bedachtsame Post bekommen möchtest, sag Bescheid!

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Foto: Gala Ivannova

Virginia: Hast du Buch-, Film- oder Musikempfehlungen für uns?

Kali: UND WIE ICH DAS HAB! Ich liebe queere Sachen: Paris Is Burning, Moonlight, Tangerine, Cloud Burst, Margarita With A Straw, und viele mehr! Was Musik angeht, bin ich gerade süchtig nach Sev Daliza, die halb Iranerin, halb Holländerin ist, Trip Hop und jeder anderen Form toller Musik. Außerdem könnte ich nicht ohne Princess Nokia leben, die „Tomboy“ singt, was quasi eine Hymne für mich ist. Und Bücher … Ich lese gerade „Women at Point Zero“ von Nawal El Saadawi, die eine beeindruckende Feministin und Aktivistin ist. Trigger Warning, das Buch enthält sexuelle Gewalt. Eins meiner Lieblingsbücher überhaupt, so artsy und romantisch, ist „L‘Écume des jours“ von Boris Vian. Man könnte sagen, meine innere Romantikerin ist in den Surrealism, den er nutzt, verliebt.

Virginia: Hast du Vorbilder, oder jemanden, der dein Leben stark beeinflusst hat?

Kali: Ich kann wahrscheinlich nicht nur eine Person nennen, es ist eher eine ganze Gruppe starker Frauen, die mich dazu inspirierten, zu wachsen, mich zu verändern, zu kämpfen und Widerstand zu leisten. Wenn ich ein paar nennen müsste, würde ich sagen Natalie, meine beste Freundin, die mir beibrachte, die harten Zeiten zu meistern. Frida Kahlo, die mir durch ihre Kunst zeigte, wie man Schmerz in eine profundere Ausdrucksform verwandelt. Meine Schwester, die mir zeigte, wie man  mit Herzschmerz umgeht und außerdem meinen Eyeliner auffrischte, wenn ich mit dem Heulen fertig war, hahaha. Sie inspiriert mich so sehr. Sie ist 19, studiert Biochemie, ist ein Make-up Genie und eine sex-positive Feministin. Sie wird eine Naturgewalt einer Frau werden!

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Foto: Andrea Mete

Virginia: Wie sieht dein idealer Tag aus?

Kali: Wenn ich gerade nicht arbeite, schlafe ich gern lang und bereite ein ausgiebiges Frühstück zu, das ich dann in meinem sonnigen Garten beim Lesen eines guten Buches esse. Nachdem ich dann mit dem Fahrrad zum Strand gefahren (und vielleicht sogar schwimmen gegangen) bin, würde ich den perfekten Tag vermutlich mit Freunden und Bier auf einer Terrasse in Barcelona ausklingen lassen.

Virginia: Was magst du an Barcelona am meisten? Wolltest du dort schon immer hin?

Kali: Ich liebe, wie Barcelona leuchtet,  die immer geschäftigen Straßen, die Terrassen, die Sonne. Ich hab aber nie geplant, hier mal zu landen. Eigentlich bin ich der Liebe wegen hergezogen, die war aber schnell vorbei, hahaha! Aber ich hab mich entschieden, zu bleiben, weil ich mich wieder verliebt hab – diesmal in die Stadt. Ich werde Barcelona immer lieben, allerdings wird es jetzt zu stark gentrifiziert und schwer zugänglich, und vielleicht muss ich mir bald ein neues Zuhause suchen. Ich halt euch auf dem Laufenden!

Folgt Kali Sudhra auf Instagram.

Fotos in der Galerie:
Bild 1, 5, 6, 7: Raul Bateman 
Bild 2, 3: Esther Galvan
Bild 4: Polymerboy

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