Ihr kriegt mich nicht oder: Der Poly, Zeuge Jehovas der Liebe?

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Ein Text von Mimi Erhardt.

„Jemanden wirklich zu lieben, bedeutet, ihm alle Freiheiten zu lassen.“
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„Wenn mein Mensch sich in jemand anderen verliebt, dann gönne ich ihm das von Herzen.“
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„Liebe ist kein exklusives Zweierding, Liebe ist für alle da.“

Bräuchte ich nicht beide Hände zum Tippen dieser Zeilen, hätte ich mir den Zeigefinger meiner rechten Hand schon lange in den Hals gesteckt. Nur so symbolisch. Um meiner persönlichen Ansicht zum polyamoren Liebesmodell eine persönliche Note zu verleihen.

Nein, halt. Polyamorie an sich ist mir mindestens so peng wie die Farbe deiner Unterhose. Wenn es für dich cool ist, deine Uschi emotional und sexuell zu teilen, go for it. Wenn dich die Herzchenaugen deines Freundes wirklich supi froh machen, wann immer er von Sandras süßer Zahnlücke erzählt, dann wünsche ich dir alles Glück der Welt. Also dir, dem Mann, Sandra und eurem polyamoren Threesome. Das meine ich ernst. Für mich wäre das undenkbar, aber ich habe genug gesehen und erlebt, dass ich weiß, meine Perspektive ist kein allgemeingültiger Maßstab.

VHS and chill?

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Wem ich ich mit diesem Text ganz subtil den Kotzfinger zeigen möchte, sind die vielen, vielen Poly Missionare, die mir in diesem Jahr vor die reale und virtuelle Flinte liefen und die nicht aufgaben, mich bekehren zu wollen.

„Warum willst du deinem Partner diese Fesseln anlegen? Warum willst du ihn besitzen?“
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„Treue und Monogamie liegen nicht in der Natur des Menschen.“
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„Ich hätte echt gedacht, dass du als Pornbloggerin viel offener bist, was Polyamorie angeht.“

Ein Runde Kotzfinger für alle, die mir mit ihren Bekehrungsversuchen zur polyamoren Seite der Macht immer wieder die Zeitfenster einschlagen. Eine wichtige Randbemerkung, bevor wir uns missverstehen: Die Kotzfinger sind NICHT für die gedacht, die mir ihre Vorstellung vom polyamourösen Leben und Lieben lediglich erklärt haben, weil es ihnen wichtig war oder ich Fragen hatte. Und die mich ansonsten schalten und walten lassen, wie es mir behagt. Austausch ist wichtig und gut. Und: Austausch ist nicht Aufdrängen.

Wenn ich liebe, gehört mein Mensch mir, Porn-Blogger-Dasein hin oder her, du bist ja auch nicht zwangsläufig adipös, nur weil du bei Maekkes an der Frittenschleuder stehst. Jawohl. Er oder sie GEHÖRT mir. Mit Eingehen einer Beziehung zu mir, Mimi Erhardt, unterschreibst du mit deinem Herzblut einen unsichtbaren Vertrag, der mir deinen Leib und dein noch blutendes Herz zusichert. Von diesem Moment an ist Schluss mit Tinder-Girls-Bumsen, nie wieder wirst du in meiner Gegenwart mit glitzernden Augen von Sandras Zahnlücke schwärmen. Solange wir zusammen sind, darfst du von MIR schwärmen, mit MIR glücklich und in MICH verliebt sein. Was ich biete: Superkrasse Zuneigung, meine Treue, gelegentliche Eifersucht, die neidischen Blicke der Jungen aus der Tätowierbude, okayen Sex und den süßen Schmerz des Nicht-mehr-Dürfens. Frag gar nicht erst – wenn du mich datest, kannst du deinen heimlichen Traum vom Dreier vergessen. Bei Vertragsbruch gehen deine Seele und mindestens ein Drittel deiner schmutzigen Geheimnisse in meinen Besitz über. Außerdem wirst du nie wieder so okayen Sex haben wie mit mir.

So sieht eine Beziehung mit mir aus, Poly Freunde. Ich teile nicht. Wer teilen will, soll das tun, nur eben ohne mich. Keine Ahnung, wie das bei euch ist, aber ich lebe gern in Fast-2017. Dieses Kommunending von 1976 ist so 1973! Und unter uns: Swinger, offene Beziehung, Poly, das ist alles eine Soße für mich. Kein Interesse, mich damit auseinanderzusetzen, da es für mich keine Option ist, einen Dritten oder gar Vierten in mein monogames Love-Paradise einzulassen, ob nun im Swingerclub, ganz offen sexuell oder ganz offen emotional. Ich bin weder Soziologin noch Biologin, genauso wenig wie ihr, kann euch nicht sagen, wie wir Menschen ursprünglich gepolt waren, bevor wir anfingen, uns für die Idee der Zweisamkeit zu begeistern. Ich kann keine Fachliteratur zitieren, verdammt, nicht mal einen ge-copy-ten Beitrag aus einem beliebigen Poly Forum in die Runde pasten. Aber diese zwei Dinge kann ich euch sagen:

Ich bin mit dem Leben, das ich für mich gewählt habe, sehr zufrieden und die, die mit mir (und nur mit mir) gehen wollen, sind das auch. Weil ich daran glaube, dass sich Menschen finden, deren Vorlieben und Vorstellungen zueinander passen.

Werde mit deinem Leben als Poly bitte ebenso froh, wie ich es als Monogamistin bin. Wenn du diese Art der Beziehung denn freiwillig gewählt hast und dir nicht hast aufschwatzen lassen. Vor allem aber: Versuche nie wieder, mir dein Liebesmodell anzudrehen. Ich sage genau einmal „Nein, danke“, danach streiche ich deinen Namen für immer aus der WhatsApp Liste meines Herzens.

My favourite butt🐯🍑🐾☺️Now off to work👊🏼

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Poly Boys und Gurls. Übt euch in Toleranz. Manche von uns monogam lebenden Kids sind zufrieden mit den Werten, die uns unsere Ahnen vorgelebt haben, selig mit dem Menschen, mit dem wir unser Leben teilen. Wir wollen nicht über Vor- und Nachteile von Treue und Monogamie vs. Polygamie nachdenken, weil es für uns nicht von Bedeutung ist. Wir sagen nicht, dass Monogamie der Liebesweisheit letzter  Schluss ist. Nur, dass sie das Richtige für UNS ist.

Vielleicht wird Schatzi uns eines Tages bescheißen, vielleicht werden wir selbst untreu, vielleicht wachen wir eines Morgens auf und stellen fest, dass das Feuer, das einst so lichterloh brannte, verglimmt ist. Und dann? Dann werden wir trotzdem nicht Poly! Dann machen wir Schluss, verlieben uns neu und unterschreiben den nächsten Monogamie-Liebes-Vertrag mit dem bisschen Rest-Herzblut, das uns bleibt. So ist das Mono-Leben.

Werdet nicht zu den Zeugen Jehovas der Liebe, Poly People. Das habt ihr nicht verdient. Wir würden euch ja doch nur die Tür vor der Nase zuknallen.

9 Comments

  1. Phoebe

    27. Juni 2017 at 8:35

    Also sind die quasi die Veganer in Sachen Liebe. Nein, ich habe nichts gegen Veganer, aber ich habe etwas gegen Leute, die missionieren wollen, die glauben ihre Art zu leben sei die einzig Wahre und dann andere mit Pseudoargumenten bekehren wollen. Und dieses unschöne Verhalten trifft leider sehr häufig auf Veganer zu, also ein durchaus passender Vergleich.
    Wobei Veganer meistens leichter abzuwürgen sind, jedesmal wenn einer sagt „Du brauchst dich nicht von Fleisch ernähren, du kannst auch Soja essen.“ antworte ich, dass ich eine Soja-Allergie habe. Das reicht schon damit das Thema beendet ist oder man hat Pech und die Person ist nicht nur Veganer, sondern auch noch Alu-Hut-Träger. Dann wird einem nicht nur haargenau erklärt, warum die Soja-Allergie eine Erfindung der Pharma- und Lebensmittel-Industrie ist, sondern man erfährt auch noch warum die Piloten des Roswell-Ufos in Wirklichkeit Russen waren und keine Reptilien-Aliens.
    Kurz gesagt, wenn die Poly-Missionare sich auch nur entfernt so verhalten wie militante Veganer, dann ist klar, warum sich am liebsten den Finger in den Rachen stecken möchte.

  2. Dia//Logue

    24. Januar 2017 at 23:17

    Mimi, du bist großartig. Im Ernst.

  3. Pingback: Your Körper is a wonderland - Mimi Erhardt

  4. Pablo

    31. Dezember 2016 at 18:17

    Du bist Berlin! :D Im Rest der Republik ist es noch immer genau umgekehrt. Die (serielle) Monogamie ist der – meist in keinster Weise hinterfragte! – Defaultwert, Abweichungen gelten als Störungen und werden abgewertet. Polys und offene müssen sich rechfertigen und es ist sauschwierig, die „absichtlichen“, reflektierten Paare von den Das-haben-wir-schon-immer-so-Gemachts zu unterscheiden. Blöd, wenn dann Leute in die andere Richtung übers Ziel hinausschießen, denn ja: es gibt keine „bessere“ oder „schlechtere“ Beziehungsform, nur welche, die zu den jeweils Beteiligen passen oder eben nicht. :)

  5. JudgeDark

    31. Dezember 2016 at 14:00

    Ich kann nicht verstehen, wieso man meint, dass du aufgrund des Porno-Blocks gleich alles mitmachen und offen für alles sein musst; diese Denkweise erschließt sich mir nicht.
    Jeder, der dich ein wenig kennt, sollte doch wissen, dass du sehr tollerant bist, was die Lebensweise anderer angeht und dich dafür interessierst, diese deshalb aber nicht alle selber präferieren musst!

    Naja … ich sag mal: Party on und auf in ein neues Jahr!

    PS: das gilt auch für dich Esme und deinen Mann – Mimi, du und ich gehören eben zu der altmodischen Sorte! Und womit, mit Recht … und wieso, weil wir es können! ;)

  6. Chris

    31. Dezember 2016 at 10:53

    Wort! Der Mensch der einem alles gibt, kann einem auch alles nehmen. Und so eine Verbindung könnte ich nie Teilen! <3 Monogamie

  7. Rheintochter Esme

    30. Dezember 2016 at 22:11

    Dazu fallen mir 2 Episoden aus meinem Leben ein. Als ich vor einigen Jahren mal auf Nachfrage mitteilte, wie viele Jahre ich mit meinem Jetzt-Gatten, damals Freund, zusammen sei, kam nur ein schockiertes „Ist das nicht langweilig?!?“. Øh, nein, denn sonst hätt‘ ich ihn ja nicht behalten. Und jetzt wird mir auch gern vorgeworfen, an einem veralteten Spiessermodell festzuhalten, bloss, weil ich den Typen halt mittlerweile geheiratet habe. Mann ey, ich zwing’s doch keinem auf! Für uns isses halt gut so, für andere eben nicht, was ist daran so kompliziert?
    Kann Dein Genervtsein also höchst gut nachvollziehen. Bleib, wie Du bist und komm mir gut ins neue Jahr, Süperdahlink!
    Massich Liebe vom Rhein! <3

  8. JudgeDark

    30. Dezember 2016 at 10:45

    Hui, entweder hat dich da jemand ganz arg angenervt oder es war dir einfach so ein Bedürfnis, dieses Statement für die monogame Lebensweise kund zu tun. ;)
    Wie auch immer, ich kann das so unterschreiben. Jeder soll glücklich werden wie er mag, schreibe ich ja oft genug. Man kann sich auch gerne darüber austauschen, denn der Austausch ist was ganz wichtiges im Leben. Aber man sollte niemandem seine Lebensphilosophie aufzwingen wollen, denn wie sagt es das kölsche Grundgesetz: jeder Jeck ist anders! Und so soll es bleiben und das muss man akzeptieren.

    In diesem Sinne einen guten Start ins Jahr 2017!

    • Mimi

      Mimi

      30. Dezember 2016 at 14:43

      Ich danke dir und jaaa, ich wünsch dir den besten Start ins neue Jahr :D War einfach super angenervt von den vielen Poly-Missionaren, du glaubst gar nicht, wie oft ich den Spruch „Ich dachte echt, als Porno-Blogger wärst du offener für andere Lebensweisen“ in diesem Jahr hören musste :D Ich toleriere alles, was den jeweiligen Menschen wirklich glücklich macht, was im Umkehrschluss bedeuten sollte, dass diese Menschen auch meinen Lebensstil akzeptieren und tolerieren. Leider aber ist diese Perspektive nicht allen gegeben. So what :) Feier schön rein!

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