Ich bin pansexuell oder: Dein Gender ist mir peng

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Text von Mimi

Ein Spielplatz in der nordrhein-westfälischen Provinz anno 1983. Klein Mimi hängt mit den Nachbarjungs in den Seilen eines überdimensionalen Kletternetzes, man spielt Pirat, Klein Mimi ist ganz vorne mit dabei, boxt sich mit den Piraten des gegnerischen Schiffes, der krasseste Freibeuter von allen ist sie, der Schrecken der sieben Weltmeere, ein gefürchteter… „Lasst die Lady in Ruhe“, sagt da eine Stimme, ruhig, ohne zu brüllen, ohne zu schreien. Klein-Mimi sieht sich um. Hä? Ne Lady? Wo? Da sieht sie im hölzernen Ausguckhäuschen ein Mädchen sitzen, das mit beiden Beinen einen der Jungs abwehrt. „Pfoten weg von ihr, habe ich gesagt!“, sagt es, diesmal lauter. Dann winkt es Klein-Mimi, ruft ihr zu: „Los Lady, komm her, ich rette dich!“ Und obwohl Baby-Mimi normalerweise jedem, der sie ein Mädchen oder ähnliches schimpft, mindestens auf die Füße rotzen würde, reicht sie der fremden Piratin die Hand und lässt sich von ihr ins Ausguckhäuschen, in Sicherheit ziehen. „Danke, echt nett von dir“, sagt Lady Mimi. Statt einer Antwort grinst das Mädchen und mustert Klein-Mimi, während diese sich fragt, warum sich das alles so schön und gar nicht bescheuert anfühlt und warum es da unten so hübsch kribbelt.

Willkommen in der Welt meiner verwegenen Ruhrpott-Kleinstadtkindheit.

Meine ersten Sexgefühle hatte ich mit Mädchen. Ob das Doktorspiele mit meinen Kindergartenfreundinnen waren, die gewagte Rettungsaktion der kleinen Piratenbraut, die ich nach dem Tag auf dem Spielplatz nie wieder sah oder der Anblick der Models, die im Quelle-Katalog Reizwäsche präsentierten.

Doch die Jungs holten auf, wenngleich nur langsam. Ich liebte es, mich mit ihnen zu kloppen, ihnen meine Fantasy-Karate- und „Ich kann Brennessel“-Skills zu zeigen, und ja, auch bei diesen Kämpfen fühlte ich manchmal dieses hübsche Kribbeln südwärts. Ich verliebte mich in Jungs und schwärmte für Mädchen, war heimlich verknallt in meine beste Freundin Rebecca, datete aber den schönen Sven aus der Oberstufe. Natürlich nur so lange, bis er mir sagte, er habe sich in mich verliebt. Pfui, das war mir zu viel Commitment, ich wollte frei sein.

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Als ich älter wurde, überholten die Jungs die Mädchen, Sexgefühle für Ladys hatte ich nur noch selten, und wenn, dann behielt ich sie für mich. Nachdem Rebecca mich einst nach einer besonders herzlichen Umarmung eine „voll schwule Lesbe“ gescholten hatte, wäre ich lieber gestorben, als die Welt an meiner Zuneigung zu anderen Mädchen teilhaben zu lassen. Ich wurde eine „normale“ Jungsfreundin, hetero as fuck, so schien es wenigstens.

Aber vergesst es, Mann. Ich bin nicht hetero, bin es nie gewesen. Und bevor ihr fragt: Lesbisch bin ich auch nicht.

„Also bist du bisexuell, Mimi?“

Nein, auch bisexuell bin ich nicht.

„Äh, ja was denn dann?“

Ich bin ungelabelt und möchte das gerne bleiben. Warum soll ich mir einen Sticker auf die Stirn pappen, nur damit andere mich besser und bequemer in Schubladen stecken können, in denen sich ohnehin niemand wohlfühlt, ich am allerwenigsten? Warum soll ich mich als heterosexuell, bisexuell oder lesbisch klassifizieren, wenn nichts davon zu mir passt?

Ich, Mimi Erhardt, Porn-Bloggerin, Knalltüte und Ex-Spielplatz-Piratin, liebe und begehre Menschen. Es ist mir schnuppe, ob der Mensch, für den mein Herz schlägt und der meine Muschi durch seine bloße Existenz glücklich und berauscht macht, ein Mann oder eine Frau ist. Ich war verliebt in Menschen, die sich als non-binary oder genderqueer bezeichnen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen, war verliebt in einen – jetzt – Trans*Mann, der, als ich ihn kennenlernte, noch ein Mädchen war, das Tag und Nacht seinen Strap-On-Schwanz trug und nie wirklich glücklich war. Ich liebe Pornos mit Buck Angel in der Hauptrolle, dem Sexgott, der als „Man with a pussy“ berühmt wurde, finde Trans*Porn mit schwer behangenen Ladys extrem heiß. Ich war mal mit einer lesbischen Frau verlobt und verliebe mich immer wieder in Cisgender-Männer, Männer, die sich mit dem Geschlecht, in das sie hineingeboren wurden, identifizieren, das Gegenteil von transgender. Wenn du mir dennoch etwas auf die Stirn stempeln möchtest, dann merke dir das Wort pansexuell. Es bedeutet, dass jemand einen feuchten Furz auf die sexuelle Identität desjenigen gibt, den er gerne zu seinem Herzmenschen oder Fuckbuddy machen möchte.

Pansexuell bedeutet: Deine sexuelle Identität ist mir peng. Wenn ich dich mag, dich geil finde, mich in dich verliebt habe, dann ist das so. Dann habe ich mich in den Menschen verliebt, der du bist, nicht in das Geschlecht, das in deinem Perso notiert ist und das dir von der Natur per Lotterie zugeschustert wurde. So geht pansexuell.

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Klingt mega? Super tolerant und easy? Nach einem Leben ohne Begrenzungen, ohne Diskriminierung? Ach, schön wär’s. Denn auch, wenn ich den Part mit dem traditionellen Outing übersprungen habe, auch, wenn sexuelle Schubladen-Verweigerer wie ich in 2016 zu einem großen Teil mindestens geduldet werden, hatte ich dennoch oft mit den Ressentiments meines Umfeldes zu kämpfen. Viele lesbische Frauen, die ich kennengelernt habe, hatten ein Problem mit meinen grenzenlosen Sex- und Romantikgefühlen. „Was bist du? Pansexuell? Was soll das denn sein?“ Wie oft schon habe ich gehört, ich sei eigentlich nur eine verkappte Hete, die sich ausprobieren möchte und deshalb die Gefühle „echter“ Lesben missbrauche. Dass ich ohnehin eines Tages bei einem Mann landen würde, schließlich sei ich NUR bisexuell oder pansexuell oder als was auch immer ich mich bezeichnen würde. Das sei doch alles weder Fisch noch Fleisch und überhaupt lächerlich. Wie solle man da je wissen, ob ich treu sei, wenn doch quasi an jeder Ecke Versuchungen auf mich lauerten? Andere Frauen, Männer, den „Rest“ mal ganz außen vor gelassen.

Cis-Männer dagegen finden meine Offenheit und sexuelle Begeisterungsfähigkeit anderen Frauen gegenüber anfangs meist heiß („Pansexuell? Ist das dasselbe wie bisexuell? Geil, dann stehst du doch auch bestimmt auf Dreier mit anderen Girls!“). Wird es jedoch ernst zwischen uns, werden die anderen Girls nicht selten zum unbesiegbaren Rivalen im Geiste, denn: „Mit einer Frau kann ich nicht konkurrieren.“ Und wieder: So, wie ich sei, müsse man sich außerdem 24/7 Sorgen machen, dass nicht ein anderer des Weges käme und mich wegschnappe. Oder eine andere. Gefahren allerorten, wie solle man das nur aushalten?

Dies sind meine persönlichen Erfahrungen, ich möchte das nicht verallgemeinern. Trotzdem, von meiner Warte aus betrachtet: Come on, was ist nur los mit euch, die ihr mir und anderen sexuell nicht eindeutig klassifizierbaren Menschen über die Jahre derartige Sprüche geschickt habt? Das alles erinnert mich schwer an die homophoben Aussprüche unserer Großeltern, Eltern und sogar Gleichaltriger, die Begegnungen mit „schwulem Pack“ scheuten, da dieses sie selbstverständlich anbaggern würde. „Aber okay, so lange die Schwulis MICH nicht anmachen, sind sie mir egal.“ Natürlich, verständlich, denn schwule Jungs fühlen sich natürlich zu jedem Mann im Universum hingezogen, selbst wenn der Typ aussieht wie dreimal durch die Arschritze gezogen. Ähnlich verhält es sich auch mit Bisexuellen und pansexuellen Menschen wie mir. Wir wollen alles und jeden ficken und verlieben uns in Hinz und Kunz, denn immerhin stehen wir auf Männer und Frauen, also auf ALLE Menschen, und das ist ohne Frage wörtlich zu nehmen.

Aus dem normativ-sexuellen Orientierungsrahmen zu fallen, ist nicht einfach. Ob es dabei nun um sexuelle Orientierung oder Genderidentitäten geht. Und wir, die wir ein wenig anders ticken, müssen uns nicht selten mit einer Menge intoleranten Gewäschs abgeben, mit Vorurteilen und Diskriminierung. Helft uns lieber, indem ihr euch entspannt. Niemand tut euch was, weder die Schwulen, die Lesben, noch Leute aus der Bi-Community oder Menschen, die von sich sagen, sie seien pansexuell. Fragt nach, wie es sich mit der Bisexualität oder diesem Pansexuell Dingsi verhält. Wenn ihr dabei nicht mit dem Finger auf uns zeigt und höflich bleibt, beantworten wir eure Fragen gerne.

Ich mache dich auch nur an, wenn du mein Typ bist. Versprochen. Bist du es nicht, heul nicht rum. Ich bin sehr wählerisch.

Fotos: Sarahlikesprettygirls <3

12 Comments

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  2. Pascal

    10. September 2016 at 9:23

    Wow, endlich mal Klartext. Es zählt allein die Sympathie. Genderquatsch und Schubladendenken auf Wiedersehen.

  3. Jay

    2. September 2016 at 16:01

    Ich habe mich lange als bisexuell gesehen. Bis ich auf den Begriff pansexuell gestoßen bin. Und da ging mir plötzlich ein Licht auf. Ich war offensichtlich doch nicht so alleine mit meinen Vorlieben wie ich jahrelang gedacht habe. Und irgendwann hören bestimmt auch die Fragen „Pansexuell – was is’n das? Machst du’s mit jedem?“ auf.

    Toller Beitrag!

  4. Pingback: Madame Miau: Nachts sind alle Miezen schau - Mimi&Käthe

  5. Marie le Parfum

    31. August 2016 at 14:00

    Ewige Piratin Mimi (1.Offizier) meines Herzen
    <3

    P.s. Der Offizier hat mehr zu sagen als der Kapitän, der liegt meistens nur betrunken in der Kajüte ;0) <3

    • Mimi

      Mimi

      1. September 2016 at 18:24

      Ick bin ja beides in Personalunion und meistens stocknüchtern :) Aber danke dir! :)

  6. FrolleinMiez

    29. August 2016 at 22:00

    Meine Liebe,

    was soll, was kann ich schreiben? Ich lerne mich mit den Jahren besser kennen und merke, dass ich mich nicht auf ein Geschlecht festlegen kann. Ich liebe Menschen. Ich möchte Beziehungen mit ihnen führen. Und nicht nur sexuell, sondern mich geistig weiter entwickeln. Sprechen kann wie streicheln sein. Wörter wie sanfte Küsse.
    Ich will mich von einer klugen Frau lieben lassen und ihr vorlesen. Mich dem anderen hingeben und alles nehmen.
    Und zwar weil es mir gut tut, weil ich mich einschränken lassen.

    Dein Text kam zu rechten Zeit, da ich kurz vor der Veränderung stehe. Danke. Ich bin noch nicht so weit wie Du, weil ich noch suche, aber ich bewege mich.

  7. Dirina

    29. August 2016 at 10:03

    Ich kann dich da voll und ganz verstehen, weil es mir sehr ähnlich geht wie dir. Habe mich auch lange als pansexuell bezeichnet und liebe einfach Menschen. Nur „einfach“ war das nie. Gab deshalb viel Ablehnung, niemand kannte das Wort und nachdem ich es erklärt hatte, haben sich die Flirtpartner immer gerne von mir distanziert. unter anderem mit Aussagen, dass jeder auf irgendwas stehe und ich probleme mit mir selber hätte, wenn ich mich nicht festlegen könne.

    Mittlerweile verwende ich wieder bisexuell. Immerhin kennt das jeder und kann sich was drunter vorstellen. Aber es kommt dann doch nicht ganz hin, weil „nur“ auf Männer oder Frauen stehe ich auch nicht, habe mittlerweile mit 5 verschiedenen Geschlechtern Beziehungen oder Freundschaften Plus gehabt.
    Und dabei meine ich noch gar nicht mal Trans*menschen, die sich ja zu einem der beiden in der Gesellschaft anerkannten Geschlechter zugehörig fühlen. Deshalb war der Transmann, mit dem ich lange eine Beziehung geführt habe, einfach nur ein Mann für mich.

  8. FredWieFeuerstein

    29. August 2016 at 5:18

    Ich kannte mal jemanden, der so war, bevor diese Bezeichnung an die Öffentlichkeit drang. Sie sagte mir dazu: „Der Körper ist doch eh bloß eine Hülle, man liebt den Menschen darin.“ Das fand ich damals wie heute wirklich total schön von ihr! Und ich beneide Menschen um diese Fähigkeit.
    Ich bedauere an diesen Tagen, dass wir uns für alles all zu betont in eine Schublade stecken (lassen müssen). Statt uns gegenseitig in unserem Dasein einfach einander anzunehmen, hat man ein schier endloses Repertoire an Stempel und Stempelkissen im Hinterstübchen – statt sich die Leute einfach nur anzusehen und die Begegnung miteinander zu genießen.

  9. Der ulli

    28. August 2016 at 19:46

    Hach wie sweet sehr toll zu lesen und informativ noch dazu…
    Danke hierfür
    Gruss und Kuss

  10. Rheintochter Esme

    28. August 2016 at 18:00

    Ach allerliebste, wundervollste Mimi, was für ein schöner, offener und wichtiger Text. Vorurteile sind das Allerletzte und Entspannung ist wieder einmal eine hervorragende Idee. Ich fangirle Dich härtestens vom Rhein! Ganz viel Liebe! <3

  11. JudgeDark

    28. August 2016 at 17:11

    Danke für die offenen Worte … ! Mir hilft es beim Verstehen, denn ich hatte bisher zu niemandem Kontakt, der sich selbst als pansexuell beschreibt. Finde es sehr schade, dass man dabei auch so seine Probleme mit anderen Menschen hat, eben weil man so fühlt wie man fühlt; erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht, es soll doch jeder so glücklich werden wie es ihm beliebt. Und nur weil man für Vieles offen ist, muss man doch nicht untreuer oder sprunghafter sein, als andere Menschen.

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