Sexlos glücklich oder: Ich bin asexuell, nicht krank!

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Sex. Sex Sex Sex Sex Sex. Sexsexsexsexsxexsxsxsxsxsxxexsxsxpprrrrrr. Oah ey, Knoten in der Zunge. Viel zu viel Sex überall. Das überfordert nicht nur von Zeit zu Zeit so eine Mimi, die ja eigentlich hart im Ran-Nehmen ist. Wie aber muss sich die Übersexualisierung dieser Tage für Menschen anfühlen, die mit Sex so gar nichts anfangen können? Die asexuell sind? „Asexuell? Ist das, wenn einer nicht bumsen kann?“, mögt ihr nun forsch und frei fragen. Und ich, ich lasse unsere heiß geliebte Autorin Artie Shaww auf diese Frage antworten. Weil sie genau die richtigen Worte finden wird.

Von Artie Shaww

Gespräche an Haltestellen sind mitunter recht amüsant. Man kann zum Beispiel hochnotpeinliche Dinge erfahren (Kindermund tut Wahrheit kund) oder aber Zeuge ausgesprochener Dummheit werden. So wie ich heute.

Wartend in der goldenen Herbstsonne, stehe ich neben einer Dreier-Kombo junger Herren, allesamt Anfang bis Mitte 20. Das Gespräch, das sie führen, läuft wie folgt ab:

„Und dann hat die mir doch allen Ernstes gesagt, dass die asexuell ist!“

„Alta, was ist bitte asexuell? Kann die nicht, oder was?“

„Nee, die hat keinen Bock auf Sex!“

Gelächter.

„Hätte ich auch nicht, wenn ich dich nackt sehen würde!“

„Mann, halt doch mal die Fresse, das war voll peinlich. Da schraub ich an der rum, und dann ist da nichts. Die hat mich noch nicht mal angefasst!“

Gelächter.

„Lass mich mal ran, ich krieg die schon zum Stöhnen!“

„Biste zu blöd, um die feucht zu kriegen?“

„Ey, Spast, was weiß denn ich. Hab halt abgespritzt. Die will ich echt nicht mehr sehen. Die ist gestört.“

„Ja, haha. Voll ey. Haste Fotos von der?“

Atemlos verfolge ich das dümmlich-protzende Geschwätz, und mir schwillt der Kamm. Aber ruhig, Artie. Es ist ja nichts Neues in Deutschland, dass Unbekanntes erstmal per se abgelehnt und verspottet wird.

Ich bewundere die junge Dame, die trotz ihrer Asexualität mit dem Typen geschlafen hat. In einer Zeit, in der Sex sells und wir überhäuft werden mit sexuellen Anspielungen, kommt es einem Wunder gleich, dass es Menschen gibt, die sich nicht davon beeinflussen lassen. Denen es gleich ist, ob das Abnehmprodukt Almased von einer bikinitragenden Schönheit oder einer Bulldogge beworben wird. Für die es unverständlich ist, warum nackte Frauen Autos verkaufen wollen (gut, das verstehe ich auch nicht), und die sich fragen, warum ein Bier mit Tittenaufdruck auf der Flasche besser schmecken soll.

Sicherlich fragen sich jetzt einige von euch verwundert, was Asexualität hier auf dem schnieken Erlebnispornographie-Blog zu suchen hat? Wenn die Asexuellen doch eh keinen Bock auf Ficken und so haben, dann braucht man denen hier doch keinen Raum zu geben.

Doch, gerade. Weil Mimi&Käthe ein Herz für alles Sexuelle haben. Und für alles Asexuelle ebenso.

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Das Gefühl, anders, da ohne Sex glücklich zu sein, kann dir die Kehle zuschnüren. Asexualität gehört zu den letzten Tabus unserer übersexualisierten Zeit. Illustration: Betty Sabbath

Asexuelle Menschen können durchaus Sex haben, wenn, dann jedoch am liebsten mit sich selbst. Ein*e Sexpartner*in kommt für Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, nicht in Frage. Es geht auch nicht immer darum, dass sie sich vor Berührungen und dem Akt an sich ekeln, sondern darum, dass viele von ihnen einfach keine Lust darauf haben. Sicherlich können Asexuelle Sex haben, aber es ist eher so wie Muttis Lieblingssatz zur Bohnensuppe: „Kind, iss deinen Teller leer!“ Man macht es halt, aber Spaß ist anders.

Der GV tut – mit genügend Zeit und unter Zuhilfenahme von ausreichend Gleitgel – auch nicht weh (es sei denn, die Frau leidet unter Vaginismus), ist aber für die Beteiligten häufig recht reizlos, da keine Aufforderung seitens des asexuellen Partners ausgeht. Während sich also der*die eine munter abmüht, bemüht sich der*die andere so zu tun, als sei alles eitel Sonnenschein in der Unterhose. Auf Dauer sind solche Beziehungen zum Scheitern verurteilt, und das ist nun wirklich heikel. Denn jede*r, egal welcher sexuellen oder eben nicht sexuellen Ausrichtung, möchte jemanden haben, mit der*m man sich gemeinsam aufs Sofa kuschelt, Unmengen von Cookie-Dough-Eis mampft und kichernd spazieren geht. Der einem die Kanten rundet, die Rundungen eckiger schnitzt. Sprich: eine liebevolle, gute, feste Partnerschaft.

Das aber ist anscheinend für viele Asexuelle leider fast unmöglich. Nämlich jemanden zu finden, der*die das alles ohne Sex mitmacht. Denn im Extremfall ist es so, dass selbst das Streicheln von Muschi, Schwanz und Titten sowie leidenschaftliches Küssen nicht wichtig sind.

Aber das, mögen nun ganz schlaue Leute vom Kaliber der Haltestellentypen einwenden, ist doch toll. Die können dann doch mit all denen abhängen, die sowieso nie jemanden abkriegen. Genau. Nur weil man asexuell ist, hat man ja nicht seinen Sinn für Ästhetik an der Garderobe abgegeben und findet selbst den schmierigen Uli von „Schwiegereltern gesucht“ herzerfrischend schön. Man möchte, so wie alle anderen auch, einen geistig regen und schön anzusehenden Menschen um sich haben. Ist der Partner nicht selbst asexuell und kann die Gefühle des anderen nachempfinden, wird sich die Beziehung eventuell als schwierig gestalten, denn die meisten Menschen sind sexuell veranlagt und wären in einer Partnerschaft ohne Sex wahrscheinlich nicht glücklich.

Aber dann, mögen wieder die drei Haltestellenfuzzies einwenden, kann man doch einen Kompromiss aushandeln: Gefickt wird außer Haus! Genau. Nur weil man asexuell ist, bedeutet das nicht, dass man keine Angst hat, dem Partner nicht mehr zu genügen. Im Gegenteil. Diese Verlustängste, Eifersucht oder Selbstzweifel können mitunter so tief gehen, dass man psychisch krank wird.

Die Erkenntnis und Annahme, dass man asexuell und nicht falsch ist, ist ein langer und mitunter auch harter Weg. Ich möchte die kleine Dame des Jungen gerne in den Arm nehmen und ihr beruhigend zureden, dass sie wundervoll ist, dass es nichts ausmacht, sexlos zu sein.

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Du bist gut und richtig, so, wie du bist, asexuelles Mädchen. Und auch du, asexueller Junge. We <3 you sehr. Illustration: Betty Sabbath

Wie ich es also drehe und wende, es erscheint mir unglaublich schwierig, als Asexuelle*r in einer Welt zu leben, die sich ständig über den Sex und dessen Wert definiert. Auf der anderen Seite stelle ich es mir unglaublich vor, von sexuell konnotierten Dingen eben nicht erregt zu werden. Misswahlen würden ganz anders ablaufen. DSDS bekäme vielleicht mal wieder ein Quotenhoch, weil es überraschenderweise um die Musik ginge. So bescheuerte Sendungen wie „Der Bachelor“ würden aus dem Programm geschmissen, Schülerinnen könnten in Hotpants und Bustiers rumlaufen, und Alice Schwarzer wäre glücklich – okay, das wäre vielleicht übers Ziel hinaus geschossen.

Während ich also noch über die Asexualität sinniere, merke ich, wie mich die drei Hampelmänner verstohlen anstarren. Ich starre zurück.

„Hey du, sag mal…“

„Nee, ich sag mal gar nichts. Ihr seid allesamt unsensible, postpubertierende Arschgeigen,“ flüstere ich und ziehe gekonnt meine Lippen nach.

Wenn euch das Thema Asexualität interessiert oder ihr selbst das Gefühl habt, asexuell zu sein, schaut euch doch mal im Forum von AVEN (Asexual Visibility and Education Network) um. Hier findet ihr Rat, Gleichgesinnte und jede Menge Verständnis. We <3.

4 Comments

  1. Pingback: Spaß mit Flaggen: Asexualität - Mimi&Käthe

  2. Pingback: #Freethenipple: Gleichberechtigung für unsere Brustwarzen! - Mimi&Käthe

  3. JudgeDark

    2. November 2015 at 19:18

    Sehr guter Text, danke dafür.
    Ich glaube es gibt viel mehr Leute, die asexuell leben bzw. sind als man meint. Einige wollen es sich sicher nicht eingestehen und fügen sich in die Konventionen der Gesellschaft, weil sie vielleicht selbst meinen, sie wären anders, krank, ein Freak. Und wenn man mal sieht, wie eben Sexualität in unserem Leben vertreten ist und sich in vielen Bereichen findet, dann muss man sich darüber nicht wundern. Es ist eine gewisse Übersättigung, die dann in Extreme umschlägt oder eben in die Ablehnung; so zumindest denke ich darüber.
    Ich selbst bin nicht asexuell, aber in meinem näheren Umfeld gibt es jemanden und die Person geht da sehr souverän mit um. Da habe ich großen Respekt vor, denn in dieser Gesellschaft ist das nicht so einfach, wie das Gespräch der Herren an der Haltestelle zeigt, welches man in der Form sicher an vielen Stellen hören könnte.

  4. Rheintochter Esme

    1. November 2015 at 23:02

    Boah… ich sitz‘ hier und kämpf‘ mit den Tränen. Denn genau so schaut’s bei mir aus. Und Ihr ahnt gar nicht, wie lange ich mich selbst für einen „Freak“ gehalten habe. Mir fehlen die Worte, „Danke“ ist viel zu klein.
    Nun gehöre ich zu den Glückspilzen, die „trotzdem“ ihren Partner nicht nur gefunden, sondern auch geheiratet haben und alles könnte super sein. Wären da nicht immer noch die Zweifel an der eigenen „Normalität“, die wohl nie ganz weggehen. Vielen, vielen Dank für diesen Text!
    Merkt Euch diesen Artikel, Ihr Leser/-innen! Asexualität gibt’s wirklich, und niemand sollte sich dessen schämen müssen! Und den Haltestellen-Asis wünsche ich mindestens die Pest an den Hals!
    Begegnet mir mal im Mondschein…
    Allen anderen, Mimi, Käthe und Artie im Besonderen, ganz viel Liebe und Herzen vom Rhein! <3

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