Emotionales Erdbeben 24/7: Ich bin hochsensibel

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Ein Text von Romy Dietrich.

Ich höre meine Kollegin im Hintergrund seufzen. Sie klingt leidgeprüft, als trage sie die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern. Das Seufzen kommt von tief unten, aus irgendeiner sehr, sehr dunklen Ecke ihrer selbst. Als ich sie frage, was los ist, erklärt sie mir, dass sie kein Kopierpapier mehr am Tisch hat und jetzt ins Lager muss, ein neues Paket holen.

Ehm. Bitte? Ich gebe ein neutrales Brummen von mir und wende mich wieder meiner Arbeit zu. Einige Minuten später höre ich sie im Flur meckern. Die Worte kann ich nicht verstehen, doch der Tonfall ist aggressiv und erinnert mich an eine verstimmte Dreijährige. Sie stampft ins Büro und knallt den Packen Kopierpapier mit Wucht auf ihrem Tisch – die Stifte in meinem Utensilo klirren, und mein Monitor zeigt ein emotionales Erdbeben der Stufe acht an.

Auf meine vorsichtige Nachfrage erzählt sie mir motzig, dass der Typ im Lager eine Unterschrift von ihr wollte, dann keinen Stift hatte und sie warten musste. Ich zwinge meine sich hebende Augenbraue nach unten und stimme ihr vorsichtig zu, dass das schon mal nerven kann.

Innerlich sieht’s allerdings anders aus. Ich schwinge mit, nehme ihre Emotionen auf und leide darunter. Ich bin hochsensibel, im Englischen „highly sensitive“.

Hochsensibel 1

Ich nehme mir alles zu Herzen, werde stark von den Emotionen anderer beeinflusst und habe Probleme, mich gegen eben diese Emotionen abzugrenzen. Dafür muss der betreffende Mensch mir nicht mal wichtig sein, nein.

Wenn jemand leidet, leide ich mit. Wenn jemand aggressiv ist, steigt mein Blutdruck. Wenn jemand glücklich ist oder Albernheiten macht, steige ich sofort mit ein.

Ich bin empathisch, und zwar mehr, als mir gut tut. Hochsensibel.

Diese Hochsensibilität oder High Sensitivity macht mich anfällig für Menschen, die ihren Frust, ihre Unlust und ihre Probleme ausstrahlen wie ein defekter Reaktor radioaktive Strahlung. Menschen, die die Luft, die man atmet, mit ihrer Negativität vergiften. Für gewöhnlich sieht meine Taktik dann vor, das Gespräch mit diesen Menschen zu suchen und ihnen klar zu machen, wie sie nach außen wirken und was das mit ihren Mitmenschen macht.

Wenn das nicht fruchtet, trenne ich mich auch ganz konsequent von solchen Leuten. Auch, wenn ich sie eigentlich mag, kann ich diese Art Verhalten nicht tolerieren – meine Hochsensibilität macht es mir unmöglich. Und nein, ich kann meine Empfindungen nicht steuern.

Es gibt so viele gute Ratschläge dazu. „Reg dich nicht so auf!“, bekomme ich oft von meinen Freunden zu hören, wenn ich erzähle, wie fertig mich die Negativität anderer macht. „Die hat halt Probleme, da kannst du ja nichts für“, sagt meine Mutter. „Sag ihr halt mal richtig die Meinung“, fordert mein bester Freund.

All das hilft mir letztendlich aber nicht. Was mir helfen würde, wäre eine Gesellschaft, in der Menschen achtsam sind. Offen mit ihren Gefühlen, aber ohne dabei ihre Mitmenschen emotional zu überrollen. Ich wünsche mir Menschen um mich herum, die darüber nachdenken, was sie heraus krakeelen in die Welt.

Hochsensibel 2

Hochsensible nehmen unter anderem ihr Umfeld und ihre Mitmenschen intensiver wahr, verlieren sich schnell in komplexen Gedankengängen und haben ein stark ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Wir fühlen stark mit anderen mit und leiden unter unangenehmen Situationen extrem, vielleicht stärker als du.

Mit jemandem zu leben oder zu arbeiten, der hochsensibel ist, ist nicht einfach. Was jedoch immer hilft: Miteinander reden, nachfragen, versuchen, zu verstehen. Und, wenn es dir möglich ist, Rücksicht zu nehmen. Hochsensible sind nicht nur nervige, überempfindliche Mimosen. Wir brauchen nur ein bisschen mehr Nach- und wieder: Rücksicht. Dafür bekommst du dann aber einen hilfsbereiten Freund oder Kollegen mit einem ausgeprägten Sinn für Fairness und einem großen Herzen.

Hochsensibel zu sein ist ein Thema, dem ich mittlerweile oft begegne, und ich hoffe darauf, dass die, die nicht so sind wie ich, mit der Zeit sensibler werden für die Sensibelchen unter uns. Es gibt richtig gute Artikel hierzu, unter anderem gibt es einen Wikipediaartikel, der ganz gut ist, und auch diese Seite beschäftigt sich intensiv damit.

Fotos: Thomas Reichl Fotografie
Model: Nasti van der Weyden

2 Comments

  1. Schwarzkittel

    9. Dezember 2017 at 5:20

    Hey, geht mir auch so!

    Lieben Gruß,
    der Schwarzkittel

  2. JudgeDark

    9. September 2017 at 17:47

    Beim Lesen habe ich gedacht „man, man muss doch nur miteinander rede, dann klappt es für beide Seiten“. Und siehe da, im vorletzten Abschnitt genau dieser Ansatz. Ich denke die Kommunikation ist an der Stelle am wichtigsten, denn dann können andere Rücksicht nehmen; wenn man es nicht weiß, dann kann man das eben auch nicht berücksichtigen. Gute Freunde oder Kollegen verstehen das denke ich gut und werden sich entsprechend verhalten.

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